Biografie Empfehlungen aus 2021

Die Biografieempfehlung des Monats Januar 2021

Blake Gopnik: Warhol. Ein Leben als Kunst. Die Biografie. München: C. Bertelsmann 2020

Diese außerordentlich genau recherchierte Biografie fesselt von der ersten bis zur 1183. Seite, da sie anschaulich den Lebensweg Andy Warhols (AW) und seine Entwicklung zum Jahrhundertkünstler beschreibt und stets unterhaltsam bleibt. Dabei wird die zeitliche Auflösung in der Mitte größer, jedem Lebensjahr steht hier ein Kapitel zur Verfügung.

„Ein Leben als Kunst“, diesen Untertitel habe ich erst nach der Lektüre der ersten einhundert Seiten verstanden, erschien mir doch diese Aussage zunächst widersprüchlich. Wie kann Leben Kunst sein, wie kann man ein Leben als Kunst verstehen? AW verkörperte als Person durch und durch das, was Kunst ausmacht, was doch niemals künstlich erscheint: Authentizität, Offenheit für Neues, für Inspirationen aller Art. Er war als Person undogmatisch, eigenwillig, sanft, provokativ und eben auch widersprüchlich. Er konnte zurückhaltend, schüchtern, einsam und im nächsten Moment gesellig sein, er blieb immer neugierig und war auf eine Weise intellektuell, wie es nur ein freier und unverbildeter Verstand vermag.

Diese ungewöhnliche Biografie beginnt mit dem ersten Tod AWs, dem er 1968 mit viel Glück knapp entrann, nachdem eine Verrückte ein Attentat auf ihn verübt hatte. Sein Glück hieß Guiseppe Rossi, ein begabter und beherzter Chirurg, der sich zu diesem Zeitpunkt in der Klinik aufhielt. Seine Operationsnähte waren wohl angesichts der pessimistischen Prognose entsprechend grob gearbeitet, und gelegentlich zeigte AW seine „Wundmale“ mit Stolz.

Seine Eltern, ruthenische Einwanderer der ersten Generation, boten AW von Anfang an ein Leben als Außenseiter, in tiefster Armut, die seinen starken Durchhaltewillen formte. Vorwiegend seiner Mutter ist es zu verdanken, dass er trotz oder gerade wegen scharlachbedingter Krankheitsfolgen während der Kindheit ganz den eigenen Weg verfolgen konnte. Er wurde als Andrey Warhola 1928 in Pittsburgh, einer prototypischen Stahlarbeiterstadt geboren. AW versuchte niemals, diese markanten Wurzeln zu erforschen oder künstlerisch zu nutzen, sondern trachtete eher, sie loszuwerden oder zu verschleiern. Sein Vater verstarb früh an den Folgen einer Operation, und dank seines Nachlasses konnte AW die High School und später das Carnegie Tech besuchen, wo er sich für Kunst einschrieb. Dort wurden seine Leistungen zunächst nicht anerkannt, und aus verschiedenen Gründen stand der Abschluss mehrmals auf dem Spiel, sein Studium in D&P (Design und Painting) schloss er jedoch ab. Nach seinem Abschluss ging er mit sehr wenig geliehenem Startkapital gegen den Willen seiner Mutter nach New York. Tagsüber akquirierte er Aufträge, z.B. als Werbezeichner, nachts arbeitete er an seinen Aufträgen. In New York schaffte er es zunächst, sich mit Illustrations- und Auftragsarbeiten über Wasser zu halten, er lebte in verschiedenen Künstler-WGs und schaffte nach und nach den Durchbruch. So zeichnete er Modelle für einen bekannten Schuhproduzenten, gestaltete LP-Cover und später Schaufenster von Kaufhäusern auf originelle Weise.

Diese Biografie legt ein besonderes Augenmerk auf die Homosexualität AWs, die er mit vielen Künstlern der damaligen Zeit im übertragenen wie wörtlichen Sinne teilt und lässt intime Details, sofern sie belegt sind, nicht aus. Die Mutter kommt eines Tages nach New York zu Besuch und bleibt dort 20 Jahre, sie unterstützt ihn, indem sie eine Art Haushälterin und Mitunternehmerin seiner inzwischen gegründeten Firma wird. Er kauft sein eigenes Haus, unternimmt eine längere Weltreise mit einem Freund, lässt sich inspirieren und wird immer erfolgreicher.

Als Künstler ist er jedoch trotz steigender Auftragszahlen noch nicht anerkannt. Das Neuartige seiner Kunst ist hoch umstritten. Er arbeitet im Spannungsfeld bzw. integriert „Kunst und Konsum“ und hält so seiner vom Kommerz besessenen Zeit einen Spiegel vor, ist aber zugleich Teil von ihr.

Die ersten Pop-Art Bilder waren Schaufenster-Kunst, die später direkt in die Galerien oder Museen wanderten. Später gestaltete er Schaufenster in Galerien.

1964 erkannte er in einer heruntergekommenen, säulengestützten Halle, die ein grandioses Ausmaß an freiem Raum gewährte, den zukünftigen Wert als Atelier, Galerie, Wohnort, Filmstudio und Künstlertreff, in der später die Bohème ein und aus ging. Konsequent nannte er diese Räumlichkeit „The Factory“.

AW starb im Februar 1987, mit neunundfünfzig Jahren, an den Folgen der gleichen Operation, an der sein ungeliebter Vater gestorben war, nach einer Gallenblasen-OP. Vielmehr starb er zum zweiten Mal und eher daran, dass er sich zu spät zu einer Operation entschloss, denn AW hatte die Symptome ignoriert und sich einem Eingriff zu lange verweigert. Sein Glück hatte sich verbraucht, sein Eigensinn wurde ihm diesmal zum Verhängnis.

Der Duktus der Biografie ist sehr wertschätzend und um Wahrhaftigkeit bemüht, nicht heroisierend, durchaus hinterfragend, beschreibt den Protagonisten aber immer als liebenswerte Person, gleich wie exzentrisch, durchschaubar oder widersprüchlich sein Verhalten in den jeweiligen Phasen ist. An der Seite des Protagonisten erlebt der Leser eine Revolution der Kunst, ein Stück Kunstgeschichte, welches sich zur Lebenszeit AWs noch nicht als solche offenbart hat. Sehr lesenswert, findet Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats Februar 2021

Deutscher Bundestag: Reden am Gedenktag für die Opfer des Holocausts.

 

Sie werden weiter für Ihr Deutschland kämpfen. Und wir werden weiter für unser Deutschland kämpfen. Ich sage Ihnen: Sie haben Ihren Kampf vor 76 Jahren verloren. (Charlotte Knobloch in Richtung AFD-Fraktion)

 

Am Mittwoch, 27. Januar 2021, sprachen im Bundestag Charlotte Knobloch und Marina Weisbrand - mutige jüdische Frauen aus zwei Generationen.

 

Unsere Rubrik 'Biografie des Monats' schaltet im Februar die Links zu den Videos der beiden beeindruckenden Redebeiträge:

 

Dr. h.c. Charlotte Knobloch, geb. 1932, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Zur Rede von Frau Dr. Knobloch

 

Marina Weisband, geb. 1987, Publizistin

Zur Rede von Frau Weisband

 

(Der von vielen erwartete Beitrag zum Schweizer Maler Jörg Binz wird auf den März verschoben.)

Die Biografieempfehlung des Monats März 2021

Urs Strähl, Tarcisius Schelbert (Hg.): Jörg Binz. Zeichner, Maler. Zürich: Edition Frey 2020

 

Und so kam es, dass ich, noch bevor ich sprechen konnte, zeichnen lernte.

 

Im ersten Frühlingsmonat präsentieren wir einen Band, der einen Lebensweg in Bildern und durch Bilder erzählt. Eine Ikonografie.

Nicht jedem Künstler widerfährt heutzutage noch das Glück, dass seine Bilder Anstoß erregen und aus einer Ausstellung entfernt werden wie die des Malers Jörg Binz (*1943) Ende November 2018 aus dem Kantonsspital in Olten.

Über ihn, sein Leben, sein Werk, gibt dieses Buch Auskunft, das sich mit dem simplen Titel Jörg Binz an eine Reduktion wagt, eine Reduktion allerdings auf das Maximum. 114 Farbabbildungen umspannen sechs Jahrzehnte eines bewegten Schaffens. Sich darauf einzulassen, heißt in diesem Fall, sich darin zu verlieren, und wird belohnt mit einem ungewöhnlich berührenden Einblick in eine künstlerische Entwicklung und ihre Werke.

Der frontale Zusammenstoß mit Binz ereignet sich bereits mit dem Selbstporträt von 1963, das auf dem Buchdeckel abgebildet ist und eine deutliche Nähe zu den deutschen Expressionisten (Otto Dix) erkennen lässt. Doch jedem Anfang wohnt Entwicklung inne. Binz sei ein Realist, Surrealist, Naturalist, ein wahrer Vulkan der Stile, konstatiert das "Grechener Tageblatt" und der Maler bestätigt: Ich konnte mich nie über eine längere Zeit an eine bestimmte Richtung binden, suchte immer das andere. Eine kreative Position, die weit entfernt ist von jeglichem Ekklektizismus, vielmehr eine lebenslange Suche beschreibt, die auf eine hier eigentümlich erscheinende Art den künstlerischen Kosmos bestirnt und transzendiert. Wer Jörg Binz nicht kennt, würde in ihm vielleicht einen argentinischen Tangotänzer vermuten. Oder einen irischen Lyriker aus der Zwischenkriegszeit. Oder vielleicht doch einen Kunstmaler aus Olten, mutmaßt sein Freund Alex Capus.

Dem Betrachter dieser fulminanten Zusammenstellung ist es vergönnt, einen Werdegang mitzuerleben. Die ganzseitig dargestellten Bilder sprechen für sich, ihnen sind keine Titel, keine erklärenden Angaben beigegeben, die zu erfahren, er sich in den Anhang vorblättern muss. Eine Anordnung, mit der eine glückliche Idee der Designerin Patrina Strähl realisiert wird, die sämtliche Aufmerksamkeit auf die Bilder lenken möchte, diese armen Kinder der Kunst.

Zu den Bildern in Konjunktion treten Texte von Dichtern wie Paul Claudel, Alfred Andersch oder Anton Tschechow, aber auch Zustimmungen der Freunde, die die Magie ihres Kreises und ihre eigenen Zugehörigkeit dazu feiern, noch einmal Alex Capus: Jörgs Salon ist eine Insel in Raum und Zeit. 

Prägend für den Band, der vier Jahre der Vorarbeit beanspruchte, sind indessen wohl die zahlreichen Selbstbildnisse, das späteste hier von 2013, welche die Gestalt des Künstlers und insbesondere seine Gesichter aus den unterschiedlichen Phasen dieses Lebenswerks heraustreten lassen. Beeindruckend desgleichen die Darstellungen von Mutter und Vater, der seinem Bub einmal den Beruf des Schriftsetzers nahelegte, etwa die berührende Bleistiftzeichnung Mein Vater, schlafend (1961). Dann auch neben gegenständlichen Motiven (Kaffeekanne, Aquarell 1998) und Blumen (Mohnblumen, Aquarell 2002) immer wieder Gestalten und Gesichter. Die von Freunden wie Alex Capus, Pedro Lenz, Walter Motschi, aber auch das karge wie erstarrt wirkende Porträt einer Brasilianerin (Kohle 2002) oder die erschreckend anonymen Aquarelle Gesicht I / Gesicht II (1986). Klaffende Münder, weiblich oder männlich. Momente einer quälenden Unentschiedenheit. Noch ist nicht raus, ob er/sie lachen oder weinen muss oder - schlimmer - sich beides verbeißen will.

Nicht zu vergessen die Akte. Waren es doch gerade diese, die bei vielen Besuchern und beim Personal des Kantonsspital Olten nach Aussagen seines Sprechers auf so großes Unbehagen gestoßen sind, dass in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nicht nur fünf Aktzeichnungen und ein Ölbild mit einem nackten Frauenunterleib, sondern mit ihnen gleich alle anderen 80 Bilder durch die "Imagegruppe Kultur" abgehängt wurden; ein barbarischer Akt, der einiges an Aufsehen erregte. Ein späteres Angebot der Klinikverwaltung, die Bilder wieder aufhängen zu lassen, lehnte Binz ab. Wer will es ihm verdenken? Meine Eingangsbemerkung mit dem Glück, in unseren Zeiten noch Anstoß zu erregen, muss ich dahingehend revidieren, dass dem Maler, der um den Verkauf seiner Werke gebracht worden ist, natürlich ein finanzieller Schaden entstanden ist.

Lassen Sie sich belohnen. Machen Sie sich mit Jörg Binz und seiner Kunst bekannt. Der Band aus der noblen Edition Frey ist seinen Preis allemal wert, verspricht Ihnen Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats April 2021

Ulrich Weber: Friedrich Dürrenmatt. Eine Biographie. Zürich: Diogenes Verlag 2020

 

Meine Biographie will das Porträt eines Autors, Denkers und Künstlers zeichnen, wie es sich aus den überlieferten Zeugnissen ergibt.

 

Als langjähriger Kurator des Dürrenmatt-Nachlasses im Schweizer Literaturarchiv in Bern ist Ulrich Weber ein ausgewiesener Experte; als Biograph wiederum der erste, der dem Autor (1921-1990) niemals persönlich begegnet ist und also angewiesen bleibt auf Zeugnisse und Hinterlassenschaften jeder Art sowie auf Gespräche mit Zeitgenossen. Natürlich gäbe es auch Dürrenmatts (FD) gewaltiges, autobiografisch angelegtes Stoffe - Projekt zur gefälligen Entnahme, das jedoch gemäß des Meisters kritischem Diktum zu autobiografischer Literatur für kostbare statt für bare Münze genommen werden sollte. 

Gerade angesichts dieser Ausgangsposition eröffnet Webers Darstellung vom Lebenswerk dieses neben Max Frisch herausragenden Schweizer Schriftstellers des 20. Jahrhunderts eine neue Sicht, vermittelt einen kompletten Überblick und setzt so den Maßstab für alle künftigen Betrachtungsweisen.

FD war eine Doppelbegabung. Er entschied sich früh für das Schreiben als Existenzgrundlage, arbeitete aber stets auch als Zeichner und Maler. In seinem voluminösen, delikat illustrierten Werk lotet Weber alle erdenklichen Aspekte dieses überaus produktiven, lebenssatten Künstlerdaseins aus:

- seine Kindheit als Pfarrerssohn im Emmental und seine Jugend in Bern.

- den Abbruch des Studiums (Exmatrikulation in Bern) und seine Selbstfindung als Schriftsteller.

- die Erfolge als Dramatiker, auch international und insbesondere mit The Visit (Der Besuch der alten Dame) am Broadway.

- seine erste Ehe (1946 - 1983) mit der Schauspielerin Lotti Geissler und der Erwerb eines Hauses in Neuchâtel (1952), wo FD bis zu seinem Lebensende wohnt.

- seine zweite Ehe (1984) mit der Münchener Schauspielerin Charlotte Kerr, einem breiten Publikum bekannt durch ihre Rolle als General Lydia van Dyke in der Fernsehserie Raumpatrouille Orion. Die Auf-und-Abs dieser turbulenten Verbindung protokolliert sie in dem Buch Die Frau im roten Mantel.

- seine Beziehungen zu Freunden und Kollegen, insbesondere sein ambivalentes, zwischen Freund- und Feindschaft oszillierendes Verhältnis zu Max Frisch.

- seine dezidiert politischen Ambitionen und mitunter provozierenden Verlautbarungen. So bezeichnet er in seinem letzten öffentlichen Auftritt am 22.11.90 in seiner Rede auf Václav Havel anlässlich einer Preisverleihung Die Schweiz - ein Gefängnis, was bei anwesenden Regierungsmitgliedern Aufsehen und Anstoß erregt.

- die Geschichte seines weithin gepriesenen, mit exorbitanter Qualität gefüllten Weinkellers, den er bis zu seinem Tod weitgehend ausgetrunken hat.

Trotz der sage und schreibe 713 Seiten, die durch einen erstklassig sortierten Anhang abgerundet werden, bleibt die Darstellung gut lesbar und für FD-Kenner ohnehin Pflichtlektüre. Auch LesernInnen, die mit dem Namen FD vielleicht lediglich Der Besuch der alten Dame aus längst vergangenen Schulzeiten oder bestenfalls den Kriminalroman Der Richter und sein Henker verbinden, bietet dieses Werk die Vergegenwärtigung einer bereits als historisch zu bezeichnenden Epoche mit ihren spezifischen, inzwischen weitgehend unbekannten Lebensumständen:

Die humanistische Bildung eines Pfarrerssohnes, der als Kind Bildbände über Renaissance- und Barockmalerei durchblätterte, von den Eltern die biblischen Geschichten und griechischen Mythen erzählt bekam, im Gymnasium selbstverständlich Griechisch und Latein lernte, ist heute weit weg.

Ran ans Werk also, empfiehlt Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Mai 2021

Hilary Spurling: Anthony Powell. Tanzen zur Musik der Zeit. Aus dem Englischen übersetzt von Heinz Feldmann. Berlin: Elfenbein 2019

 

Ich habe absolut kein Bild von mir selbst, hatte ich nie.

 

Sollte man, bevor man sich an die Lektüre der Anthony Powell (AP)-Biografie von Hilary Spurling begibt, bereits dessen Hauptwerk, das episch angelegte, 12 bändige Erzählwerk Ein Tanz zur Musik der Zeit (Tanz, ebenfalls bei Elfenbein verlegt) gelesen haben? Eine nicht ganz unerhebliche Fragestellung, die sich zudem nicht eindeutig beantworten lässt. Wer dieses herausragende Monument britischer Romanliteratur des 20. Jahrhunderts gelesen und genossen hat, wird in der biografischen Darstellung vielfach Erhellendes zu den Bedingungen und Imponderabilien eines beinahe ein Vierteljahrhundert (1951-1975) währenden Schaffensprozesses finden. Wer (noch) nicht, wird zweifellos bei der Lektüre der hier vorgestellten Biografie, das wachsende Bedürfnis verspüren, dieses nachzuholen, wird damit für mehrere Jahre der Sorge enthoben sein, sich um neuen Lesestoff kümmern zu müssen.

Hilary Spurling steht in der soliden Tradition angelsächsischer Lebensbeschreibungen und hat das Genre durch mehrere Werke (u.a.: Matisse the Master) bereichert. Sie war gut bekannt mit AP, verkehrte in The Chantry, dem Domizil der Familie in Somerset, und empfing von ihm selbst den biografischen Auftrag, allerdings stellte sich schnell heraus, dass es ihr zu dessen Lebzeiten (1905-2000) nicht möglich sein würde, diesem nachzukommen. Wir waren übereingekommen, dass ich eines Tages seine Biografie schreiben würde. Aber als Tony vorschlug, wir sollten einen Anfang damit machen, bevor es zu spät wäre, erwies sich das Experiment als böser Fehlschlag. Ich musste ihm hinterher schreiben und erklären, dass es mir unmöglich sei, über ihn in dem kalten, ja klinischen Licht nachzudenken, das wesentlich für jeden biografischen Anlauf sei ...

AP wird als Sohn eines Offiziers geboren und besucht das Eton College in Oxford. An der dortigen Universität studiert er von 1923-1926 Geschichte. Zu seinen Bekanntschaften aus jener Zeit zählen Evelyn Waugh, Graham Greene und George Orwell. Er tritt in ein im Niedergang befindliches Londoner Verlagshaus (Duckworth & Co) ein und arbeitet dort in verschiedenen Funktionen, u.a. betreut er das Werk der exzentrischen Sitwell-Geschwister. Ständig in Geldsorgen arbeitet er als Rezensent für verschiedene Zeitschriften. 1934 heiratet er Lady Violet Pakenham. 1936 arbeitet er ein halbes Jahr als Texter bei Warner Brothers in Hollywood und lernt in dieser Zeit F. Scott Fitzgerald kennen. Nach seiner Rückkehr veröffentlicht er seine ersten Romane, im 2. Weltkrieg dient er in einem walisischen Bataillon, später beim Geheimdienst als Verbindungsoffizier zu den Alliierten. 1952 wird mit dem Titel Eine Frage der Erziehung, in welchem der Ich-Erzähler Nicolas Jenkins auf seine Zeit am College zurückblickt, der erste Schritt in den Tanz getan, sein Hauptwerk, mit dem er den Grundstein legt zu bleibendem Ruhm.

Häufig wird dieses Werk verglichen mit M. Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, ein Vergleich, den nicht zuletzt E. Waugh zugunsten seines lebenslangen Freundes relativiert: Das Werk ist wie trockener Sekt, kühl, humorvoll, durchdacht, und genau gebaut. Es ist realistischer als das Werk von Proust, mit dem es so oft verglichen wird - und viel vergnüglicher.

Bereits bei Erscheinen der einzelnen Bände beginnt unter Freunden und Bekannten, aber ebenso in der weiteren Öffentlichkeit eine amüsante Erörterung darüber, wer von ihnen nun jeweils wie vorteilhaft dargestellt worden ist. Oft überträgt AP Persönlichkeiten seiner Umgebung ziemlich unverstellt in die Fiktion. So schrieb ihm Adrian Daintrey, der sich in der Gestalt des Malers Ralph Barnby aus den frühen Bänden wiederzuerkennen glaubt: Mein Stolz darüber (außer ich irre mich), in einem der Charaktere eine gewisse Ähnlichkeit mit mir zu entdecken, wird noch vergrößert durch die erleichterung, in einem vergleichsweise schmeichelhaften Licht zu erscheinen.

Fälschlicherweise wird das Werk oft als Porträt der englischen Oberschicht des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Dem trat V.S. Pritchett bereits 1955 nach dem Erscheinen des Bands Die Welt im Wechsel im Observer entgegen mit dessen  Chrakterisierung als nüchtern-realistische englische Komödie: Das Thema ist die Gesellschaft im Zustand der Auflösung, eine Gesellschaft, die finanziell und moralisch von ihren Diskontwechseln lebt und überall den Zahn der Zeit spürt.

Diese thematische Zuschreibung erweist sich als signifikant für den gesamten Tanz, sie ist überdies wohl zeitlos gültig für jedes bedeutende Erzählwerk. 

H. Spurling beklagt am Schluss den modernen Mythos, Powell sei ein Erzkonservativer und der snobistische aller Snobs. Als ich Anfang der sechziger Jahre nach London kam, wurde es in literarischen Kreisen schon fast zu einem Beweis politischer Korrektheit, den Tanz zu diskreditieren. Nun, wenn man AP's politische und kulturelle Stellungnahmen, aus denen Spurling ausgiebig zitiert, zur Kenntnis nimmt, mag das Etikett Erzkonservativer nicht gänzlich unangebracht sein. Indessen beeinträchtigt es nicht seine außerordentliche erzählerische Raffinesse und schon gar nicht den Genuss, den diese Ihnen als Leser verschaffen kann. Selbiges gilt in gleichem Maße für diese Biografie von Hilary Spurling, die dieses schaffensreiche Leben in ein facettenreiches Bild setzt, das seinem Untertitel Tanzen zur Musik der Zeit auch stilistisch gerecht wird und weiteichende Einblicke in die Zusammenhänge und Entwicklungen einer Literaturtradition gewährt, die hierzulande nicht unbedingt die ihr gebührende Aufmerksamkeit erfährt. Unbedingt empfohlen von Alfons Huckebrink.  

Die Biografieempfehlung des Monats Juni 2021

Annet Mooij: Das Jahrhundert der Gisèle. Mythos und Wirklichkeit einer Künstlerin. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Frankfurt a. M.: Wallstein 2020.

mit zahlreichen Abbildungen.

 

Diese Biografie versucht das Leben einer widersprüchlichen Frau und Künstlerin zu ergründen, die einerseits aufgrund ihrer adligen Abstammung ausgesprochen selbstbewusst war, andererseits Ausbeutung in einer sektenähnlichen Gemeinschaft durch einen Guru duldete und sich selbst ausbeuten ließ. Dieses Unterfangen erscheint hier gelungen, weil die Biografie nicht heroisierend oder interpretativ umgesetzt wurde, sondern auf Grund intensiver Recherchen diesem "Jahrhundert"- Leben, - Gisèle wurde über hundert Jahre alt-, nahekommt. Hypothesen werden als solche deutlich und so bleiben trotz des umfangreichen Archivs der Künstlerin auch manche Motive ihres widersprüchlich erscheinenden Lebens offen oder werden lediglich als Möglichkeiten skizziert. Das Ziel der Biografin ist es nicht, zu entlarven oder zu bewerten, sondern besteht darin, aus einer komplexen und bei Weitem nicht immer heilen Wirklichkeit eine sinnstiftende und anregende Geschichte zu konstruieren.

Ähnlich wie bei Warhol (Biografieempfehlung Januar 2021) ist Gisèles Leben selbst ein von ihr geschaffenes Gesamtkunstwerk. Eine Autobiografie würde wohl deutliche autofiktionale, ja, vermutlich märchenhafte Züge aufweisen. Aufgrund einer aufgedeckten Affaire mit Gisèles Onkel bringt die besorgte Mutter Josephine ihre siebzehnjährige Tochter Gisèle auf eine Kunstschule in Paris. An der konservativen "Ecole des Beaux-Arts" wird sie nicht aufgenommen, aber sie nimmt Privatunterricht und wählt eine freie Kunstakademie, an der auch Giacometti ausgebildet wird. Über angewandte Kunst, Gravur und Glasmalerei bis hin zur Malerei entwickelt sich die Künstlerin kontinuierlich weiter, vor allem über persönliche Mentoren, wie Joep Nicolas, von dem das Titelbild, ein Protrait Gisèles, dieser Buchveröffentlichung stammt. Bei diesem wie auch bei einem "Poeten" in der Nachfolge des umstrittenen Dichters Stefan George" bleibt es nicht ohne Affaire. Die emotionale Abhängigkeit von Frommel scheint das größte und ungelöste Rätsel im Leben der Gisèle, wie sie sich selbst später nennt, zu sein. Ihr ursprünglicher Name ist Gisèle van Waterschoot van der Gracht, eine österreichische Baronesse, die in ihren frühen Lebensjahren auf Schloss Hainsfeld in der Steiermark aufwächst, eine Enkeltochter von Arthur Freiherr von Hammer-Purgstall und Gisela Gräfin Vetter von der Lilie, beide Angehörige der erlauchten Kreise am Habsburger Hof. Bei einem Besuch der Familie lernt ihre Mutter Josephine ihren späteren Gatten Willem Waterschoot van der Gracht kennen, den Vater von Gisèle. Der arbeitet als Geologe für verschiedene private und staatliche Rohstoff- und Ölunternehmen. Sie ist sehr religiös, katholisch und lebt gleichzeitig angesichts zahlreicher Affairen im Widerspruch zur kirchlichen Lehre. Für Frommel, ihren Guru, kauft sie schließlich eine Wohnung in der Amsterdamer Heerengracht, wo dieser jüdische Jungen vor den Nazis versteckt. Die offene Frage, die sich die Biografin stellt, ist, wie es die Künstlerin schafft, es in dieser frauenfeindlichen und auch missbräuchlichen Umgebung auszuhalten, diese zu unterstützen und ihr loyal zu bleiben.

Mir fiel die niederländische Originalausgabe bei einem Besuch in Gent anlässlich der Jan van Eyck-Ausstellung 2020 auf, worauf ich umgehend die deutsche Fassung bestellte und nicht enttäuscht wurde. Die Kunst der Gisèle ist so vielseitig, einzigartig wie ihr Leben selbst. Sie wuchs in verschiedenen Ländern auf, lebte zwischen Indianern im Wilden Westen Amerikas, lebte in Saint Sanary sur Mer während der Nazi-Zeit, wo sich verfolgte Intellektuelle versteckten, und begegnete dort Sybille Bedford. Sie lebte in Paris und spielte unabhängig von Frommel eine mutige Rolle bei der Rettung einiger vom Nazi-Regime verfolgter Personen. Ihre letzten dreißig Jahre verbrachte sie in einem schönen Atelier in der Heerengracht in einem Gebäude, welches sie für dieses Versteck zur Verfügung gestellt hatte. Neben der einzigartigen und eigenwilligen künstlerischen Entwicklung der Gisèle fand ich die Frage, wie Gurutum funktioniert, sehr erhellend. Diese Biografie wird empfohlen von Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats Juli 2021

Howard Eiland, Michael W. Jennings: Walter Benjamin. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Ulrich Fries und Irmgard Müller. Berlin: Suhrkamp 2020

 

Fortschritt ist nicht in der Kontinuität des Zeitverlaufs sondern in seinen Interferenzen zu Hause: dort wo ein wahrhaft Neues zum ersten Mal mit der Nüchternheit der Frühe sich fühlbar macht.

                     (aus einem Brief an Gershom Scholem)

 

Bereits mit dem ersten Satz ihrer Einführung weisen die Autoren der neuen Biografie ihrem Objekt seinen herausragenden Rang als „einem der wichtigsten Zeugen der europäischen Moderne“ zu. Im Unterschied zu anderen Geistesgrößen des vergangenen Jahrhunderts scheint über die persönlichen Gegebenheiten im Leben Walter Benjamins (1892 - 1940) nur wenig allgemein bekannt geworden zu sein.

Die Geschichte seines Lebens verschwand unter einem Gespinst von Mythen, heißt es im Epilog. Theodor W. Adorno befindet einmal, dass sein Freund kaum je mit aufgedeckten Karten spielte. Und sein vielleicht wichtigster Gefährte, Leser und Archivar, Gershom Scholem, der in ihm früh einen Mann von absoluter und herrlicher Größe erblickt, konzediert ihm bald moralische Schwächen und ein Leben, das doch in furchtbarem Maße die Elemente der Dekadenz in sich trägt. Das Recht auf Widersprüchlichkeit indessen, das beide proklamieren, verleiht ihrer Freundschaft auch angesichts solcher Animositäten dauerhaft Bestand. Ihr grundlegender Dissenz entzündet sich an Benjamins ablehnender Haltung zum Zionismus und später einer möglichen Emigration nach Palästina.

Da eine Berücksichtigung biografischer Dimensionen stets verwoben ist mit dem daraus hervorgegangenen Werk finden Leser: innen dieser mit vielen Porträtfotos ausgestatteten Lebensbeschreibung dem entsprechend profunde Würdigungen Benjaminscher Schriften, darunter auch solcher, denen eine Vollendung nicht vergönnt ist. Denn zum Schaffensprozess des vielleicht wichtigen Theoretikers einer kulturellen Moderne, dem niemals eine akademische Position gewährt wird, gehört das Scheitern, das auch seiner empfindlichen Komplexität geschuldet ist und sich etwa in den Ambitionen, eine Zeitschrift zu begründen, erweist. Im Frühjahr 1921 besucht Benjamin eine Paul Klee – Ausstellung, erwirbt kurz darauf in München für 1000 Mark das Aquarell Angelus Novus, das der Künstler 1920 gemalt hat. Es wird zu seinem wertvollsten Besitz wird und inspiriert in seinem letzten Werk Über den Begriff der Geschichte die großartige Meditation über den Engel der Geschichte. Bereits 1921 gibt es den Titel ab für sein erstes Zeitschriftenprojekt, für dessen Startausgabe er seinem Verleger Richard Weissbach im Januar 1922 nach zähen Auseinandersetzungen mit Beiträgern endlich sämtliche Manuskripte, darunter seinen Essay Aufgabe des Übersetzers, abliefert. Konsequent hat er bei der Zusammenstellung eine Maxime hermetischer Autonomie vertreten, um eine Zeitschrift zu begründen, die auf das zahlungsfähige Publikum nicht die mindeste Rücksicht nimmt. Deutlich wird bei diesem Projekt jedenfalls Benjamins Problem, mit anderen Intellektuellen auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten. Kaum verwundert es, dass der Verleger sich vor dem Erscheinen des Angelus Novus erfolgreich herumdrückt.

Zeitlebens sucht Benjamin den Kontakt zu gleichgesinnten Künstlern und Denkern, übernimmt in solchen Kontexten zumeist die Position der führenden Persönlichkeit. Einzig zu Bertolt Brecht entwickelt sich eine gleichberechtigte Arbeitsbeziehung in den dreißiger Jahren, obwohl auch das von beiden verfolgte Zeitschriftenprojekt Krise und Kritik nicht realisiert wird. Die Machtübertragung an Hitler im Januar 1933 zwingt Benjamin ins Exil. Nach und nach reißen seine Verbindungen nach Deutschland ab, verringern sich seine Publikationsmöglichkeiten. Für ihn beginnt der Überlebenskampf, verbunden mit schweren Depressionen. Aufenthalte auf Ibiza, in San Remo in der Pension seiner geschiedenen Frau Dora, mehrere Sommer mit Brecht in dessen Haus bei Svendborg und vor allem Paris. Die Bibliothèque Nationale wird zu seinem Zufluchtsort, in dem er sein Magnum Opus, das Passagen-Werk, revidiert und vollendet, zuletzt mit einer monatlichen Unterstützung durch das nach New York emigrierte Institut für Sozialforschung. Eine Zuwendung, die andererseits eine zunehmende Abhängigkeit konstituiert und ihn etwa in seinen Arbeiten über Baudelaire zensurierende Eingriffe seitens Adornos und Horkheimers hinnehmen lässt.

Nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich flieht Benjamin. Wie viele andere Emigranten will er über Spanien und Portugal in die Vereinigsten Staaten gelangen. Nach einem qualvollen Marsch über die Pyrenäen wird ihnen im spanischen Grenzort Port Bou eröffnet, dass sie zurückgeschafft werden sollen. In tiefster Verzweifelung nimmt sich Benjamin in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940 das Leben.  

Alle Lebensstationen und sämtliche Hervorbringungen Benjamins werden in den 1021 Seiten des Buchs sachkundig eingeordnet. Diese Kritik soll zum Lesen nicht nur der Biografie, sondern auch der Primärschriften ermuntern.

Eingehendere Einlassungen von Alfons Huckebrink zu den Qualitäten der ersteren werden Sie in der neuen Herbstausgabe der Zeitschrift Am Erker (81) finden können. 

Die Biografieempfehlung des Monats August 2021

Lotte Laserstein: Von Angesicht zu Angesicht. München: Prestel 2018

herausgegeben für eine Ausstellung im Städel Museum, Frankfurt/Main

 

Lotte Laserstein (1898-1993) gilt als eine der großen Wiederentdeckungen der letzten Jahre (Eiling, S. 18). Ihr Vater stirbt früh, sie fasst schon als junges Mädchen den Entschluss, nicht zu heiraten und ihr Leben der Kunst zu widmen. Bereits mit 10 Jahren wird ihr zeichnerisches Talent in der Malschule ihrer Tante Elsa Birnbaum in Danzig gefördert. Drei Jahre später zieht die Familie nach Berlin, wo Lotte mit 21 Jahren in die Hochschule für bildende Künste aufgenommen wird, die sich kurz zuvor auch den Frauen geöffnet hat. Dort wird sie von Erich Wolfsfeld, in dessen Klasse sie eintritt, stilistisch beeinflusst. Sie malt vorzugsweise Portraits sowie „obsessiv“ (ebd. S. 19) Selbstportraits, womit sie ihren Stolz als selbstständige Künstlerin zum Ausdruck bringt und wohl auch zur Selbstvergewisserung beiträgt. Dabei kultiviert sie eine akademische, realistische Malweise und eröffnet sich zugleich einen individuellen, persönlichen und intuitiven Zugang zu den Motiven und ihren Modellen. Ihre Ambitionen und Fähigkeiten sind herausragend und werden zunehmend gewürdigt.

Während der Weimarer Republik war sie erfolgreich, sie wurde in dem Wettbewerb „Das schönste Frauenportrait Deutschlands“ mit dem Bild „Russisches Mädchen mit Puderdose“ (1928, Städel Museum, Frankfurt a. M.) nominiert und konnte in bekannten Berliner Galerien ausstellen. Sie gründete eine Malschule, um ihre Existenz zu sichern. Ihr Lieblingsmodell und zugleich ihre enge Freundin Traute Rose, die ganz dem Typus der „modernen“ selbstständigen Frau entsprach, wurde vielfach portraitiert. Doch die Ambitionen der Künstlerin wurden durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten abrupt gestoppt; sie war zwar christlich getauft, hatte aber jüdische Wurzeln, später galt ihre Kunst als „entartet“. Während einer Einladung der Stockholmer Galerie Moderne gelang ihr 1937 die Flucht aus Deutschland, sie blieb bis zu ihrem Lebensende in Schweden und baute sich dort eine neue Existenz auf. Ihre Familie und Freunde musste sie in Deutschland lassen, ihre Mutter starb im KZ Ravensbrück. Als deutsche Künstlerin im Exil wurde sie auch nach der Befreiung in Deutschland lange Zeit vergessen und übersehen, evtl. missachtet, möglicherweise weil ihre Kunst sich nicht den gängigen Kategorien zuordnen ließ, weil sie sich in der Weimarer Zeit noch nicht vollständig etabliert hatte und nach dem Krieg vornehmlich auf eine männlich dominierte Avantgarde abgesehen wurde.

Wohl deshalb wurde sie von der Autorin Elena Schroll (S.30ff) als Malerin der verschollenen Generation bezeichnet und wurde 2003 vom „verborgenen Museum“ in Berlin sowie durch die Dissertation von Anna Carola Krause wiederentdeckt, 10 Jahre nach ihrem Tod 1993. Viele ihrer Werke – sie konnte nur wenige selbst nach Schweden retten - sind verschollen, in Privatbesitz oder durch die Nazis zerstört worden. In den 55 Jahren, die sie in Schweden lebte und sich mühsam eine neue Existenz aufbaute, kann sie 43 dokumentierte Einzel- und 33 Gruppenausstellungen vorweisen. Dass man sie in Deutschland so wenig beachtete, ist traurig und im Grunde unverzeihlich.

Ihr Hauptwerk, welches rückblickend den Niedergang der Weimarer Zivilgesellschaft vorhersagt, ist „Abend über Potsdam“ (1930, Nationalgalerie, Berlin), ein an das „Abendmahl“ erinnerndes Arrangement: „Junge Menschen sitzen über den Dächern von Potsdam an einem weiß gedeckten Tisch.“ Keiner spricht, die Menschen blicken ins Leere oder in sich hinein, sinnieren vor sich hin, eine ernste, fast gedrückte Atmosphäre. Ebenso für die Malerin als Subjekt ungewöhnlich und politisch aussagekräftig ist das Gemälde "Mackie Messer und ich" (1932, Privatbesitz). Lotte Laserstein ist auf der schwedischen Ostseeinsel Öland auf dem Friedhof von Räpplinge begraben. Sowohl die biografischen als auch die kunsthistorischen Essays sowie der Katalog sind aus biografischer und künstlerischer Sicht besonders empfehlenswert. Zudem Pflicht für alle, die sich dem Vergessen der Nazi-Gräueltaten widersetzen wollen, meint Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats September 2021

Jamal Mahjoub: A Line in the River. Karthoum. City of Memory. London: Bloomsbury. 2018

 

Der in London geborene britische Schriftsteller Mahjoub, Sohn eines Sudanesen und einer Engländerin, fliegt im Jahr 2008 nach Khartoum, um den Ursachen der Katastrophe von Darfur auf den Grund zu gehen. Er hat dort bis 1990 seine Kindheit verbracht, bis seine Eltern wie viele andere auch nach dem Putsch des späteren Präsidenten und Diktators Al-Baschir nach Kairo flohen. Seine Kinderjahre verbrachte er in Kairo, und bei seinem Besuch in Khartoum im Jahr 2008 kommen viele seine Kindheitserinnerungen an die Oberfläche seines Bewusstseins. Er ist durch das Khartoum vor 1990 entscheidend geprägt.

Schreiben hat nach seinen Angaben eine heilende Wirkung, denn der Genozid in einem seiner Herkunftsländer macht ihn persönlich sehr betroffen. Auf der ganzen Welt herrschte Fassungslosigkeit, als sich die Katastrophe von Darfur ereignete. Dabei zeichnet er ein zeitliches und räumliches Assoziationsnetzwerk, verbindet London mit dem Sudan und greift weit zurück sowohl in die britische als auch in die sudanesische Geschichte, beginnend mit dem Sklavenhandel während der arabischen und türkischen Herrschaft. Während seines Besuchs in seiner Heimat blickt er zurück in seine Kindheit und die Vertrautheit der Stadt, an der der weiße und der blaue Nil zusammenfließen. Seine Mutter, eine Britin, und sein Vater, ein Sudanese, der in London arbeitete, waren nach seinen Angaben ein ungleiches Paar, welches nie ein Thema um seine multiethnische Ehe machte. Er fragt sich, was die Eltern verband, und meint, vielleicht ihr Außenseitertum, denn seine Mutter hatte einen deutschen Vater, der noch vor der Nazi-Herrschaft aus Deutschland emigriert war. Trotzdem hatte seine Mutter unter ihrer deutschen Herkunft in England zu leiden.

Das Buch beginnt mit einer Szene auf dem schottischen Schloss, wo Trophäen der Kreuzfahrer ausgestellt sind, und stellt Parallelen her zu einem Museum in Khartoum, wo die entsprechenden Gegenstücke zu finden sind, und taucht ein in die Geschichte des britischen Imperialismus, der der arabischen/islamischen Herrschaft folgte. Als er das historische Museum in Khartoum besichtigt, beobachtet er eine Klasse, deren Schüler wie fast überall auf der Welt mit Desinteresse reagieren, als hätte die Geschichte nichts mit ihnen zu tun. Geschichte verstehen wollen heißt auch, die Fehler zu verstehen und nicht zu wiederholen. Will er diese Stadt verstehen und dabei auch sich selbst?, fragt er sich im 3. Kapitel des Buches. Wie sollte er sie beschreiben? Die unvollständige Stadt? Die unfertige (unvollendete Stadt)? Die gebrochene Stadt? Die geteilte, ja fragmentierte Stadt? Ist sie durch die Dynamik der Flüsse bestimmt, die durch sie fließen? Diese Stadt bietet dem Autor eine Metapher, einen Spiegel zur Selbstreflexion. Eine Stadt ohne Narrativ mit chaotischer Geschichte. Die Akribie, mit der die Fragmentierung der verschiedenen islamischen Bewegungen nachgezeichnet wird, ist für einen sachfremden Leser vielleicht ein wenig verwirrend. Mahjoub zeigt damit aber auch seine Beharrlichkeit, die Entwicklungslinien, die zur Katastrophe führten, verstehen zu wollen. Er verfolgt seine Wurzeln bis hin zur nubischen Herkunft seines Vaters.

Das Buch ist somit ein Reiselogbuch, ein autobiografisches Werk, ebenso ein Fachbuch, welches sich mit der Kolonial- und Herrschaftsgeschichte der letzten 500 Jahre befasst. Die kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Herkunftsländern des Autors werden dem Leser sehr lebendig vor Augen geführt, z.B. wenn er die Begegnung mit seinem weit verzweigten Verwandten-Netzwerk beschreibt. Somit ist das Werk auch durch jeweils unterschiedliche und einmalige Perspektiven geprägt, die eine Bereicherung dessen darstellen, was man über den Sudan und seine Völker weiß oder eben nicht weiß. Das Buch ist für jeden interessant, der sich für Gewalt zwischen Menschen, Ethnien und die Ignoranz gegenüber Gewalt interessiert, die ja auch in Europa Thema ist.

Die Nuer, ein nubisches Volk aus dem Südsudan, habe ich während meines Ethnologie-Studiums in den siebziger Jahren genauer studiert, und hier genau ist der Berührungspunkt, wo sich die Geschichte des Autors mit meiner Erfahrungswelt verbindet. Schade, dass dieses Werk noch nicht in deutscher Sprache erhältlich ist, findet Gudula Ritz. (Seine Romane, z.B. "Der Sternenseher" oder die unter dem Pseudonym Jalil Parker veröffentlichten Kriminalromane, sind ins Deutsche übersetzt worden, z.B. "London Burning".

Die Biografieempfehlung des Monats Oktober 2021

Bohlund, Kjell: Die unbekannte Astrid Lindgren. Ihre Zeit als Verlegerin. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger. 2021

 

Zu Leben und Werk so mancher bekannten Persönlichkeit scheint alles gesagt und fast alles bekannt geworden zu sein, ihr Bild präsentiert sich der Nachwelt als abgerundet. Zu ihnen zählt Astrid Lindgren (AL), Schwedens erfolgreichste und weltweit bekannte Kinderbuchautorin. Umso mehr ist man überrascht, wenn jemand ein weiteres, bisher gänzlich unbeachtet gebliebenes Kapitel ihrer Lebensgeschichte aufschlägt und ebenso materialreich wie facettenreich dokumentiert: AL als erfolgreiche Verlegerin. Kjell Bohlund ist dies gelungen mit seiner überaus spannenden Erzählung, die bereits 2018 in Schweden erschienen ist und nun endlich, erweitert um ein Kapitel über AL's Arbeits- und Freundschaftsbeziehung zu ihrem Hamburger Verleger Friedrich Oetinger, auf Deutsch vorliegt. Übersetzt von Nora Pröfrock.

24 Jahre arbeitet AL bei dem schwedischen Verlag Rabén & Sjögren. Offiziell als Lektorin, in Wahrheit entwickelt und betreibt sie das Kinder- und Jugendbuchprogramm in eigener Verantwortung. Sie übernimmt "ein sinkendes Schiff" - so der Wortlaut einer Kapitelüberschrift - und rettet es vor dem Untergang. Jeden Morgen sitzt sie zuhause an ihren eigenen Werken; nachmittags arbeitet sie von 13 - 17 Uhr im Verlag. Ein enormes Pensum, das Disziplin voraussetzt und ihr Effektivität abverlangt. Bei all dem bleibt sie, wie die Äußerungen zahlreicher Zeitgenossen bezeugen, stets freundlich und bis in den Tenor der eigenhändig verfassten Absagen mitfühlend und aufmunternd ihren Autoren:innen gegenüber. Margareta Strömstedt, selbst Autorin und gute Freundin von AL urteilt in ihrer Biografie: Sie war unermüdlich, wenn es darum ging, jemanden, der festgefahren war oder das Gleichgewicht verloren hatte, zu ermuntern und zu stützen. Sie war zartfühlend, aber streng.

Unter ihrer Leitung erhebt sich die Kinderbuchabteilung des prekären Verlags, der ihr erstes Manuskript 1944 und zu Weihnachten 1945 ihren zweiten Titel Pippi Langstrumpf veröffentlichte, nachdem sie von Bonnier, Schwedens größtem Verlag, eine schnöde Absage erhalten hatte, auf eine qualitativ völlig neue Höhe. Dabei arbeitet sie bis 1970 eng mit Dr. Rabén, zunächst Miteigentümer, später Geschaftsführer des Unternehmens, zusammen. Ihre Doppelrolle als bekannte Autorin, deren Verkaufszahlen dem Verlag die weitaus größten Einnahmen verschaffen, und Lektorin meistert sie trotz mancher Anfeindungen mir der ihr eigenen Unbefangenheit glänzend. Sie erweist sich zudem als kluge Geschäftsfrau, die sich zur Sicherung der finanziellen Grundlagen nicht scheut, auch seichtere, leichter verkäufliche Titel ins Programm aufzunehmen. So sichert sie dem Verlag die Rechte an der gesamten "5 Freunde"-Produktion der englischen Autorin Enid Blyton und muss sich darob manche Kritik gefallen lassen. Von Autoren:innen, denen sie entgegnet, dass sie mit den "5 Freunde"-Überschüssen die Publikation anspruchsvoller Manuskripte finanzieren kann. 

Kjell Bohlund stellt überzeugend dar, wie sie sich auf allen Gebieten der Verlegertätigkeit bewährt: wie sie die Stellung der Illustratoren:innen aufwertet, den Verkauf der Rechte ins europäische Ausland ankurbelt, sich um soziale Probleme ihrer Autoren:innen kümmert und so maßgeblich zum "goldenen Zeitalter" der schwedischen Kinderbuchliteratur beiträgt. 

Natürlich geht es auch bei ihr nicht ohne Konflikte ab. Und diese, etwa die Auseinandersetzungen mit dem bekannten Zeichner Björn Berg, u.a. ihr "Michel"-Zeichner", der bei Rabén & Sjöberg erstmals für Illustratoren:innen eine prozentuale Beteiligung am Umsatz durchsetzt, werden anhand passend gewählter Briefzitate plausibel dargestellt. Ihm erteilt sie mitunter Ratschläge zur Optimierung der Cover-Gestaltung: Lieber Björn, sei jetzt bitte nicht geknickt! Eine Frau und ein roter Ballon - das ist doch schnell gemacht, oder? 

Kjell Bohlund hat der großen Astrid Lindgren-Gemeinde ein reich illustriertes Buch voller Überraschungen geschenkt, das  Einblicke in einen Arbeits- und Lebensbereich gewährt, der bisher im Verborgenen blieb. Als kurzweilige Lektüre mit beträchtlichem Informationswert wird es auch Sie erfreuen, meint Alfons Huckebrink.  

Die Biografieempfehlung des Monats November 2021

Labatut, Benjamin: Das blinde Licht. Irrfahrten der Wissenschaft. Berlin: Suhrkamp. 2021

 

Gott würfelt nicht. Albert Einstein

 

Sie sind Pioniere und Verdammte. Eroberer von Raum und Zeit. Träumer des Absoluten. Sie verändern den Lauf der Geschichte und verzweifeln an sich selbst: Werner Heisenberg (1901-1976) - Gegenspieler Erwin Schrödingers (1887-1961) -, dessen Gleichungen - im Wahn auf der Insel Helgoland entstanden - zum Bau der Atombombe führen. Der Mathematiker Alexander Grothendieck (1928-2014), der es vorzieht, seine Formeln zu verbrennen, um die Menschheit vor ihrem zerstörerischen Potenzial zu schützen. Oder Fritz Haber (1868-1934), dessen physikalische Verfahren, die synthetische Gewinnung von Ammoniak, eine Hungerkrise vermeiden und mit Zyklon B zugleich das diabolischste Werkzeug der Nationalsozialisten hervorbringen werden. Er gilt auch als Vater des Gaskriegs, also der erstmaligen massenhaften Verwendung von Giftgas im 1. Weltkrieg, dessen Einsätze er persönlich durchführt, überwacht und auswertet.

In vier meisterhaften Geschichten nähert sich Benjamin Labatut, geb. 1980, in Santiago de Chile lebend, der Frage, bis wohin unser Verstand reichen kann und was passiert, wenn diese Grenze überschritten wird. Ein überaus spannend geschriebenes fiktionales Werk, das auf Fakten beruht. Der fiktionale Anteil, erläutert Labatut, nimmt im Laufe der Erzählung zu. Im ersten Teil sei lediglich ein Absatz erfunden, in den weiteren Kapiteln habe er sich immer größere Freiheiten genommen. Als Laie auf diesen Gebieten schlägt man da schnell mal bei Wikipedia nach und erfährt dabei viel Neues. Bei mir etwa regte sich durch die Lektüre ein Interesse an der Quantenmechanik. Ein abschließender Hinweis zu Fritz Haber: Seine erste Ehefrau, Clara Immerwahr (1870-1915), Chemikerin und überzeugte Pazifistin, nahm sich am 2. Mai das Leben. Weil sie mit der führenden Rolle ihres Mannes im Gaskrieg nicht einverstanden war, darunter litt. Eine Annahme, die auch Labatut in seinem Buch vertritt. Bereits früher (siehe: Januar 2016) stellten wir auf dieser Website die Biografie Der Fall Clara Immerwahr von Gerit von Leitner vor.

Empfohlen von Alfons Huckebrink

Die Biografieempfehlung des Monats Dezember 2021

Paul McCartney: Lyrics. Herausgegeben und mit einer Einleitung von Paul Muldoon. Aus dem Englischen übersetzt von Conny Lösch. München: C.H.Beck. 2021

 

Eine Autobiografie in Songtexten? Im Falle Paul McCartneys die naheliegende und einzig mögliche Form, sein Leben zu erzählen:

 

Unzählige Male wurde ich schon gebeten, eine Autobiografie zu schreiben, aber nie war die richtige Zeit dafür. Meist zog ich Kinder groß oder war auf Tournee - beides ist nicht ideal, wenn man sich über lange Strecken konzentrieren möchte. Das Einzige, was immer ging, egal ob zu Hause oder unterwegs, war Songs zu schreiben. Wenn Leute erst mal ein gewisses Alter erreicht haben, greifen sie gerne auf Tagebücher oder Terminkalender zurück, erinnern sich Tag für Tag an vergangene Ereignisse, aber solche Aufzeichnungen habe ich nicht. Was ich habe, sind meine Songs - hunderte - und eigentlich erfüllen sie denselben Zweck. Sie umspannen mein gesamtes Leben, weil ich schon mit vierzehn Jahren zuhause in Liverpool, als ich meine erste Gitarre bekam, instinktiv anfing, Songs zu schreiben. Seither habe ich nicht mehr aufgehört. Paul McCartney

 

In diesem außergewöhnlichen Buch betrachtet Paul McCartney sein Leben und sein Werk im Prisma von 154 eigenen Songtexten, entstanden zwischen 1956 und 2020. In alphabetischer Reihenfolge angeordnet, bilden diese Songs von den frühesten musikalischen Gehversuchen über Klassiker der Beatles wie Hey Jude, Yesterday oder Let it be ein autobiografisches Kaleidoskop, in dem McCartney die Entstehungsgeschichten seiner Songs schildert, Menschen und Orten gedenkt, die ihn beeinfusst haben, und uns mitteilt, was er heute über seine Lieder denkt. An deren Auswahl beteiligt ist der renommierte nordirische Lyriker Paul Muldoon, der auch mit McCartney über die Texte gesprochen und diese Gespräche abschließend zu Kurzerzählungen umgeformt hat. Auf diese Arbeitsweise ist ein einzigartiges Musiker-Memoir entstanden, das McCartneys Stimme und Persönlichkeit auf jeder Seite spürbar werden lässt. Nicht nur für Menschen, denen die Musik der Beatles zum Soundtrack ihrer eigenen Jugend geworden ist, ein unvergleichliches Weihnachtsgeschenk, versichert Alfons Huckebrink.

 

© Foto Paul McCartney (oben): Mary McCartney 

<< Neues Textfeld >>

Ein Text! Sie können ihn mit Inhalt füllen, verschieben, kopieren oder löschen.

 

 

Unterhalten Sie Ihren Besucher! Machen Sie es einfach interessant und originell. Bringen Sie die Dinge auf den Punkt und seien Sie spannend.