Autor des eigenen Lebens werden:

Literatur und autobiografische Aufmerksamkeit

Eine Kooperation rund um das Thema autobiografische Aufmerksamkeit und autobiografisches Schreiben

  • Seminare
  • Schreibwerkstätten
  • Literaturempfehlungen

  

Die Kooperation für autobiographische Perspektiven wünscht allen Besuchern wie Lesern ein glückliches Neues Jahr. (Lektüretipp gefällig? Wir raten an langen Januarabenden zur empfohlenen Autobiographie von Yayoi Kusama.)

Ausblick: Neue Seminare und Veranstaltungen in 2018 siehe Menü oder bitte über Kontakt erfragen!

Jeden Monat finden Sie hier eine lesenswerte Biografieempfehlung

Die Biografieempfehlung des Monats Januar 2018

Yayoi Kusama: Infinity Net. Meine Autobiografie. Aus dem Japanischen von Nora Bierich. Bern / Wien: Piet Meyer Verlag 2017

 

"Ich streiche den heutigen Tag und bin in der Depersonalisation ..." Yayoi Kusama

Die am 22. März 1929 in der Präfektur Nagano geborene Japanerin Yayoi Kusama zählt zu den bemerkenswerten Künstlerpersönlichkeiten unserer Zeit, dies sowohl im Hinblick auf die Wechselfälle ihrer Lebensgeschichte als auch auf die Entwicklung eines ungewöhnlichen und ungewöhnlich bedeutenden Œuvres. Da beides im deutschsprachigen Raum erstaunlich unbeachtet geblieben ist, kann die bereits 2011 in London erschienene und nun endlich auch auf Deutsch verlegte, üppig illustrierte Autobiografie für manchen zu einer ebenso entdeckungs- wie erkenntnisreichen Lektüre werden.

Die Tochter einer im Pflanzensamenhandel reich gewordenen, angesehenen Familie beginnt bereits im Alter von zehn Jahren mit dem Malen und schöpft aus ihrer Neigung Lebenszuversicht. Erst nach dem Ende des zweiten Weltkriegs darf sie gegen familiäre Widerstände eine Hochschule besuchen, erkennt aber recht bald die bornierte Rückständigkeit des japanischen Kunstbetriebs. Recht früh machen sich bei ihr die Symptome einer psychischen Erkrankung bemerkbar. Sie leidet an nervösen Zuständen und Halluzinationen: Wahnvorstellungen von Blumen und Punkten, die durch Räume wandern. Unter dem Einfluss der Krankheit behauptet sie sich mit ihrer Malweise der Infinity Nets, großformatige „Abstraktionen, die auf der Wiederholung einfacher, kreisförmiger Pinselstriche beruhen“, so einer ihrer ersten amerikanischen Kritiker 1960.

Ermutigt von Georgia O‘Keeffe, wagt sie 1956 den Sprung in die USA. Nach entbehrungsreichen Anfängen entwickelt sie in New York ihre Kunst weiter, avanciert zur Königin der Polka-Dots und mischt die Szene mit spektakulären, damalige sexuelle Grenzen überschreitenden Happenings auf, deren weltweiter Resonanz und kommerzieller Vermarktung sie merkwürdig distanziert gegenüber steht. Immerhin ist sie anerkannt, dreht avantgardistische Kunstfilme (immer noch ein visuelles Erlebnis: „Kusama’s Self-Obliteration“ von 1967 auf youtube) und wird zu bedeutenden Ausstellungen eingeladen. 1993 nimmt sie als Repräsentantin Japans an der 43. Biennale in Venedig teil.

1973 kehrt sie nach Japan zurück, welches sie inzwischen als bedeutende Künstlerin akzeptiert hat. Sie veröffentlicht Gedichte und Romane, empfängt zahlreiche Ehrungen und entscheidet sich 1977 dazu, langfristig in einer psychiatrischen Klinik in Tokyo zu leben. Sie richtet sich gegenüber ein von Assistenten geführtes Atelier ein, wo sie bis heute täglich arbeitet und an ihrem weltweit gespannten Infinity Net webt.

Dieses Buch zu lesen und zu schauen wird zum Erlebnis. Sinnfälliger lässt sich Kunst, lässt sich ein Künstlerinnenleben kaum vermitteln, meint Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Dezember 2017

Laurence Tardieu: So laut die Stille. Roman. Hamburg: edition fünf 2017

 

La liberté est un monument indestructible (Banner am Bataclan, 15. November 2015)

Kaum eine andere autobiografische Erzählung eignet sich so gut als vorweihnachtliche Dezember-Lektüre. Laurence Tardieu verwendet die eigene Biografie in besonderer Weise als Ausgangsmaterial ihrer literarischen Arbeit:

Sie selbst ist vierzigjährig schwanger, als ganz in der Nähe ihrer Wohnung in Paris der Anschlag auf die Zeitung Charlie Hebdo verübt wird. Zwölf Menschen, darunter ein Großteil des Redaktionsteams, ermordet von fanatischen Islamisten. Sie bangt um ihre Töchter, deren Schule sich in der Nähe des Tatortes befindet, und gerät in Panik, die sie minutiös beschreibt, als Fallen, als bodenloses Entsetzen, das Mitgefühl mit den Opfern, das Erschrecken über die Veränderungen des Zusammenlebens. Das Entsetzen greift ihren Körper an, sie hat Angst, ihr Kind zu verlieren. „Ich wusste nicht, was wir da gerade verloren. Ich wusste nicht, was beginnen würde.“ Während dieser Schwangerschaft werden weitere Anschläge mit vielen Toten folgen: der jüdische Supermarkt, der Konzertsaal Bataclan … Diese Vergegenwärtigung der Schrecknisse wird durch einen zweiten Erzählstrang aufgefangen. Sie schreibt an einem Roman, der in Südfrankreich verortet ist, in einem Haus direkt am Meer, welches ihren Großeltern gehört hat und welches nun verkauft werden soll. Erinnerungen an Vertrauen, an Liebe, an alltägliche Schönheit, an Einfachheit, Sicherheit, an ein Gefühl des Zuhause-Seins werden in betörenden Bildern evoziert. Von diesem Haus wird sich die Familie verabschieden, es soll verkauft werden, weil es finanziell nicht zu halten ist. Abschied und Verlust werden als nicht nur traurig, sondern gar bedrohlich erlebt und stehen stellvertretend für den Verlust eines Gefühls des Vertrauens und der Geborgenheit in der Gesellschaft. Tardieus Empathie mit den Opfern, die morgens genau wie sie selbst zur Arbeit gehen oder Einkäufe erledigen und am Abend nicht mehr leben, scheint detailliert auf und gleichzeitig grenzenlos. Ein dritter Erzählstrang beschreibt ihre Versuche, „die Freude“ (am Leben) wiederzufinden, begleitet von der Geburt ihres Sohnes und der Erkenntnis, dass trotz allem die Schönheit des einzelnen Lebens unendlich ist und jedes davon so wertvoll ist, wie es eben sein kann, und deshalb geschützt und geachtet werden sollte. Der Angst vor dem Terror wird die Suche nach der eigenen Freiheit entgegengestellt. Besonders wegen der einfühlsamen Schönheit ihrer Sprache und einer Humanität, die gerade in dunkler Zeit gut tut, wird das Buch von Gudula Ritz empfohlen.

Die Biografieempfehlung des Monats November 2017

Christof Wackernagel: RAF oder Hollywood. Tagebuch einer gescheiterten Utopie. Springe: zu Klampen 2017

 

Die episodischen Erinnerungen des Schauspielers Christof Wackernagel (CW) setzen ein mit seiner Verhaftung am 10. November 1977 in Amsterdam. Zu diesem Zeitpunkt ist er nicht einmal ein Jahr bei der RAF. Mit einem anderen Neueinsteiger, Gert Schneider, will er Morphium für den vermeintlich krebskranken „Charly“ besorgen. Hinter diesem Decknamen verbirgt sich Peter-Jürgen Boock, der - so der Autor in einer Fußnote - die Gruppe für seine Drogenabhängigkeit funktionalisierte. CWs Pistole klemmt, Schneiders Handgranate explodiert, als beide auf offener Straße überwältigt werden. Im Rückblick erinnert sich Wackernagel an jenen „merkwürdigen Geruch“, den er kurz zuvor in seiner Wohnung festgestellt haben will. Rührt der vom Angstschweiß der diese in seiner Abwesenheit durchsuchenden Polizisten, deren Kollege zwei Wochen vorher bei einer „Konfrontation“ erschossen worden ist? CWs Überlegung: „Ich hätte nicht die Fenster aufreißen, sondern das Weite suchen sollen.“ Vielleicht wäre er dann um den Knast herumgekommen, aber unmöglich zu sagen, worauf er sich in der Folgezeit eingelassen hätte.

CW wurde 1951 in Ulm als Sohn eines Theaterintendanten und einer Schauspielerin geboren. Er schaute bereits auf eine erfolgreiche Karriere als gefeierter junger Held zurück, wurde gefördert und protegiert, u.a. von der Schauspielerin Rosemarie Fendel, und ihrem damaligen Mann, dem Regisseur Johannes Schaaf. Ein deutscher James Dean, der auf dem Sprung nach Hollywood stand, als er in die Illegalität abtauchte. Wegen einer Utopie?

Wohl auch wegen der einschneidenden politischen Erfahrungen ab 1967; vorher berichtet er im wesentlichen über eine behütete Kindheit in wohl situiertem Elternhaus. Seine Notate arbeiten sich ab an den bekannten Daten: Am 22. Mai 1967 brennt ein Kaufhaus in Brüssel, gemeint als Fanal gegen den Vietnamkrieg. Der junge CW sitzt gerade an den Mathehausaufgaben, als am 2. Juni Benno Ohnesorg in Berlin erschossen wird. Am 2. April 1968 brennen auch in Frankfurt/Main zwei Kaufhäuser, am 11. April erfolgt das Attentat auf Rudi Dutschke. Eine spannende Lektüre. Am 11. Mai endet der Sternmarsch auf Bonn mit einer Enttäuschung: „Wo waren die Millionen geblieben? Ich wusste, spürte: Es ist aus. Das war das Ende. In Deutschland würde es keine Revolution geben.“ Wie also weiter?

Spätestens seit diesem Datum beschäftigt sich CW mit dem Gedanken, sich in die militante Szene einzugliedern, wie es einige seiner Freunde bereits vor ihm getan haben. Er engagiert sich für die Rote Hilfe und gegen die Isolationshaft. Als Mitarbeiter des Anwalts Klaus Croissant wird er Beobachter des Stammheim-Prozesses. Er verknallt sich in Brigitte Mohnhaupt, deren Erscheinung ihn zu der Feststellung verführt: „Sie war einmal mehr ein lebender Beweis meiner These, dass die RAF in erster Linie eine Frauengruppe war: messerscharf analysierende, knallharte, wunderschöne, erotische Frauen - die Frauen der Zukunft, hier war der Anspruch, ‚Fokus der neuen Gesellschaft‘ zu sein, bereits verwirklicht.“

1980 wird CW wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 15 Jahren Haft verurteilt, unter Auflagen kommt er 1987 frei. Claus Peymann holt ihn auf die Bühne, und bald filmt er wieder, u.a. für das Fernsehen. Obwohl die Gesellschaft für ihn nach wie vor ungerecht ist, lehnt CW heute „Gegengewalt“ ab. Mit den Notaten seiner Tagebücher ermöglicht er im vierzigsten Herbst nach 1977 eine unverstellte Rückschau auf die damaligen Geschehnisse, empfindet Alfons Huckebrink

Die Biografieempfehlung des Monats Oktober 2017

Hisham Matar: Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater. München: Luchterhand 2017

 

"Die Rückkehr“….ist die authentische Beschreibung eines komplizierten Trauerprozesses. Dabei geht es um die Trauer des Autors um den Verlust des geliebten Vaters, der überraschend im Kairoer Exil vom libyschen Geheimdienst entführt wurde. Zugleich um die Trauer darum, zwanzig Jahre des eigenen Lebens mit verzweifelten Bewältigungsversuchen verbracht zu haben, sich nicht von der Suche lösen zu können und letztendlich keine Gewissheit zu erhalten, ob der Vater noch lebt oder ob er, was sehr wahrscheinlich ist, vor langer Zeit vom libyschen Regime ermordet wurde. Diejenigen, die es wissen, verweigern die Auskunft und halten den Suchenden hin. HMs Vater, ein ehemaliger lybischer Diplomat und Politiker, später Widerstandskämpfer gegen die Diktatur Gaddafis, wird auf offener Straße entführt, als HM ein junger Mann ist und in London studiert. Von dort aus engagiert er sich für die Freilassung des Vaters und einiger Familienmitglieder, die z.T. nach 17 Jahren als politische Gefangene entlassen werden. Sein Vater aber kommt vermutlich bei einem Massaker im berüchtigten Gefängnis Abu Salim in Tripolis mit 1800 Mitgefangenen ums Leben.

Die Trauer ist auch deshalb kompliziert, weil der Tod des Vaters nicht sicher feststeht, weil Informationen zum Tod verweigert werden, auch nach dem arabischen Frühling, wo im Grunde die gleichen Personen wie im alten Regime an den Hebeln der Macht sitzen und ein Interesse an der Verschleierung der  historischen Gräuel haben.

Obwohl das Buch voll von Trauer und Gewalt ist und z.B. von Folter handelt, ist es ein schönes Buch. Die Gewalt wird nicht inszeniert, sondern gerät an die Grenzen der eigenen Vorstellungskraft. Es überwiegen Schilderungen von Hoffnung und Liebe, z.B. zu seiner Mutter und seinen Brüdern und zu seiner Frau. So wird auch das Alltagsleben inmitten der Bedrohung deutlich. HM will sich das Massaker, in dem sein Vater vermutlich umkam, in allen Einzelheiten vorstellen, aber es bleibt eine vage Vorstellung, die aufgrund mangelnder Gewissheit nicht greifbar ist. Eine Erzählung, die anklagt und das Vergessen verweigert. Das findet auch Gudula Ritz sehr bedeutsam und empfiehlt deshalb diese Lektüre.

Das findet offenbar auch der Börsenverein des deutschen Buchhandels ein paar Tage später:

Zitat: "... unser Autor Hisham Matar wird für sein Buch 'Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater' mit dem Geschwister-Scholl-Preis 2017 des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern und der Landeshauptstadt München ausgezeichnet. In der Jurybegründung heißt es: ''Die Rückkehr” ist ein Buch über die überwältigende Widerstandskraft des menschlichen Geistes und über die Tugenden der Erinnerung, die dieser Erfahrung gerecht werden will: Beharrlichkeit, Sorgfalt und Vorsicht. Damit erinnert Hisham Matars Werk im weitesten Sinn an das Vermächtnis der Geschwister Scholl und ist geeignet bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben.''"

 

Die Biografieempfehlung des Monats September 2017

Deville, Patrick: Pest und Cholera. Roman. Zürich: Unionsverlag 2017

 

Dieser autobiografische Roman beschreibt die Lebensgeschichte Alexander Yersins, der 1863 im protestantischen Waadtland in der Schweiz geboren wurde, Sohn eines  privaten Insektenforschers, der den jung gestorbenen Vater nie kennengelernt, aber von dessen Beobachtungsgabe etwas mitbekommen hat.

„Pest und Cholera“ ist eine Forscherbiographie über den Entdecker des Pestbazillums, der ein Leben lang die Natur und seine persönliche Freiheit dem Labor vorzieht. Ein genialer Geist, der ungeheuer wissensbegierig, entdeckungsfreudig, erfindungsreich und vor allem extrem vielseitig ist, zunächst Abenteurer, Entdecker, Landvermesser und Ethnologe, später ein Begründer, Gutsbesitzer, Agrarforscher, Astronom und vieles mehr. Er geht als junger Student der Medizin auf Wunsch der Mutter zunächst nach Marburg, wechselt später nach Paris ans Institut Pasteur, wo er promoviert, die französische Staatsbürgerschaft annimmt und sich der „kleinen Bande der Pasteuriens“, dem Netz von Pasteur-Schülern, anschließt. Parallel gibt es in Paris zeitgleich die „kleine Bande der Parnassiens“, Künstler und Literaten, zu denen u.a. Rimbaud gehört, der mit Yersin den Mut und die Abenteuerlust gemein hatte. Yersin hat für Kunst und Literatur nicht viel übrig, dafür ist er technikbegeistert. Er verlässt gegen den Wunsch Pasteurs Paris und das Labor, um als Schiffsarzt auf der Linie Saigon-Manila zu arbeiten. Als ihm das nicht mehr genügt, entdeckt er eine bisher unbekannte Hochebene in Vietnam, freundet sich mit den Moi an, wird Landvermesser, lebt in Nha Thrang zunächst in einer Holzhütte, später in einem Landhaus, einen Ort, den er bis zu seinem Lebensende zu seinem Wohnsitz macht und später zum ausgedehnten Landgut erweitert. Yersin folgt unberirrt der Spur seiner inneren Neugier, trägt aber Verantwortungsgefühl und schlüpft in seine Laborkittel, wenn man ihn von Institut Pasteur ruft, z.B. als in Hongkong die Pest ausgebrochen ist und Tausende in kurzer Zeit sterben. Gerade angekommen, fallen ihm die vielen toten Ratten auf, was er in seinem Notizbuch vermerkt. Wie sich später noch herausstellen wird, sind Rattenflöhe die Überträger der Pest. In Hongkong finden sich Ärzte aus aller Welt ein, u.a. Japaner und Deutsche. Es gibt einen Wettlauf gegen die Zeit und gegeneinander, denn die Wissenschaftler sind von nationalen Interessen nicht unberührt. Doch obwohl man es Yersin in Hongkong schwer macht, ihm ein Labor verwehrt und er mit einem Feldlabor improvisieren muss, findet er den Pestvirus sehr schnell (der sich glücklicherweise bei Raumtemperatur am besten vermehrt) und kann bald Impfstoffe produzieren lassen. So schnell es geht, kehrt er nach seiner Entdeckung Nha Trang zurück, er liebt die Einsamkeit und Zurückgezogenheit und ist trotzdem ein Freund der Menschen am Kap der Fischer. In Vietnam ist sein Name heute bekannter als in Europa, vielleicht weil er sich aus Geld und Status nie etwas machte und die Zurückgezogenheit vorzog.

Yersin übersteht als junger Mann eine üble Lanzenattacke eines Banditen, als er seine Freunde, die Moi, verteidigt. Er überlebt dank seiner medizinischen Kenntnisse. Am Ende seines achtzigjährigen Lebens liest er Rimbaud, seinen Zeitgenossen, der mit siebenunddreißig Jahren bereits an den Folgen einer Verletzung gestorben war, da ihm die medizinischen (Grund-) Kenntnisse fehlten. Und so schließt Deville den Kreis seiner Erzählung. Deville gestaltet die Lebensgeschichte voraussetzungs- und eindrucksvoll. Aus personaler Perspektive, jedoch so nüchtern und sachlich wie der Schreibstil des Protagoisten beginnt der Roman 1940, als Yersin noch gerade rechtzeitig vor der deutschen Invasion in einem „weißen Wal“, einem Flugboot der Air France, Paris verlässt, wo er sich jedes Jahr mit den Mitgliedern der „kleinen Bande“ trifft und stets das gleiche Zimmer in einem bestimmten Hotel bewohnt. Während des Flugs blickt er auf sein Leben zurück, er liest seine alten Notizbücher und erinnert sich. Parallel fließen Kultur und Literaturgeschichte, Politik und die beiden Weltkriege ein und man erfährt viel aus der damaligen Zeit, vom enormen medizinischen und technischen Fortschritt und den politischen Geschehnissen des schlimmsten Jahrhunderts aller Zeiten aus der Perspektive eines Zeitgenossen, der stets Kriegen und politischem Ränkespiel aus dem Weg gehen wollte. Er schuf sich in Nha Trang sein eigenes Paradies und, so Deville, viele träumen davon aber „er schaffte es“. Empfohlen von Gudula Ritz.

 

Die Biografieempfehlung des Monats August 2017

Jucha, Gary J., Der ultimative Jimi Hendrix Guide. Höfen (A): Hannibal Verlag, 2017

Am 27.11.17 würde der Gitarrist Jimi Hendrix seinen 75. Geburtstag feiern können. Dieses Datum im Sinn besichtigte ich vor einigen Wochen den Jimi Hendrix-Gedächtnisstein auf der Insel Fehmarn. Unweit des malerischen Leuchtturms Flügge, mitten im einsamen Naturschutzgebiet gelegen, markiert er den Ort, an dem am ersten Septemberwochenende 1970 das nicht nur wegen des Wetters chaotisch verlaufende 'Love and Peace'-Festival stattfand. Am 06.09. hatte Jimi dort seinen letzten Auftritt,-  sieht man von einer Jam-Session am 16.09. mit Eric Burdon und dessen Gruppe War in Ronnie Scott's Jazz Club ab -, bevor er am 18.09. im Zimmer des Londoner Hotels Samarkand tot aufgefunden wurde.

Im eben neu erschienenen Guide zu Jimis Leben und Werk wird auch dieser Auftritt gewürdigt: Unmittelbar danach "flohen Hendrix und seine Band mit einem Hubschrauber von der Insel, während die Biker die Bühne in Brand setzten." Auf respektablen 484 Seiten handelt Gary J. Jucha so ziemlich jeden Aspekt in Jimis Leben und Nachleben ab: musikalische Wurzeln, Songanalysen, Studioarbeiten, Konzerte, Knebelverträge seitens der Musikindustrie, manipulative Groupies, Drogenkonsum, Bewertung der Todesumstände, Streit um seinen beträchtlichen musikalischen Nachlass, Sichtung der wohl niemals endenden posthumen Veröffentlichungen und Bewertungen. Jucha kann als einer der besten Kenner des Phänomens Hendrix gelten. Dass er dem Leser seine (stets begründeten) persönlichen Einschätzungen nicht vorenthält, macht ihn sympathisch und verleiht dem Buch einen hohen Gebrauchswert für arrivierte Fans wie für neu Infizierte, deren nicht abreißender Strom den Mythos Hendrix dauerhaft umspült.

Das erste Konzert der frisch formierten Jimi Hendrix Experience fand übrigens im Oktober 1966 als Vorgruppe von Johnny Hallyday im Novelty Theatre in Evreux (F) statt. Einen ersten Triumph feierte die Gruppe am 18.10. im Pariser L'Olympia. Kurios, dass die Experience in den USA auch mal als Vorgruppe der Monkees auftrat ...

Sicherlich mag das plakative Attribut 'ultimative' im Titel des Buches den einen oder die andere verstören, wenngleich die Fülle des ausgebreiteten Materials geeignet ist, fast alle Fragen zu Hendrix zu beantworten. Fast alle, denn glücklicherweise konzediert der Verfasser selbst, dass eine Annäherung an ein musikalisches Genie manche Gewissheit in Frage stellt. Wirst du nie mehr Surf Music hören? Empfohlen von Alfons Huckebrink, der sich in dieser Frage bereits festgelegt hat.

Die Biografieempfehlung des Monats Juli 2017

Stollberg-Rilinger, Barbara: Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit. München: C.H.Beck, 2017

"Es gibt keinen wirklichen Verlust in dieser Welt als den der Zeit; er ist irreparabel; mit einem unnützen, nichtstuerischen Leben verwirkt man sein Seelenheil." Diese Maxime vermittelt die Monarchin 1774 ihrem Sohn Ferdinand und vielleicht kennzeichnet gerade dieses Zitat überaus genau die Persönlichkeit Maria Theresias (1717-1780), deren Lebenszeit soeben in einer herausragenden Untersuchung der Münsteraner Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger (St.-R.) ausgeleuchtet worden ist. Vielen wird Maria Theresia aus drögem Geschichtsunterricht wohl lediglich noch bekannt sein als große und weibliche Gegenspielerin Friedrich II., eines aus ihrer Sicht drittklassigen Aufsteigers, dem sie Schlesien überlassen muss, sowie hintangesetzt zu ihrem Sohn und Nachfolger Joseph II., der als aufgeklärter Monarch weitreichende Reformen im habsburgischen Länder- und Völkerkonglomerat in die Wege leiten wird.

St.-R. gelingt es in glänzender Manier, dem Wirken Maria Theresias gerecht zu werden, indem sie erfolgreich versucht - auch durch Heranziehung einer stupenden Anzahl von Quellenbelegen - ihre Herrschaft in die widersprüchlichen Entwicklungslinien jener Epoche einzuordnen sowie ihr Bildnis jenseits der zahlreichen Mythen, die eine immens fleißige Geschichtsschreibung in den ersten 200 Jahren nach ihrem Ableben geschaffen hat, neu zu konturieren. Sei es ihre Inszenierung als weibliche Herrscherin und ihre kinderreiche Ehe mit dem von Geburt rangniedrigeren Kaiser Franz Stephan, seien es ihre Kriege, nicht zuletzt die Katastrophe des 7-jährigen mit der vorhergehenden Umwälzung der europäischen Allianzen, seien es die Vertreibung der Prager Juden, die Verfolgung der Protestanten oder die Hungersnöte in Böhmen, um nur einige wenige Aspekte der Biografie zu benennen, stets bleibt St.-R. ihrer Leitlinie treu und betrachtet Herrscherhandeln und seine Begrenztheit im Zusammenhang der Zeitläufte und der gegebenen, durchaus widersprüchlichen Interessenlagen. Akribisch genau und durch gut ausgewählte Zitate belegt, zeigt ST.-R. auf, was es mit der berühmten Heiratspolitik (... tu felix Austria nube) auf sich hat und wie Maria Theresia Familienpolitik nach den vermeintlichen Erfordernissen ihres dynastischen Verständnisses betrieb. Zumeist mit zweifelhaften Erfolgen, besonders drastisch verdeutlicht am Schicksal ihrer Tochter Maria Antonia, die als Marie Antoinette und ehemalige französische Königin auf der Guillotine hingerichtet wird, was mitzuerleben ihrer Mutter erspart bleibt.

Am Ende hat Maria Theresia ihre eigene Epoche überlebt, ist in vielfacher Hinsicht - gemessen an den eigenen Vorstellungen - gescheitert und betrachtet sich selbst als Wesen aus einem anderen Zeitalter. Im Kreise etlicher Familienmitglieder stirbt sie am 30. November 1780. Sie "richtete ihre erstaunliche Willenskraft und Disziplin nur noch darauf, einen schönen Tod zu sterben", schreibt St.-R. am Ende ihrer fulminanten Darstellung, deren Lektüre Ihnen kaum Disziplin abverlangt, dafür lang anhaltenden Genuss verspricht, meint Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Juni 2017

Coelho, Paul (2016): Die Spionin (Mata Hari). Zürich: Diogenes

 

Der weltbekannte Autor Paulo Coelho hat sich der Lebensgeschichte von Mata Hari (*1876 -15.10.1917 mit 41 Jahren) angenommen und diese als fiktive Autobiografie gestaltet. Die Romanbiografie beginnt mit einem Pressebericht über die Hinrichtung Mata Haris am 15.10.1917 in Vincennes, die in diesem Jahr 100 Jahre zurückliegt. Mata Hari ging aufrecht in diese finale Situation, und wenn sie auch ihr Leben nicht bewahren konnte, so doch ihre Würde.

Sie wurde, so offenbar auch die Auffassung des Autors Coelho, zu Unrecht wegen Spionage für Deutschland verurteilt. Coelho gestaltet im weiteren Verlauf die Biografie als Briefwechsel von MH mit ihrem Anwalt, in den längere biografische Episoden rückblickend einfließen, die einen tieferen Blick auf die Persönlichkeit von Margaretha Zelle, alias Mata Hari, erlauben. Den Künstlernamen Mata Hari nahm sie nach der Trennung/Scheidung an, unter ihm wurde sie schnell eine der ersten und berühmtesten Showstars des beginnenden 20. Jahrhunderts in Paris. Dabei imitierte sie Tänze, die sie während ihres Aufenthalts mit einem niederländischen Offizier in Ost-Indien gesehen hatte, und mischte sie mit Erotik. Sie betrachtete ihre (Schleier-) Tänze als Kunst. Sie war mutig, unabhängig und unkonventionell, was für eine Frau der damaligen Zeit bemerkenswert war. Stets bewahrte sie sich ihren eigenen, manchmal eigensinnigen Blick auf Menschen und Umstände. Dies wurde ihr möglicherweise zum Ende ihres Lebens zum Verhängnis, weil sie die Gefahr der Verleumdung, in der sie sich befand, unterschätzte und die der Unterstützung durch einflussreiche Kontakte überschätzte. Empfohlen von Gudula Ritz

Die Biografieempfehlung des Monats Mai 2017

Hardy Krüger: Was das Leben sich erlaubt. Mein Deutschland und ich. Mit historischen Ergänzungen von Peter Käfferlein und Olaf Köhne.

Hamburg: Hoffman und Campe, 2016

 

In diesem autobiografischen Werk blickt der nun über 85 jährige Schauspieler und Autor Hardy Krüger auf seine Kindheit und Jugend im Nazideutschland sowie im 2. Weltkrieg sowie seine beginnende berufliche Entwicklung zurück. Seine Perspektive fokussiert vor allem auf die Verwobenheit seiner Lebensgeschichte mit der jüngeren deutschen Geschichte, was der gewählte Titel und Untertitel „Was das Leben sich erlaubt. Mein Deutschland und ich“ bereits andeuten. Man könnte meinen, HK sei im Verlaufe dieser Geschichtsverwerfungen hilfloses Opfer der Umstände gewesen, was in gewisser Weise bei Kindern natürlich wäre und die ersten Kapitel des Buches dem Leser auch nahelegen, doch dies ist eine irrtümliche Annahme.

HK, Kind von überzeugten Nazis und Parteimitgliedern, schildert authentisch und nachvollziehbar, was dies für Kinder der damaligen Zeit bedeutet hat. Diese Sichtweise ist schon mal ungewöhnlich und weicht von den weit verbreiteten tabuisierenden, leugnenden und/oder heuchlerischen Kindheitsbeschreibungen ab. HK wird später mit 13 Jahren sogar Schüler der Ordensburg in Sonthofen, eine Art Militärakademie der Hitler-Jugend, wo er sich im inhumanen Depersonalisierungsprozess und in innerer Zerrissenheit zwischen äußerer Anpassung und Bedürfnisverweigerung einen Persönlichkeitskern scheint erhalten zu haben, der nicht ganz infiltiert wurde. Seine Lebensträume waren Fliegen und Schreiben. Eine wichtige Ressource ist die Bibliothek, die zwar der Zensur unterliegt, aber immerhin die Bekanntschaft mit Shakespeare ermöglicht. Eine weitere Ressource und Freiheitsoption war das Segelfliegen, welches im Rahmen der Schule gelernt werden konnte und das (heimliche) Tagebuchschreiben. Historische  Einstreuungen untermauern den persönlichen Rückblick. Als Omen bezeichnet es HK, dass er zweimal im Laufe seiner Kindheit direkt neben einem Kino wohnte, welches großen Eindruck auf ihn machte und später, in seiner jungen Schauspielkarriere, wieder aufgegriffen wurde und zu seinem „Doppelleben“, d.h. zu einer kritischen Haltung und passiven Widerstand gegen die Nazis geführt hat. Der Schauspieler Alfred Weidenmann sorgte für Sonderbeurlaubung HKs aus der Ordensburg und stellte die Weichen für die weitere persönliche Entwicklung und die Schauspielkarriere, die in der Ufa in Babelsberg begann und einerseits die Nähe zum Elternhaus ermöglichte und andererseits Kontakt mit kritischen Informationen und Mentoren, die sich im Widerstand gegen das Naziregime engagierten. Der bedeutendste Mentor war der Schauspieler Hans Söhnker, der sich für die Rettung von jüdischen Mitbürgern einsetzte und für HK so etwas wie ein zweiter Vater war. Es folgen eindrückliche Schilderungen der Erfahrung des Schrecklichen, des Kriegs, der Vernichtung von Millionen Menschen, der Todesnähe, des Unaussprechlichen, von Schuld und Zerstörung – aber auch des Überlebens. In der Nachkriegszeit folgt die Flucht aus amerikanischer Gefangenschaft, die Arbeit am Hamburger Schauspielhaus und als Radiosprecher im deutschsprachigen BBC.

Die autobiografische Erzählung endet mit der Verwobenheit der Lebensgeschichte mit einem befreundeten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Helmut Schmidt, und dem Altkanzler Adenauer, zu dem er eine kritische Haltung besaß und diese öffentlich kundtat. Es findet sich wenig aus seiner privaten Lebensgeschichte in diesem bemerkenswerten autobiografischen Werk, außer der Begegnung mit seiner großen Liebe, der Amerikanerin Anita Park, mit der er zum Zeitpunkt der Erzählung über 40 Jahre verheiratet ist. Heute noch, in fortgeschrittenem Alter, engagiert sich HK für die politische und persönliche Bildung von jungen Menschen. Sehr empfehlenswert, vor allem wegen der in vielfacher Hinsicht einzigartigen und ungewöhnlichen Perspektive, findet Gudula Ritz.

 

 

Die Biografieempfehlung des Monats April 2017

Patric Seibel: "Ich bleibe immer der vierjährige Junge von damals". Das SS-Massaker von Distomo und der Kampf eines Überlebenden um Gerechtigkeit. Frankfurt/ M.: Westend 2016

10. Juni 1944. Um halb sechs Uhr abends überfällt eine Kompanie des SS-Panzergrenadier-Regiments aus Livadia das griechische Dorf Distomo. SS-Hauptsturmführer Fritz Lautenbach erteilt den Befehl, alle Dorfbewohner zu töten. Die Soldaten geraten in einen Blutrausch. Das Massaker an den Dorfbewohnern fordert 218 Opfer. Der vierjährige Argyris Sfountouris überlebt mit seinen Schwestern, weil ein deutscher Soldat sie ins Haus zurückscheucht. Die Kinder haben an diesem Tag 32 Verwandte verloren, darunter Vater und Mutter. Keiner der Täter wird jemals vor Gericht gestellt werden. "Argyris ist zu jung, um zu verstehen, was passierte. Sobald er älter geworden ist, versucht er, das Unfassbare zu begreifen. Dieses Warum beschäftigt ihn sein Leben lang."

Der Autor und Journalist Patric Seibel hat dieses Leben jetzt in einer sorgfältig recherchierten, einfühlsam geschriebenen Biographie dargestellt. Argyris hat Glück. In den nächsten Jahren (Kriegsende, Bürgerkrieg) überlebt er nur knapp; aufgrund der Mangelernährung behält er einen Leberschaden. Im Jahre 1949 wird er ausgewählt für einen Platz im neugegründeten Pestalozzi-Kinderdorf in Trogen (CH). Er findet sich in fremder Umgebung langsam zurecht, hat Freude und Erfolg beim Lernen und erwirbt die Matura. Er studiert Physik, wird Lehrer, gründet eine Zeitschrift und leitet später Hilfsmissionen der UNO in Afrika und Asien. Seinem Dorf bleibt er verbunden, obwohl er in den ersten Jahren nur selten nach Griechenland zurückkehren kann. Zunächst wegen des mangelnden Geldes, später wegen der Militärdiktatur, die er von der Schweiz aus entschieden bekämpft.

Der 50. Jahrestag des Massakers ist ihm und anderen Anlass, sich für die Überlebenden um eine Entschädigung einzusetzen, welche bis heute ausgeblieben ist. Im ersten ablehnenden Bescheid schreibt ihm die deutsche Botschaft 1995, die "Vergeltungsaktionen" seien "als Maßnahmen im Rahmen der Kriegsführung" zu betrachten. Reparationszahlungen, wie sie zuletzt von Ministerpräsident Tsipras geltend gemacht wurden, werden von deutschen Regierungen abgelehnt. Gleichermaßen wendet sich Argyris in den nächsten Jahren gegen eine aufgezwungene Versöhnung, die Geschichte, Gedenken und Erinnerung nivelliert, sowie gegen das Aufkommen griechenfeindlicher Stereotype in den Medien.

Seine jüngere Schwester Kondylia hat nicht soviel Glück. Sie lebt schwer traumatisiert seit dem Überfall in einem Pflegeheim. Die dem Land vor allem von Wolfgang Schäuble aufgezwungenen 'Reformen' haben in einer bitterbösen geschichtlichen Volte dazu geführt, dass die Rente Kondylias um 300 € gemindert wurde, während die Heimkosten gleichzeitig um 150 € stiegen.

Ein sehr lesenswertes Buch über einen klugen gebildeten Menschen, Geschichtsschreibung aus der Perspektive der Opfer und somit ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen, Vereinnehmen und Verdrehen. Urteilt Alfons Huckebrink

Anmerkung: 2006 drehte der Schweizer Stefan Haupt seinen eindrucksvollen Film "Ein Lied für Argyris". Er ist bei Youtube zu sehen.

Die Biografieempfehlung des Monats März 2017

George Martin (mit Jeremy Hornsby): Es begann in der Abbey Road. Der geniale Produzent der Beatles erzählt. Höfen (A): Hannibal Verlag 2013

Die Autobiografie des am 8. März 2016 verstorbenen Musikers und Produzenten George Martin trägt im englischen Original den Titel "All you need is ears". Das sinnige Wortspiel mit einem bekannten Beatles-Titel verweist bereits auf die diffizile Aufgabe des Autors, den Leser auch für das Leben vor und nach den Jahren mit der Liverpooler Band zu interessieren. Das gelingt ihm recht gut.

George Martin ist bei mehr als 5000 Titeln als Produzent registriert. Insgesamt war er für über 30 Nummer-eins-Hits verantwortlich. Wir erfahren, wie jemand, der klassische Musik studiert hat, überhaupt auf die Idee kommt, Produzent zu werden, und schließlich bei Parlophone landet; die ersten Kooperationen mit Peter Sellers, Spike Milligan oder Bernard Cribbins werden gewürdigt. Zudem gibt es lesenswerte Kapitel, veritable Grundkurse, über Klänge und ihre Wirkungen sowie über die Entwicklung der Aufnahmetechnik.

Indessen beginnt das Buch mit der bekannten Episode, wie Martin Anfang 1964 in Paris John und Paul überreden muss, die beiden Titel "I want to hold your hand" und "She loves you" auf Deutsch aufzunehmen, die Lyrics übersetzt von einem Deutschen. " 'Sie liebt dich, ja, ja, ja ...' klang in meinen Ohren wie eine für Peter Sellers charakteristische Parodie." Gleichzeitig erreicht der erstgenannte Titel die Spitzenposition der US-Charts und die Beatles werden nie wieder einen Song in einer anderen Sprache aufnehmen.

Immer wieder spannend zu lesen sind Berichte über das Kennenlernen und die Produktion der ersten Beatles LP "Please, please me", wobei Martin eine Lanze bricht für jenen unglücklichen Decca-Kollegen, der die Band nach einem Vorspielen hat abblitzen lassen. Angemessen detailliert wird die Entstehung des legendären Meisterwerks "Sergeant Pepper's" geschildert und der Leser erhält manchen Einblick in die für die damalige Zeit erstaunlichen technischen Raffinessen, die sich Musiker und Produzent haben einfallen lassen.

Was im Buch nicht verraten wird, sei hier als kleiner Service nachgereicht, nämlich der Name des "deutschen" Übersetzers jener Titel "Sie liebt dich" und "Komm gib mir deine Hand". Es war der Sänger Camillo Felgen (1920 - 2005), damals Moderator der Hitparade von Radio Luxemburg, und natürlich kein Deutscher, sondern Luxemburger. (Könnte vielleicht mal die Antwort auf eine 1 Million-Euro-Frage werden.)

Eine empfehlenswerte Lektüre nicht nur für Beatles-Fans. Dem Buch hätte allerdings ein sorgfältiges Endlektorat gut getan; es enthält zahlreiche sprachliche Fehler. Alfons Huckebrink

Die Biografieempfehlung des Monats Februar 2017

John Williams, Augustus. München: dtv 2016

Den ersten römischen Kaiser Augustus, geboren als Octavius, kennt vermutlich jeder aus dem Neuen Testament als Initiator einer berühmten Volkszählung. Mit seinem Onkel Gajus Julius Caesar, der ihn später adoptierte und zum Erben bestimmte, sowie dem großen Alexander gehört er zu den bedeutendsten Gestalten der Antike. Von beiden letztgenannten unterscheidet ihn, dass er sehr lange lebte (63 v. Chr. – 14 n. Chr.) und dass sein politisches Lebenswerk noch lange nach seinem Tod Bestand hatte.

Der Autor John Williams (gest. 1994 in Arkansas) ist vermutlich weniger bekannt. Er schrieb drei Romane, darunter den bekannten ‚Stoner‘, seinen leider weniger verbreiteten Erstling ‚Butcher’s Crossing‘ und eben ‚Augustus‘.

In diesem Buch, in dem sich zwei Teile identifizieren lassen, bedient er sich der Methode der fiktiven Aufzeichnungen, deren Ergebnis der Gattung Briefroman sehr nahekommt.

Im ersten Teil geht es um den Aufstieg des jungen Octavius und die Befestigung seiner Macht als Augustus. Stichworte wären die Ermordung Caesars, das Ringen mit Marc Anton und Kleopatra, der Tod wichtiger Gefährten und eine beginnende Vereinsamung.

Der zweite Teil eröffnet mit einer neuen Stimme, dem Tagebuch der Tochter Julia, und endet mit einem fiktiven Lebensfazit in Briefform des Kaisers selbst, das überlieferte Textfragmente umschließt. Es handelt von der Einsamkeit der Macht und der Vergeblichkeit menschlichen Strebens. Ein großartiger Ausklang, in dem die Passage um den Verlust der römischen Legionen in der Varusschlacht für deutsche Leser äußerst erhellend sein dürfte, wird hier Arminius doch als die Persönlichkeit geschildert, die er wohl tatsächlich verkörpert haben dürfte: ein intrigantenreicher schnöder Verräter. Insgesamt ist das Buch auch in literarischer Hinsicht mit großem Genuss zu lesen. Viel mehr kann der Leser von einem historischen Roman nicht wirklich erwarten, meint Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Januar 2017

Bella Chagall: Brennende Lichter“. Reinbek: Rowohlt Verlag 1966

 

Dieses autobiografische Werk der Ehefrau des berühmten russischen Malers Marc Chagall wurde von diesem mit zahlreichen Skizzen und Zeichnungen bedacht. Bella Chagall beschreibt in diesem Werk Erinnerungen an ihre früheste Kindheit in Russland, wo sie als Bella Rosenberg 1885 als Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie geboren wurde.

Sie starb in New York 1944, wo sie offenbar diesen Text verfasst hat.

Schon der Einstieg ist berührend: „Seltsam – ich möchte plötzlich schreiben, stammelnd in meiner Muttersprache schreiben, die ich nicht mehr gesprochen habe, seit ich mein Elternhaus verließ. So weit meine Kinderjahre von mir weggeglitten sind, jetzt kommen sie zu mir zurück, näher, immer näher, sind schon so nah, daß ich ihren Atem zu spüren glaube." (S. 7) Das Original wurde in Jiddisch geschrieben.

Dem Leser werden eine bilderreiche Sprache und Szenen der russisch-jüdischen Kultur lebhaft und mit den Augen eines kleinen Mädchens vermittelt. Dabei werden einem nicht nur die Kinderperspektive, z.B. das Gefühl eines jüngsten Kindes in einem Geschäftshaushalt, das Eins-Sein mit der Natur während der sommerlichen Landaufenthalte nahegebracht, sondern die verschiedenen Bräuche der jüdischen Kultur selbst aus Kindersicht. Im Anhang befindet sich ein Glossar mit jüdischen Begriffen, die dem Leser das Verständnis erleichtern. Es werden viele Parallelen zu christlichen Ritualen deutlich und dadurch auch die ursprüngliche Bedeutung dieser Religion für die abendländische Kultur. Bella Chagall zeichnet prototypische Szenen wie das Bad, den Hof, Neujahr, Schlittenfahrten mit ihrem Bruder, eine Hochzeit u.v.m. so bilderreich mit zarten einfachen Worten, zu denen wunderbar die Gemälde und Zeichnungen ihres Ehemannes Marc Chagall harmonieren. Empfohlen von Gudula Ritz

 

Die Biografieempfehlung des Monats Dezember 2016

Bruce Springsteen: Born to run. Die Autobiographie. München: Heyne 2016

"Mit zwanzig war ich kein Rebell mit Rennwagen, sondern spielte auf den Straßen von Asbury Park Gitarre und war bereits ein durchaus anerkanntes Mitglied derer, die um der Wahrheit willen 'lügen' ... ein Musiker, Künstler mit kleinem k."

Unter den zahlreichen Titeln, die der vergangene Bücherherbst im Segment (Auto-)biografie zur Marktreife brachte, ragen die Erinnerungen von Bruce Springsteen aus mindestens zwei Gründen hervor.

Zum Einen besticht der distanziert abgeklärte, (selbst-)ironisch durchwirkte Stil, der von einem Rockmusiker in dieser Eleganz nicht unbedingt zu erwarten gewesen wäre. Zum Anderen und aus ersterem resultierend werden dem Leser die Schwierigkeiten und Selbstzweifel, die eine Karriere als Rockstar begleiten und prägen,

authentisch vor Augen geführt. Vor allem ist es die Emanzipation des tagträumenden Jungen aus einem italienisch-irischen Arbeitermilieu, in dem die Hinwendung zur populären Musik ein pubertäres Wagnis und stets auch eine Fluchtbewegung darstellt. Die harte Schule von Auftritten mit der ersten Band The Castiles in YMCA-Kellern, College-Aulen und Vorstadt-Pizzerien ist Voraussetzung, um sich sowohl von den angesagten Doo Wop-Schnulzen als auch von den mächtigen Einflüssen der British Invasion (Rolling Stones, Beatles, Animals) oder eines Bob Dylans bei den Lyrics zu lösen.

Enthüllungen werden in dieser Autobiografie, die gespickt ist mit durchaus auch tragischen Episoden - einige der Musikerkollegen sterben in Vietnam, der Autor selbst entgeht trickreich einer Einberufung -, nicht gemacht. Sieht man von Springsteens Eingeständnis ab, an einer bipolaren Störung zu leiden. Die hat er allerdings auch in manchen Songs wie 'This Depression' aus dem 'Wrecking Ball'-Album von 2012 bereits besungen, deren Texte eben nicht einen ausschließlich fiktionalen Charakter besaßen.

Ein großartiges Buch, dessen 671 Seiten in der deutschen Ausgabe manch unterhaltsamen Winterabend versprechen, versichert Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats November 2016

Alastair Brotchie: Alfred Jarry. Ein pataphysisches Leben. Bern / Wien: Piet Meyer Verlag 2014

 

Anzuzeigen ist ein kiloschweres Buch des Engländers Alastair Brotchie über den genialen Alfred Jarry, fein ausgestattet mit Skizzen, Fotografien und Zeichnungen. Es besticht durch Transparenz und einer, trotz seines Volumens, hohen Lesbarkeit. Wer war Alfred Jarry, den die meisten wohl vor allem durch sein schrilles schräges Drama "Ubu roi" kennen, das seit seiner skandalösen Uraufführung 1896 in Paris alle bis dahin geltenden Theaterkonventionen über den Haufen warf und bis heute gerne inszeniert wird? Eine effektvolle Initialzündung, die die Literatur- und Kulturgeschichte nachhaltig radikal beeinflusste. Jahre später erkannten die Dadaisten und Surrealisten in diesem ebenso verschrobenen wie genialen Chaoten ihren genuinen Wegbereiter.

Alfred Jarry lebte nur kurz; geboren 1873 im bretonischen Laval, wurde er von Freunden verwahrlost in seinem Zimmer in Paris gefunden. Er starb, gerade 34-jährig, am 1. November 1907 im L'Hôpital Charité an einer meningealen Tuberkulose.

Jarry wird zum Begründer der Pataphysik, die von ihm selbst als "Wissenschaft imaginärer Lösungen" beschrieben wird, was in der Konsequenz bedeutet, so Brotchie, dass "Theorien ihrer Originalität halber geschätzt werden sollen, unabhängig von ihren Bedeutungen oder ihrer Anwendbarkeit." In diesen Wendungen scheint das fantasievolle Grundmoment der Pataphysik auf, die immer auch eine anarchische Konnotation aufweist. Und was wäre als pataphysisches Medium geeigneter als die Literatur, als poetische Transmutation der Begriffe und Vorstellungen?

Eine Art Urerlebnis in Jarrys Leben findet wohl während eines banalen Schulalltags statt. 1888 kommt er in Rennes in die Klasse des Physiklehrers Hébert, den seine gesamte Umgebung nicht recht für voll nimmt. Er ist für seinen himmelschreiend chaotischen Unterricht bekannt und wird später deshalb versetzt. Für Jarry, damals ein ebenso aufsässiger wie aufgeweckter Schüler, wird dieser Lehrer geradezu zum Inbegriff des Grotesken und er nimmt ihn als Vorbild für die Theaterfigur König Ubu.

Trotz seiner Bekanntheit durch dieses Stück und seiner Mitarbeit an der Zeitschrift "Mercure de France" erweisen sich seine späteren Romane als finanzielle Flops. Jarry lebt bald unter erbärmlichen Verhältnissen in einer kleinen Hütte an der Seine. Er konsumiert massenweise Alkohol, beide Beine sind gelähmt, eine fortlaufende Clochardisierung.

Diese reich mit literaturhistorischen Details gespickte, klug aufbereitete Biografie bereitet das pure Lesevergnügen und wäre nicht zuletzt ein überaus entzückendes Weihnachtsgeschenk, meint Alfons Huckebrink

Die Biografieempfehlung des Monats Oktober 2016

Malmsten, Bodil (2001/2007): Der Preis des Wassers in Finistère. Wien: Deuticke-Verlag.

 

„Für jeden Menschen gibt es einen Platz, der zu ihm gehört.“ So lautet der Untertitel des Romans von Bodil Malmsten, einer Autorin, die im Februar diesen Jahres in Schweden mit 71 Jahren verstarb. Der Roman ist autobiografisch, er handelt davon, wie BM um die Jahrtausendwende Schweden verlässt und nach Finistère in der Bretagne aufbricht, um dort zu leben. Die Zeit der Immigration wird beschrieben, sie erzählt, wie sie ein altes Haus gekauft hat, mit Blick auf das Meer, und den alten verwilderten Garten nach ihren Wünschen anlegt. Der Leser taucht tief ein in das selbstvergessene Gärtnern, das Legen von Steinplatten, das Umgraben, Säen und Pflanzen der verschiedensten Gewächse, meist mit Blüten. BM erlebt und beschreibt dieses Leben als Paradies, das ein halbes Jahr andauert.

Traurig lesen sich diese Zeilen, die sie sechsundfünzigjährig schreibt, als sie Eichenschösslinge hegt: „In fünfundzwanzig Jahren bin ich erst achtzig und habe noch viele Jahre vor mir, in denen ich mich an meinem Garten erfreuen kann.“ Wie wir wissen, blieben ihr noch 16 Jahre, nicht ohne erneute Aufbrüche und Abschiede.

Sie wandert in ihren Erinnerungen zurück in die Kindheit in Schweden, hin- und hergerissen zwischen der mondänen Welt ihres Vaters und ihrer Großmutter väterlicherseits und dem bäuerlichen Leben mütterlicherseits, hier nennt sie die Großmutter „Momma“. Beiden Großmüttern ist dieses Buch gewidmet, beide Lebensspuren versucht sie in ihrem Garten zu vereinigen. Sie pflanzt Flieder (wie Momma) und Pfingstrosen (wie Großmutter).

"Lange, nachdem ich gestorben bin, wird es die Päonien geben, mit ihren gefüllten weißen Blüten, durch deren Blütenblätter sich rote Streifen wie Nervenbahnen ziehen.“

Die Sehnsucht nach diesem Ort, dem sich BM zugehörig fühlt, wird hier deutlich, aber auch die Sehnsucht, zu etwas Größerem zu gehören: dem unendlichen Meer, der unendlichen Zeit. Diese Haltung, die die Grenzen des eigenen Lebens überschreitet, kann man als Sinn beschreiben. Im Anlegen des Gartens wird für BM Sinn erfahrbar.

Madame C. beendet die paradiesische Zeit. BM hat bewundert gesagt: „Finistère ist so schön, man müsste ein Buch darüber schreiben!“, was Madame C. mit „genial!“ kommentiert und nun nicht locker lässt, bis alle Schreibblockaden überwunden und das Werk, was wir nun lesen können, fertig gestellt ist. Interessanter Wechsel der Ebenen, im Schreiben eines Textes über die Entstehungsgeschichte eines Werks zu erzählen. Es gibt noch einen Herrn Godot (den Klempner, der fast nie kommt) und einen Beinahe - Liebhaber, Monsieur Le R, dem Rosenkavalier.

Es handelt sich um das Logbuch einer Immigration in ein fremdes schönes Land, an einen geliebten wunderbaren Ort, um Veränderung, einer Suche nach Zugehörigkeit, Sinn und letztendlich nach künstlerischem Ausdruck. Empfohlen von Gudula Ritz

Die Biografieempfehlung des Monats September 2016

Lily Brett. Lola Bensky. Suhrkamp 2012

Lola Bensky ist das Alter Ego von Lily Brett, einer australischen Autorin, die inzwischen in New York lebt. Es handelt sich um einen autofiktionalen Roman, der in personaler Perspektive und nicht in Ich-Form geschrieben ist, aber wesentliche autobiografische Anteile enthält.

LB ist in einem Lager in Deutschland 1946 geboren, nachdem ihre Eltern, die im Ghetto in Lodz geheiratet hatten, in Auschwitz getrennt und später wiedervereint wurden. Danach wandert die nicht-religiöse jüdische Familie nach Melbourne/Australien aus. LB wird nicht, wie die Eltern erhofft haben, Juristin, sondern Journalistin für ein australisches Rock-Journal. Auch in anderer Hinsicht enttäuscht sie ihre Eltern, vor allem die Mutter, denn LB ist mollig, für das Kind einer Auschwitz – Überlebenden eine Ungehörigkeit. Sie selbst hat ein ambivalentes Verhältnis zu ihrem Körper, denn ihre Generation orientierte sich an Twiggy, dem damaligen Schönheitsideal, die sie ebenfalls interviewt.

Die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung ist ein zentraler Erzählfaden, wobei die fehlende Präsenz der Mutter, die, so nahm LB an, ihre Zeit mit den Toten verbrachte, den unzähligen Verlusten in ihrer Familie durch den Holocaust. Mit dem Vater unternimmt sie schöne Ausflüge in Zirkusse und Tivoli-Bars. Sowohl das genussvolle Essen als auch die Welt der Shows und der Glamour der Künstler bilden einen Kontrast zu den düsteren Ahnungen, die einzelne Äußerungen der Mutter hervorrufen. Möglicherweise fühlt sich LB gerade deshalb zur Welt der Stars und Künstlern hingezogen, die im Zentrum ihrer späteren Berufstätigkeit stehen. Hin und wieder werden die Auschwitz-Erzählungen der Mutter in die inneren Monologe eingestreut, die LB als junges Mädchen angehört hat und die sie überfordert haben.

Im Mittelpunkt des Romans stehen jedoch nicht die Auschwitz-Erlebnisse und die Konsequenzen transgenerationaler Traumatisierung, sondern die schwierige Selbstentwicklung der 19jährigen LB, die als Musikjournalistin um die Welt reist und die Stars der 60er und 70er Jahre interviewt. Die Entwicklung kann als Weigerung verstanden werden, sich durch die Gewalterfahrungen und Traumatisierungen beherrschen zu lassen und sich stattdessen den schönen Seiten des Lebens zuzuwenden. LB setzt in ihrem Roman Stars wie Jimmy Hendrix, Cher, Janis Joplin und vielen anderen ein literarisches und authentisches Denkmal, indem sie die Dialoge und Begegnungen mit ihnen erinnert und beschreibt. Auch war sie bei wichtigen Festivals und Clubauftritten der Stars zugegen und hat diese festgehalten.

Janis Joplin, die selbst eine komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter hatte, meinte, LB müsse mollig bleiben, damit sie sich das Interesse ihrer Mutter erhalte.

Erst nach dem Tod ihrer Mutter nimmt sie diese nicht nur als Abwesende und Kontrollierende wahr, sondern kann um sie in einem unendlich schmerzlichen Prozess trauern. Dieser Prozess wird getragen von dem lebenslangen, über den Tod hinaus anhaltenden Bestreben der Tochter, die Mutter zu erlösen und von ihren Erlebnissen zu heilen, was sich als unmöglich erweist.

Das Buch liest sich spannend, da die Zeitebenen und Erzählfäden geschickt miteinander verknüpft werden und wechseln, bis zum Schluss bleiben immer noch offene Fragen.

Lily Brett wird im März 2017 auf dem Salon du Livre in Paris lesen und einen Preis entgegennehmen.

Sehr lesenswert, meint Gudula Ritz.

 

Die Biografieempfehlung des Monats August 2016

Frances Spalding: Virginia Woolf. Leben, Kunst & Visionen. München / Berlin: Sieveking 2016

Im Allgemeinen lege ich bei der Lektüre von Biographien wenig Wert auf illustratives Beiwerk. Hinsichtlich der vorliegenden Darstellung zu Leben und Werk Virginia Woolfs erkenne ich gerne die bezwingende Ausnahme an. Mehr als das muss diesem opulent ausgestatteten Buch attestiert werden, dass es informative Qualität wie ästhetischen Reiz erst aus den Abbildungen und der Reproduktion von Fotos, Kunstwerken, Erstausgaben und Schriftproben bezieht. Was nicht verwunderlich ist, geht das sehr stimmige Ensemble von Text und Bild doch zurück auf die Ausstellung Virginia Woolf: Art, Life and Vision (2014) in der National Portrait Gallery.

Das von der ausgewiesenen Expertin Frances Spalding glänzend verfasste Werk liegt nun - und damit rechtzeitig zum 75. Todestag Virginia Woolfs - dank der adäquaten Übertragung durch Ursula Wulfekamp und Matthias Wolf auch auf Deutsch vor.

Der Leser taucht ein in die Kunst- und Literaturszene des frühen 20. Jahrhunderts, einer Zeit der kulturellen Neuerfindung Großbritanniens im Geist einer Avantgarde, die auf ewig mit dem Wirken der in der Bloomsbury Group versammelten Künstler und Intellektuellen verbunden sein wird. Er erlebt Virginia Woolf nicht nur in ihrer Entwicklung als Schriftstellerin und Essayistin, als Mitbegründerin und Betreiberin der Hogarth Press, sondern auch im immerwährenden Auf und Ab ihrer künstlerischen und persönlichen Beziehungen und dem daraus resultierenden geistigen Austausch. Ihr Freundeskreis umspannt ein breites Spektrum und reicht von bekannten Malern wie Duncan Grant über aufstrebende Schriftsteller wie T.S. Eliot bis zu renommierten Wissenschaftlern wie dem Nationalökonomen John Maynard Keynes.

Ihr Vater Leslie Stephen, ein Gelehrter von Rang und bekannter Schriftsteller, ist fest verwurzelt in der Kultur der viktorianischen Zeit. 1912 heiratet Virginia Stephen den Journalisten und Romanautor Leonard Woolf. Den Implikationen dieser Ehe spürt das Buch ebenso nach wie Virginias Beziehung zu der Schriftstellerin und Gartengestalterin Vita Sackville-West, der sie in der Romanbiographie Orlando ein unvergängliches Andenken schafft. Ihre letzten Lebensjahre sind überschattet von der nationalsozialistischen Bedrohung. Sie verliert einen Neffen im Spanischen Bürgerkrieg. Ihr langjähriges Haus am Tavistock Square wird im Oktober 1940 von einer Bombe getroffen und schwer beschädigt.

Virginia Woolf leidet zeitlebens unter schweren Depressionen, verbringt etwa 1915 mehrere Monate in einem Pflegeheim, schluckt eine Überdosis Barbiturate. Am 28. März 1941 bricht sie nachmittags zu einer Wanderung auf, hinterlässt auf dem Wohnzimmertisch drei Abschiedsbriefe, zwei für Leonard, einen für die ältere Schwester Vanessa. Ihre Leiche wird erst einen Monat später aus dem Fluss Ouse geborgen, die Manteltasche beschwert mit einem Stein. Bereits am Tag ihres Verschwindens findet Leonard ihren Spazierstock am Flussufer. Ihr letzter Roman Between the acts wird posthum veröffentlicht.

"Ich verbinde Struktur mit Handlungsverlauf & sagte deshalb 'Textur' ", vermerkt sie in ihrem Tagebuch über die Ästhetik des Romans. Ihre Werke erleben auch nach ihrem Tod zunächst nur kleine Auflagen. Erst allmählich setzt sich - zunächst in den USA, dann auch auf der Insel - die Erkenntnis durch, dass der moderne Roman ohne Virginia Woolf nicht denkbar ist. Zu Recht wird sie deshalb mit Brecht, Thomas Mann, Proust und Joyce auf einer Stufe gesehen und heute zu den entscheidenden Autoren des 20. Jahrhunderts gerechnet.

"Denken ist meine Art zu kämpfen." Es gibt zur Zeit kaum einen attraktiveren Weg, sich mit der Welt Virginia Woolfs vertraut zu machen, als durch die Lektüre dieses Buches. Lesen und genießen, meint Alfons Huckebrink.   

Die Biografieempfehlung des Monats Juli 2016

Beate und Serge Klarsfeld: Erinnerungen. München: Piper 2015

"Wir werden sie aufspüren, wo immer sie auch sind." (Beate und Serge K.)

Von der spektakulären Ohrfeige auf den Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, mit der Beate K. 1968 dessen Nazivergangenheit ins öffentliche Bewusstsein rückt, bis zur Verleihung des Bndesverdienstkreuzes 1. Klasse am 20. Juli 2015 in der deutschen Botschaft in Paris - auch mit diesen bekannten Wegemarken wird die Fülle gemeinsamen Lebens des deutsch-französischen Ehepaars Beate und Serge Klarsfeld lediglich angededeutet. Gut und hilfreich, dass jetzt ihre gemeinsamen Erinnerungen auch auf Deutsch vorliegen. Liebesgeschichte, Zeitgeschichte, Justizgeschichte - all das und noch viel mehr steckt in den mit zahlreichen Fotos versehenen, ebenso informativen wie bestürzenden 610 Buchseiten. Verständlich wird dem Leser das gut abgestimmte und von einer lebenslang andauernden Grundhaltung getragene, gemeinsame Handeln, das den Opfern des Holocausts und ihren Hinterbliebenen verpflichtete Agieren zur Bestrafung der Schlächter und Schreibtischtäter. Eine Gemeinsamkeit, deren Intensität Serge K. in diese Worte fasst: "Zusammen sind wir stark und glücklich. Ohne den anderen sind wir nichts."

In der Öffentlichkeit werden sie schnell unter dem plakativen Begriff 'Nazijäger' bekannt, eine flache Metapher, in gewisser Hinsicht jedoch zutreffend, da sie etliche der untergetauchten Täter in ihren Verstecken in nah und fern aufspüren und aufscheuchen. Aus den zahlreichen, im Buch erzählten Fällen, seien hier zwei hervorgehoben. Zunächst der Kölner Prozess gegen die SS-Offiziere Herbert Hagen, Kurt Lischka und Ernst Heinrichsohn, alle drei in Paris verantwortlich für die Deportation Tausender französischer Juden in die Vernichtungslager Osteuropas, Letzterer bis zu seiner Entdeckung angesehener Anwalt in und Bürgermeister von Miltenberg. Am 11. Februar 1980 werden sie zu Gefängnisstrafen verurteilt und müssen ihre Haft sofort antreten.

Zweitens der nach langen Verzögerungen in Bordeaux stattfindende, aufsehenerregende Prozess gegen Maurice Papon, der am 2. April 1998, mehr als 60 Jahre nach Verübung seiner Untaten zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt wird und diese Strafe, obwohl er sich ihr zunächst durch eine Flucht in die Schweiz zu entziehen sucht, auch antreten muss. Papon, ein hoher Beamter des Vichy-Regimes, nach dem Krieg u.a. Finanzminister und Polizeipräfekt von Paris, war in Bordeaux verantwortlich für die Deportation der jüdischen Bevölkerung in das Sammellager Drancy. 

Wieviel Energie, Mut, Kraft, Lebenszeit und Geld mögen Beate und Serge K. in die Aufspürung und Verurteilung untergetauchter Naziverbrecher gesteckt haben! Einges davon wird in ihren Memoiren greifbar. Der Leser ist dankbar, dass nun alles nachzulesen ist und bewahrt worden ist in diesem einzigartigen Zeugnis ihrer Erinnerungen. Ans Herz gelegt von Alfons Huckebrink 

Die Biografieempfehlung des Monats Juni 2016

Sigrid Damm, Christiane und Goethe. Eine Recherche. Frankfurt a. M.: Insel 2005

"Ich gng im Walde / So für mich hin, / Und nichts zu suchen, / Das war mein Sinn." lautet die erste Strophe des Gedichts 'Gefunden', das Johann Wolfgang von Goethe 1813 seiner Frau Christiane schrieb, der er 25 Jahre vorher im Park an der Ilm in Weimar erstmals begegnet war. Am 6. Juni jährte sich ihr Todestag zum 200. Mal.

Seit 1806 ist Johanna Christiana Sophia Vulpius die Ehefrau des Dichters. Sie heiraten am 19. Oktober in der Sakristei der Jakobskirche, nachdem sie bereits 18 Jahre in freier Liebe zusammengelebt haben. Christiane hat fünf außereheliche Knder geboren, von denen lediglich der erstgeborene August noch lebt. Nach ihrem frühen Tod schweigt sich Goethe über ihre 28 Jahre währende Beziehung weitgehend aus. Von zeitgenössischen und nachgeborenen Goethe-Verehrern wird ihr Lebensbild durch permanentes Bashing, wie man heute wohl sagen würde, herabgesetzt. Thomas Mann wird sie später 'un bel pezzo di carne' nennen, ein schönes Stück Fleisch, 'gründlich ungebildet'.

Erst Sigrid Damm, versierte Kennerin der Goethe-Zeit und exzellente Erzählerin, hat mit ihren 2005 als Buch erschienenen Recherchen eine Umbewertung von Christianes Lebensleistung bewirkt. Sie fragt in diesem Werk danach, wer Christiane Vulpius, Goethes Ehefrau, wirklich war und was sie ihm als Partnerin hat bedeuten können. Wo immer es möglich ist, lässt sie Christiane selbst sprechen - eine Frau mit einer erstaunlich direkten Sprache für ihren Körper, ihre Sexualität; eine Frau, die unablässig tätig ist und Goethe den Rücken freihält. "Sie kann einen Schlitten kutschieren. Geht allein auf Reisen, trägt zwei Pistolen bei sich. Sie ißt gern, trinkt gern, am liebsten Champagner. Sie tanzt ausgezeichnet, als Fünfundvierzigjährige nimmt sie noch bei einem Tanzmeister Unterricht. Sie liebt die Komödie, weniger das Lesen. Heiter ist sie, witzig, stets gutgelaunt." Andererseits leidet sie unter dem Tod ihrer Kinder, sie wird lebenslang gequält von Krankheiten wie Bluthochdruck und Nierenproblemen. In der feinen Gesellschaft von Weimar rümpft man über sie die Nase. Sie ist ständig überfordert, weil sie eine Rolle spielen muss, für die sie nicht geschaffen ist.

Die Beisetzung, der Goethe fernbleibt, findet auf dem Jakobsfriedhof statt. Auf ihrer Grabplatte finden sich seine Verse: „Du versuchst, o Sonne, vergebens, / Durch die düstren Wolken zu scheinen! / Der ganze Gewinn meines Lebens / Ist, ihren Verlust zu beweinen.“ Mit ihrer präzis recherchierten und akkurat fabulierten Darstellung versteht es Sigrid Damm, dem Leser das Leben der Christiane Vulpius nahezubringen und in dessen Beziehung zu Goethe gleichzeitig ein tieferes Verständnis für Leben und Werk des Dichters zu wecken. Das opulent angerichtete Werk wird von zahlreichen Antiquariaten zu einem günstigen Preis angeboten und ist zu jedem allemal der Lektüre wert, meint Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Mai 2016

Jens Andersen, Astrid Lindgren. Ihr Leben. München: DVA 2015.

Diese 2015 erschienene Biografie wirft einen sehr differenzierten Blick auf Person und Persönlichkeit Astrid Lindgrens. Nach umfangreichen jahrelangen Quellenstudien und zahlreichen Interviews zeichnet Jens Andersen ein spannendes PORTRAIT der Kinderbuchautorin und lässt doch Rätsel offen, gibt Widersprüchlichkeiten Raum. Trotz differenzierter Beschreibung und empathischer Analyse gerät es so wie im realen Leben: Nicht jeder Anteil einer Persönlichkeit kann erklärt und bis in die letzte Facette verstanden werden. Die Leser lernen Astrid Lindgren hier in einer Vielschichtigkeit und Vielseitigkeit kennen, die sie selten in einer Biografie antreffen. 

Andersen beginnt mit der Fanpost, die A.L. bis ans Ende ihres Lebens engagiert und, soweit es ihr möglich war, bearbeitet hat. Das zeigt, dass sie Leser ernst nahm und sich wirklich für sie interessierte. Dann wird zurückgeblendet auf die Jugendzeit, in der AL mit 17 ein lustiges Leben führt, als “neugierige, eifrig lesende junge Frau“, die gerne tanzen geht und sich eines Tages die Haare kurz schneiden lässt (à la garçonne), was in der Kleinstadt einen regelrechten Skandal auslöst. Wenig später beginnt sie bei einer Lokalzeitung, der Vimmerby Tidning als Voluntärin zu arbeiten. Nur kurz wird auf die glückliche und naturverbundene Kindheit in einem Dorf auf Småland eingegangen, die offenbar eine Vorlage für Kontexte späterer Werke ist. Es wird Bekanntes aus dem Leben der Schriftstellerin beschrieben:  Die Liebesaffäre mit ihrem 50jährigen Vorgesetzten, der zu dieser Zeit in Scheidung lebt, die ungewollte Schwangerschaft, die Geburt ihres ersten Sohnes in Kopenhagen, wo sie den Namen des Vaters nicht angeben muss, Entbehrungen, Schuldgefühle und die Sehnsucht nach ihrem Sohn, der mehrere Jahre bei einer Pflegemutter aufwächst. Sie heiratet später Sture Lindgren, ihren Vorgesetzten beim schwedischen Automobilclub, bei dem sie in Stockholm als Sekretärin arbeitet. Endlich kann sie ihren Sohn Lasse zu sich nehmen und bekommt noch eine Tochter. Der Durchbruch als Schriftstellerin, die Erfolge, die Filme, eine Ehekrise und Tod des Ehemanns - diese bekannten biografischen Milestones werden bei Andersen durch eine völlig neue historische und gesellschaftspolitische Perspektive zusammengeführt, der ein differenziertes Quellenstudium vorausgegangen ist. Von Anfang an ist das literarische Werk von AL emanzipatorisch, antiautoritär (Pippi Langstrumpf) und erhebt die Kinderliteratur zu einem neuen Genre. Zunächst apolitisch und überzeugte Sozialdemokratin wirkt sie später eher in der Rolle einer politischen Journalistin am Sturz des sozialdemokratischen Regimes mit, das ihr zunehmend sozialbürokratisch erscheint. Diese Wendung steigert sich bis zum Wirken einer politischen und umweltbewussten Aktivistin, um in späteren Werken (Ronja Räubertochter) eher philosophische Gedanken einfließen zu lassen. Obwohl sie selbst verschiedene gesellschaftspolitische, entwicklungspsychologische und philosophische Sichtweisen in die verschiedenen Phasen ihrer künstlerischen Tätigkeit einfließen lässt, vertritt sie einen zutiefst undogmatischen Standpunkt. Eine gezielt pädagogische Absicht in ihren Büchern lehnt sie ab und wendet sich gegen zeitgenössische sozialistische Kinderliteratur, die unbedingt politisch sein solle. Alle Formen der Literatur haben ihre Berechtigung, die künstlerische Freiheit besitzt die höchste Priorität, vegetative Ruhe, Konzentration und Naturverbundenheit sind zentrale Voraussetzungen. Im Oktober 1978 wird AL der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen. Die klare Botschaft „Niemals Gewalt“ findet großen öffentlichen Zuspruch. Die Veranstalter, denen die Rede vorab zugesandt worden ist, bitten sie, den Preis entgegenzunehmen, und sich „kurz und gut“ zu bedanken und auf die Rede zu verzichten. Man erwarte einige politische Würdenträger bei der Verleihung des prestigeträchtigen Preises. Daraufhin kündigt sie an, den Preis unter solchen Umständen nicht persönlich entgegenzunehmen, und stattdessen den schwedischen Botschafter als Stellvertreter für den kurzen Dank zu schicken, und darf dann doch schließlich ihre „Friedensrede“ ungekürzt halten. Die Biografie wird abgerundet durch ein bebildertes Werkverzeichnis mit den ursprünglichen Titelbildern, deren Grafiken einen besonderen Reiz ausmachen. Empfohlen von Gudula Ritz

 

Die Biografieempfehlung des Monats April 2016

Patti Smith: M Train. Erinnerungen. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2016

Von allen lebenden Musikern ist die am 30. Dezember 1946 in Chicago geborene Patti Smith vielleicht die beste Schriftstellerin. Lesen, Lesen, Lesen! In ihrem Werk beweist die These, wonach der Weg zu einem guten Schreiber über intensive Lektüre führt, wieder einmal zeitlose Evidenz. Dazu: Kaffee, Kaffee, Kaffee! Ebenso maßlos wie der Lesehunger gestaltet sich ihr Kaffeekonsum. Beides passt wohl nicht schlecht zusammen und bereits Ende der 60er Jahre veröffentlicht die heute gern etwas plakativ als 'Godmother of Punk' apostrophierte Patti ihre ersten Gedichte in Zeitschriften wie 'Rock and Cream', noch vor dem Erscheinen ihrer ersten Single 'Hey Joe' (1974).

Der soeben auf Deutsch erschienene zweite Teil ihrer Autobiographie - 2010 bereits ihr Buch 'Just Kids' - nimmt den Leser mit in die 1980er Jahre und spannt den zeitlichen Bogen bis in die Gegenwart. Sie lernt ihren Mann Fred "Sonic" Smith, Gitarrist bei der Gruppe MC 5, kennen, heiratet ihn 1980 und lebt mit ihm in Detroit. Sie haben zwei Kinder und 1994 stirbt Fred überraschend an Herzversagen. Auf der Trauerfeier singt sie 'What a wonderful world' von Louis Armstrong und kehrt zurück nach New York. Die Erinnerungen an Fred und an ihre gemeinamen Reisen prägen dieses Buch. Seine eindrucksvollen Bilder, welche die Autorin auch aus ihren Träumen bezieht, fügen sich assoziativ zu einem schillernden Zeitensemble, das den Leser in mehrfacher Hinsicht berührt. Zum Einen erschließt er sich die Dimension ihrer Trauer um den gestorbenen Mann und die nicht mehr realisierbaren gemeinsamen Pläne, zum Anderen genießt er Patti Smiths jeder Einzelzeile angemessene Eigentümlichkeit des Stils - gewiss auch ein Verdienst der Übersetzerin Brigitte Jakobeit -; und zuetzt eröffnen sich ihm Zugänge zum Schaffen bedeutsamer Schriftsteller. Sie besucht das Grab Jean Genets in Larache (Marokko), Paul Bowles oder William S. Burroughs hat sie persönlich gekannt. Zu den Gräbern anderer Größen pilgert sie unverdrossen, wie zu dem Bert Brechts in Berlin, Sylvia Plaths in Heptonstall oder Akutagawa Ryunusokes in Japan. Von überall her bringt sie ihre Polaroid-Aufnahmen mit, mit denen die Autobiographie reichlich ausgestattet ist. Ihre Lieblingsräume indessen befinden sich in Cafés, die sie in der ganzen Welt aufsucht und hier vorstellt. Im kleinen Café 'Ino im Greenwich Village nimmt sie ständigen Aufenthalt. Es entwickelt sich zu ihrem zweiten Wohn-, besser Arbeitszimmer. Als es überraschend schließt, schenkt ihr der Besitzer den unscheinbaren Tisch mitsamt dazugehörigem Stuhl, an dem sie immer gesessen, gelesen und ihre diversen Listen aufgeschrieben hat.

Lesen, lesen, Lesen!, vielleicht bei einer Tasse Kaffee, lautet abschließend auch die Empfehlung an den geneigten Besucher dieser Rubrik. Besteigen Sie den Mental Train. Von Alfons Huckebrink

 

Die Biografieempfehlung des Monats März 2016

Alex Capus (2015). Reisen im Licht der Sterne. München: Hanser Verlag.

„Reisen im Licht der Sterne“, diesen inspirierenden Titel wählte der Autor für eine Biografie, die das Leben des Schriftstellers Robert Louis Stevensons nicht nur beschreibt und empathisch nachzuvollziehen versucht, sondern vollkommen neu interpretiert. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Zeit, während der RLS, Sohn eines wohlhabenden schottischen Ingenieurs und Leuchtturmbauers, die Beziehung zu Fanny, einer verheirateten Frau und Mutter, anknüpft, und der gemeinsamen Jahre auf Samoa, wo sich RLS unvermittelt niederlässt und bis zum Ende seines nur 44jährigen Lebens bleibt. Während er in San Francisco auf die Scheidung Fannys von deren Mann wartet, erfährt er zufällig von einer Schatzinsel, Cocos Island, auf der der geraubte Kirchenschatz von Lima versteckt sein soll. Cocos Island ist eine nahe Costa Rica gelegene Insel, die zahlreiche Schatzsucher anlockt, ein Schatz wird doch dort jedoch niemals gefunden. Diese Geschichte inspiriert den an Tuberkulose erkrankten RLS zu seinem weltberühmten Bestseller „Die Schatzinsel“.

Die Lebenserzählung beginnt auf einer Südseereise des inzwischen verheirateten Paares, mit der Überfahrt und dem Anlanden in Samoa, und wird eingebettet in die rezente Geschichte der Insel, sichtbar durch zahlreiche Wracks der in einem Hurrikan gestrandeten Kriegsschiffe der deutschen, amerikanischen und französischen Kolonialmächte, welche durch dieses Ereignis an einem kriegerischen Konflikt gehindert wurden.

Nachdem er anfangs nur mäßig von Samoa begeistert ist, kommt es innerhalb kürzester Zeit zu einem rätselhaften Meinungsumschwung. RLS kauft ein Grundstück und wird den Rest seines Lebens auf Samoa verbringen. Noch viel mehr Rätselhaftes bringt die gründliche Recherche von A. Capus zutage, und es ergeben sich offene Fragen und Hypothesen, die mit detektivischer Sachlichkeit und zugleich spannend vorgetragen werden. Die Insel Tafahi, nur einen Segeltag von Samoa entfernt, hieß in früheren Zeiten Cocos Island und käme als möglicher Ort der realen Schatzinsel in Frage. Warum leben RLS und seine Familie das Leben reicher Müßiggänger? Ist es möglich, dass RLS nicht nur die Geschichte der Schatzinsel niederschrieb, sondern die reale Schatzinsel in der Nähe von Samoa gefunden hat? Hat er den sagenhaften Schatz entdeckt? Eine Biografie, die viel Spannung verspricht und trotz aller Geheimnisse eine persönliche Nähe zu RLS vermittelt.Empfohlen von Gudula Ritz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Biografieempfehlung des Monats Februar 2016

Ruth Klüger: Rede zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus vor dem Deutschen Bundestag

„Im Steinbruch frieren Kinder in der rostigen Luft“ lautet eine Zeile aus dem „Landschaftsgedicht“, das die damals 13-jährige Zwangsarbeiterin Ruth Klüger über ihre Zeit 1944/45 im Arbeitslager Christianstadt schrieb. Sie wollte damit „diese traumhafte und gestaltlose Öde“, Eindrücke eines Zustands, den „Inbegriff des Arbeitslagers, wie ich es erlebte“, beschreiben. Als Gastrednerin in der Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus schilderte die heute 84-jährige US-amerikanische Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Ruth Klüger am Mittwoch, 27. Januar 2016, ihre Erlebnisse in dem Frauenlager.

Bereits im Februar 2014 dokumentierten wir in dieser Rubrik die Rede von Daniil Granin zum Gedenktag. Auch das Zeugnis von Ruth Klüger stellt eine eindrückliche Lektüreerfahrung dar und sollte weite Verbreitung finden. Alfons Huckebrink

kw04_gedenkstunde_protokoll-data.pdf
PDF-Dokument [134.2 KB]

Die Biografieempfehlung des Monats Januar 2016

Der Fall Clara Immerwahr. Leben für eine humane Wissenschaft. Gerit von Leitner. München: Beck 1993

Immerwahr. Sabine Friederich. München: DTV 2004

 

Das Leben der Clara Immerwahr ist aus heutiger Sicht überaus interessant: aus wissenschaftstheoretischer Perspektive, aus der Gender-Perspektive und nicht zuletzt aus subjektiv-menschlicher Sicht. Sie wurde 1870 als Tochter eines Gutsbesitzers in der Nähe von Breslau geboren. Ihr Vater war promovierter Chemiker, lebte jedoch von der Landwirtschaft. Clara Immerwahr ist in ihrem Leben mehrfach gegen den Strom  geschwommen. Sie promovierte als erste Frau an der Universität Breslau in physikalischer Chemie, und das zu einer Zeit, in der Frauen weder zur höheren Schulbildung noch zur Universität zugelassen waren. Sie konnte sich der Unterstützung ihres Vaters sicher sein, unbeirrt ihren Weg zu gehen und ihrem „inneren Wesen“ zu folgen. Sie heiratete einen Kollegen, Fritz Haber, und wurde gleich nach der Hochzeit schwanger. Von diesem Zeitpunkt an versuchte sie, die Rolle als Ehefrau und Mutter mit ihren beruflichen Neigungen zu vereinbaren. In diesem Bestreben wurde sie von ihrem Ehemann zunächst nur halbherzig, wenn überhaupt, unterstützt, später jedoch kontinuierlich abgewertet und ausgegrenzt. Fritz Haber war von extremer Gleichgültigkeit seiner Familie gegenüber und von brennendem Ehrgeiz beseelt. Schließlich arbeitete er maßgeblich an der Erfindung der ersten chemischen Waffen, die im 1. Weltkrieg viele Opfer durch einen grausamen Gastod forderten. Obwohl durch permanente Missachtung und Herabwürdigung geschwächt, ließ Clara Immerwahr nicht nach, diese Art der Anwendung der Wissenschaft in Frage zu stellen. Schließlich wird sie von ihrem Mann als Vaterlandsverräterin bezeichnet. Das letzte Mal schwimmt sie gegen den Strom, als sie sich 1915 mit der Dienstwaffe ihres Mannes erschießt und somit, da sie für sich keine Lebensperspektive mehr erkennt, ein Zeichen setzen will. Ihr Mann fährt dessen unbeirrt am folgenden Tag an die Ostfront. Claras Abschiedsbriefe wurden nicht gefunden und offenbar vernichtet. Die Hausangestellten haben die Briefe gelesen. Ihr Tod wurde als Tod einer psychisch beeinträchtigten Frau dargestellt. Leider zeichnet der Unterhaltungsroman von Sabine Friederich, überwiegend im Inneren Monolog geschrieben, genau dieses Bild einer schwer depressiven Frau, die sich nur mühsam zum letzten Ausweg aufraffen kann. Die Biografie von Gerit von Leitner ist viel detaillierter und wird Clara als eigenständiger Persönlichkeit eher gerecht, jedoch in seiner Genauigkeit eher in Berichtform verfasst und z.T. mühsam zu lesen. Da das Leben Clara Immerwahrs unabhängig von dessen Darstellung auf jeden Fall inspirierend und bedenkenswert ist, sollte man diese Mühen auf sich nehmen. Trotz genannter Einschränkungen empfohlen von Gudula Ritz.