Autor des eigenen Lebens werden:

Literatur und autobiografische Aufmerksamkeit

Eine Kooperation rund um das Thema autobiografische Aufmerksamkeit und autobiografisches Schreiben

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  • Literaturempfehlungen

  

Soeben erschienen:

 

Alfons Huckebrink & Gudula Ritz:

 

Unterwegs zum Selbstsein. Beweggründe des Reisens.

 

 

Die Biografieempfehlung des Monats Juni 2021

Annet Mooij: Das Jahrhundert der Gisèle. Mythos und Wirklichkeit einer Künstlerin. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Frankfurt a. M.: Wallstein 2020.

mit zahlreichen Abbildungen.

 

Diese Biografie versucht das Leben einer widersprüchlichen Frau und Künstlerin zu ergründen, die einerseits aufgrund ihrer adligen Abstammung ausgesprochen selbstbewusst war, andererseits Ausbeutung in einer sektenähnlichen Gemeinschaft durch einen Guru duldete und sich selbst ausbeuten ließ. Dieses Unterfangen erscheint hier gelungen, weil die Biografie nicht heroisierend oder interpretativ umgesetzt wurde, sondern auf Grund intensiver Recherchen diesem "Jahrhundert"- Leben, - Gisèle wurde über hundert Jahre alt-, nahekommt. Hypothesen werden als solche deutlich und so bleiben trotz des umfangreichen Archivs der Künstlerin auch manche Motive ihres widersprüchlich erscheinenden Lebens offen oder werden lediglich als Möglichkeiten skizziert. Das Ziel der Biografin ist es nicht, zu entlarven oder zu bewerten, sondern besteht darin, aus einer komplexen und bei Weitem nicht immer heilen Wirklichkeit eine sinnstiftende und anregende Geschichte zu konstruieren.

Ähnlich wie bei Warhol (Biografieempfehlung Januar 2021) ist Gisèles Leben selbst ein von ihr geschaffenes Gesamtkunstwerk. Eine Autobiografie würde wohl deutliche autofiktionale, ja, vermutlich märchenhafte Züge aufweisen. Aufgrund einer aufgedeckten Affaire mit Gisèles Onkel bringt die besorgte Mutter Josephine ihre siebzehnjährige Tochter Gisèle auf eine Kunstschule in Paris. An der konservativen "Ecole des Beaux-Arts" wird sie nicht aufgenommen, aber sie nimmt Privatunterricht und wählt eine freie Kunstakademie, an der auch Giacometti ausgebildet wird. Über angewandte Kunst, Gravur und Glasmalerei bis hin zur Malerei entwickelt sich die Künstlerin kontinuierlich weiter, vor allem über persönliche Mentoren, wie Joep Nicolas, von dem das Titelbild, ein Protrait Gisèles, dieser Buchveröffentlichung stammt. Bei diesem wie auch bei einem "Poeten" in der Nachfolge des umstrittenen Dichters Stefan George" bleibt es nicht ohne Affaire. Die emotionale Abhängigkeit von Frommel scheint das größte und ungelöste Rätsel im Leben der Gisèle, wie sie sich selbst später nennt, zu sein. Ihr ursprünglicher Name ist Gisèle van Waterschoot van der Gracht, eine österreichische Baronesse, die in ihren frühen Lebensjahren auf Schloss Hainsfeld in der Steiermark aufwächst, eine Enkeltochter von Arthur Freiherr von Hammer-Purgstall und Gisela Gräfin Vetter von der Lilie, beide Angehörige der erlauchten Kreise am Habsburger Hof. Bei einem Besuch der Familie lernt ihre Mutter Josephine ihren späteren Gatten Willem Waterschoot van der Gracht kennen, den Vater von Gisèle. Der arbeitet als Geologe für verschiedene private und staatliche Rohstoff- und Ölunternehmen. Sie ist sehr religiös, katholisch und lebt gleichzeitig angesichts zahlreicher Affairen im Widerspruch zur kirchlichen Lehre. Für Frommel, ihren Guru, kauft sie schließlich eine Wohnung in der Amsterdamer Heerengracht, wo dieser jüdische Jungen vor den Nazis versteckt. Die offene Frage, die sich die Biografin stellt, ist, wie es die Künstlerin schafft, es in dieser frauenfeindlichen und auch missbräuchlichen Umgebung auszuhalten, diese zu unterstützen und ihr loyal zu bleiben.

Mir fiel die niederländische Originalausgabe bei einem Besuch in Gent anlässlich der Jan van Eyck-Ausstellung 2020 auf, worauf ich umgehend die deutsche Fassung bestellte und nicht enttäuscht wurde. Die Kunst der Gisèle ist so vielseitig, einzigartig wie ihr Leben selbst. Sie wuchs in verschiedenen Ländern auf, lebte zwischen Indianern im Wilden Westen Amerikas, lebte in Saint Sanary sur Mer während der Nazi-Zeit, wo sich verfolgte Intellektuelle versteckten, und begegnete dort Sybille Bedford. Sie lebte in Paris und spielte unabhängig von Frommel eine mutige Rolle bei der Rettung einiger vom Nazi-Regime verfolgter Personen. Ihre letzten dreißig Jahre verbrachte sie in einem schönen Atelier in der Heerengracht in einem Gebäude, welches sie für dieses Versteck zur Verfügung gestellt hatte. Neben der einzigartigen und eigenwilligen künstlerischen Entwicklung der Gisèle fand ich die Frage, wie Gurutum funktioniert, sehr erhellend. Diese Biografie wird empfohlen von Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats Mai 2021

Hilary Spurling: Anthony Powell. Tanzen zur Musik der Zeit. Aus dem Englischen übersetzt von Heinz Feldmann. Berlin: Elfenbein 2019

 

Ich habe absolut kein Bild von mir selbst, hatte ich nie.

 

Sollte man, bevor man sich an die Lektüre der Anthony Powell (AP)-Biografie von Hilary Spurling begibt, bereits dessen Hauptwerk, das episch angelegte, 12 bändige Erzählwerk Ein Tanz zur Musik der Zeit (Tanz, ebenfalls bei Elfenbein verlegt) gelesen haben? Eine nicht ganz unerhebliche Fragestellung, die sich zudem nicht eindeutig beantworten lässt. Wer dieses herausragende Monument britischer Romanliteratur des 20. Jahrhunderts gelesen und genossen hat, wird in der biografischen Darstellung vielfach Erhellendes zu den Bedingungen und Imponderabilien eines beinahe ein Vierteljahrhundert (1951-1975) währenden Schaffensprozesses finden. Wer (noch) nicht, wird zweifellos bei der Lektüre der hier vorgestellten Biografie, das wachsende Bedürfnis verspüren, dieses nachzuholen, wird damit für mehrere Jahre der Sorge enthoben sein, sich um neuen Lesestoff kümmern zu müssen.

Hilary Spurling steht in der soliden Tradition angelsächsischer Lebensbeschreibungen und hat das Genre durch mehrere Werke (u.a.: Matisse the Master) bereichert. Sie war gut bekannt mit AP, verkehrte in The Chantry, dem Domizil der Familie in Somerset, und empfing von ihm selbst den biografischen Auftrag, allerdings stellte sich schnell heraus, dass es ihr zu dessen Lebzeiten (1905-2000) nicht möglich sein würde, diesem nachzukommen. Wir waren übereingekommen, dass ich eines Tages seine Biografie schreiben würde. Aber als Tony vorschlug, wir sollten einen Anfang damit machen, bevor es zu spät wäre, erwies sich das Experiment als böser Fehlschlag. Ich musste ihm hinterher schreiben und erklären, dass es mir unmöglich sei, über ihn in dem kalten, ja klinischen Licht nachzudenken, das wesentlich für jeden biografischen Anlauf sei ...

AP wird als Sohn eines Offiziers geboren und besucht das Eton College in Oxford. An der dortigen Universität studiert er von 1923-1926 Geschichte. Zu seinen Bekanntschaften aus jener Zeit zählen Evelyn Waugh, Graham Greene und George Orwell. Er tritt in ein im Niedergang befindliches Londoner Verlagshaus (Duckworth & Co) ein und arbeitet dort in verschiedenen Funktionen, u.a. betreut er das Werk der exzentrischen Sitwell-Geschwister. Ständig in Geldsorgen arbeitet er als Rezensent für verschiedene Zeitschriften. 1934 heiratet er Lady Violet Pakenham. 1936 arbeitet er ein halbes Jahr als Texter bei Warner Brothers in Hollywood und lernt in dieser Zeit F. Scott Fitzgerald kennen. Nach seiner Rückkehr veröffentlicht er seine ersten Romane, im 2. Weltkrieg dient er in einem walisischen Bataillon, später beim Geheimdienst als Verbindungsoffizier zu den Alliierten. 1952 wird mit dem Titel Eine Frage der Erziehung, in welchem der Ich-Erzähler Nicolas Jenkins auf seine Zeit am College zurückblickt, der erste Schritt in den Tanz getan, sein Hauptwerk, mit dem er den Grundstein legt zu bleibendem Ruhm.

Häufig wird dieses Werk verglichen mit M. Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, ein Vergleich, den nicht zuletzt E. Waugh zugunsten seines lebenslangen Freundes relativiert: Das Werk ist wie trockener Sekt, kühl, humorvoll, durchdacht, und genau gebaut. Es ist realistischer als das Werk von Proust, mit dem es so oft verglichen wird - und viel vergnüglicher.

Bereits bei Erscheinen der einzelnen Bände beginnt unter Freunden und Bekannten, aber ebenso in der weiteren Öffentlichkeit eine amüsante Erörterung darüber, wer von ihnen nun jeweils wie vorteilhaft dargestellt worden ist. Oft überträgt AP Persönlichkeiten seiner Umgebung ziemlich unverstellt in die Fiktion. So schrieb ihm Adrian Daintrey, der sich in der Gestalt des Malers Ralph Barnby aus den frühen Bänden wiederzuerkennen glaubt: Mein Stolz darüber (außer ich irre mich), in einem der Charaktere eine gewisse Ähnlichkeit mit mir zu entdecken, wird noch vergrößert durch die erleichterung, in einem vergleichsweise schmeichelhaften Licht zu erscheinen.

Fälschlicherweise wird das Werk oft als Porträt der englischen Oberschicht des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Dem trat V.S. Pritchett bereits 1955 nach dem Erscheinen des Bands Die Welt im Wechsel im Observer entgegen mit dessen  Chrakterisierung als nüchtern-realistische englische Komödie: Das Thema ist die Gesellschaft im Zustand der Auflösung, eine Gesellschaft, die finanziell und moralisch von ihren Diskontwechseln lebt und überall den Zahn der Zeit spürt.

Diese thematische Zuschreibung erweist sich als signifikant für den gesamten Tanz, sie ist überdies wohl zeitlos gültig für jedes bedeutende Erzählwerk. 

H. Spurling beklagt am Schluss den modernen Mythos, Powell sei ein Erzkonservativer und der snobistische aller Snobs. Als ich Anfang der sechziger Jahre nach London kam, wurde es in literarischen Kreisen schon fast zu einem Beweis politischer Korrektheit, den Tanz zu diskreditieren. Nun, wenn man AP's politische und kulturelle Stellungnahmen, aus denen Spurling ausgiebig zitiert, zur Kenntnis nimmt, mag das Etikett Erzkonservativer nicht gänzlich unangebracht sein. Indessen beeinträchtigt es nicht seine außerordentliche erzählerische Raffinesse und schon gar nicht den Genuss, den diese Ihnen als Leser verschaffen kann. Selbiges gilt in gleichem Maße für diese Biografie von Hilary Spurling, die dieses schaffensreiche Leben in ein facettenreiches Bild setzt, das seinem Untertitel Tanzen zur Musik der Zeit auch stilistisch gerecht wird und weiteichende Einblicke in die Zusammenhänge und Entwicklungen einer Literaturtradition gewährt, die hierzulande nicht unbedingt die ihr gebührende Aufmerksamkeit erfährt. Unbedingt empfohlen von Alfons Huckebrink.  

Die Biografieempfehlung des Monats April 2021

Ulrich Weber: Friedrich Dürrenmatt. Eine Biographie. Zürich: Diogenes Verlag 2020

 

Meine Biographie will das Porträt eines Autors, Denkers und Künstlers zeichnen, wie es sich aus den überlieferten Zeugnissen ergibt.

 

Als langjähriger Kurator des Dürrenmatt-Nachlasses im Schweizer Literaturarchiv in Bern ist Ulrich Weber ein ausgewiesener Experte; als Biograph wiederum der erste, der dem Autor (1921-1990) niemals persönlich begegnet ist und also angewiesen bleibt auf Zeugnisse und Hinterlassenschaften jeder Art sowie auf Gespräche mit Zeitgenossen. Natürlich gäbe es auch Dürrenmatts (FD) gewaltiges, autobiografisch angelegtes Stoffe - Projekt zur gefälligen Entnahme, das jedoch gemäß des Meisters kritischem Diktum zu autobiografischer Literatur für kostbare statt für bare Münze genommen werden sollte. 

Gerade angesichts dieser Ausgangsposition eröffnet Webers Darstellung vom Lebenswerk dieses neben Max Frisch herausragenden Schweizer Schriftstellers des 20. Jahrhunderts eine neue Sicht, vermittelt einen kompletten Überblick und setzt so den Maßstab für alle künftigen Betrachtungsweisen.

FD war eine Doppelbegabung. Er entschied sich früh für das Schreiben als Existenzgrundlage, arbeitete aber stets auch als Zeichner und Maler. In seinem voluminösen, delikat illustrierten Werk lotet Weber alle erdenklichen Aspekte dieses überaus produktiven, lebenssatten Künstlerdaseins aus:

- seine Kindheit als Pfarrerssohn im Emmental und seine Jugend in Bern.

- den Abbruch des Studiums (Exmatrikulation in Bern) und seine Selbstfindung als Schriftsteller.

- die Erfolge als Dramatiker, auch international und insbesondere mit The Visit (Der Besuch der alten Dame) am Broadway.

- seine erste Ehe (1946 - 1983) mit der Schauspielerin Lotti Geissler und der Erwerb eines Hauses in Neuchâtel (1952), wo FD bis zu seinem Lebensende wohnt.

- seine zweite Ehe (1984) mit der Münchener Schauspielerin Charlotte Kerr, einem breiten Publikum bekannt durch ihre Rolle als General Lydia van Dyke in der Fernsehserie Raumpatrouille Orion. Die Auf-und-Abs dieser turbulenten Verbindung protokolliert sie in dem Buch Die Frau im roten Mantel.

- seine Beziehungen zu Freunden und Kollegen, insbesondere sein ambivalentes, zwischen Freund- und Feindschaft oszillierendes Verhältnis zu Max Frisch.

- seine dezidiert politischen Ambitionen und mitunter provozierenden Verlautbarungen. So bezeichnet er in seinem letzten öffentlichen Auftritt am 22.11.90 in seiner Rede auf Václav Havel anlässlich einer Preisverleihung Die Schweiz - ein Gefängnis, was bei anwesenden Regierungsmitgliedern Aufsehen und Anstoß erregt.

- die Geschichte seines weithin gepriesenen, mit exorbitanter Qualität gefüllten Weinkellers, den er bis zu seinem Tod weitgehend ausgetrunken hat.

Trotz der sage und schreibe 713 Seiten, die durch einen erstklassig sortierten Anhang abgerundet werden, bleibt die Darstellung gut lesbar und für FD-Kenner ohnehin Pflichtlektüre. Auch LesernInnen, die mit dem Namen FD vielleicht lediglich Der Besuch der alten Dame aus längst vergangenen Schulzeiten oder bestenfalls den Kriminalroman Der Richter und sein Henker verbinden, bietet dieses Werk die Vergegenwärtigung einer bereits als historisch zu bezeichnenden Epoche mit ihren spezifischen, inzwischen weitgehend unbekannten Lebensumständen:

Die humanistische Bildung eines Pfarrerssohnes, der als Kind Bildbände über Renaissance- und Barockmalerei durchblätterte, von den Eltern die biblischen Geschichten und griechischen Mythen erzählt bekam, im Gymnasium selbstverständlich Griechisch und Latein lernte, ist heute weit weg.

Ran ans Werk also, empfiehlt Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats März 2021

Urs Strähl, Tarcisius Schelbert (Hg.): Jörg Binz. Zeichner, Maler. Zürich: Edition Frey 2020

 

Und so kam es, dass ich, noch bevor ich sprechen konnte, zeichnen lernte.

 

Im ersten Frühlingsmonat präsentieren wir einen Band, der einen Lebensweg in Bildern und durch Bilder erzählt. Eine Ikonografie.

Nicht jedem Künstler widerfährt heutzutage noch das Glück, dass seine Bilder Anstoß erregen und aus einer Ausstellung entfernt werden wie die des Malers Jörg Binz (*1943) Ende November 2018 aus dem Kantonsspital in Olten.

Über ihn, sein Leben, sein Werk, gibt dieses Buch Auskunft, das sich mit dem simplen Titel Jörg Binz an eine Reduktion wagt, eine Reduktion allerdings auf das Maximum. 114 Farbabbildungen umspannen sechs Jahrzehnte eines bewegten Schaffens. Sich darauf einzulassen, heißt in diesem Fall, sich darin zu verlieren, und wird belohnt mit einem ungewöhnlich berührenden Einblick in eine künstlerische Entwicklung und ihre Werke.

Der frontale Zusammenstoß mit Binz ereignet sich bereits mit dem Selbstporträt von 1963, das auf dem Buchdeckel abgebildet ist und eine deutliche Nähe zu den deutschen Expressionisten (Otto Dix) erkennen lässt. Doch jedem Anfang wohnt Entwicklung inne. Binz sei ein Realist, Surrealist, Naturalist, ein wahrer Vulkan der Stile, konstatiert das "Grechener Tageblatt" und der Maler bestätigt: Ich konnte mich nie über eine längere Zeit an eine bestimmte Richtung binden, suchte immer das andere. Eine kreative Position, die weit entfernt ist von jeglichem Ekklektizismus, vielmehr eine lebenslange Suche beschreibt, die auf eine hier eigentümlich erscheinende Art den künstlerischen Kosmos bestirnt und transzendiert. Wer Jörg Binz nicht kennt, würde in ihm vielleicht einen argentinischen Tangotänzer vermuten. Oder einen irischen Lyriker aus der Zwischenkriegszeit. Oder vielleicht doch einen Kunstmaler aus Olten, mutmaßt sein Freund Alex Capus.

Dem Betrachter dieser fulminanten Zusammenstellung ist es vergönnt, einen Werdegang mitzuerleben. Die ganzseitig dargestellten Bilder sprechen für sich, ihnen sind keine Titel, keine erklärenden Angaben beigegeben, die zu erfahren, er sich in den Anhang vorblättern muss. Eine Anordnung, mit der eine glückliche Idee der Designerin Patrina Strähl realisiert wird, die sämtliche Aufmerksamkeit auf die Bilder lenken möchte, diese armen Kinder der Kunst.

Zu den Bildern in Konjunktion treten Texte von Dichtern wie Paul Claudel, Alfred Andersch oder Anton Tschechow, aber auch Zustimmungen der Freunde, die die Magie ihres Kreises und ihre eigenen Zugehörigkeit dazu feiern, noch einmal Alex Capus: Jörgs Salon ist eine Insel in Raum und Zeit. 

Prägend für den Band, der vier Jahre der Vorarbeit beanspruchte, sind indessen wohl die zahlreichen Selbstbildnisse, das späteste hier von 2013, welche die Gestalt des Künstlers und insbesondere seine Gesichter aus den unterschiedlichen Phasen dieses Lebenswerks heraustreten lassen. Beeindruckend desgleichen die Darstellungen von Mutter und Vater, der seinem Bub einmal den Beruf des Schriftsetzers nahelegte, etwa die berührende Bleistiftzeichnung Mein Vater, schlafend (1961). Dann auch neben gegenständlichen Motiven (Kaffeekanne, Aquarell 1998) und Blumen (Mohnblumen, Aquarell 2002) immer wieder Gestalten und Gesichter. Die von Freunden wie Alex Capus, Pedro Lenz, Walter Motschi, aber auch das karge wie erstarrt wirkende Porträt einer Brasilianerin (Kohle 2002) oder die erschreckend anonymen Aquarelle Gesicht I / Gesicht II (1986). Klaffende Münder, weiblich oder männlich. Momente einer quälenden Unentschiedenheit. Noch ist nicht raus, ob er/sie lachen oder weinen muss oder - schlimmer - sich beides verbeißen will.

Nicht zu vergessen die Akte. Waren es doch gerade diese, die bei vielen Besuchern und beim Personal des Kantonsspital Olten nach Aussagen seines Sprechers auf so großes Unbehagen gestoßen sind, dass in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nicht nur fünf Aktzeichnungen und ein Ölbild mit einem nackten Frauenunterleib, sondern mit ihnen gleich alle anderen 80 Bilder durch die "Imagegruppe Kultur" abgehängt wurden; ein barbarischer Akt, der einiges an Aufsehen erregte. Ein späteres Angebot der Klinikverwaltung, die Bilder wieder aufhängen zu lassen, lehnte Binz ab. Wer will es ihm verdenken? Meine Eingangsbemerkung mit dem Glück, in unseren Zeiten noch Anstoß zu erregen, muss ich dahingehend revidieren, dass dem Maler, der um den Verkauf seiner Werke gebracht worden ist, natürlich ein finanzieller Schaden entstanden ist.

Lassen Sie sich belohnen. Machen Sie sich mit Jörg Binz und seiner Kunst bekannt. Der Band aus der noblen Edition Frey ist seinen Preis allemal wert, verspricht Ihnen Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Februar 2021

Deutscher Bundestag: Reden am Gedenktag für die Opfer des Holocausts.

 

Sie werden weiter für Ihr Deutschland kämpfen. Und wir werden weiter für unser Deutschland kämpfen. Ich sage Ihnen: Sie haben Ihren Kampf vor 76 Jahren verloren. (Charlotte Knobloch in Richtung AFD-Fraktion)

 

Am Mittwoch, 27. Januar 2021, sprachen im Bundestag Charlotte Knobloch und Marina Weisbrand - mutige jüdische Frauen aus zwei Generationen.

 

Unsere Rubrik 'Biografie des Monats' schaltet im Februar die Links zu den Videos der beiden beeindruckenden Redebeiträge:

 

Dr. h.c. Charlotte Knobloch, geb. 1932, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Zur Rede von Frau Dr. Knobloch

 

Marina Weisband, geb. 1987, Publizistin

Zur Rede von Frau Weisband

 

(Der von vielen erwartete Beitrag zum Schweizer Maler Jörg Binz wird auf den März verschoben.)

Die Biografieempfehlung des Monats Januar 2021

Blake Gopnik: Warhol. Ein Leben als Kunst. Die Biografie. München: C. Bertelsmann 2020

Diese außerordentlich genau recherchierte Biografie fesselt von der ersten bis zur 1183. Seite, da sie anschaulich den Lebensweg Andy Warhols (AW) und seine Entwicklung zum Jahrhundertkünstler beschreibt und stets unterhaltsam bleibt. Dabei wird die zeitliche Auflösung in der Mitte größer, jedem Lebensjahr steht hier ein Kapitel zur Verfügung.

„Ein Leben als Kunst“, diesen Untertitel habe ich erst nach der Lektüre der ersten einhundert Seiten verstanden, erschien mir doch diese Aussage zunächst widersprüchlich. Wie kann Leben Kunst sein, wie kann man ein Leben als Kunst verstehen? AW verkörperte als Person durch und durch das, was Kunst ausmacht, was doch niemals künstlich erscheint: Authentizität, Offenheit für Neues, für Inspirationen aller Art. Er war als Person undogmatisch, eigenwillig, sanft, provokativ und eben auch widersprüchlich. Er konnte zurückhaltend, schüchtern, einsam und im nächsten Moment gesellig sein, er blieb immer neugierig und war auf eine Weise intellektuell, wie es nur ein freier und unverbildeter Verstand vermag.

Diese ungewöhnliche Biografie beginnt mit dem ersten Tod AWs, dem er 1968 mit viel Glück knapp entrann, nachdem eine Verrückte ein Attentat auf ihn verübt hatte. Sein Glück hieß Guiseppe Rossi, ein begabter und beherzter Chirurg, der sich zu diesem Zeitpunkt in der Klinik aufhielt. Seine Operationsnähte waren wohl angesichts der pessimistischen Prognose entsprechend grob gearbeitet, und gelegentlich zeigte AW seine „Wundmale“ mit Stolz.

Seine Eltern, ruthenische Einwanderer der ersten Generation, boten AW von Anfang an ein Leben als Außenseiter, in tiefster Armut, die seinen starken Durchhaltewillen formte. Vorwiegend seiner Mutter ist es zu verdanken, dass er trotz oder gerade wegen scharlachbedingter Krankheitsfolgen während der Kindheit ganz den eigenen Weg verfolgen konnte. Er wurde als Andrey Warhola 1928 in Pittsburgh, einer prototypischen Stahlarbeiterstadt geboren. AW versuchte niemals, diese markanten Wurzeln zu erforschen oder künstlerisch zu nutzen, sondern trachtete eher, sie loszuwerden oder zu verschleiern. Sein Vater verstarb früh an den Folgen einer Operation, und dank seines Nachlasses konnte AW die High School und später das Carnegie Tech besuchen, wo er sich für Kunst einschrieb. Dort wurden seine Leistungen zunächst nicht anerkannt, und aus verschiedenen Gründen stand der Abschluss mehrmals auf dem Spiel, sein Studium in D&P (Design und Painting) schloss er jedoch ab. Nach seinem Abschluss ging er mit sehr wenig geliehenem Startkapital gegen den Willen seiner Mutter nach New York. Tagsüber akquirierte er Aufträge, z.B. als Werbezeichner, nachts arbeitete er an seinen Aufträgen. In New York schaffte er es zunächst, sich mit Illustrations- und Auftragsarbeiten über Wasser zu halten, er lebte in verschiedenen Künstler-WGs und schaffte nach und nach den Durchbruch. So zeichnete er Modelle für einen bekannten Schuhproduzenten, gestaltete LP-Cover und später Schaufenster von Kaufhäusern auf originelle Weise.

Diese Biografie legt ein besonderes Augenmerk auf die Homosexualität AWs, die er mit vielen Künstlern der damaligen Zeit im übertragenen wie wörtlichen Sinne teilt und lässt intime Details, sofern sie belegt sind, nicht aus. Die Mutter kommt eines Tages nach New York zu Besuch und bleibt dort 20 Jahre, sie unterstützt ihn, indem sie eine Art Haushälterin und Mitunternehmerin seiner inzwischen gegründeten Firma wird. Er kauft sein eigenes Haus, unternimmt eine längere Weltreise mit einem Freund, lässt sich inspirieren und wird immer erfolgreicher.

Als Künstler ist er jedoch trotz steigender Auftragszahlen noch nicht anerkannt. Das Neuartige seiner Kunst ist hoch umstritten. Er arbeitet im Spannungsfeld bzw. integriert „Kunst und Konsum“ und hält so seiner vom Kommerz besessenen Zeit einen Spiegel vor, ist aber zugleich Teil von ihr.

Die ersten Pop-Art Bilder waren Schaufenster-Kunst, die später direkt in die Galerien oder Museen wanderten. Später gestaltete er Schaufenster in Galerien.

1964 erkannte er in einer heruntergekommenen, säulengestützten Halle, die ein grandioses Ausmaß an freiem Raum gewährte, den zukünftigen Wert als Atelier, Galerie, Wohnort, Filmstudio und Künstlertreff, in der später die Bohème ein und aus ging. Konsequent nannte er diese Räumlichkeit „The Factory“.

AW starb im Februar 1987, mit neunundfünfzig Jahren, an den Folgen der gleichen Operation, an der sein ungeliebter Vater gestorben war, nach einer Gallenblasen-OP. Vielmehr starb er zum zweiten Mal und eher daran, dass er sich zu spät zu einer Operation entschloss, denn AW hatte die Symptome ignoriert und sich einem Eingriff zu lange verweigert. Sein Glück hatte sich verbraucht, sein Eigensinn wurde ihm diesmal zum Verhängnis.

Der Duktus der Biografie ist sehr wertschätzend und um Wahrhaftigkeit bemüht, nicht heroisierend, durchaus hinterfragend, beschreibt den Protagonisten aber immer als liebenswerte Person, gleich wie exzentrisch, durchschaubar oder widersprüchlich sein Verhalten in den jeweiligen Phasen ist. An der Seite des Protagonisten erlebt der Leser eine Revolution der Kunst, ein Stück Kunstgeschichte, welches sich zur Lebenszeit AWs noch nicht als solche offenbart hat. Sehr lesenswert, findet Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats Dezember 2020

Stephan Reinhardt: Georg Herwegh. Eine Biographie. Seine Zeit - unsere Geschichte. Göttingen: Wallstein 2020

 

Die Freiheit der Welt ist solidarisch. Wo man für oder gegen sie kämpft, kämpft man für oder gegen die Freiheit der ganzen Welt.

 

Von Heinrich Heine als "Eiserne Lerche" der Revolutionen von 1848 verherrlicht, Mitstreiter von K. Marx und F. Lassalle, für dessen 1863 gegründeten ADAV er das Bundeslied "Mann der Arbeit aufgewacht ..." schrieb, innig befreundet mit A. Herzen, L. Feuerbach und R. Wagner, Desertion aus dem Württembergischen Militärdienst und Flucht in die Schweiz, bereits zu Lebzeiten von der Reaktion literarisch angefeindet und persönlich verleumdet, nach seinem Tod gezielt herabgesetzt und in Vergessenheit geraten - das sind nur einige von vielen Stichpunkten, mit denen sich Leben und Nachleben eines der größten Freiheitsdichter deutscher Sprache kennzeichnen lassen. Seine Position bleibt, auch als nach der Schaffung des von Bismarck in drei Kriegen zusammenkartätschten Deutschen Reiches von 1871 viele ehemalige 48er ihre Überzeugung revidieren und ins Lager des preußisch-deutschen "Kriegsidiotentums" wechseln, unmissverständlich:

Gesinnung ist keine Poesie? Richtig, aber Poesie ist immer Gesinnung - und wenn es Leute gibt von Gesinnung, die keine Poeten sind, so darf doch Niemand auf den Namen eines Poeten Anspruch machen, der keine Gesinnung hat. Literarische Qualität als Frage der Haltung also. Findet sich gut hundert Jahre später noch etwa bei Peter Hacks wieder.

Der Biographie von Stephan Reinhardt gebührt das außerordentliche Verdienst, Leben und Werke Georg Herweghs - und beide sind hier untrennbar miteinander verzahnt - wieder einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Ihr Untertitel "Seine Zeit - unsere Geschichte" weist auf die außerordentliche Qualität dieses Unterfangens hin. Selten in einer biographischen Darstellung erreicht, wenn überhaupt beabsichtigt, gelingt es Reinhardt, die mannigfaltigen Verflechtungen dieses Dichterlebens mit den gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen und kulturellen Entwicklungen wie Auseinandersetzungen aufzuzeigen und zudem deutlich zu machen, wie sehr dies alles als Geschichte, die nicht vergeht, unsere Gegenwart prägt. Und letztgenannter Aspekt gilt insbesondere für die Lebenszeit Herweghs, gerade weil diese gemeinhin nicht aus der Perspektive der republikanisch gesinnten Demokraten, sondern in der Linie des antidemokratischen "Blut und Eisen"-Irrwegs der Hohenzollern-Monarchie beschrieben wird. 

Frühen Ruhm erwirbt Herwegh sich mit dem 1841 erscheinenden Band "Gedichte eines Lebendigen", die sofort in Preußen verboten werden, ihm aber viel Zuspruch eintragen. Begeistert von den Gedichten wie vom Dichter ist auch die junge Emma Siegmund aus Berlin, die er 1843 heiratet. Zeitlebens bleibt sie ihm durch alle Krisen hindurch verbunden und hat Anteil an seinen Werken und Aktionen. Auch an solchen, die großen persönlichen Mut erfordern, wie dem Zug der "Legion" von deutschen Exilanten aus Paris nach Baden, um den militärischen Widerstand gegen die preußisch geführten Bundestruppen zu unterstützen. Ein Vorhaben, das nicht nur von K.Marx als miltärisches Abenteurertum kritisiert wird und vielen als völlig aussichtlos erscheint. Herwegh schlägt alle Warnungen in den Wind und überschreitet, von Spitzeln forciert, bei Dossenbach den Rhein. Dort wird sein Korps, dessen militärischer Anführer ein preußischer Agent ist, von württembergischen Truppen bereits erwartet und am 24. April 1848 aufgerieben. Verrat. Das Scheitern der Revolution in Berlin beklagt er in einem Schreiben an den radikaldemokratischen Publizisten Oppenheim: Eure Monarchie war in ein paar Stunden reif geworden zum Fall; die Republik war gegeben, wenn Ihr nur den politischen Instinkt eines Pariser gamins besessen hättet; Ihr habt Eure, Ihr habt unsere Geschichte verpfuscht.

Als Wilhelm, der blutbesudelte Kartätschenprinz von 48/49, im Januar 1861 zum preußischen König gekrönt wird und bei dieser Gelegenheit auf sein Gottesgnadentum pocht, widmet Herwegh ihm die Zeilen: Von Gottes Gnaden ist das Licht / Von Gottes Gnaden bist Du nicht / Du königlicher Sünder. / Von Gottes Gnaden war die Glut, / Die Du erstickt in Baden.

Und als Herweghs "Blutsbruder" Richard Wagner bei dem Monarchen zu Kreuze kriecht und 1873 ein Privatkonzert bei Hofe gibt, um Spenden für sein Festspielhaus zu acquirieren, kommentiert dies der "Wagnerianer à la veille" bitterböse: Wärst du der lumpigste General, / So würd man belohnen Dich zeusisch; / Genügen laß Dir für dieses Mal / Dreihundert Thälerchen preußisch. Und weiter: Die einzig wahre Zukunftsmusik / Ist schließlich doch Krupp's Orchester. Herwegh stirbt in Baden-Baden im 57. Lebensjahr. Emma überführt seinen Leichnam nach Liestal in der Schweiz, da er ihr das Versprechen abgenommen hat, nicht auf reichsdeutschem Boden bestattet zu werden. In der Schweiz besitzt er die Bürgerrechte. In einem seiner schönsten Gedichte, dem von Franz Liszt vertonten Todeslied, heißt es: Ich möchte hingehn wie das Abendrot / Und wie der Tag in seinen letzten Gluten - / O leichter, sanfter, ungefühlter Tod!- / Mich in den Schoß des Ewigen verbluten.

Stephan Reinhardt gelingt es, sein schier unerschöpfliches Material anschaulich und spannend zu präsentieren. Immer wieder zieht er plausible Parallelen zur Gegenwart, etwa an der von Herwegh beklagten, stets breiter werdenden Spaltung zwischen Arm und Reich oder an der Darstellung infamer Lügenkampagnen, mit denen die Gewinn versprechenden Kriege oder die Unterdrückung von Befreiungsbewegungen vorbereitet werden.

Ein Weihnachtsgeschenk - für andere oder an sich selbst - in jedem Fall von bleibendem Wert, versichert Alfons Huckebrink. 

Die Biografieempfehlung des Monats November 2020

Dieter Berg: Franziskus von Assisi. Der sanfte Rebell. Stuttgart: Reclam 2017

 

Franziskus von Assissi (*1181/1182), Ordensgründer und Namenspatron des aktuellen Papstes, wird von dem Historiker Dieter Berg mit einer neuartigen Biografie bedacht, die sich detailliert aus den verfügbaren Quellen gründet und von Klischees und Romantisierungen befreit ist, offene Stellen und Ungewissheiten als solche kennzeichnet und das Leben des Heiligen als historische Figur in die politische und religionsgeschichtliche Lebenswelt der damaligen Zeit einbettet.

Franz von Assissi wurde als ältester Sohn in Abwesenheit seines Vaters, eines wohlhabenden Kaufmanns, geboren, der nach seiner Rückkehr aus Frankreich den Sohn, der auf den Namen Giovanno getauft war, nur noch als „Franzosen“ (Franziskus) benannte. Franziskus, der sich selbst als idiota (ungebildeter Mensch) bezeichnete, erwarb einfache Schulkenntnisse zur Ausübung des Kaufmannsberufs, hinterließ jedoch am Lebensende ein beachtliches Œvre, in dessen Rahmen er seine Gedanken und Zielsetzungen verdeutlichte. In seiner Zeit dominierte ein dichotomes Denken vom Jenseits und Diesseits, in dem alles Irdische als teuflisch galt. Mit dem Sonnengesang drückte FvA sein fast animistisches und grundsätzlich positives Verhältnis zur Schöpfung aus. Dieser Text gilt als ältestes Zeugnis italienischer Literatur und besitzt seine nachhaltige Wirkung bis in die heutige Zeit. Zwar führte der Kaufmannssohn einige Monate oder Jahre ein exzessives Leben als Anführer der Jeunesse dorée, welches durch Freigiebigkeit und große Lebensfreude geprägt war, doch schien dieses ihn zunehmend anzuöden und er wendete sich überraschend den Randständigen der Gesellschaft und den Aussätzigen zu.

Er fühlt sich berufen, ein völlig anderes Leben zu führen, ein Leben in der Nachfalge des Evangeliums in absoluter Armut. Er verzichtete auf Besitz, kleidete sich in einer kreuzförmigen Kutte und begann als armer Wanderprediger ohne feste Bleibe, seine Botschaft des Evangeliums und des Friedens zu verkünden. Diese Wende führte zum Bruch mit seiner Familie, die sich seinen Bestrebungen heftig widersetzte. Anfangs löste er in der Öffentlichkeit noch Befremden aus, jedoch wurden seine charismatischen Auftritte zunehmend von den Menschen beachtet. Er fand Nachfolger und auch Beschützer im Klerus, z.B. in verschiedenen Bischöfen seiner Region, und schließlich mehr und mehr Anhänger und Jünger. Klara, eine adelige Tochter aus dem gleichen Ort, schloss sich der Armutsbewegung an und gründete später einen eigenen Frauenorden. Diese Bewegung hatte eine Umbewertung der Armut zur Folge, zu späteren Zeiten führte sie zu Friedensverhandlungen zwischen diversen Bürgerkriegsparteien und verkörperte indirekt eine grundsätzliche Kritik am Lebensstil des Klerus, bspw. des Papstes. Honorius III., der Franziskus jedoch protegierte, wurde sogar vorübergehend aus Rom vertrieben. Einen bleibenden Einfluss hatte Franziskus auf die Art und Weise, wie heutzutage in weiten Teilen der Welt Weihnachten gefeiert wird. Nachdem er sich endlich mit seinen Mitbrüdern und dem Kardinal über die Ordensregeln geeinigt und diese niedergeschrieben hatte, feierte er das Weihnachtsfest in „großer Ehrfurcht“ und inszenierte mit Hilfe eines ihm vertrauten Adligen auf dessen Besitz bei Greccio in einer Höhle eine Szenerie, welche die Geburt Christi nachstellte. Vor zahlreichen bäuerlichen Gläubigen, beleuchtet mit Fackeln, wurde eine Krippe aufgebaut und auch Ochs und Esel wurden herbeigeschafft, begleitet von einer gefühlvollen und dramatischen Predigt des Heiligen. Am 3. Oktober 1226 verstarb Franziskus, geschwächt durch verschiedenartige Leiden, die u.a. durch seinen asketischen Lebensstil begründet waren.

Papst Franziskus I. des Jahres 2020 macht seinem Namensgeber mit seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ alle Ehre. Er ist nicht so radikal wie der Namensbruder aus Assisi, nicht generell gegen Wirtschaft oder Märkte, aber entschieden gegen wirtschaftliche Vorgehensweisen, die die Menschenwürde verletzen, indem sie aus Gründen des Profits die Ausbeutung oder Schädigung von Menschen billigen. Davon hört man in der Tagespresse wenig und muss schon etwas gründlicher recherchieren.

Die vorliegende Biografie des Franziskus von Assisi hingegen ist im gut sortierten Buchhandel erhältlich und eine faszinierende Lektüre nicht nur für religiös und historisch interessierte Leserinnen und Leser, meint Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats Oktober 2020

Benjamin Moser: Sontag. Die Biografie. München: Penguin 2020

 

Rundherum, soweit ich sehe, placken die Leute sich ab, normal zu sein. Das frißt einen Haufen Energie.

 

Die Lebensgeschichte von Susan Sontag zu erzählen, die von den 60er Jahren bis zu ihrem Tod am 28.12.2004 zu den weltweit einflussreichsten Intellektuellen zählt, ist seit dem irritierenden Bericht ihres Sohnes David Rieff (Tod einer Untröstlichen. Die letzten Tage von Susan Sontag, 2008) nicht einfacher geworden. Dass sich der in Utrecht lebende Texaner Benjamin Moser (BM) auf 805 Seiten (ohne Anhang) dieser schier unüberschaubaren Aufgabe stellt, ist verdienstvoll und vermittelt den Lesern des sorgfältig mit Bildmaterial ausgestatteten Werkes einen profunden Einblick in das Lebenswerk dieser bemerkenswerten Frau. 

Die Kamera als Vampir. In Kenntnis eines ihrer bekanntesten Werke, Über Fotografie (1977), dürfte die Bildauswahl eine besonders heikle Angelegenheit gewesen sein. Fotografien seien, führt sie dort aus, Konsumkitsch und Werkzeuge totalitärer Überwachung und hätten mindestens ebenso viel dazu getan, unser Gewissen abzutöten, wie dazu, es aufzurütteln.

An diesem Gegenstand wird deutlich, dass sich BM darum bemüht, Inhalte und Themen ihrer Bücher und zahllosen Essays in eine plausible Beziehung zu den Ereignissen ihres Lebens zu setzen, Übergänge und Bruchstellen aufzuweisen; ohne dass er das eine aus dem anderen zu erklären versucht oder umgekehrt. 

Je rêve, donc je suis. (Ich träume, daher bin ich.) Diese Descartes-Paraphrase ist die erste Zeile in Sontags erstem Roman Der Wohltäter von 1963. Dessen Protagonist hat allen normalen Lebenszielen entsagt, um sich nur noch seinen Träumen zu widmen: Mich interessieren meine Träume als -Taten. Alles Stil, nichts Substanz. Seine Träume werden auf diese Weise zur Definition von Camp, also der Inszenierung des Lebens, einer Vorstellung von sich selbst und dem öffentlich gewordenen Bild einer Person. Eine Konzeption, die Sontag selbst in ihrem berühmten Essay Notes on Camp, der im Herbst 1964 in der Partisan Review erscheint, in Worte fasst. Ein Entwurf, der sie lebenslang umtreibt und zerreißt: Sontag vs 'Sontag'.

1932 geboren, verliert sie früh ihren Vater. Die Mutter Mildred, eine schöne Diva, ist vor allem mit sich selbst beschäftigt. Sie ist Alkoholikerin und ignoriert konsequent hässliche Realitäten. Von Susans Schwester Judith wird sie als 'Königin der Leugnung' apostrophiert. Im Dezember 1949 besucht Susan mit zwei Freunden Thomas Mann in seinem Haus in Pacific Palisades. Sie beginnt über ihre Begegnung mit dem Gott im Exil zu schreiben, kann das Buch aber erst 1987 zum Abschluss bringen (Wallfahrt). 

Sie studiert an der University of Chicago und heiratet 17-jährig den Soziologen Philip Rieff, dessen Seminare sie besucht. Nachdem dieser das im Wesentlichen von ihr geschriebene Werk Freud: The Mind of the Moralist 1959 unter seinem Namen veröffentlicht, lässt sie sich scheiden und erstreitet das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn.

Sie entfaltet eine rege Schreib- und Reisetätigkeit. Sie besucht das revolutionäre Kuba und fährt auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs nach Hanoi. Zu nahezu allen brisanten Themen ihrer Zeit hat sie sich schriftlich oder mündlich geäußert und nicht selten Widerspruch evoziert.

Am 3. Juli 1981 vermeldet die New York Times erstmals: "Seltene Krebsart an 41 Homosexuellen diagnostiziert". Als die AIDS-Epidemie grassiert und die Krankheit unter den Präsidenten Reagan und Bush als "Schwulenseuche" relativiert, ausgegrenzt und verspottet wird, veröffentlicht sie 1989 Aids und seine Metaphern. Von der Schwulenbewegung wird ihr hingegen vorgeworfen, sich nicht zu outen und ihren persönlichen Beitrag zur Kampagne gegen den rigorosen Ausgrenzungsdruck zu verweigern.

Von 1988 bis zu ihrem Ende lebt sie mit der Fotografin Annie Leibovitz zusammen. Die Lebendigkeit von BM's Darstellung kommt auch dadurch zustande, dass er zahlreiche Gefährten und Freunde der 'Literaturikone' interviewt hat. Ihre Stellungnahmen legen Zeugnis ab von durchweg komplizierten Beziehungen. So konstatiert Salman Rushdie, dem sie als PEN-Präsidentin beistand im Kampf gegen die Gefährdungen durch die Fatwa: Eigentlich war sie zwei Susans, die gute und die böse. Die gute Susan war brillant, witzig und einfach großartig, die böse Susan hingegen konnte ein gnadenloses Biest sein.

Und ihre Freundin Jamaica Kincaid formuliert pointiert: Sie war großartig. Ich glaube, seit ich Susan kenne, möchte ich nicht mehr großartig sein.

Die Zahl ihrer ehemaligen Freunde wird gewaltig.

In ihren Attacken gegen andere Intellektuelle, etwa gegen ihr früheres Idol Jean Paul Sartre, kann sie rücksichtslos sein und ihre maßlosen Anklagen fallen auf sie selbst zurück, ja konfigurieren ein überzeugendes Selbstportrait. Im unveröffentlichten Essay Sartre's Abdiction bezeichnet sie, die mindestens ein Vierteljahrhundert lang Amphetamine konsumierte, oft in massiven Dosen, dessen Abhängigkeit von der Droge als Pakt mit dem Teufel, der sich als besonders verheerend erwies, weil er den körperlichen mit dem geistigen Verfall verband ...

1975/76 übersteht sie entgegen allen ärztlichen Prognosen ihre erste Krebserkrankung. Ihr Überleben wird in kulturellen Kreisen wie ein Wunder gefeiert. 1978 veröffentlicht sie ihren Essay Krankheit als Metapher, in dem sie untersucht, wie über Krebs gesprochen, vielmehr nicht gesprochen wird.

Im belagerten Sarajewo inszeniert sie 1993 unter großem persönlichen Mut mit einheimischen Schauspielern Warten auf Godot. Der Platz vor dem Theater wird nach ihr benannt. Später unterstützt sie die völkerrechtswidrigen Luftangriffe auf Serbien und lässt sich von der Clinton-Administration vereinnahmen. Mit ihrem letzten veröffentlichen Essay Das Foltern anderer betrachten (Regarding the torture of others, New York Times Magazine, Mai 2004) reagiert sie auf die Fotografien, die zeigten, wie Amerikaner die Insassen des Abu-Ghraib-Gefängnisses im Irak folterten: Der endlose 'weltweite Krieg gegen den Terrorismus' [...] führt unweigerlich zur Dämonisierung und Entmenschlichung von jedem, den die Bush-Regierung zum potentiellen Terroristen erklärt.

Zu diesem Zeitpunkt ist sie bereits an Leukämie erkrankt und unterzieht sich selbst qualvollen Behandlungen. Susans Haut wurde schwarz. Ihr Gesicht schwoll bis zur Unkenntlichkeit an. Festgehalten auf den Fotos von Annie Leibovitz. Susan wird in Paris begraben, am 17. Januar 2005, auf dem Friedhof von Montparnasse.

Sie hielt die Hoffnung auf Fortdauer der Kultur in einer Welt am Leben, die von Gleichgültigkeit und Grausamkeit bedroht ist, resümiert BM in seinem großartigen Schlusskapitel Der [tote] Körper und seine Metaphern. Wer diese Hoffnung teilt, dem sei die an Widersprüchen reiche Lebensgeschichte von Susan Sontag ans Herz gelegt. Alfons Huckebrink

Die Biografieempfehlung des Monats September 2020

Karl Ove Knausgård: Im Sommer. München: Luchterhand 2018.

In dieser autobiografischen Essay-Sammlung (für jede Jahreszeit gibt es inzwischen ein Werk) schildert der Autor einen Sommer seines Lebens, den Sommer 2016. Im Verlauf des Lesens bemerkt ein aufmerksamer Leser vielleicht, dass das Werk seine Form ändert, genau wie jeder Sommer denjenigen verändert, der ihn erlebt, und ihn am Ende auf den Herbst verweist. Während der Monate Juni und Juli gibt es Tagebuchnotizen, streng von den thematischen Essays getrennt, im Monat August verschmilzt beides, der Leser erfährt in jedem Essay, welcher Tag im Monat August es ist. Die Themen sind alltäglicher Art und geben den Schreibanlass für Selbstreflektionen und allgemein philosophische sowie rein subjektiv phänomenale Assoziationsketten des Autors, die den künstlerischen Wert ausmachen. Sie reichen vom Rasensprenger über Tränen bis hin zu Marienkäfern, Schnecken, Sommerregen oder zur Intelligenz. Interessant sind beispielsweise die evolutionsgeschichtlichen Gedanken, die sich der Autor zum Thema „Rasen“ macht, die Bedeutung von Gräsern für die Menschheit seit ihrer Sesshaftigkeit. Der Leser erfährt viel über die persönliche Bedeutung von Themen, Gegenständen und Erinnerungen des Autors und wird so zu eigenen persönlichen Deutungen inspiriert. Die inneren Monologe sind zu Beginn des Werks innere bzw. fiktive Ansprachen an seine jüngste Tochter, einem seiner vier Kinder, die die meiste Zeit ihres ca. zweijährigen Lebens auf der Rückbank des Wagens in ihrem Kindersitz sitzt, so auch am schönsten Tag des Sommers, wie der Autor bedauernd feststellt. Im August verwendet er überwiegend die Ich-Perspektive, die Essays sind eher auktorial gestaltet. Seine autobiografischen Beiträge lassen den Leser bis zu einem gewissen Grad an seinem Innenleben in jenem Sommer teilnehmen, auch an der fiktiven Ausgestaltung einer real sich zugetragenen tragischen Beziehungsgeschichte eines Paares, die sich während des 2. Weltkriegs abgespielt hat und ihn sehr beschäftigt. Eingestreut sind selbstkritische Reflexionen, Selbstwertprobleme, wo er mit sich selbst als „schwierige“ und/oder narzisstische Persönlichkeit ringt und darum kämpft, sich stetig weiter zu entwickeln.  I.U. zu Joyce geht es nicht um den Bewusstseinsstrom, sondern um ein Ringen um Entwicklung und Form, sowohl persönlich als auch künstlerisch. Ich habe das Buch im Sommer 2020 gelesen, in dem aufgrund einer Virus-Pandemie vieles anders war als in den Sommern davor, auch anders als im Sommer 2016. Auch zu den Jahreszeiten sehr lesenswert, in denen man sich nach dem Sommer sehnt, empfohlen von Gudula Ritz

 

Die Biografieempfehlung des Monats August 2020

Heinz Schilling: Karl V. Der Kaiser, dem die Welt zerbrach. München: C.H.Beck 2020

 

Bella gerant alii, / tu felix Austria nube. / Nam quae Mars aliis, / dat tibi diva Venus.

 

Jede biografische Annäherung scheitert im Grunde genommen an der nicht fassbaren Komplexität realen menschlichen Lebens, auf das sie stets nur einen schwachen Verweis abgibt. Einzig ausgenommen davon die Hagiografie, die dieses verklärt, erhöht und - indem sie es zur Anschauung freigibt - denunziert. Jeder Biograf wird sich im Wissen um die Beschränkung seines Tuns um jeweils eigene Zugänge zu Leben und Wirken der portaitierten Person bemühen und seine Entscheidungen begründen müssen. Indessen bietet die Biografie, falls gelungen, dem Leser, indem sie die tausendfach gesponnene Verwobenheit eines individuellen Lebens in die gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Gegebenheiten einer Zeitspanne aufzeigt, einen faszinierenden Einblick in ein historisches Dispositiv.

Wie sehr gilt all dies bei einer Gestalt wie die Karls V., auch durch eine geschickte Heiratspolitik Begründer der weltumspannenden Macht der Casa de Austria, dem, wie H. Schilling im Untertitel seiner Lebensbeschreibung zurecht annotiert, "die Welt zerbrach". Eine Welt, aber längst nicht mehr die eine universale mittelalterliche Welt. Denn obwohl der 1500 im burgundischen Gent geborene Herrscher mit Recht propagieren kann, in seinem Reich gehe die Sonne nicht unter, etablieren sich unabhängige und ihm in vielerlei Hinsicht ebenbürtige, wenn nicht überlegene Gegenkräfte wie das aufstrebende osmanische Reich oder der machtbewusste französische König Franz I. Das Erstarken der Reformationsbewegung in Deutschland, dem der Augsburger Religionsfrieden von 1555 eine erste staatsrechtliche Absicherung verleiht; das Wüten der Konquistadoren bei der Unterwerfung und Ausbeutung der amerikanischen Völker, von deren Goldlieferungen der Kaiser abhängig ist, und nicht zuletzt das zunehmende Selbstbewusstsein der bürgerlichen Schichten in den Städten kündigen ein neues Zeitalter an. Die sprunghafte Ausweitung des Handels und die Entstehung eines Finanzkapitals nimmt auf feudale Bindungen keine Rücksicht mehr und schafft neue Abhängigkeiten, denen sich niemand entziehen kann. Alles wird nun zum Geschäft. Wer Krieg führen will, muss Söldner anwerben und diese bezahlen. Hat er kein Geld, muss er Kredite aufnehmen und die Lieferungen aus dem amerikanischen "Goldkastilien" verpfänden. Zeitweilige Erfolge, wie etwa die Gefangennahme Franz I. 1525 oder der militärische Triumph über das Reformationsheer bei Mühlberg 1547 zerrinnen dem Kaiser zwischen den Fingern. Verstrickt in den Widersprüchen von Politik und Zeitgeschichte dankt er 1555 zugunsten seines Sohnes Philipps II. ab. Seine Nachfolge als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches tritt sein Bruder Ferdinand I. an. Seinen Lebensabend verbringt der Kaiser, der sich stets als "Miles Christianus" verstand, im Kloster Yuste in der Einsamkeit der Estramadura, wo er 1558 stirbt.

Heinz Schilling gelingt es, und damit sind wir wieder bei den Vorbemerkungen dieser Buchvorstellung, gerade diese zutiefst religiöse Seite des Herrschers, der zeitlebens um die Einheit der Christenheit bemüht ist und daran scheitern muss, darzustellen. Unter seinem Sohn beginnt der Terror der Inquisition in Spanien, bereiten sich der Aufstand der niederländischen Provinzen und ihre teilweise Ablösung vor. Weniger erfährt der Leser von der rasanten Entwicklung des Finanzkapitals, dem Aufstieg der Fugger und anderer Bankhäuser und deren Einflussnahme auf die Politik. Trotzdem eine lesenswerte, im besten Sinne fesselnde Lektüre, die eindrucksvoll die Macht und Ohnmacht dieses Herrschers zeigt. Eine persönliche Tragik wohl, die indessen den Biografien aller weltgeschichtlich bedeutenden Herrscher anhaftet, vermutet Alfons Huckebrink

Unsere 100. Biografieempfehlung im Juli 2020

Thomas Käsbohrer: Auf dem Meer zu Hause. Was mir mein Segeltörn entlang Europas Küsten über das Leben erzählte. München: Penguin 2020

 

Jemand, der beim Reisen nicht nur die eigene, sondern auch die Menschheitsgeschichte in den Blick nimmt, verwurzelt seine Biografie in besonderer Weise in den Kategorien von Raum und Zeit. So jemand ist Thomas Käsbohrer, segelnder Journalist und Historiker, der auf der Suche ist und als Alleinsegler sich selbst und sein Leben besser verstehen will. Er ist von den Lagunen Venedigs gestartet und zu seinem vier Monate dauernden Sommertörn von Sciacca in Sizilien aufgebrochen, um bis an die Südküste Englands zu gelangen. Er ankert bevorzugt in Lagunen und Flussmündungen. Auf seinem Weg in den Norden fragt er sich, was ihn trotz aller Widernisse und Strapazen so glücklich macht, wenn er beispielsweise am Unterlauf des Flusses Aveiro in ein alte Sardinen-Industrie und ein Salinenabbau-Gebiet segelt und übernachtet. Er beschreibt die wechselnde Geschichte des Städtchens, die der ihm glücklich erscheinenden Bewohner. Dabei erinnert er sich an glückliche Tage seiner Kindheit, die er bei seinen Großeltern auf dem Land verbracht hat, an das gleiche Glücksgefühl des Entdeckens und freien Selbstseins. Alles wird mit allem verwoben, es entsteht ein Text, der nicht beliebig ist, sondern ein Gewebe, das zusammengehalten wird durch die persönlichen Bedeutungen. Und so geht es Ort um Ort, Hafen für Hafen auf dem Weg in Richtung Norden. Der gegrillte Aal in Aveiro erinnert an den in Venedig, die Austern Galiziens und Frankreichs zeigen dem Erzähler und den Lesern, dass Gerichte nicht nur gut munden, sondern auch die Erinnerung an Menschen wachhalten können. In Frankreich fragt er sich, wie es eine Gesellschaft schafft, dass ihre Mitglieder sich nicht vor allem mürrisch und skeptisch begegnen, sondern ausgesprochen höflich miteinander sind. Der Untertitel könnte auch heißen: Was ich beim Segeln und Reisen über mich selbst lernte. Und hier knüpft unsere 100ste (Auto)-Biografieempfehlung an unser neues Projekt und unsere neue Veröffentlichung "Unterwegs zum Selbstsein. Beweggründe des Reisens" an, indem sie viele Parallelen aufweist. Unsere Leser können sich auf regelmäßige Essays in unseren Reiseblogs auf der Website www.unterwegs-zum-selbstsein.de freuen, die bald online gehen wird. Beides empfohlen von Gudula Ritz

Die Biografieempfehlung des Monats Juni 2020

Henry Beston: Das Haus am Rande der Welt. Frankfurt / M.: Büchergilde Gutenberg 2019. Original engl: The Outermost House: A Year on the Great Beach of Cape Cod. New York: Holt & Co 1928.

 

Dieser autobiografische Text beschreibt, was freies Selbstsein ist und schon vor fast 100 Jahren sein konnte: Das Sich-Aufgehoben-Fühlen in der Natur und Welt, die Wirkung eines besonderen Ortes auf das subjektive Erleben und die damit verbundene persönliche Entwicklung. Der Autor, ein junger Schriftsteller, bezieht 1926 am äußersten Ende der Halbinsel Cape Cod eine Hütte, ein kleines Haus aus Holz und will dort zwei Wochen verbringen, um zu schreiben. Er bleibt ein ganzes Jahr und notiert, wie er seine Umwelt und die Natur an diesem Ort erlebt. Er trägt fast täglich seine Beobachtungen und Gedanken in ein Notizbuch ein, ... welche wenig später in sein Buch eingehen. Mit diesem Erstlingswerk schafft Beston einen Klassiker des "Nature Writing", ein besonders in der Literatur der angelsächsischen Länder verbreitetes Genre, das 1854 mit dem Erscheinen von Henry D. Thoreaus Werk "Walden oder Leben in den Wäldern" begründet wurde. 

Am Anfang des "Nature Writing" steht nicht die Natur, sondern das Schreiben, das der Beobachtung entspringt und sich in einfacher Sprache, präzis formulierten Sätzen mitteilt. Es hat nichts mit einer romantisierenden Sicht zu tun, sondern basiert auf Wissen und dessen Aneignung für den bewusst gestalteten Einblick: "Was man benennen kann, sollte man beim Namen nennen und sprachliche Ornamente Ornamente sein lassen." (Thoreau). Einfach gesagt, schwierig umgesetzt.

Über seine Einsamkeit auf Cape Cod schreibt Beston:

"Es ist nicht gut, zu viel allein zu sein, so wie es unklug ist, sich stets in Gesellschaft und unter Leuten zu befinden, doch auch wenn ich allein war, hatte ich kaum Gelegenheit, Stimmungen nachzuhängen, ... Von dem Moment an, an dem ich morgens aufstand, die Tür öffnete und aufs Meer hinausschaute, bis zu jenem, an dem das Aufflammen eines Streichholzes in der abendlichen Stille meines Hauses erklang, gab es immer etwas zu tun, etwas zu beobachten, etwas zu notieren, etwas zu untersuchen, etwas in Erinnerung zu behalten."

Durch die Kunst einer detaillierten Beschreibung, die damals bereits einen frühen Blick auf die Probleme der Umweltverschmutzung einschließt, nimmt der Leser Anteil daran, wie die Natur ein Staunen ermöglicht, eine Erfahrung, die im Alltag der modernen Zeit selten geworden ist. Auch Vogelliebhaber kommen auf Ihre Kosten, denn die Artenvielfalt der Küsten-und Zugvögel nimmt eine besondere Stellung in den lehrreichen Beschreibungen ein. Als Anregung für alle, die auf der Suche nach genau diesen Erfahrungen sind, ist dieses Werk von Gudula Ritz empfohlen.

Die Biografieempfehlung des Monats Mai 2020

Desmond Morris: Das Leben der Surrealisten. Zürich: Unionsverlag 2020

 

Das Leben der Surrealisten ist nicht immer surreal. Bestes Beispiel für diese nicht wirklich überraschende Erkenntnis ist die Biografie des Katalanen Joan Miró (geb. 1893), dessen Privatleben ohne größere Sensationen verlief. Er hatte, anders als viele der übrigen Surrealisten, keinerlei Interesse an Trinkgelagen, sexuellen Ausschweifungen oder anderen Lebensformen surrealistisch gemeinter Dekadenz. Als er 1964 den Autor dieses außergewöhnlichen Buches und beider Kollegen Roland Penrose (1900-1984) in London besucht, tritt er im eleganten Anzug auf. Schon früh genießt Miró den Rang eines Über-Surrealisten und wird heute wie kaum ein anderer mit dieser spektakulären Revolte in der Kunstgeschichte identifiziert, obwohl er eine tiefsitzende Abneigung gegen jede Art intellektueller Kunstdeutung hat und kein einziges Manifest der Gruppe um André Breton (1896-1966) unterschreibt. "Seine rebellischen Aktionen waren allein der Leinwand vorbehalten, ansonsten war er höflich und zurückhaltend." Im Alter von 90 Jahren stirbt er in Palma de Mallorca an einer Herzkrankheit. Ganz anders viele seiner Kollegen, deren exzentrische Lebensführung ihre künstlerischen Ambitionen geradezu zu unterstreichen scheint. So stirbt Yves Tanguy (1900-1955) nach langjährigem Alkoholabusus viel zu früh an einem Schlaganfall; schießt sich Wolfgang Paalen (1905-1959), zeitlebens an Depressionsschüben leidend, in Mexiko eine Kugel durch den Kopf, seine Leiche wird erst gefunden, als Wildschweine bereits an ihnen zu nagen begonnen haben; reüssiert Marcel Duchamp (1887-1968), den seine readymades berühmt machen sollen, aufgrund seines "ziemlich skrupellosen Charakters".

Desmond Morris (geb. 1928) hat als Künstler mit Joan Miró selbst ausgestellt und liefert mit den Lebensbeschreibungen des Bands 32 kurzweilige Synopsen zu den Protagonisten der surrealistischen Szenerie. Er kennt sie ziemlich gut und glänzt mit ebenso verblüffenden wie pikanten Details sowie prägnanten Einordnungen. Mit jederzeit amüsanten Einblicken in eine schillernde Bewegung, die als Anti-establishment Aktion beginnt, bald vom Markt absorbiert und in ein profitables Geschäft verwandelt wird, von dem weitaus nicht alle hier vorgestellten Künstler profitieren. Und Künstlerinnen, denn Morris würdigt ebenfalls das Lebenswerk der großen surrealistischen Frauen wie Meret Oppenheim. Leonora Carrington, Dorothea Tanning, Eileen Agar. Einige, wie Salvador Dalí (1904-1989), der sich im spanischen Bürgerkrieg auf die Seite Francos schlägt und wegen "Glorifizierung von Hitlers Faschismus" von Breton aus dem Kreis der Surrealisten ausgeschlossen werden soll, machen schließlich ein Geschäft daraus und landen bei der Produktion von Kitsch. Morris zeigt indessen nicht nur das Wirken der "offiziellen" surrealistischen Vertreter, sondern stellt auch unabhängige, zeitweilige, ausgeschiedene, ausgetretene, abgelehnte und natürliche Surrealisten vor. Er widmet sich berühmten Namen wie Pablo Picasso, Max Ernst oder René Margritte ebenso wie den eher unbekannt gebliebenen Victor Brauner, Wilhelm Freddie oder dem unglücklichen Arshile Gorky in gleicher liebevoller Sorgfalt. Zu jedem gibt es eine geraffte Lebensgeschichte, eine Betrachtung der Persönlichkeit, garniert mit jeweils einem Porträtfoto und einem für das Gesamtwerk charakteristischem Bild. Das Buch ist exzellent ausgestattet und wirkt, zusammen mit einem Glas Sekt im Garten genossen, als veritable Vitalkur nach der Corona-Tristesse, versichert Alfons Huckebrink. 

Die Biografieempfehlung des Monats April 2020

Steffano Zuffi: Raffael. Meisterwerke im Detail. Köln: Verlag Bernd Detsch 2020

 

Die Natur selbst, die zu Lebzeiten des Künstlers fürchten musste, von diesem übertroffen zu werden, fürchtet vor Trauer nun selbst nicht mehr leben zu können.

 

(Inschrift am Grabe Raffael Santis im Pantheon)

 

Wir bewundern Künstler - so Picasso im 20. Jhdt. -, die in erster Linie mit ihrem Nachnamen benannt werden. Ebenso gibt es herausragende Maler, die fast ausschließlich unter ihrem Vornamen berühmt geworden sind wie Raffael, der vor 500 Jahren am 6. April (Karfreitag) an einem Fieberanfall infolge einer Malariainfektion in Rom stirbt. Aufgebahrt wird der Leichnam unter seinem letzten Gemälde, an dem er kurz vor seinem Tod noch gearbeitet hat, der Verklärung Christi. Auf einen Karfreitag fällt auch der Tag seiner Geburt am 28. März 1483 in Urbino. Sein Vater ist der Maler Giovanni Santi, seine Mutter, Magia Carla, stirbt bereits 1491.

Die Jahre um 1500 sind eine Zeit im tiefgreifenden Umbruch. Mit der Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Indien erschließen sich neue Handelsrouten. In Florenz wird der Bußprediger Savonarola zum Tode verurteilt und verbrannt. Die Franzosen erobern Mailand, Italien wird von zahlreichen blutigen Konflikten erschüttert. Bald wird die Reformation an Einfluss gewinnen, Karl V. wird Kaiser werden. Ein neues Zeitalter zieht herauf. 

In seinem kurzen 37jährigen Leben schafft Raffael unvergängliche Kunstwerke, in denen sich die Ideale der italienischen Hochrenaissance spiegeln. Sein Lehrer wird Pietro Perugino. An mehreren Aufträgen in Umbrien und in den Marken ist Raffael beteiligt, eignet sich dessen Stärken in harmonischer Farbgebung, Konturierung, Figurenzeichnung und Ausdruck an, um sie weiterzuentwickeln. In Florenz studiert er die Arbeiten Michelangelos, zu dem er zeitlebens ein getrübtes Verhältnis hat, und Leonardos. Im Sommer 1508 siedelt Raffael nach Rom über und wird dort neben vielen anderen Künstlern beim Neubau von St. Peter eingesetzt. Bereits 1509 vertraut Papst Julius II. ihm die Leitung bei der Ausmalung der päpstlichen Gemächer, der Stanzen, mit Fresken an. Bei dieser Jahrzehnte andauernden Tätigkeit vervollkommnet sich Raffaels Technik, wird selber stilbildend. Er arbeitet nach dem lebenden Modell, ist zur Meisterschaft gelangt und lässt viele Arbeiten von seinen Schülern ausführen. Die Idee eines Kunstwerks steht von nun an über seiner handwerklichen Ausführung; eine Konzeption, die überraschend postmodern klingt. Raffael gehört zu einem der ersten, die einen neuen sozialen und kulturellen Status des Künstlers für sich reklamieren. Er wird wohlhabend, engagiert sich für die Erhaltung der römischen Altertümer, nimmt Fechtstunden, kauft und bewohnt eine Villa auf dem Land. Seine Geliebte, Margherita Luti, avanciert zu seinem wichtigsten Modell.

Nach seinem Tod arbeiten seine Schüler in seinem Sinne weiter. 1527, nach der Katastrophe des Sacco di Roma, der Eroberung und Plünderung Roms durch deutsche und italienische Söldner, flüchten diese, werden in ganz Europa verstreut und vermehren die Bekanntheit Raffaels, begründen seinen Ruhm. Sein Stil der 'anatomischen Genauigkeit' und die Ausstattung seiner Bildräume mit perspektivisch-atmosphärischer Tiefenwirkung lassen ihn über die Jahrhunderte hinweg zum Klassiker werden, dessen Kunst bis heute tief berührt. 

Aus der Unmenge von Buchtiteln, die sich anlässlich dieses besonderen Jubiläums mit seinem Leben und Werk befassen, empfehlen wir aus gutem Grund die exzellente Arbeit von Steffano Zuffi. Soeben erschienen in der klug angelegten Reihe Meisterwerke im Detail des Verlags Bernd Detsch. Der opulent ausgestattete, gleichwohl preiswerte Band enthält eine luzide kunsthistorische Einordnung sowie eine prägnante Biografie. Er besticht neben der makellosen Qualität der Reproduktionen durch einen weiteren, nicht gering zu veranschlagenden Vorzug. Er zieht den Betrachter in Raffaels staunenswerte Werke hinein, indem er sich jeweils ein Detail herausgreift und diesem bestimmte Hinweise auf die jeweilige Entstehung entlockt. So verweist er etwa im Ausschnitt des betörenden Portraits von La Fornarina auf den Armreif an ihrem Oberarm mit der lateinischen Aufschrift "RAPHAEL URBINAS". Eine Art Signatur, die erst durch eine vor kurzer Zeit vorgenommene Restaurierung freigelegt wurde und einer Liebeserkärung an Raffaels Modell Margherita Luti gleichkommt. Vor dieser Klärung war durchaus strittig, ob man die superbe Ausführung nun dem Meister selbst oder seinem Schüler Giulio Romano zurechnen konnte.

Raffaels fünfhundertster Todestag kann als willkommene Aufforderung begriffen werden, sich mit Leben und Werk dieses früh vollendeten Genies zu beschäftigen. Das Buch von Steffano Zuffi bietet Ihnen atemberaubende Einblicke und schärft durch seine plausiblen Erläuterungen das Verständnis für die Zusammenhänge zwischen der Kunst, der Welt des Künstlers und ihren vielfältigen Erscheinungen sowie zeitbedingten Aporien, resümiert Alfons Huckebrink. 

Die Biografieempfehlung des Monats März 2020

Bernhard Moitessier: TAMATA. Erinnerungen eines Seglers. München: Aequator-Verlag 2015

 

Diese Autobiografie erschien zuerst 1993 in Paris in französischer Sprache, ein Jahr, bevor der Autor nach schwerer Krankheit mit 69 Jahren verstarb.

 

Bernhard Moitessier wurde 1925 in Hanoi geboren und wuchs in Saigon, dem heutigen Ho-Chi-Minh-Stadt, auf. Seine Eltern hatten Frankreich als frisch verheiratetes Paar aus lauter Fernweh verlassen. Sein Vater als diplomierter Ökonom, seine Mutter als Künstlerin mit Tusche und Pinsel. "Ich unternahm die Reise als Embryo im Bauch meiner Mutter. Die Schiffsreise ging zunächst nach Madagaskar, dann weiter nach Indochina, das damals zum französischen Kolonialreich gehörte." Dieses Land hat BM mit allen Sinnen in sich aufgesogen. Seine Kindheitserinnerungen sind voller atmosphärischer Dichte und vielleicht der schönste und faszinierendste Teil der Autobiografie, beschreiben sie doch eine untergegangene Welt mit den Augen eines Jungen, dem Hügel und Berge dieses Landes vertraut werden, der riesige Wälder durchstreift, Saigon als grüne Stadt erlebt und beschreibt. Seine chinesische Amme prägt ihn mit ihrer Liebe, ihren chinesischen Wiegenliedern, mit ihren Geschichten von Feen und Drachen, die auch in der französischen Kultur zu finden sind. Sie bleibt 27 Jahre in der Familie. Seine Mutter zeichnet mit Tusche und Pinsel die Umgebung, einige dieser sehenswerten Artefakte sind im Buch abgebildet. Nach und nach wächst die Familie, BM erhält noch 3 Brüder und eine Schwester. Am schönsten sind die langen Schulferien, die er in nahezu unbegrenzter Freiheit in einem kleinen Dorf an der Küste von Siam verbringt, wo sich feste und tiefe Freundschaften mit Gleichaltrigen und deren Familien bilden. Schule findet nicht sein Interesse, lieber streunt er über den Markt in Saigon. Sein Vater betreibt ein gut laufendes Ex- und Importgeschäft, welches der Familie wachsenden Wohlstand garantiert. Trotz der Gefahr "einer ordentlichen Tracht Prügel" treibt er sich während der Unterrichtszeit am Fluss herum, um die Dschunken zu betrachten. Und Prügel erhalten er und seine Geschwister reichlich, "da meine Eltern in diesem Klima scheinbarer Mühelosigkeit eine Verweichlichung ihrer Kinder befürchten." Trotzdem durchstreifen er und seine Brüder das nächtliche Saigon. Pluspunkte dieser Autobiografie sind die Offenheit und auch die Schonungslosigkeit, mit der BM die Zeit beim Militärdienst und den Indochina-Krieg beschreibt, in dem er beispielsweise auch Verrat an seinen einheimischen Freunden begeht. Er erleidet mehrfach Schiffbruch mit selbstgebauten Schiffen und bricht doch immer wieder auf, später arbeitet er als Segellehrer, schreibt sein erstes Buch, kehrt nach Europa zurück. Berühmt unter Seglern wird BM durch seinen "verschenkten Sieg", als er 1969 als Einhandsegler von Plymouth aus zu einer Regatta startet und dann trotz beruhigender Führung nicht zurückkehrt, sondern weitersegelt bis Tahiti. In der Südsee lebt er viele Jahre, auch später mit seiner zweiten Frau und seinem Sohn. 1983 baut er die TAMATA, die Yacht, der seine Autobiografie ihren Namen verdankt. Er engagiert sich erfolgreich und mit bewundernswerter Energie gegen die französischen Atomversuche in der Südsee, neben den seglerischen Leistungen ein wichtiger politischer Beitrag. Auf dem "magischen Suwarow Atoll" findet er immer wieder Ruhe und Zeit zum Nachdenken und später die Zeit, das Aufwachsen seines kleinen Sohnes zu erleben. Von weitem begrüßen ihn die in der Südsee heimischen Feenseeschwalben, die Matisse auf seinen Wandtteppichen als Scherenschnitt dargestellt hat. Hier trifft er auch den legendären Aussteiger Tom Neale. Seine Vortragsreisen in den USA führen später nicht zum gewünschten Erfolg, jedoch zur Trennung von seiner Frau Ileana. Später lernt er Veronique kennen, mit der er sowohl in der Südsee, als auch in Paris und in der Südbetragne lebt, während er an seiner Autobiografie schreibt. Dort wurde er auch begraben. Seine Autobiografie ist vor allem ehrlich; er ist schonungslos gegenüber sich selbst und ein außergewöhnlicher Mensch und Segler. Als Philosophen unter den Seglern, wie er in Seglerkreisen oft genannt wird, würde ich ihn nicht bezeichnen, aber durchaus als eindrucksvollen Erzähler. Zum Schluss hat die 450 Seiten lange Autobiografie einige Längen, die ich, Gudula Ritz, verzeihlich finde und die ich deshalb trotzdem zur Lektüre empfehle. 

Die Biografieempfehlung des Monats Februar 2020

Hannes Wader: Trotz alledem. Mein Leben. München: Penguin 2019

 

Die Unruhe in mir, das nagende Gefühl, dass sich in meinem Leben etwas ändern muss ...

 

Hannes Wader (geb. 1942) geht nicht mehr auf Tournee. Soweit die schlechte Nachricht. Nun die gute: Die neu gewonnene Freizeit hat er dazu genutzt, endlich seine Autobiographie zu Papier zu bringen und unter dem für ihn so typischen Titel Trotz alledem zu publizieren. Knapp 600 prall gefüllte Seiten dokumentieren nun ein bewegtes Leben, hübsch illustriert durch prägnantes Fotomaterial.

Für den HW-Anhänger wird Erwerb und Lektüre dieser spektakulären Erinnerungen, die der Barde anhand ausgewählter Liedtexte strukturiert, selbstverständlich sein und die ideale Abrundung seiner Platten- respektive CD-Sammlung darstellen. (Übrigens können Waders Lieder mittlerweile auch gestreamt werden.)

Für solche, die sich (noch) nicht dazu zählen wollen, seien hier einige Inhalte aufgelistet, deretwegen es sich lohnen könnte, das Buch aufzuschlagen. Den Leser erwarten Schilderungen

- seiner beschwerlichen Kindheit in den letzten Kriegsjahren und der Nachkriegszeit in einem ostwestfälischen Dorf

- seiner Ausbildung zum Schaufensterdekorateur in Bielefeld und erster musikalischer Ambitionen

- seiner Flucht nach Westberlin, des Eintauchens in die sich dort formierende Liedermacherszene sowie der niemals langweiligen Freundschaften zu Kollegen, insbesondere der andauernden Beziehung zu Reinhard Mey

- seiner Auftritte auf Burg Waldeck und der Atmosphäre der legendären Festivals

- seiner Politisierung und des Eintritts in die DKP

- seiner engen Freundschaft zu Karratsch (Franz Josef Degenhardt) und seines Mitwirkens in der Friedensbewegung der 80er Jahre

- seiner langjährigen Drangsalierung durch die Staatsorgane, nachdem er seine Hamburger Wohnung einer Frau zur Verfügung gestellt hat, die sich später als Gudrun Ensslin entpuppt

- der Renovierung einer alten Mühle in einem nordfriesischen Dorf und sein Umzug dorthin

- sein später Ruhm, gipfelnd in der Verleihung des Echo für sein Lebenswerk 2013

- seines Privat- und Familienlebens, insbesondere der Aufs und Abs seiner beiden Ehen.

Einen breiten Raum gewährt er der Entwicklung seiner musikalischen Fähigkeiten und den alltäglichen Belastungen des Tourneelebens sowie seiner vielen Reisen, z.B. nach Frankreich, Italien, Irland, Kuba und der Sowjetunion.

HW vergegenwärtigt in seinen Erinnerungen ein aufregendes Stück Zeitgeschichte mit dem kritischen und widerständigen Impetus, der auch seine Lieder auszeichnet. Wer sich darauf einlässt, wird auf manches stoßen, was ihn selbst einmal beschäftigt hat und vielleicht immer noch umtreibt, verspricht Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Januar 2020

Jane Birkin: Munkey Diaries. Die privaten Tagebücher. München: Penguin 2019

 

Wir horchen ins Jahr 1969: Dem Pubertierenden in der westdeutschen Provinz eröffnet das lustvolle Gestöhne in Je t’aime, moi non plus die erotische Dimension der Sexualität, die von sozialliberaler Aufklärungsdidaktik im zeitgleich erscheinenden Sexualkundeatlas Käthe Strobels oder in den von ihrem Ministerium finanzierten Helga-Filmen betulich negiert wird. Das blasse Gesicht von Jane Birkin, das nun auch für das Cover ihrer Tagebücher taugt, illustriert den musikalischen Beischlaf und bietet geheimsten Begierden ein Objekt. Ihm nahezukommen muss der Heranwachsende indessen die Skala rauf und runter rutschen, bis sich vielleicht ein Piratensender einstellen lässt, der den Boykott der Anstalten ignoriert, es wagt, die „beschämende Obszönität“ (Osservatore Romano) zu transmittieren. Wenn er Pech hat, gerät er lediglich an eine Orchesterversion, welche die tugendhafte BBC eingespielt hat, als sie das Phänomen nicht länger ignorieren kann.

Birkins damaliger Partner – nicht nur musikalisch – ist Serge Gainsbourg, mit dem sie zwölf turbulente Jahre zusammenlebt. Von dieser intensiven Zeit kündet ein wesentlicher Teil ihrer Munkey Diaries (1957-1982), benannt nach dem Plüschaffen, dem sie seit ihrer Kindheit Briefe schreibt. Ein Glücksbringer, der auch ihren Vater David zu einer Krebsoperation ins Krankenhaus begleitet. Als Serge stirbt, legt sie ihm das Stofftier in den Sarg. Soll die Veröffentlichung autobiografischer Notate gewöhnlich eine plausible Persönlichkeitsentwicklung nachweisen, so stellt Birkin (*1946) – ganz ohne zu erbleichen - heraus, dass sie sich kaum verändert hat: Die ich mit zwölf war, die bin ich noch heute. Ihre damaligen Aufzeichnungen garniert sie mit aktuellen Ergänzungen und Kommentaren. Ein reizvoller Ansatz, dem der Leser ein Bouquet duftender Anekdoten und freimütiger Reflexionen verdankt.

Die Tochter einer Schauspielerin und eines hochdekorierten britischen Offiziers mit besten Verbindungen zur Résistance wird in Frankreich heimisch, wo sie frühe Anerkennung genießt. Amerika macht mir Angst, England war mir zu eisig, ich wollte Frankreich, weil Frankreich mich wollte. Beim Erfolg von Je t’aime ist sie bereits mit einer Rolle in Michelangelo Antonionis Film Blow up in Erscheinung getreten, der 1967 in Cannes den Grand Prix gewinnt. Nun trifft sie Gainsbourg und ist ihm gleich verfallen: … ziemlich verlebt, aber voller Lauterkeit. Ihre exzentrischen Eskapaden liefern Stoff für den Boulevard; der Tagebuchleser goutiert ihren Rauswurf aus dem schmutzigsten Bordell von Paris wegen zu lauten Stöhnens oder Janes Besuch im Erotikshop, von dem sie Serge eine aufblasbare Puppe mitbringt. Wenn es drauf ankommt, beweisen beide politisches Standing. Als Serge, der als jüdisches Kind die Okkupation überlebt hat, gegen die Drohkulisse französischer Fallschirmjäger 1980 in Straßburg mit geballter Faust seine Reggae-Version der Marseillaise (Aux armes et caetera) singt, erhalten sie Glückwünsche von Georges Brassens und viele Morddrohungen, es gibt Bombenalarm. Birkins Kommentar, gerade heute beachtenswert: Man kuscht nicht vor Drohungen, vor allem nicht vor denen rechtsextremer Rassisten.

Bei aller Liebe, am Ende hält sie es nicht mehr aus mit ihm. Ich hasse diesen Film … Sie zieht mit den Töchtern Charlotte und Kate ins Hilton, wird von Schuldgefühlen gequält, wünscht sich zu wissen, wie das Leben ganz allein mit mir ist. Ein unerfüllbarer Wunsch. Nicht nur für diese Schauspielerin und Sängerin, deren zärtlichste Kreationen die Vergänglichkeit der Liebe zelebrieren.

Mittlerweile empfinde ich eine andere Produktion des Paars, La décadanse, in jeder Hinsicht eindrucksvoller, ja reifer im erotischen Sinne als Je t’aime. Ich freute mich, diese Einschätzung in den Tagebüchern bestätigt zu bekommen. Mon amour / de toujours / patience. Dank Youtube können Sie sich Ihr eigenes Urteil dazu bilden. Die Lektüre der Tagebücher Jane Birkins indessen erleuchtet nicht nur zum Jahresbeginn die Erinnerung an eine mehr denn je bemerkenswerte Epoche, konstatiert Alfons Huckebrink

Die Biografieempfehlung des Monats Dezember 2019

Die Biografieempfehlung des Monats November 2019

Die Biografieempfehlung des Monats Oktober 2019

Die Biografiempfehlung des Monats September 2019

....siehe in der Chronik 2019!!