Autor des eigenen Lebens werden: Die Website für Literatur und autobiografische Aufmerksamkeit.

Die Biografieempfehlung des Monats Juni 2025

Wolf R. Eisentraut: Zweifach war des Bauens Lust. Architektur Leben Gesellschaft. (360 meist farbige Abbildungen). Berlin: Lukas Verlag 2023

 

Möglicherweise spiegelt sich das Suchen nach neuer gesellschaftlicher Identität auch in der Architektur der Zeit wider. So stehen verbreitete restaurative Architekturauffassungen, die Wiederherstellung verlorener Ensembles oder gar die Kopien abgerissener und seit langem verschwundener Bauten, insbesondere der Nachbau des ehemaligen Berliner Schlosses, für eine Sehnsucht nach heiler Welt. Welche denn?

 

Aufbau und Abriss. Rück- und Wiederaufbau. In der Architektur finden gesellschaftliche Entwicklungen wie politische Umwälzungen ihren sichtbaren und konkret erlebbaren Ausdruck. Ob man es nun mag oder nicht: Architektur geht alle an.

Da sie Lebenswelten zum Erlebnisraum gestaltet, werden ihre exponierten Projekte geradezu und wortwörtlich zum Schauplatz dieser Auseinandersetzungen. Der Architekt / die Architektin ist darüber hinaus in seinem /ihrem Gestaltungswilllen abhängig - und in der Regel wohl eingeschränkt - von den ästhetischen Prägungen wie vom Geldbeutel der Auftraggeber, seien es nun öffentliche Bauträger oder private Bauherren.

Und deshalb ist die Architektur eben leider keine freie Kunst. Der Idealfall einer Architekt und Auftraggeber verbindenden Kongenialität tritt selten ein. 

Diese Vorgaben und Implikationen könnten Architektur und ihre erzählte Geschichte zu einer ebenso spannenden wie informativen Veranstaltung machen. Selten findet sich jedoch eine Darstellung, die diesem Anspruch gerecht wird und einer breiten Leserschaft Einblick in die Welt des Bauens verschafft.

Der Architekt Wolf E. Eisentraut (geb. 1943) lebt in Berlin. Er wuchs in Plauen auf, bereits sein Vater übte diesen Beruf erfolgreich aus. Im vergangenen Jahr legte er eine kurzweilige, mit zahlreichen Abbildungen ausgeführter Bauten oder von Arbeitsskizzen reich illustrierte Autobiografie vor. Zwei Architektenleben in einer Person - darauf spielt der Buchtitel an: eines in der DDR und eines im vereinigten Deutschland. In lockerer zeitlicher Abfolge berichtet Eisentraut über seinen Umgang mit politischen und wirtschaftlichen Zwängen, stellt Lust und Frust des Architektenlebens in zwei Gesellschaftsordnungen dar.

Eisentraut beginnt 1963 das Studium der Architektur an der TU in Dresden. Von 1968 bis 1971 ist er Mitarbeiter der Experimentalwerkstatt beim berühmten Hermann Henselmann (1905-1995), anschließend wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Wohnungsbau der Bauakademie der DDR. 1972/73 arbeitet er in verantwortlicher Funktion am Entwurf zum 'Palast der Republik' mit. Später ist er verantwortlicher Architekt für gesellschaftliche Bauten in Wohngebieten wie Berlin-Lichtenberg oder -Marzahn. Er erhält zahlreiche Auszeichnungen und wird 1988 als außerordentlicher Professor für Gesellschaftsbau an die TU Dresden berufen. Nach 1990 gründet er ein freies Architektenbüro und widmet sich der nachhaltigen Nutzung der Bestände mittels Umbau und Sanierung.

Ob an die Nordsee, nach Usedom, auf den Brocken, nach Sachsen und vor allem Berlin - die 3 Kapitel der Autobiografie, "Werden", "Wirken" und "Weiterbauen", nehmen den Leser / die Leserin mit zu den baulichen Zeugnissen des Architekten. Sie schildern, wie er in den Beruf hineinwuchs und ihn als Berufung begreift. Ein Leben nicht nur als Architekt im volkseigenen wie im privaten Büro, sondern  auch als Hochschullehrer, Bühnenbildner, Moderator, Publizist und sogar Maurer. Wobei Letzteres mich wiederum an ein bekanntes Diktum von Adolf Loos (1870-1933) erinnert, wonach ein Architekt nichts anderes ist "als ein Maurer, der Latein gelernt hat." (in: Ornament und Erziehung, 1924).

Eisentrauts Betrachtungen weiten den Blick und stellen ästhetische Positionen in einen gesellschaftlichen Zusammenhang. Es ist nicht gerade billig, aber jeden Euro allemal wert, konstatiert Alfons Huckebrink

Die Biografieempfehlung des Monats Mai 2024

Johann Konrad Eberlein: Albrecht Dürer. Reinbek: rororo 2003

 

Diese Biografie ist aus kunsthistorischer Perspektive geschrieben. Neben dem persönlichen Lebensweg Dürers (1471 in Nürnberg - 1528 ebda), dessen Beschreibung sich strikt auf die wenigen vorhandenen Quellen stützt und keinen Platz für Fiktives oder für Spekulationen lässt, geht es dem Biografen um die Stellung Dürers in der Kunst sowie um seine Persönlichkeit als Künstler.

Sein Vater war ursprünglich aus Ungarn nach Nürnberg gekommen; das inzwischen längst verschwundene Herkunftsdorf liegt im heutigen Rumänien, sein Name bedeutet auf Deutsch so viel wie 'Türe'. Ebenso zeigt das Familienwappen eine geöffnete Tür, daraus leitet sich der Name Türer- bzw. Dürer im Fränkischen ab. Albrecht Dürer, der Ältere, war Goldschmied, und bevor er sich in Nürnberg niederließ, hat er eine längere Zeit in den Niederlanden gearbeitet und schließlich die Tochter seines Meisters geheiratet. Sein Sohn Albrecht Dürer (AD), der Jüngere, pflegt später einen gewissen Exotismus in seiner Erscheinung, zumindest kann man dies auf den relativ zahlreichen Selbstbildnissen erkennen, und verweist möglicherweise hiermit auf seine südeuropäische Herkunft. In eine Goldschmiedefamilie hineingeboren, soll AD zunächst ebenfalls das Familienhandwerk erlernen und geht als Zehnjähriger bei seinem Vater in die Lehre. Dort lernt er einige wichtige Voraussetzungen der Zunft und erwirbt eine gewisse Geschicklichkeit, die ihm später bei seinen Radierungen und Kupferstichen zunutze sein werden. Auf eigenen Wunsch verlässt er die väterliche Werkstatt und wechselt die Lehrstelle: „Meine Lust trug mich mehr zur Malerei.“ Er tritt eine dreijährige Lehre bei Michael Wohlgemut an. Dieser gilt als der beste Maler Nürnbergs und lehrt u.a. die Technik Martin Schongauers sowie die Kunst der Druck-Grafik. AD wird der Erste sein, der überhaupt Selbstbildnisse fertigt, sein erstes bereits als Dreizehn- oder Vierzehnjähriger. 1490 wird der etwa zwanzigjährige Dürer von seinem Vater auf Wanderschaft geschickt und hält sich vermutlich, anders als geplant bzw. vereinbart, im Oberrheinischen, z.B. in Basel, auf, wo er nachweislich an grafischen Veröffentlichungen mitwirkt. 1494 wird er - nach eigenen Worten - vom Vater zurückgerufen. Auf dessen Wunsch wird er kurz nach seiner Ankunft mit Agnes verheiratet, die eine erhebliche Mitgift in die junge Familie bringt. Drei Monate nach der Eheschließung bricht AD zu einer italienischen Reise auf und läßt sich vor allem in Venedig zu Werken inspirieren, in denen die italienische Renaissance und der darin vorherrschende Stil deutlich zum Tragen kommt. Nach der Gesellenwanderung und der Italienreise gelingt es Dürer, sich in Nürnberg als Maler zu etablieren. So erhält er Aufträge vom deutschen Fürsten Friedrich dem Weisen, entwickelt aber auch seine eigene Kunst weiter, die sowohl durch den fränkischen als auch durch den italienischen Stil geprägt ist. Die 1498 veröffentlichte Apokalypse ist ein großer Erfolg, neu an seiner Version gegenüber älteren von anderen Künstlern ist, dass die Grafiken einen größeren Raum als die Texte einnahmen, er kehrt das Verhältnis um. Auch seine Signatur hat die modernen Züge eines Markenzeichens und ist damals einzig- und neuartig.

Welche Merkmale an seiner Kunst neuartig sind und eine große Leistung darstellen, die AD als veritablen Künstler ausmachen, wird vom Biografen detailliert herausgearbeitet. Dürers Künstlerpersönlichkeit lässt sich kaum erschließen, es bleibt folglich bei Hinweisen: Er will von Anfang an vieles anders als sein Vater machen; in seiner Geschlechterrolle erscheint er offen und modern, auch was die Darstellung der Frauen betrifft (z.B. die berühmte Darstellung einer jungen Venezianerin). Seine Ehe allerdings bleibt kinderlos und gilt als unglücklich, was zu Spekulationen Anlass gibt; allerdings hätte eine offene bisexuelle oder homosexuelle Beziehung in Nürnberg gravierende juristische Folgen gehabt und wäre sehr gefährlich für ihn gewesen. AD zeigt eine tiefe religiöse Frömmigkeit und gleichzeitig Lust am Körperlichen, die sich in seiner Kunst zeigt. Seine Frau Agnes unterstützt ihn zeitlebens und zeichnet sich durch großes Verhandlungsgeschick und erfolgreiche Geschäftstätigkeit aus, sie managt und vermarktet die Kunst ihres Ehemannes. Nach seiner dritten großen Reise, die erneut nach Italien führt (1505-1507), versucht er als erster Künstler „Kunstregeln“ zu formulieren und zu veröffentlichen. Er betätigt sich als erster Künstler gleichzeitig als Kunsttheoretiker und formuliert beispielsweise eine Lehre von den Proportionen. Seine Meisterwerke haben viele Künstler und Schriftsteller inspiriert, z.B. Goethe und Bettina von Arnim.

Zum Künstlertum trage bei, was er als Mensch gefühlt, durchlitten und ausgedrückt habe, und entziehe sich exakter Interpretation durch Dritte, meint der sachkundige Biograf J.K. Eberlein. Eine nicht mehr ganz neue, aber informative und inspirierende Lektüre, ein Klassiker im Bereich der Künstlerbiografie, meint Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats April 2024

Karoline Hille: Gabriele Münter. Die Künstlerin mit der Zauberhand. Köln: Dumont-Buchverlag 2012

 

 

Karoline Hille, promovierte Kunsthistorikerin und Kuratorin, begann ihre Recherche nicht mit den Gemälden von Gabriele Münter (GM), sondern mit den Fotografien, die diese als junge Frau während ihrer Reise durch die USA auf den Spuren ihrer Familie gemacht hat. Die Fotos weckten das Interesse der Biografin an der außergewöhnlichen Künstlerin sowie am persönlichen Schicksal von GM, der die ihr zustehende Anerkennung für ihr Werk bis heute versagt geblieben ist. Das liegt zum Teil an der Diskriminierung der Künstlerin als Frau im Nachkriegsdeutschland, zum anderen an der Zurückhaltung und Bescheidenheit, welche die Persönlichkeit der Künstlerin ausmacht. Für diese Biografie standen wenige schriftliche Quellen, dafür aber ihr umfangreiches Werk zur Verfügung, welches die Biografin in seiner Entwicklung feinfühlig und mit kunsthistorischer Expertise nachzeichnet.

Der Biografie liegt ein kurzer autobiografischer Text von GM zugrunde, der in sieben Abschnitten als Zitat den sieben Kapiteln vorangestellt sind, so dass die Künstlerin jeweils selbst zu Wort kommt. Hierbei äußert sie sich an einer Stelle auch enttäuscht über die Tatsache, in ihrer Eigenständigkeit nicht gewürdigt worden zu sein. Dieser Text (Gabriele Münter über sich selbst) war im Vorfeld der großen Münchner Gedächtnisausstellung „Der blaue Reiter“ in der kurz zuvor gegründeten Monatszeitschrift „Das Kunstwerk“ 1948 erschienen. Dem revolutionären Künstlerkreis „Der blaue Reiter“ gehörte GM an und trug wesentlich zu dessen Entstehung und Aktivitäten bei, sie hat also Kunstgeschichte mitgeschrieben, wurde aber von der Kunstkritik im Nachkriegsdeutschland stets im Schatten der männlichen Maler-Kollegen, u.a. ihres Lebensgefährten Kandinsky, wahrgenommen und (ab-)bewertet. Dieser war jedoch selbst ein Bewunderer ihres Talents und ihrer Kunst. In diesem kurzen, aber bedeutenden autobiografischen Text äußert GM zurückhaltende, aber deutliche Kritik an der Bewertung und Einordnung ihrer Kunst durch das Publikum und  selbsternannte Sachverständige. Die Biografie Karoline Hilles versucht GM als eigenständige Künstlerin zu würdigen. Der Schwerpunkt ihrer Betrachtungen liegt in der Entwicklung des Werkes in allen seinen Facetten mit vielen Quer- und retrospektiven Bezügen, weniger in einer genauen Chronologie des Lebenslaufs.

GM wird im Februar 1877 in Berlin geboren, wächst aber in Herford, der Geburtsstadt ihres Vaters, und später in Koblenz auf. Ihre Eltern stammen von deutschen Auswanderern ab und kehrten wegen des amerikanischen Bürgerkriegs aus den USA nach Berlin zurück. Sie wird als viertes Kind und Nachzögling der Familie geboren, für deren Unterhalt ihr Vater als „amerikanischer Dentist“ sehr gut sorgt. Sie zeichnet von Kindheit an und kann schon mit 14 Jahren mit Leichtigkeit Personen aus ihrem Umfeld zeichnerisch portraitieren. Die Biografin, wie auch Kandinsky, bescheinigt GM ein künstlerisches Talent, zunächst zum Zeichnen, welches ihr mit Leichtigkeit und treffsicher gelingt. Den Vater verliert sie bereits mit neun Jahren. Als 20jährige besucht sie die Kunstschule Erst Bosch in Düsseldorf und erhält Zeichenunterricht. Am Ende des gleichen Jahres, 1897, stirbt ihre Mutter. GM beendet die verschiedenen Ausflüge in die Kunstwelt. Mit ihrer älteren Schwester besucht sie für 2 Jahre ihre zahlreichen Verwandten in den USA mit verschiedenen Zwischenstationen. Hier entstehen unzählige spontane Zeichnungen, meist Portraits, sowie später auch meisterhafte Fotografien, deren außerordentliche Komposition das Interesse der Biografin weckte. Ihre Schwester hat ihr auf der Reise bald eine Kodak geschenkt. GM experimentiert mit Fotos zu einem Zeitpunkt, in dem das Fotografieren für jedermann gerade erst möglich ist und diese Technik auch die Malerei verändert. Die Verbreitung der Fotografie macht die naturalistische Malerei, insbesondere die Auftragsmalerei, überflüssig und bereitet den Weg für impressionistische und expressionistische Strömungen in der Kunstgeschichte. GM zeichnet und malt später häufig auch nach Foto-Vorlagen, gestaltet diese Vorlagen neu oder malt verschiedene Versionen des gleichen Motivs. Sie entdeckt in den USA die Spuren der Eltern und Großeltern für sich. Nach der Rückreise wird alles sorgfältig verpackt und gerät in Vergessenheit, bis es in den 50er Jahren wiederentdeckt wird und sogar zur Basis der einzigen Veröffentlichung wird. Zurück aus den USA, nimmt GM in München Malunterricht bei Wassily Kandinsky und seiner Malschule. Zu ihrem Lehrer entwickelt sich bald eine innige Liebesbeziehung, zunächst heimlich, da er verheiratet ist, und nach seiner Scheidung offen. Die Künstlergruppe vereint Werke von 12 Künstlern*innen, deren Ausstellung man als Geburtsstunde des Expressionismus und der Moderne in Deutschland betrachten kann. In allen Schaffensphasen ist GM außerordentlich vielseitig in den Ausdrucksformen und innovativ schaffend, dabei, wie die Biografin zeigt, von Beginn an eigenständig. GM hat seit dem Tod ihrer Mutter kein eigenes Zuhause gehabt und kauft schließlich 1931 in Murnau am Staffelsee ein eigenes Haus, wo sie zeitweise mit ihren Lebensgefährten zusammenlebt und arbeitet. Der Krieg zerriss unseren Kreis, so GM in dem autobiografischen Text. Während des ersten Weltkriegs lebt GM in Schweden und ist hier überaus erfolgreich. Kandinsky geht nach Moskau und distanziert sich zunehmend von ihr, bis es zur später Trennung kommt, ohne dass es für GM eine Klärung oder Aussprache gegeben hat. Nach der Rückkehr nach Murnau ist es sehr schwierig und mühsam für die Künstlerin, an die Erfolge der 20er und 30er Jahre anzuknüpfen. Die über 200 Blumenbilder des Spätwerks sind teils aus materieller Not entstanden, bewirken in ihrer Vielseitigkeit und Expressivität bei der Biografin und auch beim handverlesenen Publikum Erstaunen und Bewunderung. Höhepunkte sind neben der Ausstellung 1949 die BIENNALE in Venedig 1951, an der sie teilnimmt, sowie die Buchveröffentlichung ihrer Zeichnungen „Menschenbilder“ 1952 in einem renommierten Kunstverlag. Bei den Bemühungen um Ausstellungen, Wanderausstellungen und dem Verkauf ihrer Werke wird sie von ihrem Freund und späteren Lebensgefährten Johannes Eichner unterstützt. Sie stirbt 1962 im 86. Lebensjahr in Murnau, wo sie seit 1931 gelebt hat und während der Diktatur im Verborgenen gearbeitet hat, ohne meine Arbeit zu hemmen oder zu verbiegen. Eine Biografie, die neugierig macht auf ein Kunstwerk, dessen erneute Wiederentdeckung sich lohnen würde, meint Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats März 2024

Hans Joachim Schädlich: Felix und Felka. Hamburg: rororo 2023

 

Seit einigen Tagen haben wir eine Wohnung. Das ist sehr wichtig für mich, denn seit 5 Jahren pilgere ich von einem möblierten Zimmer in das andere. Die waren klein und hatten sämtlich grausam geblümte Tapeten. Gemalt habe ich an der Wand aus Platzmangel. Das soll nun aufhören. Es wurde auch Zeit.

(Felix an Ludwig Meidner, 31. Oktober 1937)

 

Der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich (*1935) hat der Reihe seiner historisch-biografisch angelegten Bücher (z.B. Sire, ich eile. Voltaire bei Friedrich II.) 2018 das Doppelportrait Felix und Felka hinzugefügt, das 2023 auch als Teil der Gesamtausgabe seiner Werke erschien. In diesem Roman schafft er eine in jeder Hinsicht beeindruckende biografische Annäherung an das Künstlerpaar Felix Nussbaum (1904-1944) und Felka Platek (1899-1944). Beide wurden in Auschwitz-Birkenau ermordet.

Die Handlung setzt ein im Mai 1933. Nussbaum hat einen Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom zugesprochen bekommen. Ein tätlicher Angriff des Malers Hanns Hubertus Graf von Merveldt (1901-1969) zwingt ihn, den Ort zusammen mit seiner Lebensgefährtin Felka Pletka zu verlassen. Eine Rückkehr nach Deutschland ziehen beide wegen der einsetzenden Judenverfolgungen nicht in Betracht. Im Weiteren schildert Schädlich den Weg des Paars bis zu seiner Ankunft in Brüssel, wo es eine Bleibe findet. Die belgische Hauptstadt wird 1940 von den Deutschen besetzt. Die Bedrohung durch die Besatzungsbehörden nimmt zu. Felix und Felka verstecken sich in einer Mansarde, werden schließlich denunziert und nach einer Zwischenstation im Sammellager Mechelen im Juni 1944 mit dem letzten Transport nach Auschwitz-Birkenau gebracht, wo dieser am 2. August 1944 eintrifft. Felka wird noch am selben Tag ermordet, Felix wird zunächst als arbeitsfähig eingestuft. Ein letztes Lebenszeichen von ihm datiert vom 20. September 1944. Zwischen diesem Tag und dem 27. Januar 1944, dem Tag der Befreiung des Lagers, muss er irgendwann ums Leben gekommen sein.

Schädlich gelingt es, in einem sehr konzisen, kunstvoll reduzierten Stil ein Künstlerleben unter den Zwängen rassistischer Verfolgung darzustellen. Durch die beinahe schmerzhaft anmutende, dialogbetonte Sachlichkeit seiner Reduktion gelingt es ihm, das Äußerste hervorzukehren. Er erzählt die Geschichte der beiden in präzisen Momentaufnahmen, z.B. ein Besuch bei James Ensor (1860-1949) in Ostende, und zwar nicht von ihrem Ende her, der Vernichtung in Auschwitz, sondern stellt die beiden in ihrem ganz privaten Umfeld sowie in ihrem Ringen um die eigene künstlerische Produktion dar, die in den letzten Jahren auch als Akt des Widerstands begriffen wird. Besonders verdienstvoll ist dies im Hinblick auf die Bedeutung Felka Plateks. Ist das Werk ihres Ehemanns seit seiner Wiederentdeckung in den 1980er Jahren zum Gegenstand umfangreicher Forschungen geworden und wurde ihm in seiner Heimatstadt Osnabrück ein sehr sehenswertes Museum geschaffen, so blieb Felkas Werk bislang weitgehend unbeachtet. Als Malerin nutzt sie die kurze Freiheit der Weimarer Republik mutig für eine selbstständige Lebensplanung und ihre künstlerische Entwicklung. Sämtliche Perspektiven werden ihr vom Nationalsozialismus zerstört. Sie wird zur Flucht gezwungen und schließlich zusammen mit ihrem Mann deportiert.

Schädlich selbst begreift sein Buch nicht nur als "Klage gegen das Naziregime", sondern ebenso als eine solche "gegen Antisemitismus und antijüdische Hetze in der deutschen Gegenwart." Auch unter diesem Apekt ein wichtiges und vorzüglich geschriebenes Buch, empfindet Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Februar 2024

Eva Szepesi: Die Shoah begann mit dem Wegschauen der Gesellschaft. Rede im Deutschen Bundestag am 31.01.24

 

Ich weiß nicht, wie lange ich so da lag, doch irgendwann spürten meine vom Fieber brennenden Lippen eine Hand, die mich mit kaltem Schnee fütterte. Der Schnee tat gut, er stillte meine Schmerzen. Dann versank alles wieder im Dunkeln. Als ich das nächste Mal das Bewusstsein wieder erlangte, leuchtete ein feuerroter Stern über mir. Als mein Blick langsam klarer wurde, erkannte ich einen russischen Soldaten, der sich lächelnd über mich beugte. Die menschliche Wärme in seinem Blick tat mir gut. Es war der 27. Januar 1945 und ich lebte.

 

In bewegenden Worten schildert die 91-jährige Eva Szepesi, die als Diamant Eva am 29. September 1932 in einem Vorort von Budapest geboren wurde, den Moment ihrer Befreiung aus dem Vernichtungslager Auschwitz. In der Gedenkstunde des Deutschen Bundestags an die Shoah am 31.01.24 sprach sie zu den Abgeordneten. In Zeiten, da eine mit dem Faschismus sympathisierende Partei dort vertreten ist, rief sie zu mehr Menschlichkeit auf und mahnte: Es war nie wichtiger als jetzt. Denn 'Nie wieder' ist jetzt.

 

Ihre erschütternde Rede ist abrufbar auf der Website des Deutschen Bundestags. Hier der Link zum Video:

 

Eva Szepesi: Die Rede im Deutschen Bundestag

Die Biografieempfehlung des Monats Januar 2024

Baur, Eva Gesine: Maria Callas. Die Stimme der Leidenschaft. Eine Biographie. München: C.H. Beck 2023

 

Diese neue Biografie über die Jahrhundertsängerin Maria Callas beleuchtet neue Seiten des in mancher Hinsicht widersprüchlich erscheinenden Lebenslaufs von Maria Callas (MC), der in einer Beziehung jedoch geradlinig verlief, nämlich zu den beispiellosen Spitzenleistungen der Sängerin, die auf einem extremen persönlichen Ehrgeiz, aber auch auf einem einzigartigem Talent beruhten und die die Bezeichnung „künstlerisch“ verdient hatten, da die Persönlichkeit Marias in der Stimme und den entsprechenden Rollen ihren Ausdruck fand. Die vielseitig studierte und promovierte Autobiografin unterscheidet zwischen der Privatperson, die als „Maria“ bezeichnet wird und der "Callas“ als die öffentliche, ambitionierte Sängerin. Zwei Seiten einer Persönlichkeit, die in den sängerischen Spitzenleistungen ihre künstlerische Vereinigung und ihren Ausdruck fanden. Ihr Gesang führt den Blick durch die Jahrhunderte zurück zu den Ursprüngen der griechischen Tragödie, wie die Dichterin Hildegard Bachmann befand, als sie diese in Mailand einmal traf. MC triumphierte vor allem in tragischen Rollen, vielleicht auch, weil ihr eigenes persönliches Leben von Tragik gezeichnet war. Maria Callas Weg war kein leichter, sie kam aus armen und dazu schwierigen Verhältnissen als Rückkehrerin mit Mutter und Schwester aus den USA, wo sie geboren war, nach Griechenland. Maria war auch das ehrgeizige Produkt ihrer Mutter, die den Gesangunterricht unbeirrt aller Klassen- und Bildungsschranken unterstützte. Ihren Aufstieg erlangte sie im Land der Oper, in Italien, ihrer späteren Wahlheimat, zuerst in Verona, später an der Scala- wo sie sich gegen vielfältige Widerstände behauptete, auch deshalb, weil diese die Callas nicht zu beirren oder zu beeindrucken schienen. So heiratet sie 1949 Giovanni B. Meneghini, einen Unternehmer, in einer „Sturztrauung“ und wird seine lebendige Investition. Er ist vor allem ihr langjähriger Manager, während der langjährigen Ehe verwaltet er das zunehmende Vermögen. MC verfügt noch nicht einmal über ein eigenes Konto. Auch hier ist sie das Produkt der eher materiell ausgerichteten Ambitionen ihres Ehemannes. Nachdem sie in New York und auch in Chicago aufgetreten ist, wird sie das Produkt von Elsa Maxwell, einer Klatschreporterin, die in der Öffentlichkeit das Bild einer Diva zeichnet, die sogar ihre eigene Mutter verhungern lässt. Elsa Maxwell war eine mächtige Frau und brachte den damals so genannten „Jet Set“ einander näher, auf einer solchen Party hatte MC auch Aristoteles Onassis kennengelernt, in den sie später enttäuschte Hoffnungen setzte, der aber Anlass der Scheidung von ihrem Manager-Ehemann war. Persönliche Enttäuschungen säumten ihren Erfolgsweg, so war sie wirklich eine tragische und am Ende ihres Lebens einsame, sich ungeliebt fühlende Frau, auf deren Gesundheit niemand Rücksicht nehmen wollte. Ob gesund oder krank, sie musste immer singen, was dann zunehmend Ängste und Niedergeschlagenheit nach sich zog, heute würde man von Bournout sprechen. Im September 1977 starb Maria Callas nach einem Zusammenbruch während ihrer Proben zu einem Comeback in Paris. Über die Todesursache gab es widersprüchliche Mutmaßungen: Vielleicht hatte Pasolini, mit dem sie einen Film drehte und befreundet war, als Einziger erkannt, woran sie wirklich gestorben war. „Der Tod,“ […] „liegt nicht im Sich-nicht-mitteilen-Können, sondern im Nicht-mehr-verstanden-Werden. Ohne Resonanz hatte Maria Callas aufgehört zu leben“, so das Zitat im Schlusssatz der Biografie von Eva Gesine Baur. Eine interessante und die Selbstreflektion anregende Lektüre, zugleich musikhistorisches Wissen vom Feinsten, findet Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats Dezember 2023

Gansel, Carsten: Ich bin so gierig nach Leben. Brigitte Reimann. Die Biographie. Berlin: aufbau 2023

 

Manchmal könnte ich schreien vor Schmerz, und ich weiß doch nicht einmal recht, was mich so martert.

 

In meinem Bücherregal befindet sich eine betagte dtv-Ausgabe von Franziska Linkerhand. Meinem damaligen Vermerk entnehme ich, dass ich den Roman 1986 verschlungen habe. In den Vorbemerkungen zum Buch wird der 2010 verstorbene Literaturkritiker Jürgen P. Wallmann zitiert: "Die präzisen Milieuschilderungen, die Darstellungen zahlreicher Einzelschicksale [...] verleihen dem Roman, bei aller Subjektivität der Sicht, einen hohen Grad von Authenzität. Hier wird, ganz unaufdringlich, auch ein Stück DDR-Geschichte erzählt - ohne Schönfärberei." Ich erinnere mich, dass diese Bewertung meinen damaligen Leseeindrücken durchaus ziemlich nahe kam. 

 Franziska Linkerhand ist das wichtigste Buch der Schriftstellerin Brigitte Reimann (1933-1973). Der Roman erzählt die Geschichte einer Architektin aus gutbürgerlichem Elternhaus, die am Aufbau einer neuen Stadt an der östlichen Grenze der DDR mitwirkt. Als deren Vorbild ist unschwer Hoyerswerda mit dem Chemiekombinat Schwarze Pumpe zu erkennen, wo Brigitte Reimann von 1960-1968 wohnt und arbeitet. Erfahrungen aus jener Zeit - Stichwort: Bitterfelder Weg - gehen bereits in ihre Erzählung Ankunft im Alltag ein, welche die Geschichte dreier Abiturienten erzählt, die in einer Arbeiterbrigade beschäftigt sind.

Als Franziska Linkerhand - unvollendet - 1974 im Verlag Neues Leben veröffentlicht wird, ist Brigitte Reimann bereits an ihrer Krebserkrankung gestorben. Rechtzeitig zu ihrem 90. Geburtstag erschien die materialreiche Biografie Ich bin so gierig nach Leben des aus Mecklenburg stammenden Gießener Literaturprofessors Carsten Gansel, die für die Beschäftigung mit Leben und Werk der Schriftstellerin künftig eine unverzichtbare Orientierung darstellen wird. Gansels Werk weist etliche Besonderheiten auf, die es als biografische Großtat erscheinen lassen. Er hat zahlreiche Zeitzeugen - aus der Familie wie dem Freundes- und Kollegenkreis - persönlich zu BR befragen können. Ihm standen etliche, auch frühe und persönliche Quellen, wie etwa Klassenarbeitshefte und erste literarische Versuche, zur Verfügung. Er erhärtet seine Schlussfolgerungen anhand wissenschaftlicher Abgleiche und Querverweise, z.B. der Hinweis auf Untersuchungen des Pädagogen Klaus Hurrelmann, wenn es um entwicklungspsychologische Aspekte und Einschätzungen geht. Gansel befleißigt sich vor allem einer äußerst differenzierten Betrachtungsweise, die sich von westlich geprägten Narrativen dadurch unterscheidet, dass sie die Diskurse der DDR-Literatur jener Zeit ebenso wie ihre Konflikte und die daraus resultierenden Entwicklungen an den von ihr selbst gesetzten Maßstäben und Zielsetzungen der gesellschaftlichen Einflussnahme misst. Er würdigt BR's Formexperimente und bewertet ihre Arbeiten seit Ankunft im Alltag zusammen mit den damaligen Werken von Christa Wolf (1929-2011), mit der BR eng befreundet ist, als Beginn einer Ostmoderne, die sich zwangsläufig von der im Westen unterscheidet, was auch an der Rezeptionsgeschichte hüben wie drüben deutlich wird, die Gansel aufmerksam auswertet.

BR wird 1933 in Burg bei Magdeburg geboren. Sie ist viermal verheiratet, u.a. mit dem Schriftsteller Siegfried Pitschmann (1930-2002), und stirbt im Februar 1973 im Alter von 39 Jahren. Das Eingangszitat oben stammt aus ihren vielgerühmten Tagebüchern, die 2003/2004 veröffentlicht werden, und bezieht sich auf ihre erste Ehe, geschieden 1958, mit dem Arbeiter Günter Domnik (1933-1995). Sie fährt - auf einen Suizid-Versuch anspielend - fort: Oft ist in mir eine solche Angst vor etwas Unbekanntem, daß ich fürchte, ich werde eines Tages wieder Gift schlucken - aber diesmal soll mir der Günter nicht zu früh dazwischenkommen! Trotz dieses Ausbruchs von Verzweifelung ist der Biografie-Titel mit einem anderen Reimann-Zitat Ich bin so gierig nach Leben äußerst treffend gewählt. Ein glänzend geschriebenes Buch. Und vor allem weckt es große Lust, das Werk von Brigitte Reimann, dieser großartigen Frau und bedeutenden Schriftstellerin, neu zu entdecken, bemerkt Alfons Huckebrink. 

Die Biografieempfehlung des Monats November 2023

Scheer, Regina: Bittere Brunnen. Hertha Gordon - Walcher und der Traum von der Revolution. München: Penguin 2023 

 

Dieses Werk entwickelt eine Biografie innerhalb eines autobiografischen Rahmens, der den Schaffensprozess, vor allem den Prozess der Recherche, auf einer zweiten Ebene einfließen lässt.

Die Autorin Regina Scheer, 1950 in nicht einfachen Lebens- und Familienverhältnissen in der DDR geboren, lernt Hertha Gordon Walcher als „Tante Hertha“ im Alter von sechs Jahren kennen, da diese eng mit ihrem Stiefvater befreundet ist. Der erste Satz beschreibt dies treffend: Als ich zur Schule kam, 1956, heiratete meine schöne Mutter einen fremden Mann… Ihr Stiefvater, ca. dreißig Jahre älter als ihre Mutter, reist viel in der Welt umher, ein erfolgreicher Journalist. Er empfängt viele Besucher, unter ihnen auch Tante Hertha, die einen großmütterlichen Platz im Leben der Biografin einnimmt. Sehr oft besucht sie die beiden in Berlin-Hohenschönhausen. Dort sitzen sie auf weichen, grünen Autositzen, die B.Brecht im Berliner Ensemble genutzt hat. Die Beziehung bleibt bis zu Herthas Tod (1990) sehr eng.

Hertha hat der Autorin viel aus ihrem Leben erzählt, Scheer fragte gezielt und machte sich Notizen, recherchierte in Archiven und aus diesen unterschiedlichen Quellen entstand später die Biografie. Bei Hertha und ihrem Mann Jacob Walcher, der nach 50jähriger Beziehung 1970 im Alter von 83 Jahren stirbt, fühlt sie eine Zugehörigkeit, die sie zu Hause bei ihrer Mutter nicht findet. Herthas Tod im Alter von 96 Jahren markiert die gemeinsame Endstrecke vieler bitterer Enttäuschungen unterschiedlichster Art und traumatischer Erfahrungen, die sie jedoch niemals mutlos oder schwankend werden ließ. Mit unerschütterlicher Loyalität hält Hertha an ihrem Traum von der Revolution und der Befreiung des Menschen von Ausbeutung und Armut fest. Als Jacob Walcher stirbt, darf sein Freund (Stiefvater der Autorin) die Grabrede nicht halten, persönliche Bücher der Walchers werden beschlagnahmt durch das SED-Regime, auch seltene Erstausgaben wir die „Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution“.

Dabei war Jacob bereits 1929 wegen der Mitarbeit an jenem Werk aus der Partei ausgeschlossen worden, galt er wegen seines Kommunismus' gewerkschaftlicher und pazifistischer Prägung à la Rosa Luxemburg als „Rechter“. Der Diebstahl eines kleinen Büchleins durch einen „Genossen“ wurde von Hertha immer wieder erzählt, die Handbewegung, wie er es sich in die eigene Jackentasche steckt: ein altes Arbeiterliederbuch, mit Liedern, die Hertha schon 1905 in Königsberg, ihrer Geburtsstadt gekannt hat, da ihre Eltern, arme Juden und Bernsteinschleifer, Kurgäste oder politisch Verfolgte bei sich aufnahmen. Ihr Tod 1990 fällt auch in den Zeitraum des Endes der Sowjetunion, das Ende ihres Traums, an dem sie trotz aller Enttäuschungen in fast blinder Loyalität festgehalten hat. Hertha Gordon Walcher ist eine historische Persönlichkeit, eine Zeitzeugin mit einer einzigartigen historischen Perspektive, die nicht durch die angeblichen Sieger der Geschichte entstellt wurde. Dank eines aufgeklärten Rabbi darf Hertha nach London auf eine Sekretärinnenschule, lernt Stenografie und Maschineschreiben, ist in der Lage, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, was vielen Töchtern der Stadt Königsberg aufgrund ihrer Armut verwehrt bleibt. Die Familie spricht Deutsch und fühlt sich als Deutsche, weshalb sie London zu Beginn des 1. Weltkrieges verlassen muss. 1917 wird sie wegen ihrer Staatenlosigkeit in Königsberg inhaftiert und kurz darauf in ein Arbeitslager in Holzminden abgeschoben. Dort zieht sie sich eine Tuberkulose zu, die erst viel später diagnostiziert wird, ihr ein Leben lang Probleme bereitet und ihre Gesundheit schwächt. Sie wird u.a. Sekretärin von Radek und später von Clara Zetkin, lebt in Moskau im Kreml, trifft Lenin und viele große Persönlichkeiten jener Zeit. Häufig wird sie mit geheimen Kurierdiensten betraut. Sie lebt ihr Leben sehr bescheiden, denn ordentlich bezahlt wird sie auch von wohlhabenden Auftraggebern kaum. Diesen Widerspruch empfindet sie nicht als Enttäuschung, denn sie hält sich immer im Hintergrund und „die Sache“, d.h. ihr „Traum von der Revolution“, ist ihr stets wichtiger. Trotz vieler bitterer Brunnen, einer biblischen Metapher, denn ein solcher rettete das Volk Israel und sorgte für gute Abwehrkräfte, bleibt Hertha Gordon Walcher ihrer Idee und der Partei treu, dies auch in Übereinstimmung mit den Auffassungen ihres Mannes Jacob Walcher.

Das Werk endet mit einem hundertseitigen ausführlichen Namensverzeichnis. Fast alle Personen, die Hertha Gordon Walcher begegnet sind, politische wie historische Weggefährten, werden mit einer Kurzbiografie vorgestellt. Deshalb ist diese in einem autobiografischen Kontext entstandene Biografie auch als historisches Sachbuch zu begreifen. Es erhielt den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse 2023 und wird als solches empfohlen von Gudula Ritz. 

Die Biografieempfehlung des Monats Oktober 2023

Geschonneck, Erwin: Meine unruhigen Jahre. Hg. von Günter Agde. Berlin (DDR): Dietz Verlag 1994

 

Ich hatte keinen besonderen privaten freundschaftlichen Kontakt mit Brecht. Ich habe ihn immer nur in der Arbeit getroffen. Das war ja immerhin sehr viel für mich. Ich wollte gern die "Hauspostille" besitzen, Brechts erste frühe Gedichtsammlung. [...] Während der Proben zum "Zerbrochenen Krug" sagte ich etwas zögernd zu ihm: "Brecht, ich möchte gerne die "Hauspostille" haben, aber sie ist nirgends zu bekommen ..." Und er ebenso zurückhaltend: "Tja, ich weiß gar nicht, ob ich noch eine habe ..." Ein paar Tage darauf hatte ich sie, ohne Widmung, aber von ihm.

 

Im Jahre 1978 wird "Jakob der Lügner" als einziger DEFA-Film überhaupt in der Kategorie "Bester ausländischer Film für den "Oscar" nominiert. Zusammen mit Regisseur Frank Beyer fährt der den Friseur Kowalski verkörpernde Schauspieler Erwin Geschonneck (1906-2008) nach Hollywood. Auch auf diese spezielle Episode geht er in seiner Autobiografie "Meine unruhigen Jahre" ausführlich und unterhaltsam ein.

Erwin (EG) wird als Sohn des Flickschusters Otto Geschonneck und seiner Frau Gertrud in Ostpreußen geboren. Bereits 1908 zieht die Familie nach Berlin, wo sich EG später mit Gelegenheitsarbeiten durchschlägt. Er gerät in Kontakt mit der Arbeitersportbewegung, tritt 1929 der KPD bei und engagiert sich in Laienspielensembles und Agitprop-Gruppen. 1931 spielt er eine Nebenrolle in dem Film "Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?" unter der Regie von Slatan Dudow, mit der Musik von Hanns Eisler. 1933 emigriert er über Polen und die Tschechoslowakei in die Sowjetunion, die er 1938 auf Anordnung des NKWD verlassen muss. In Prag wird er verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert. Er wird interniert in den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Dachau und Neuengamme, wo er sich der Widerstandsorganisation anschließt. Am 3. Mai 1945 überlebt er den Untergang der Cap Arcona mit Tausenden KZ-Häftlingen an Bord, die versehentlich von alliierten Flugzeugen beschossen wird. Eine Katastrophe, die er Jahre später im Film "Der Mann von Cap Arcona" (1982) zur Darstellung bringt. Von 1946-48 arbeitet er unter Helmut Käutner und Ida Ehre an den Hamburger Kammerspielen. 1949 stellte er sich Helene Weigel vor und wird von ihr und Bertolt Brecht an das Berliner Ensemble geholt. Seinen ersten großen Erfolg, der ihn schlagartig berühmt macht, feiert er 1957 mit der Titelrolle in der Uraufführung von "Herr Puntila und sein Knecht Matti". Bald nimmt er Rollen an bei DEFA und DFF, z.B. in der Verfilmung von "Das Beil von Wandsbek" (1951), einem Roman von Arnold Zweig, oder in "Das kalte Herz" (1950), dem ersten DEFA-Farbfilm. Ein grandioser Erfolg wird 1963 seine Rolle des Lagerältesten Walter Krämer in "Nackt unter Wölfen", ebenfalls unter der Regie von Frank Beyer. Ein Film, in den seine eigenen KZ-Erfahrungen eingehen. 1974 dann der bereits erwähnte internationale Erfolg von "Jakob der Lügner". 1980 spielt er in der Verfilmung des Romans "Levins Mühle" von Johannes Bobrowski (siehe unsere September-Empfehlung) mit.

Diese Autobiografie umfasst die Jahre bis 1984 und vermittelt seltene Einblicke in die persönliche Entwicklung EG's, seine Kämpfe, seine Irrtümer und seine privaten Verhältnisse. Auch nach der Wende ist er ein gefragter Schauspieler, der von Heiner Müller zurück ans Berliner Ensemble geholt wird und 1993 den Deutschen Filmpreis für sein Lebenswerk bekommt.

EG war Mitglied der SED, nach der Wende blieb er in der PDS und zuletzt in der Partei Die Linke. Bis zu seinem Tod lebte er mit seiner vierten Frau Heike am Alexanderplatz. Er wurde am 3. Mai 2008 unter großer Anteilnahme auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin in Nachbarschaft zu den Gräbern von Helene Weigel, Bertolt Brecht, Paul Dessau und Hanns Eisler beigesetzt.

Meine Ausgabe des Dietz Verlags von 1984 stammt aus dem Antiquariat. Es gibt allerdings auch eine neue Ausgabe im Verlag Das neue Berlin (2009). Für welche Sie sich auch entscheiden werden - es erwartet sie in jedem Fall eine ebenso spannende wie informative Lektüre, verspricht Alfons Huckebrink

Die Biografieempfehlung des Monats September 2023

Wolf, Gerhard: Beschreibung eines Zimmers. 15 Kapitel über Johannes Bobrowski. (Fotos von Roger Melis.) Berlin (DDR): Union Verlag 1971

 

Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen die Judenheit. Eine lange Geschichte aus Unglück und Verschuldung, seit den Tagen des Deutschen Ordens, die meinem Volk zu Buche steht.

 

Der im Februar 2023 verstorbene Gerhard Wolf, Ehemann der Schriftstellerin Christa Wolf, legte bereits im Jahre 1971 im Union Verlag das Werk Beschreibung eines Zimmers vor, eine bemerkenswerte Annäherung an Leben und Werk des Schriftstellers Johannes Bobrowski (1917-1965). In 15 Kapiteln und in enger Anlehnung an Bobrowskis Essay Betrachtung eines Bildes baut Wolf seine Darstellung von Leben und Werk des Dichters auf.

Bobrowski lebt mit seiner Familie ab 1925 in Rastenberg, 1928 erfolgt der Umzug nach Königsberg, wo er das Stadtgymnasium Altstadt-Kneiphof besucht. Nach Teilnahme als Gefreiter in einem Nachrichtenregiment am 2. Weltkrieg und russischer Gefangenschaft von 1945-49 (Arbeit im Kohlebergbau am Don, Asowsches Meer), lebt er von 1949 bis zu seinem Tod in Berlin-Friedrichshagen. Er arbeitet als Lektor, ab 1959 im Union Verlag, der im Besitz der Ost-CDU war. Er veröffentlicht Gedichte in der von Peter Huchel geleiteten Zeitschrift "Sinn und Form", 1961 erscheint sein erster Gedichtband Sarmatische Zeit. Sein auch verfilmter Roman Levins Mühle. 34 Sätze über meinen Großvater, von Ingo Schulze in "Die Zeit" als "mein Jahrhundertbuch" apostrophiert, erscheint 1964, der Roman Litauische Claviere posthum 1966.

Ausgehend vom Arbeitszimmer des Dichters in dessen Wohnung entwickelt Wolf von Gegenständen her - Büchern, Bildern, Möbeln, Manuskripten - ein biografisches Gesamtbild als eigenständiges Kunstwerk. Ein glücklicher Einfall, der es erlaubt, alle Vorteile einer mitgehenden Interpretation zu nutzen - bis zur Anlehnung an den Stil und die Einschmelzung von Zitaten - und gleichzeitig die Subjektivität des Beobachters als Bewunderer und Kritiker überzeugend ins Spiel zu bringen. Derart entsteht eine reizvolle Mischform von künstlerischer Reportage und literarischer Darstellung, die ihrerseits alle Züge eines Essays aufweist. Anhand dieser Beschreibung, veranschaulicht durch die großartigen, atmosphärisch dichten Schwarz-Weiß-Fotos von Roger Melis, lernt der Leser Bobrowski kennen, indem er ihn versteht. In diesem Sinne ist Wolfs biografische Darstellung methodisch einzigartig, weil er Dichtung als Dichtung vermittelt und sie nicht lediglich zum Objekt der Analyse macht. Auch heute noch unbedingt lesenswert. Das Buch ist im Antiquariat leicht erhältlich. Eine Suche, die ihren Lohn in sich trägt, meint Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats August 2023

 

 

Nicolaisen, Peter: Faulkner. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek: rororo 1981.

 

Eine kleine, feine Biografie im Taschenbuchformat vom Experten für südamerikanische Literatur, ganz im Stil der 80er: hochkarätig, informativ, sparsam gestaltet. Es kommt durchaus nicht auf die Verpackung an. William Faulkner (WF), geboren 1897 in New Albany / Mississippi, entstammt meiner Gr0ßvätergeneration,dachte ich beim Betrachten einer Porträtfotografie aus dem Jahr 1931. WF wuchs in Oxford, Mississippi, in einer schottischstämmigen Eisenbahnbauer-Familie auf, die sich ursprünglich Falkner nannte.

Er hielt nicht viel von Biografien, erst recht nicht von seiner eigenen. Seinem Willen entsprechend sollten nur seine Werke der Öffentlichkeit gehören, nicht aber sein Privatleben. Jede Form von Öffentlichkeit lehnte er ab, was sich erst spät änderte, als er zu Ehrungen, Lehraufträgen und Vortragsreisen eingeladen wurde.

Aus diesem Grund geht es in der Biografie, wohl auch aus Mangel an Material, in erster Linie um sein Werk und seine Entwicklung als Schriftsteller, weniger um WF als private Person. Und diese Entwicklung ist aus meiner Sicht interessant: Ein Schulabbrecher, jemand, der zufällige Neugier, geleitete Bildung erfährt, es in keiner Arbeitsstelle lange aushält, entwickelt sich zu einem sprachgewaltigen Autor, der er, anders als Hemingway, nicht von Beginn an war.

Der Vater nahm wenig Anteil am Leben seiner heranwachsenden Söhne, von denen WF der Älteste war. Seine Mutter, zu der er lebenslang eine innige Beziehung unterhielt, unter

stützte ihn in seinen künstlerischen Ambitionen und brachte ihn schon früh mit Literatur in Kontakt (z.B. J. Conrad), konnte ihn aber nicht zum regelmäßigen Schulbesuch bewegen. Als Truppenheimkehrer aus dem 1. Weltkrieg – er war ein halbes Jahr kanadischer Flieger gewesen- durfte er die Universität besuchen. Seine Zeichnungen wurden in der Universitätszeitschrift veröffentlicht, jedoch war er Gelegenheitsstudent und brach das Studium bald ab. Sein zielloses Treiben erinnert mich an das Leben Arthur Rimbauds. WF ist ein zurückgezogener, vielleicht sozial ängstlicher Mensch. Nach Ansicht des Biografen lassen seine ersten Werke, seine frühen Versuche, wenig von seiner späteren Sprachgewalt erahnen. WF bezeichnete sich selbst als „gescheiterter Lyriker“. Geldnöte, unerwiderte Liebe und Alkoholexzesse bestimmten sein Leben. Zurückhaltende Menschen, so WF selbst, bevorzugen die unerwiderte Liebe. Er heiratete viele Jahre nach seiner Zurückweisung seine Jugendliebe Estelle, nachdem derer erste Ehe gescheitert war. Er kümmerte sich liebevoll um seine beiden Stiefkinder und hatte nach einigen Ehejahren mit Estelle eine gemeinsame Tochter. In Hollywood nahm er mit zunehmender finanzieller Verantwortung (für seine erweiterte Familie) einen „Brotjob“ als gefragter Drehbauchautor an. Seine literarischen Werke finden noch wenig Beachtung. Entweder blieb der Publikumserfolg aus oder die Kritiken waren mäßig. Der Verkauf von Filmrechten brachten vorübergehenden Geldsegen, so dass er zunächst ein Haus und später eine Farm kaufen konnte. Sein Selbstverständnis war explizit das eines „schreibenden Bauern.“ Den Durchbruch erlebte er mit der Verleihung des Nobelpreises im Jahr 1949, gefeiert als „Stimme Amerikas“. Das Dorf, Go down Moses, die Brandstifter sind komplexe Erzählungen, die eine einzigartige bildhafte Sprachgestaltung aufweisen: Auf knappem Raum verläuft eine Handlung, die in die Zeit zu versinken scheint, eine fragmentarische Sensorik. Vor allem Berührungsassoziationen fügen sich zu einem Gesamtbild mit hoher atmosphärischer Dichte, die Objekte werden nur durch die subjektive Erfahrung bedeutsam, stehen nie für sich selbst. Woher stammt diese sprachliche und künstlerisch einzigartige Ausdrucksfähigkeit eines Menschen, der öffentliche Bildung verweigerte? Vielleicht hat sich etwas aus dem ländlichen Leben des Südens als kultureller Einfluss tief in seine Sprache eingeprägt, vielleicht ein besonderer Bilderreichtum, eine besondere Art, Zeit zu erleben und Erfahrungen zu verarbeiten, die WF irgendwann zum Ausdruck bringen konnte? Die persönliche Entgegennahme des Nobelpreises verweigerte er zunächst, dann, auf Drängen von Familie und Freunden, sagte er doch zu, und allmählich hatte er weniger Probleme mit öffentlichen Auftritten, trat längere Lesereisen an, u.a. nach Japan. Mit 65 Jahren starb er an einem Herzinfarkt, einen Tag nach einem Sturz vom Pferd. Eine inspirierende Wiederentdeckung, findet Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats Juli 2023

Paul McCartney: 1964. Augen des Sturms. München: C.H.Beck 2023

 

Die Kraft und die Liebe zu sehen, das Staunen über das, was wir erlebt haben, darum geht es. Das ist es, was diese Fotos so großartig machen.

Paul McCartney

 

Als alles begann: Liverpool, London, Paris, New York, Washington D.C., Miami - Stationen einer intensiven Reisetätigkeit in den ersten Monaten des Jahres 1964. Festgehalten von Paul McCartney in Fotos, die er 2020 aus dem Archiv zurückerhielt und erstmals wieder betrachtete: Ende Februar 1964, nach unserem ersten Amerikabesuch und drei Auftritten in der Ed Sullivan Show, begriffen wir schließlich, dass wir uns, [...] nicht wie die meisten Gruppen totlaufen würden. Wir waren die Vorreiter von etwas Größerem, einer Kulturrevolution, die vor allem Jugendliche betraf. Die Beatles auf dem Weg zum Weltruhm und erstaunlich daran ist, wie überwältigend schnell und radikal sich alles vollzog. Es gab plötzlich ein Vorher und ein Nachher, welches bis heute anhält. 1960 hatte Penguin den lange verbotenen Roman Lady Chatterley's Lovers endlich veröffentlicht. Seit 1961 war die Pille in Großbritannien verfügbar; zwei Jahre später veröffentlichten die Beatles die Single Please Please Me und das gleichnamige Album. Philip Larkin feierte das Jahr in seinem Gedicht Annus Mirabilis: Sexual intercourse began /in nineteen sixty-three / (which was rather late for me) / Between the end of the 'Chatterley Ban' / And the Beatles' first LP.

McCartneys Fotos stellen eine Zeitreise dar. Aufgenommen aus dem Auge des Hurrikans bieten die in diesem Band versammelten Schnappschüsse ebenso beeindruckende wie berührende Einblicke in das Innenleben einer Band, die sich mit ihren Fans veränderte und mit den Anforderungen wuchs. Zwar ist McCartney kein professioneller Fotograf. Er ist, wie er selbst sagt begeisterter Gelegenheitsfotograf, der zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Und dem mit Rosie Broadley eine erfahrene Kuratorin zur Seite stand, die aus knapp 1000 Shots die 275 für Augen des Sturms auswählte. Das Bildmaterial wird veredelt durch einige kluge Textbeiträge, u.a. den äußerst lesenswerten Essay Beatleland von Jill Lepore. So gesehen ist diese Bandbiografie in Bildern für ältere Leser sicher eine unverzichtbare Erinnerungsbrücke in die eigene Jugendzeit. Aber auch den später Geborenen wird sie eindrucksvolles Dokument jener kurzen Zeitspanne zu Beginn des Jahres 1964 sein, in der der Schlüssel zu finden ist auch für das Verständnis gegenwärtiger Prozesse und Phänomene. Und ein solcher Aufbruch, wie er damals so unwiderstehlich und freudig begann, bekäme wohl auch unserer Gegenwart auf ihrem Weg in ein erneuertes Nachher ziemlich gut, befindet Alfons Huckebrink. 

Die Biografieempfehlung des Monats Juni 2023

Deborah Levy: The cost of living. Berlin: TOC Publisher 2020

 

Diese Sammlung autofiktionaler Essays beschreibt die Lebenssituation der Autorin nach dem Scheitern ihrer Ehe und in der Phase ihrer Neuorientierung in London, welche durch intensives Schreiben begleitet und bewältigt wird. Dabei deuten die einzelnen Essays kunstvoll einen impliziten Zusammenhang an, der sich nach und nach erschließt bzw. von den Leser*innen erschlossen wird und somit den Klärungsgsprozess der Autorin teilhabbar macht. Dies wird durch das fragmentarische, das wenig explizite, das metaphorische Vorgehen ermöglicht, aus welchem die Leser*innen ein Ganzes zusammenfügen können. Diese Art zu schreiben wirkt geheimnisvoll, weil der Inhalt nachfühlbar, aber nicht bis ins Letzte erklärbar ist. Möglicherweise werden so tiefere Verarbeitungsprozesse umrissen, die jeder Mensch zur Klärung und Bewältigung von krisenhaften Lebenssituationen oder für Lebensveränderungen durchmachen könnte. Für „The Cost of Living“ wurde DL mit dem „Christopher Isherwood Prize for Autobiografical Prose“ augezeichnet.

 

In ihren Texten beschreibt DL gleich zu Beginn die Notwendigkeit ihrer Trennung anhand der paradoxen Methapher einer Taucherin, die, wenn sie zum Boot (ihrer Ehe) zurückschwimmt, ertrinken müsste. Was das Ertrinken verursachen könnte, wird schon in der ersten Geschichte, aber zunehmend in den weiteren Episoden klar: männliche Ignoranz, die letztlich zur persönlichen Bedeutungslosigkeit und Nicht-Existenz verdammt. Diese Zusammenhänge werden erst im Laufe des Lektüreprozesses anhand von Andeutungen und konkreten Episoden deutlich. Man nimmt als Leser beim Schreiben an diesen (Selbst-) Erkenntnissen teil. Sie startet in London alleine in einer kleinen Wohnung in einem Hochhaus, wo ihr der Platz zum Schreiben fehlt. Eine Freundin stellt ihr ein Gartenhaus als Rückzugsort zur Verfügung, welches sich gerade durch die Kargheit als ideale Schreibumgebung erweist. Der Ton ihrer Analyse ist nie analytisch, vorwurfsvoll oder direkt, sondern offenbart die feminine Rolle aus der Sicht einer sehr fein Beobachtenden, und dies nicht ohne Humor und Ironie.

 

Ich habe die bibliophile Ausgabe in englischer Sprache gelesen, die in limitierter Auflage bei TOC (The other Collection) Publisher 2020 mit handschriftlicher Signatur der Autorin erschienen ist. Das Werk ist somit nicht nur ein Lesegenuss, sondern ein inspirierendes Kunstwerk. Es ist zu einem erheblich niedrigerem Preis in deutscher Sprache erhältlich, besitzt aufklärerisches Potenzial und auf jeden Fall sehr lesenswert! Empfehlung von  Gudula Ritz!

 

Und hier die Angaben zur deutschen Ausgabe: Deborah Levy: Was das Leben kostet. Hoffmann & Campe. München: 2020

Die Biografieempfehlung des Monats Mai 2023

Christine Wolter: Die Alleinseglerin. Hamburg: Ecco/Harper Collins 2022

 

Die Schriftstellerin Christine Wolter lässt in ihrem autofiktionalen Roman die Grenze zwischen Fiktion und Autobiografie unklar. Die Ich -Erzählerin Almut lebt in Mailand, es regnet, und dieser Regen bringt ihr Erinnerungen an einen anderen Ort weiter im Norden, den Ort ihrer Kindheit. An einem See, dem Müggelsee, wo ein altes Segelboot steht, ihr Segelboot, welches sie gegen jedes rationale Kalkül von ihrem Vater übernommen hat, ein Drachen aus Holz, bis 1972 den Status einer Olympia-Klasse. Der Name „Drachen“ stammt ursprünglich von dem norwegischen Wort „Draggen“ = Anker, es handelt sich demnach um einen Übersetzungsfehler. Die Ursprungswerft lag in Norwegen, wo der Draggen als Holzboot vom Stapel lief.

Der Vater, der ihre Mutter (und die Autorin) verlassen hat, als sie 12 ist, bringt ihr das Segeln bei. Warum denkt sie jetzt daran, dass sie so viel für dieses Holzboot geopfert, so viel investiert hat gegen jede Vernunft? Will ich ihn, von dem mich ein halbes Jahrhundert trennt, näher holen?. Was vielleicht ihr irrationales Festhalten an dem Boot impliziert: Wollte sie den Vater nicht loslassen?.

Nur in einem Teil seines Lebens ist sie anwesend. Auf dem Seegrundstück hat der Vater ein Holzhäuschen als Wochenenddomizil, sie und ihre Schwester haben dort unter dem Dach Prinzessinnenzimmer,… so nennt es der Vater. Später, während der Studienzeit, nimmt sie ihren Freund mit dorthin, von dem sie ein Kind erwartet. Nicht nur das Segeln klappt schon bald nicht mehr gemeinsam – auch die Beziehung zerbricht – sie zieht ihr Kind alleine groß. Sie segelt alleine, trägt die alles verschlingenden Kosten alleine und wird merkwürdig angeblickt als im Verein unter den Bootseignern. Als einzige Frau verbringt sie ihre Wochenenden fast nur noch am See oder in der Werft, die Männer belächeln sie. Sie kann sich einfach nicht von dem Boot trennen, obwohl es sie fast ruiniert und sie ihren Sohn deswegen, so wie sie es beschreibt, vernachlässigt. Sie erklärt es sich und ihrem Sohn Hanns, dem das Werk gewidmet ist, mit dem in ihrem Leben einzigartigen Gefühl der Freiheit, welches diesen Preis wert ist. Auch eine nicht gelebte Liebesbeziehung wird angedeutet, an die sie wieder anknüpft, zumindest kurzfristig, als sie tatsächlich einmal von Mailand in den Norden reist, um nach dem Boot zu sehen. Als Seglerin, wenn auch nicht als Alleinseglerin, empfiehlt Gudula Ritz diesen autofiktionalen Roman. Auch als Verfilmung, z.B. bei Youtube, ist das Thema gut umgesetzt.

Die Biografieempfehlung des Monats April 2023

Barbara: Es war einmal ein schwarzes Klavier ... Unvollendete Memoiren. Göttingen: Wallstein Verlag 2017

Herausgegeben von Andrea Knigge, übersetzt von Annette Casasus

 

 

Was ich nun sage, das klingt freilich

Für manche Leute unverzeihlich

Die Kinder sind genau die gleichen

In Paris wie in Göttingen

 

Paris wie Göttingen. Ein bizarrer Vergleich? Die Chansonnière Barbara ist in Deutschland, wenn überhaupt, vor allem mit ihrem Lied Göttingen bekannt geworden. Dorthin, ins Land der Täter, ist sie 1964 zu einem Gastspiel eingeladen, auf das sie sich zunächst nicht einlassen will; aber bald darauf, im Nachklang, entsteht das Lied. Im Text gibt sie ihrer Verwunderung darüber Ausdruck, dass sich ihre Vorbehalte gegenüber den Deutschen nicht bestätigt haben und diese sich im Alltag mit seinen kleinen Freuden und vielen Sorgen nicht groß voneinander unterschieden. Schließlich seien beide vereint in der Angst vor einem neuen Krieg. Göttingen mit seiner berühmten Universität wird für sie zur Stadt der Brüder Grimm. Ihr Lied, das sie bald auch auf Deutsch singt, avanciert rasch zu einer Art Hymne deutsch-französischer Verständigung und wird etwa vom Bundeskanzler Schröder oder Bundespräsidenten Gauck bei Staatsbesuchen zitiert. Der deutsche Sänger Franz Josef Degenhardt bezieht sich in seinem gleichnamigen Lied explizit auf Barbaras Göttingen und beschreibt eine andere Sicht auf die Stadt.

Wer mehr in Erfahrung bringen möchte über diese großartige Künstlerin, die 1930 in Paris als Monique Andrée Serf, zweites von vier Kindern einer jüdischen Familie mit Wurzeln im Elsass und in der Ukraine, geboren wird, hat dazu Gelegenheit beim Anschauen ihrer zahlreichen beeindruckenden Musikclips auf Youtube und vor allem beim Lesen ihrer autobiografischen Aufzeichnungen. Ihre Jugend verbringt sie als Jüdin unter den Bedingungen der Besatzung Frankreichs durch die Wehrmacht. Diskriminierende Gesetze und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung machen mehrere Wohnortwechsel erforderlich, die Familie wird zerrissen. Ein besonders enges Verhältnis entwickelt sie zur Großmutter Varvara Brodsky, aus Odessa stammend, deren Vornamen sie als Künstlerinnennamen adaptiert. Schon frühzeitig setzt sie sich mit ihrem Wunsch durch, Klavierunterricht zu bekommen. Das Instrument wird gemietet. Entscheidet man sich eines Tages dafür, zu singen, oder ist es nicht vielmehr eine lange und schöne Krankheit, die man in sich trägt und von der man niemals vollkommen geheilt wird? Bald wird ihre Lehrerin auf die Stimme aufmerksam und bestärkt sie. 18-jährig reißt sie von zuhause aus. Es beginnt eine mühsame Zeit mit kleinsten Engagements und für sie unvorteilhaften Verträgen zunächst in Paris, dann in Brüssel, wo sie durch zwielichtige Clubs tingelt und sich mehr als einmal zweideutigen Avancen widersetzen muss. Von 1954 bis 1964 hat sie ein Engagement in der "Ecluse", einer Kleinkunstbühne in Paris. Der Wendepunkt ihrer Karriere ist markiert, als sie beginnt, eigene Lieder zu schreiben und vorzutragen. Ihre Chansons sind durch eigene Erfahrungen geprägt, werden geschätzt wegen ihrer atmosphärischen Dichte. Etwa in Nantes, einem ihrer größten Erfolge, in dem sie die Beziehung zu ihrem Vater aufarbeitet, den sie zehn Jahre nicht gesehen hat und der im Dezember 1959 stirbt.

Durch zahlreiche Konzerte und Tourneen wird sie rasch weltweit populär. Sie arbeitet als Schauspielerin für Theater und Film und pflegt Freundschaften mit Maurice Béjart, Jacques Brel sowie vor allem Gérad Depardieu. 

Als ihre Stimme nicht mehr mitmacht, zieht sie sich auf ihr Anwesen in Précy-sur-Marne zurück. Sie beginnt im Frühjahr 1997 mit dem Schreiben der Autobiografie: Vor mir liegt viel Arbeit, aber es ist eine Arbeit, die ich mag, und ich werde mich nicht beklagen. Ihre Aufzeichnungen bleiben unvollendet, denn bereits am 24. November reißt sie der Tod aus jedem Schaffensprozess. Ihre drei Geschwister, denen sie im Chanson Mon enfance eine unvergängliche Erinnerung geschaffen hat, entschließen sich nach langem Zögern und Zweifeln das Konvolut als Buch zu veröffentlichen: "Sollten diese Texte veröffentlicht werden, von denen wir wissen, dass sie sie unentwegt überarbeitet hätte, immer wieder korrigiert bis zum endgültigen Abgabetermin des Manuskripts im November 1998?"

2017 erscheint es endlich auch auf Deutsch. Es hat seinen besonderen Reiz im Unabgeschlossenen, teilweise Fragmentarischen, in der Unmittelbarkeit des soeben Geäußerten. Das Buch enthält ausgearbeitete Kapitel ebenso wie Passagen assoziativen Charakters, denen man anmerkt, dass sie Rohmaterial darstellen für die intensive Bearbeitung, für den Schliff. Naturgemäß ist ihnen zuweilen eine besondere Schärfe zu eigen, z. B. in der Beurteilung von Personen, an deren Bild sicher gefeilt worden, deren Profil verfeinert worden wäre. Allen LeserInnen bietet die Lektüre indessen dieser autobiografischen Aufzeichnungen genussreiche Stunden. Und für LiebhaberInnen des französischen Chansons ... ça s'impose, muss Alfons Huckebrink einräumen.

Die Biografieempfehlung des Monats März 2023

Anni Ernaux: Der Platz. Berlin: Suhrkamp 2019

 

Wenn man beim Lesen des Titels denkt, es gehe in diesem (auto)-biografischen Roman um einen bestimmten Ort, um einen Platz in (irgend)einer Metropole oder einer Kleinstadt, an dessen angrenzenden Gebäuden verschiedene Lebensfäden miteinander verflochten sind, täuscht man sich. Der Titel suggeriert beim Lesen ein Bild, was so einem Ort oder dessen Prototyp entspricht.

Erst nach der Lektüre mag sich ein Leser/eine Leserin dann fragen: „Warum heißt das Werk eigentlich so?“ Es geht Ernaux um den Platz in der Gesellschaft, der durch die soziale Schicht determiniert ist und für viele ein Ort ist, den sie nicht aus freiem Entschluss einfach so verlassen können. Schafft man es doch, dann ist die Entfremdung von den übrigen dieser Position Verhafteten, meist nahe Angehörige, die unweigerliche Konsequenz, der unvermeidbare Preis der Freiheit. So erging es der Autorin und Nobelpreisträgerin (2022) AE, die an einem solchen, so genannten bildungsfernen Ort aufwuchs.

Als der Vater stirbt, nimmt sie das zum Anlass, sein Leben zu erzählen. Um 1900 geboren, kaum Schulbildung, Bauer, sich dann zum Besitzer eines kleinen Ladens in der Normandie emporgearbeitet, bis zu seinem Tod 1967 fast nur Arbeit gekannt. Die älteste Tochter stirbt mit 7 Jahren an Diphterie, ein paar Jahre später wird AE geboren.

Sie versucht eine „objektive“ Biografie ihres Vaters zu schreiben. Dabei bezieht sie Quellen, Erinnerungen, mündliche Quellen in diese Vatergeschichte ein. Dabei seziert sie die Entfremdung, die in ihrer Beziehung zu ihrem Vater entstanden ist, die mit seinem Tod, der am Anfang und am Ende der Biografie Thema ist, endgültig wird und dem doch durch das Schreiben Anerkennung gezollt wird. AE kann die höhere Schule besuchen, und da beginnt die Entfremdung, auch als fortschreitende Geschichte. Sie studiert, wird Lehrerin, der Kontakt bricht mehr oder weniger ab. Der Schmerz, Scham oder Schuld, das Gefühl von Verrat an den Eltern und dem Herkunftsmilieu, auch Bedauern oder Mitgefühl bleibt zwischen den Zeilen erahnbar und dem Leser überlassen. Auch ein Urteil darüber, ob diese Entfremdung ein Naturgesetz ist, wie AE auf der Rückseite des Covers andeutet: Ans Licht holen, was ich an der Schwelle zur gebildeten, bürgerlichen Welt zurücklassen musste.  

Musste? Soziale Beziehungen, deren Nähe, Abstand und Hierarchieebenen, werden gerne als räumliche Metaphern beschrieben und verstehbar gemacht. Deshalb passt das Bild vom Platz, von dem man sich entfernen kann, um sich an einem anderen Ort aufzuhalten, jedoch (in der Konzeption AEs) nicht an beiden gleichzeitig. Diese autobiografisch geprägte Biografie der Nobelpreisträgerin ist unbedingt lesens- und empfehlenswert, findet Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats Februar 2023

Filip Müller: Sonderbehandlung. Meine Jahre in den Krematorien und Gaskammern von Auschwitz. Darmstadt: wbg Theiss 2022

 

Tue deinen Mund auf / für die Stummen / und für die Sache aller, / die verlassen sind.

(Salomo, Sprüche 31.8)

 

An jedem 27. Januar gedenkt die Welt der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee 1945. Passend zu diesem Datum stellen wir hier die Erinnerungen Filip Müllers vor, die 1979 erstmals erschienen sind und nun endlich in Neuauflage vorliegen.

Der slowakische Jude Filip Müller (1922-2013) wird 1942 in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert und später nach Birkenau überstellt. Bis zum Januar 1945 ist er Häftling in einem der Sonderkommandos, die vom übrigen Lager isoliert leben und deren Arbeit vor allem in der Beseitigung von Leichen und dem Instandhalten der Vernichtungsanlagen besteht. Die nationalsozialistischen Täter verwendeten den Begriff 'Sonderbehandlung', um ihre wahre Absicht zu verschleiern und nicht öffentlich zu benennen. Wer durch die SS eine Sonderbehandlung erfuhr, wurde umgebracht.

Filip Müllers bewegendes Buch ist die erste in Deutschland veröffentlichte Erinnerungsschrift eines Augenzeugen gewesen, der den Alltag der Massenvernichtung in den Krematorien und Gaskammern in Auschwitz-Birkenau miterlebt hat. Der Autor gehört zu den wenigen Überlebenden der Sonderkommandos, denn als potentielle Zeugen der monströsen Verbrechen wurden sie nach und nach selektioniert und physisch beseitigt. Dem Tod bin ich durch glückliche Zufälle, eigentlich durch ein Wunder entronnen, spielt Müller seine Fähigkeit, durch Mut und Intelligenz schwierigste Situationen zu überstehen, herunter. Der Regisseur Claude Lanzmann, der ihn 1989 für seinen Film 'Shoah' interviewt, ist von ihm beeindruckt und auf die Frage eines Journalisten, ob er beim Drehen manchmal an seine Grenzen gekommen sei, erklärt er: "Ja, beim Gespräch mit Filip Müller, der als Mitglied des jüdischen Sonderkommandos [...] fünf Liquidationswellen überlebt hat. Einmal [...] sagte er zu mir: "Ich wollte leben, unbedingt leben, noch eine Minute, noch einen Tag, noch einen Monat länger. Begreifen Sie: leben." 

An ihre Grenzen werden möglicherweise auch LeserInnen von Sonderbehandlung geraten, denn in Müllers klaren und einfachen, fast nüchternen Sprache entsteht ein schonungsloses Protokoll des industriellen, fließbandartigen Ablaufs der hinterhältigen deutschen Massenvernichtung. Er schreibt in der Ich-Form und gewährt den LeserInnen Einblick in das Zentrum der Mordfabriken. Im Krematorium habe ich viel erlebt und Szenen gesehen, von denen die Welt niemals etwas hatte erfahren sollen. Was er mit seinem Bericht bezeugt, ist die Hölle selbst - ein Begriff, der hier ohne metaphorischen Zierat verwendet wird - und wirkt herzzerreißend.

Zumeist wurden die Deportierten unter dem Versprechen, sie erhielten ein Duschbad, in die Gaskammer gedrängt. Nachdem deren Tür verschlossen war, schütteten SS-Männer durch Öffnungen auf dem Dach Zyklon-B-Kristalle hinein.

 

Nun wurden die Motoren der Lastwagen angelassen. Ihr Lärm sollte verhindern, daß man im Lager das Geschrei der Sterbenden in der Gaskammer und ihr Pochen gegen die Türen hören konnte. [...] Es war, als wäre der Jüngste Tag angebrochen. Deutlich hörten wir herzzerreißendes Weinen, Hilferufe, Stoßgebete, heftiges Schlagen und Pochen gegen das Tor, und all das übertönt von dem Geräusch der auf Hochtouren laufenden Lastwagen. Aumeier, Grabner und Hössler verfolgten auf ihren Armbanduhren die Zeit, die verging, bis es in der Gaskammer still geworden war. Dabei amüsierten sie sich und rissen makabre Witze, Einen hörte ich sagen: "Das Wasser im Duschraum muß heute sehr heiß sein, weil sie so laut schreien."

 

Dem Problem, dass das Ausmaß der Leiden einer namenlosen Masse zur Abstraktion wird und nicht eindeutig erfasst werden kann, begegnet Müller damit, dass er ihre Stimmung wiedergibt, ihnen Gesichter und Stimmen verleiht. Ihm gelingt es zudem, mit Hilfe von Einzelschicksalen die 'Auslöschung' der Menschen durch einen anonymen massenhaften Mord zu durchbrechen.

Besonders bewegend sind die Schilderungen der Vernichtung des Familienlagers ab dem 8. März 1944, also der Juden, die aus dem Ghetto Theresienstadt nach Auschwitz deportiert wurden und dort eine Zeitlang, vom übrigen Lager abgetrennt, relativ unbehelligt leben konnten, sowie der Auslöschung der 400000 ungarischen Juden ab Mitte Mai 1944.

Einmal plant er seinen Selbstmord, indem er einem Transport seiner Landsleute in die Gaskammer folgt. Von einer jungen Frau wird er davon abgebracht. Sie macht ihm deutlich, dass sein Tod nutzlos wäre und er im Überlebensfall die Aufgabe hätte, sein Wissen über die unfassbaren Verbrechen an die Nachwelt weiterzugeben.

Filip Müllers Berichte werden nach der Befreiung, obwohl sie zunächst bei vielen auf Unglauben stoßen, stark beachtet und zu einem wichtigen Zeugnis. Seine Aussagen in Prozessen gegen die schlimmsten Massenmörder sind ausschlaggebend für manchen Schuldspruch. An der Buchform hat er 15 Jahre gearbeitet und noch einmal 7 Jahre an der deutschen Fassung. Nach der Erstveröffentlichung 1979 wurden er und seine Familie beschimpft und diffamiert, sahen sich mit Morddrohungen konfrontiert. In einer Zeit, da uns nur noch wenige Überlebende bleiben, die darüber erzählen können, und in der die Shoah zunehmend geleugnet oder relativiert wird, hält die Neuauflage des Buches unser Erinnern an die grauenvollen Geschehnisse lebendig und unverfälscht. Sie enthält auch einen informativen Anhang, der u.a. eine gut lesbare Einführung enthält sowie anschauliche Materialien in Form von Grundrissen und Fotos. Dazu Kurzbiografien von Häftlingen des Sonderkommandos, aber auch von Angehörigen der SS. Bei letzteren fällt auf, dass etliche der übelsten Verbrecher verurteilt wurden und am Galgen endeten, einige aber auch gänzlich ungeschoren davonkamen und bis ins hohe Alter ihre Pensionen und Renten genießen konnten.

Keine einfache Lektüre gewiss, aber eine überaus wichtige, meint Alfons Huckebrink. 

Die Biografieempfehlung des Monats Januar 2023

 

Martina Clavadetscher: Vor aller Augen. Zürich: Unionsverlag 2022

 

Dieses einzigartige Werk von Marina Clavadetscher besticht durch seine Sammlung höchst ungewöhnlicher Biografien. Dabei werden fiktiv, aber gut recherchiert, die Lebensläufe weiblicher Modelle berühmter Künstler sowie zweier Künstlerinnen vorgestellt. Die Modelle erhalten in den autofiktionalen Monologen von Martina Clavadetscher eine Stimme, einen Namen und werden somit noch einmal ins Licht des Betrachters, der diesmal auch zum Leser wird, gerückt. Somit werden den "Objekten" einer doppelten Betrachtung Subjektivität und Würde zurückgegeben. Es sind überwiegend Männer, die mit ihren Werken Berühmtheit und Bewunderung als Künstler erlangt haben, während die weiblichen Modelle in dieser Hinsicht ein Schattendasein führen, da sie – zumindest in diesem Zusammenhang - lediglich Objekte sind. Vielleicht ist die Jeune orpheline au cimetière von Eugène Delacroix (1824) eine Ausnahme, denn durch das Angebot des Künstlers erhält Mélie ein (bescheidenes) Honorar und findet Respekt und ihren Lebenswillen wieder, so wird die Beziehung zwischen Künstler und Modell jedenfalls aus ihrer (personalen) Perspektive geschildert. Von Leonardo da Vinci, Raffael, Rembrandt, Courbet, bis hin zu Munch und Hodler werden berühmte Gemälde, darunter -besonders reizvoll - ein Selbstportrait von Angelika Kauffmann (1741-1807), vorgestellt und neben den inneren Monologen die Modelle als Personen und Subjekte vorgestellt. Ganz nebenbei erfährt der Leser auch einiges über ihre mitunter problematische Beziehung zu den Malerpersönlichkeiten, über die Zeit und die gesellschaftlichen Bedingungen während der Schaffensphasen. Dieses einzigartige und informative Werk eignet sich auch nach Weihnachten noch als wertvolles Geschenk, kann aber das ganze Jahr über auch selbst gelesen und wiedergelesen werden, empfiehlt Gudula Ritz.