Autor des eigenen Lebens werden:

Literatur und autobiografische Aufmerksamkeit

Eine Kooperation rund um das Thema autobiografische Aufmerksamkeit und autobiografisches Schreiben

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Knowledge, Wisdom, Truth - Humor:                                      Vom Alltag als Kürzestgeschichte des Monats Dezember 2019

 

Rauschebart

 

Nikolaus ist ein guter Mann … In der Adventszeit überraschte mich eine Meldung meiner Lokalzeitung über einen hohen Besuch im Nachbardorf. Nikolaus verteilt 320 Tüten auf dem Marktplatz, verkündete deren Schlagzeile.

Noble Geste, dachte ich; … bald bringt Nikolaus was für mich, summte ich. Da wird dann wohl das halbe Dorf bekifft gewesen sein.

 

von LAERTES

Jeden Monat finden Sie hier eine lesenswerte Biografieempfehlung

Die Biografieempfehlung des Monats Dezember 2019

Peter Braun: Ilse Schneider-Lengyel. Fotografin, Ethnologin, Dichterin. Ein Portrait. Wallstein 2019

 

Diese Biografie ist, wie der Autor beschreibt, nur anhand von Dokumenten zu rekonstruieren, die sich im Nachlass befinden, aufbewahrt in der Staatsbibliothek in München. Dabei soll der Leser in den Rekonstruktionsprozess der „biografischen Illusion“ einbezogen werden, denn das Material ist zu dürftig, um eine einheitliche Geschichte ohne Brücken und offene Fragen zu erzählen. Möglicherweise deshalb nennt Peter Braun sein Werk "Portrait" und nicht "Biografie".

Trotz der Brüchigkeit und dem Fragmentarischen der Quellen erkennt der Leser die Einmaligkeit der Persönlichkeit von Ilse SL, die ungeheuer produktiv war, ihrer Zeit gelegentlich voraus, aber leider der Öffentlichkeit unbekannt und von ihr unbeachtet geblieben ist.

Besagter Nachlass besteht aus 17 grünschwarz melierten Schachteln, die der Autor neben anderen wenigen Quellen für die Schaffung des Portraits nutzt. In diesen Schachteln befinden sich literarische Manuskripte, Briefe, von denen wenige persönlicher Art sind, persönliche Dokumente, Fotografien sowie Negative. Das Portrait, welches Peter Braun daraus entstehen lässt, trägt jedoch markante Züge Ilse SLs, zeigt vor allem die Ausdauer und Unbeirrbarkeit, mit denen sie ihre künstlerischen Projekte verfolgt. Und diese sind zahlreich: Lyrik, Kurzgeschichten, Kunstbände, z.B. über Puppen und Masken, ein Roman, ein Theaterstück, Textsammlungen aus indigenen Kulturen. Sie studiert in München Kunstgeschichte, in Berlin Ethnologie und in Paris an einer bekannten Künstlerakademie, wo sie „mit den Augen der Kamera“ dichten lernt. Ihre Fotografien sind grandios, weil sie den Skulpturen durch die Art der Fotografie Leben einhaucht, einen emotionalen Ausdruck ermöglicht, wie ich selbst in ihrem Fotoband über Rodin begeistert feststellen konnte. Ihre Art zu fotografieren passt besonders gut zum universellen Thema 'Masken', welches vom Piper-Verlag publiziert wird. Ihre Künstler -Karriere lässt sich gut an, wird aber durch die Nazi-Zeit jäh unterbrochen. Sie verbringt viele Jahre in Paris im Exil, da ihr Ehemann als ungarischer Jude von den Nazis verfolgt wird.

Sie wird 1903 geboren und, da es die großbürgerlichen Verhältnisse erlauben, vielfältig gefördert. Der Familie gehören ein Schloss am Chiemsee und einige Seen im Allgäu. Der Bannwaldsee, den Ilse SL erbt, wird sogar Ort des ersten Treffens der Gruppe 47. Sie selbst wird jedoch von Hans Werner Richter, der in der Gruppe eine führende Rolle einnimmt, als Autorin nicht gesehen, sondern eher zum Verstummen gebracht und auf die Rolle der sorgenden Gastgeberin reduziert, die gemeinsam mit seiner eigenen Frau die Herren Autoren der Gruppe 47 vorzüglich bekocht habe. Alle Versuche, nach 1945 in Deutschland als Autorin und Künstlerin erneut Fuß zu fassen, scheitern letztendlich. Ilse SL stirbt 1972 verarmt und infolge einer heute nicht mehr näher bestimmbaren Nervenkrankheit und erleidet schließlich trotz ihres einzigartigen Könnens und ihres künstlerischen Talents ein trauriges Schicksal. Trotzdem hat das Portrait, das Peter Braun mit diesem Werk gezeichnet hat und welches in seiner Kompositionstechnik expressionistische Züge trägt, etwas Tröstliches. Diese sehr lesenswerte Künstlerbiografie empfiehlt Gudula Ritz zur inspirierenden Lektüre.

Die Biografieempfehlung des Monats November 2019

Johannes Willms: Der General. Charles de Gaulle und sein Jahrhundert. Biographie. München: C.H.Beck 2019

 

Das Eisen glüht; ich muss es schmieden. Charles de Gaulle

 

Der historisch verfügte Mythos, besonders jener, der sich um Leben und öffentliches Wirken von Personen rankt, entsteht mit dem Übergang von Verehrung zu kritikloser Verklärung. Er konstituiert einerseits die kollektive Erinnerung und richtet diese zugleich auf die Erwartung einer Zukunft aus, die von diesem durchwirkt ist. Insofern stellt er auch eine Verheißung dar.

Die französische Geschichte ist reich an jenen Gestalten, die als Retter (Jeanne d'Arc, Napoleon Bonaparte) ihren Platz auf dem nationalen Podest eingenommen haben. Auch der General Charles de Gaulle, der sich im Gespräch mit dem amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt (FDR: Ich glaube, er hat einen leichten Vogel.) mit der Jungfrau von Orléans sowie mit Georges Clemenceau, u.a. 1917-20 Staatschef der III. Republik, gleichzeitig verglich, schien bereits zu Lebzeiten zu diesem Status entrückt. Den zu erreichen er mit seinem umfangreichen Memoirenwerk selbst entscheidend nachhalf. Man wird ja niemals unsterblich genug.

"Ehe wir die Ideen ästhetisch, d.h. mytholgisch machen, haben sie für das Volk kein Interesse", erkannte bereits Hegel. De Gaulles grundlegende Vorstellung, die er mit der Muttermilch aufsaugt und mit der er viel später seine Memoiren einleitet, war die einer certaine idée de la France, die er für seine Zeitgenossen ins Schlagwort der grandeur goss, was alles bedeutete: Programm, Mobilisierung, Beschwörung, Vergangenheit wie Zukunft. Eine politische Lebensversicherung, deren Coupons in den Maitagen des Jahres 1968 über Nacht ihren Wert verlieren, als der General sich von den Unruhen in Paris per Helikopter ins Hauptquartier der französischen Streitkräfte in Baden Baden absetzt.

Johannes Willms gilt mit Recht als profunder Kenner der französischen Geschichte. In etlichen Biographien, etwa zu Mirabeau oder Napoleon, aber auch zu Bismarck (siehe diese Rubrik vom Februar/2015) hat er sich erfolgreich an der Dekonstruktion des jeweiligen Mythos versucht. Das Leben bietet dem General (22.11.1890-9.11.1970) zweimal die Gelegenheit, ins historische Rollenfach zu wechseln: Im Sommer 1940, als er nach der Kapitulation gegenüber dem faschistischen Deutschland in London bar jeglicher Mittel die Vision eines unabhängigen Frankreichs am Leben hält und sehr bald, gestützt auf die Résistance, das Vichy-Regime bekämpft; dann 1958, als das Land infolge des Algerienkonflikts am Rande eines Bürgerkriegs steht, de Gaulle mit Hilfe eines kalten Staatsstreichs zurück an die Macht gelangt und das politische System der V. Republik auf sich zuschneidet.

In seinem 640 Seiten starken Werk unterbreitet Johannes Willms dem Leser eine beeindruckende Materialfülle. Naturgemäß können in einer Biographie trotzdem nicht alle historisch relevanten Bereiche gleichermaßen berücksicksichtigt werden. Vertiefungen etwa zu ökonomischen Interessenslagen und deren Auswirkungen auf die politischen Entscheidungen wären dem Verständnis ebenso hilfreich gewesen wie eine noch eingehendere Analyse internationaler Verflechtungen und Allianzen. Trotz seines beträchtlichen Umfangs wird dem historisch interessierten Leser die Lektüre des Buchs niemals beschwerlich fallen. Johannes Willms erweist sich erneut als glänzender Stilist und versteht es virtuos, den Spannungsbogen bis zum Finale auf dem Sterbebett in Colombey les Deux Églises gespannt zu halten, versichert Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Oktober 2019

Maria Heiner: Lea Grundig. Kunst für die Menschen. Jüdische Miniaturen 184. Leipzig: Hentrich und Hentrich 2016

 

Lea Grundig: Gesichte und Geschichte. Berlin: Dietz. div. Aufl. 

 

Ein Kunstwerk, das nie ein Mensch gesehen hat, ist wie ein toter Gegenstand. Lea Grundig

 

Bereits im Juli haben wir in dieser Rubrik die Erinnerungen des Künstlers Hans Grundig gewürdigt. Was läge näher, als nun auch einen Blick auf Leben und Werk seiner Frau Lea (1906-1977) zu werfen, zumal auch ihre Lebensgeschichte als Autobiografie (Gesichte und Geschichte) nach wie vor antiquarisch einfach zu beschaffen ist.

Sie wächst als Lea Langer in einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Dresden auf. Schon früh emanzipiert sie sich vom traditionellen Religionsverständnis ihrer Eltern, was zu Konflikten führt, v.a. mit ihrem Vater, der auch den künstlerischen Neigungen seiner Tochter höchst ablehnend gegenübersteht, ebenfalls ihre Verbindung zu dem mittellosen Maler Hans Grundig vehement ablehnt. In den Jahren der faschistischen Diktatur wird sie als Jüdin und Kommunistin verfolgt, dreimal von der Gestapo verhaftet. Es gelingt ihr, auf abenteuerliche Weise nach Palästina zu emigrieren. Dort überlebt sie 1940 den Untergang des Flüchtlingsschiffes 'Patria', erlebt die Gründung des Staates Israel mit und erwirbt Anerkennung als Künstlerin. Auf diese Jahre wirft sie einen besonders intensiven Rückblick. Sie schildert das harte Leben in den Kibbuzim und Elend wie Selbstbehauptung der Überlebenden der Shoah. Sie zeichnet beeindruckende Blattfolgen vom Schicksal der Juden. Darüber hinaus avanciert sie zur ersten wichtigen Illustratorin hebräischer Kinderbücher. 1949 kehrt sie nach Dresden zu ihrem Mann zurück. Von 1964-70 ist sie Präsidentin des Verbands Bildender Künstler der DDR. Sie stirbt während einer Mittelmeerreise an Bord des MS 'Völkerfreundschaft'.

Hinzuweisen ist im Zusammenhang mit ihrer Lebensgeschichte auf eine sehr lesenswerte Veröffentlichung von Maria Heiner (MH). Sie erschien 2016 in der verdienstvollen Reihe Jüdische Miniaturen des Verlags Hentrich und Hentrich. MH's persönliche Freundschaft mit Lea Grundig reicht bis ins Jahr 1963 zurück. Später hat sie die Künstlerin als Ärztin betreut. Sie hat wesentlich an ihrem Werkverzeichnis mitgearbeitet. Ihrer Sammeltätigkeit ist der Überblick über die Arbeit Lea Grundigs als Kinderbuchillustratorin zu verdanken, die sie in ihrem Buch, das auch 44 eindrückliche Grafiken abbildet, dezidiert darstellt. Als Kuratorin mehrerer Ausstellungen mit Werken von Hans und Lea Grundig hat sie dazu beigetragen, dass deren Kunstwerke auch für künftige Generationen zugänglich bleiben. In ihrem Buch mit dem trefflichen Untertitel Kunst für die Menschen verschafft sie dem Leser einen prägnanten Überblick über Lea Grundigs Leben und Werk, ordnet es in die geschichtlichen Zusammenhänge ein und interpretiert es im Hinblick auf seine gegenwärtige und wohl auch zukünftige Aktualität. Eine wertvolle Arbeit, engagiert verfasst, gut lesbar. Von beiden Büchern werden Sie mitgenommen in den Kunstkosmos der Lea Grundig und werden beglückt darin verweilen, verheißt Alfons Huckebrink

Die Biografiempfehlung des Monats September 2019

Jens Rosteck: Joan Baez. Portrait einer Unbeugsamen. Hamburg: Osburg Verlag 2017

Jens Rosteck schenkt uns eine liebevoll geschriebene, einfühlsame und zudem sehr gründlich recherchierte Biografie von Joan Baez, der unbeugsamen politischen Aktivistin und Sängerin. Ihre unauflösliche Verbindung von Musik, Kunst und Politik wollte ihr früher Gefährte und Freund Bob Dylan nicht teilen, er schlug einen persönlicheren, künstlerischen Weg ein. Jens Rosteck begleitet JB auf ihrem Lebensweg, in ihrer künstlerischen Entwicklung und ihrem politischen Werdegang. Er schlüpft beinahe in ihre Haut und kann dennoch in eine kritische Außenperspektive wechseln, die eng verwoben ist mit der Zeitgeschichte, denn die 60ties, 70ties und 80ties des vergangenen Jahrhunderts sind bereits Geschichte, obwohl sie vielen Lesern noch lebhaft in Erinnerung sein dürften.  JB besitzt ein vollkommen unabhängiges, eigenständiges moralisches Urteilsvermögen, was führende Sozialpsychologen nur wenigen Erwachsenen zugestehen und sicherlich ihre Unbeugsamkeit in Sachen Menschenrechte erst ermöglicht hat. Aber sie besitzt nicht nur dieses persönliche Wertesystem, sie handelt auch danach, engagiert sich und hat viel erreicht, obwohl sie neben dem Erfolg auch viel Ablehnung, Missachtung oder gar Hass einstecken musste.

Der Biograf nimmt dabei  Bezug auf sein eigenes Leben  und blickt zurück auf den Moment, als er das erste Baez-Album (Come from the Shadows) in den Händen hielt, das Cover bildet ein Foto aus den letzten Tagen der Vietnam-Gräuel; ein protestierendes Paar mittleren Alters, auf der Rückseite ein Flugblatt ähnlicher Aufruf gegen den Krieg, zum Boykott der Steuerzahler, im Innern eine Studio-Aufnahme mit politischer Lyrik. Die Gestaltung des Covers zeigt, dass ihre Botschaft ihr wichtiger ist als der Kult um ihre Person, einen Starkult lehnte sie konsequent ab.

Der Leser kann die Entstehung jeder einzelnen LP nachvollziehen, insofern bietet der Autor eine prozessorientiert analysierende Diskografie.

Es bleibt nicht bei den Protestsongs, es gibt auch persönlichere Lieder, z.B. „Love to a Stranger“, denn für feste Beziehungen blieb in ihrem Leben lange kein Platz mehr. Aktive politische Demonstrationen in Südamerika werden geschildert oder JB‘s Vietnam-Besuch während des Krieges, als sie sich in Gefahr begibt, selbst Opfer zu werden, Opfer der Kriegsverbrechen, die ihre eigenen Landsleute begehen. Ein künstlerisches Dokument der amerikanischen Verstrickung in den Krieg.

Aber das Blatt wendet sich, viele Weggefährten kritisieren sie, als sie sich wenig später gegen das unmenschliche Pol Pot Regime in Kampuchea stellt, sie engagiert sich jenseits von Ideologien und jeglichem Schwarz-Weiß-Denken für menschliche Grundrechte. In Europa ist sie während der Reagan-Ära beliebter als in ihrem Heimatland. Sie erlebt sich als „nicht mehr zeitgemäß“ und war es vielleicht nie, als „Fremde“ im eigenen Land.

Ein weiteres Markenzeichen ihrer Konzerte, denn mit fast 80 Jahren tourt sie als „Last Leaf of the Tree“ immer noch durch die Welt, ist ihr Charme und die Fähigkeit, ihr Publikum zu begeistern und zum Mitsingen zu animieren, was ein unbeschreibliches Gefühl von Zugehörigkeit und eine mächtige Wirkung erzeugt. Das konnte ich selbst im Juli in Füssen, Bayern, bei einem Open Air Konzert am See erleben und genießen.

Die Biografie und den Konzertbesuch empfiehlt Gudula Ritz.

Die Biografiempfehlung des Monats August 2019

Patti Smith: Hingabe. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2019

 

DEVOUEMENT (Hingabe) so heißt eine Inschrift auf dem Friedhof in Sête, den Patti Smith während einer Lesereise in Frankreich besichtigt. Sie sucht das Grab Paul Valérys auf, erhascht den noch älteren Grabstein mit jener Aufschrift und beschreibt den kreativen Prozess der Entstehung einer fiktiven Geschichte mit gleichnamigem Titel, die eingebettet ist in autobiografische Episoden dieser Reise, welche sie schließlich auch an die Arbeitsstätten und das Grab von Camus führt. Auf der Suche nach etwas Anderem fand ich,… könnte auch das Motto des kreativen Prozesses sein, der traumähnlich und gleichzeitig philosophisch inspiriert Zufälliges aufgreift und mit den verschiedenen Fäden verwebt; das bearbeitete Thema und all das, was unaussprechlich und zufällig erscheint wie auf irrationale Weise fasziniert: die Biografie von Simone Weil als Reiselektüre, die eigenen autobiografischen Erinnerungen an den ersten Paris-Besuch mit der Schwester im jugendlichen Alter, die Kontinuität der Verortung und der eigenen Identität, die Faszination beim Zuschauen einer russischen Eisläuferin, ein Film von Vertreibung aus dem Estland Stalins, und zwischendurch die Termine bei Gallimard, ihrem französischen Verlag, und sicherlich eigene autobiografische Episoden, die unausgesprochen bleiben. Hingabe an das zufällige Entdecken und Staunen bezieht sich vor allem auf die eigene Haltung gegenüber dem unstillbaren Bedürfnis zu schreiben. Dabei ist nach Ansicht Patti Smiths die Frage „Warum“ sie selbst schreibt nicht von der Frage des „Wie“ zu trennen, wobei also die jahrtausendealte Trennung von Geistes- und Naturwissenschaft, Fühlen und Logik einfach so, mit einem Satz, überwunden scheint. Empfohlen zur Lektüre und Inspiration von Gudula Ritz. (Vgl. auch die Besprechung von Patti Smiths ‚M Train‘, unsere Empfehlung vom April 2016.)

Die Biografieempfehlung des Monats Juli 2019

Hans Grundig: Zwischen Karneval und Aschermittwoch. Erinnerungen eines Malers. Berlin: Dietz Verlag 1975

 

Durch reinen Zufall entdeckte ich neulich im Antiquariat die bereits 1955/56 verfassten Erinnerungen des Malers Hans Grundig (1901-1958). Ihren Titel verdanken sie erstens dem Umstand, dass er genau um Mitternacht zwischen Karneval und Aschermittwoch geboren wird, und zweitens, dass sich sein Leben bis 1946 zwischen eben diesen Polen der Lust und Enthaltsamkeit bewegt. Denn bis zu seiner Rückkehr nach Dresden und dem Wiedersehen mit seiner Frau, der Malerin Lea Grundig (1906-77), die in Palästina den Naziterror überlebt hat, spannt der Autor den zeitlichen Rahmen seiner Erinnerungen.

Dass diese Autobiografie von einem der wichtigsten realistischen Künstler des 20. Jahrhunderts auch dem heutigen Leser noch vieles zu bieten hat, erweist sich mit dem Blick auf drei Gebiete. Erstens gewinnt er durch Grundigs sehr ansprechenden Stil interessante Erkenntnisse über die schwierigen Existenzbedingungen bildender Künstler während des 1. Weltkriegs und in der Weimarer Republik. Harte Kämpfe galt es zu bestehen und manche Kompromisse waren einzugehen, um auch nur den schieren Broterwerb bestreiten zu können. Zum Zweiten wird der Leser mitgenommen zu Freunden und Kollegen - unter ihnen Otto Dix und Oskar Kokoschka - des Künstlerpaares, nimmt teil an den Diskussionen und Rivalitäten in der sehr lebendigen Dresdner Kunstszene und darüber hinaus. Er erfährt, wie sie sich angesichts des aufkommenden Faschismus' verhalten, wie mancher die Seite wechselt und als Blut-und-Boden-Maler im Hofstaat von Goebbels oder Göring landet. Hans und Lea Grundig politisieren sich und ihre Arbeit, treten 1926 der KPD bei und engagieren sich in Agitprop-Theatergruppen auf der Straße.

Nach der Machtübertragung an die Nazis sind sie, Lea auch wegen ihrer jüdischen Herkunft, stark gefährdet. Bilder von Hans werden in der NS-Propagandaschau Entartete Kunst gezeigt, andere vernichtet. Anfang 1940 werden sie verhaftet, Hans wird in das KZ Sachsenhausen verschleppt und wird Lea, die später fliehen kann, jahrelang vermissen. Die Schilderungen des trostlosen Lageralltags nun sind der Hauptgrund, warum dieses Werk bis heute unverzichtbare Lektüre darstellt. Hans Grundig zeigt präzise auf und belegt mit Namensnennungen skrupelloser Täter, durch welches ausgeklügelte System von Grausamkeiten und Schikanen der KZ-Betrieb bis zuletzt aufrecht erhalten wird. Seine Schilderungen lassen den Leser frieren und werden nur wenig abgemildert durch die Beispiele praktizierter Solidarität unter den gefangenen Antifaschisten.

Als eine der abscheulichsten Untaten berichtet er vom Eintreffen und von der Ermordung der ersten sowjetischen Kriegsgefangenen im Sommer 1941, die von den übrigen Häftlingen isoliert werden und zunächst durch Aushungerung der Vernichtung preisgegeben sind: Und jeden Morgen lagen ganze Menschenbündel vor den Baracken, Tote und Halbtote, sie starben, sie starben, denn seit Tagen bekamen sie nichts zu essen, und wir konnten ihnen nicht helfen, denn hermetisch war der Ring, der sie abschloß. [...] Das mag wohl an die zehn Tage gedauert haben, in denen sich die SS damit belustigte, hin und wieder Kohlrüben oder ein Brot unter die Verzweifelten zu werfen. Nach dieser grauenhaften Ouvertüre setzt die systematische Vernichtung der Gefangenen ein. Jede Nacht brennen die Krematorien. Tagsüber rollten die Halbtoten, in einen Zweitonner gepreßt, über den Appellplatz dem Industriehof zu, böse bellten die Gewehre, und fünfunddreißig Menschen waren nicht mehr. Fett und faul wurden die Krähen, die schwarzbefrackt in flatternden Bündeln in den verstaubten Kiefern saßen. Es krachten die Gewehre, und fünfunddreißig Menschen waren nicht mehr. Tag für Tag, halbe Stunde für halbe Stunde rollte der Wagen, und stählerne Geschosse warfen die Armen um. Die Rede ist wohlgemerkt von sowjetischen Soldaten, an die 20 000 dieser Kriegsgefangenen werden allein in Sachsenhausen ermordet. Hans Grundig beendet dieses Kapitel mit dem lakonischen Hinweis: Als die deutschen Generale bei Stalingrad in die Gefangenschaft gingen, stellten sie als erstes die Frage, ob sie nach der Genfer Konvention behandelt würden.

Später wird Hans in ein Strafbataillon der Wehrmacht gepresst, das an der Ostfront bei erstbester Gelegenheit komplett überläuft. An der Seite der Roten Armee erlebt er die Befreiung mit und trifft nach langen Jahren der Ungewissheit seine Lea wieder, die aus Palästina zu ihm nach Dresden zurückkehrt. 

Bis heute sind diese einzigartigen Aufzeichnungen, mit etlichen Bildbeilagen von Hans und Lea ausgestattet, im Antiquariat leicht zu beschaffen, zudem zu einem günstigen Preis, weiß Alfons Huckebrink. 

Die Biografieempfehlung des Monats Juni 2019

Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend. München: dtv, 14. Aufl., März 2007

 

Bereits im Monat Februar 2016 dokumentierten wir auf unserer Website in dieser Rubrik jene Rede, welche die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger am 27. Januar anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag hielt.

Gerne informieren wir heute darüber, dass die 87-jährige Überlebende des Naziregimes zuvor bereits zwei äußerst lesenswerte Autobiografien vorgelegt hat: neben der heute vorgestellten auch den Titel unterwegs verloren. Erinnerungen. In weiter leben. Eine Jugend beschreibt die Autorin ihre Kindheit als jüdisches Mädchen in Wien, ihren Weg durch die Lager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Christianstadt mit ihrer Mutter, die gemeinsame Flucht nach Bayern und ihre spätere Übersiedlung nach New York.

Durch einen Regelverstoß überlebt sie die Selektion in Auschwitz-Birkenau. Für einen Arbeitseinsatz ist die Zwölfjährige zu jung und wird zunächst aussortiert für die Gaskammer. Sie stellt sich erneut an, diesmal einer anderen Schlange, und gibt sich als 15-jährig aus. Nackt steht sie vor dem SS-Mann und der Schreibkraft. "Die ist aber noch sehr klein", bemerkte der Herr über Leben und Tod, nicht unfreundlich, eher wie man Kühe und Kälber besichtigt. Und sie, im gleichen Ton die Ware bewertend: "Aber kräftig gebaut ist sie, die hat Muskeln in den Beinen, die kann arbeiten. Schaun Sie nur." Das Überleben in den Vernichtungslagern hing fast immer von einem 'Zufall', von einem besonderen, ganz spezifischen Umstand ab. In ihrem Fall davon, dass ihr die fremde Schreibkraft, ebenfalls ein Häftling, eingeschärft hat, sich älter zu machen.

Eine Sprache der äußersten Ernüchterung, resümierte Peter Hamm im Bayerischen Rundfunk. Ruth Klüger ist eine mitreißende Erzählerin, die sich überzeugend durchaus kritisch zu bestimmten Holocaust-Diskursen äußert, insbesondere auch zu den Besichtigungsreisen in die ehemaligen Lager: Ich meine, verleiten diese renovierten Überbleibsel alter Schrecken nicht zur Sentimentalität, das heißt, führen sie nicht weg von dem Gegenstand, auf den sie die Aufmerksamkeit nur scheinbar gelenkt haben und hin zur Selbstbespiegelung der Gefühle? Sie wählt in ihrer Autobiografie einen anderen Ansatz: Erinnerung ist Beschwörung, und wirksame Beschwörung ist Hexerei. [...] Um mit Gespenstern umzugehen, muß man sie ködern mit Fleisch der Gegenwart. Ein auch in literarischer Hinsicht außerordentliches Buch, das 27 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung im Wallstein Verlag eindrücklich und unverzichtbar bleibt. Feministische Selbstbehauptung eines neuen Typs, schrieb damals eine Kritikerin und dem ist wenig hinzuzufügen, außer die Empfehlung, es nun endlich auch zu lesen, meint Alfons Huckebrink

Die Biografieempfehlung des Monats Mai 2019

 

Silke Henke und Ariane Ludwig: „Damit doch jemand im Hause die Feder führt.“ Charlotte von Schiller, eine Biografie in Büchern, ein Leben in Lektüren... Weimar: Klassik Weimar Stiftung, Weimarer Verlagsgesellschaft, 2015.

 

Diese Biografie in Büchern und Lektüren ist sozusagen ein retrospektiver Spiegel im Spiegel, denn die beiden Biografinnen verfahren ähnlich wie Charlotte von Schiller (CvS) selbst in ihrer eigenen wissenschaftlichen Arbeit.

Geleitet vor allem von wissenschaftlicher Neugier und Bildungshunger erarbeitet sich CvS zahlreiche zeitgenössische naturwissenschaftliche und literaturwissenschaftliche Schriften und exzerpiert diese, z.B. die frisch erschienenen Werke Alexander v. Humboldts. CvS wird als Charlotte von Lengefeld in der Nähe von Rudolfstadt geboren und wächst gemeinsam mit ihrer Schwester Karoline, einer späteren Schiller-Biografin, als Tochter eines verarmten adeligen Oberforstmeisters auf. Sie erhält Unterricht in Französisch, Englisch, Zeichnen und Geografie. Ihr früh gewecktes Interesse an Büchern erhält sie sich zeitlebens, Lesen ist für sie eine „existentielle Tätigkeit“. Sie übersetzte antike Autoren aus dem Französischen: Hesoid, Euripides, Empedokles, Autoren klassischer griechischer Tragödien, aber auch französische und englische Originallektüren, „eine bunt anmutende Kost“, die sie sich selbst mit System auswählt. Dabei tauscht sie sich mit ihren Freunden und Weggefährten intensiv aus: Herder, Knebel, Charlotte von Stein, und vor allem mit Friedrich Schiller, den sie 1790 heiratet. Sie bekommen vier Kinder, zu denen sie, nachdem Schiller nach nur 15jährigem Beisammensein stirbt, eine enge Beziehung pflegt. Sie schreibt Gedichte und Romane, auch in der Familienphase, einer davon wird sogar unter einem Pseudonym veröffentlicht. Neben der poetischen Zusammenarbeit mit Schiller wird das Zeichnen und das weitgehend ungelebte Bedürfnis zu Reisen in eigenen Kapiteln der Biografie dargestellt. Nach dem Tode Schillers engagiert sich CvS für seinen Nachlass. Dabei erweist sie sich als eine vielseitige, intellektuell sowie künstlerisch begabte Frau, die in den Schiller-Biografien, auch in der ihrer Schwester Karoline, nicht entsprechend wertgeschätzt und gewürdigt wird. Die vorliegende Biografie hat dieses Versäumnis aufgewogen und ist allein deshalb sehr empfehlenswert, findet Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats April 2019

Roger Daltrey: My Generation. Die Autobiografie. München: C. Bertelsmann 2019

 

"You don't realize how great a singer Roger Daltrey is until you try it yourself." (Wayne Coyne / Flaming Lips)

Im Oktober 1965 stotterte Roger Daltrey erstmals jene unvergesslichen Verse I wish I'd die before I get old zu einem der größten Hits, dessen Titel zum unverwechselbaren Markenzeichen seiner Gruppe The Who geworden ist und der nun auch der rechtzeitig zum 75. Geburtstag (01.03.44) erschienenen Autobiografie den Rhythmus anzählt: My Generation. Viel Zeit vergeht, bevor man stirbt ...

Im englischen Original trägt das Buch den Titel Thanks a lot, Mr. Kibblewhite: My Life und nimmt Bezug auf jenen Schuldirektor, der den Londoner Jungen an seinem 15. Geburtstag mit dem klassischen Verdikt Du wirst nie was aus deinem Leben machen, Daltrey der Lehranstalt verwies. Noch erstaunter als angesichts der musikalischen Karriere seines Zöglings wäre dieser Schuldirektor wohl ob dessen literarischen Qualitäten gewesen. Denn Daltrey kann nicht nur singen. Er kommt glaubwürdig rüber, pflegt eine gekonnte Selbstironie, ist ausgesprochen witzig (brilliantly witty). Der Leser folgt ihm gerne und wird belohnt durch zahlreiche Einblicke in das Bühnen- und Seelenleben einer der erfolgreichsten Rockbands. So unterschiedlich die Persönlichkeiten dieses außergewöhnlichen Ensembles waren, so gut funktionierten sie als explosive Mischung, die durch den Drummer Keith Moon, der zuletzt zu ihnen stieß, gezündet wurde zur Eroberung des Rock-Kosmos'. Wir waren anders als alle anderen Bands. Und in unserer Band war auch jeder anders. In der Summe waren sie mehr als eine bloße Addition von vier Individuen. Explosiv ging es auch im Innenleben der Band ab, die mit Tommy und Quadrophenia die ersten Rockopern schuf und performte. Daltrey berichtet von zahlreichen Auseinandersetzungen zwischen ihnen. Im September 1965 wurde er sogar für einige Wochen ausgeschlossen, als er einige Beutel mit Purple Hearts nach einem missglückten Gig in der Toilettenspülung des Hotels entleerte. Einmal streckte er Pete Townsend während einer Probe mit einem Kinnhaken zu Boden, nachdem dieser mit einer Les-Paul-Gitarre nach ihm geschlagen hatte. Wahnsinn. Ehrgeiz. Ego. Paranoia.

Um die musikalische Potenz dieser Combo zu veranschaulichen, mag der Blick auf die 100 alltime-greatest-Rankings der Zeitschrift Rolling Stone hilfreich sein. Bei den Gitarristen wird Pete Townsend an 10. Stelle geführt, auf Rang 30 bei den Songwritern; Daltrey selbst als Nummer 61 bei den Sängern. Der mehr als exaltierte Keith Moon, der durch seinen frühen Tod 1978 als erster wieder ausschied, belegt bei den Schlagzeugern die zweite Position. Bezeichnenderweise gibt es eine solche Liste noch nicht für Bassisten. Gäbe es eine, würde sich der stoische John Entwistle (gen. The Ox), gestorben 2002, der den Bass virtuos als Soloinstrument handhabte, mit Jack Bruce (u.a. The Cream) wohl den Spitzenplatz streitig machen.

Einen großen Raum füllen die Beschreibungen des Familienlebens und der langjährigen Beziehung zu seiner Frau Heather. Diese Seiten vermögen zu erklären, warum Daltreys Exzentrik gewisse Grenzen respektierte und er im Gegensatz zum Rest der Band den Drogenkonsum frühzeitig kontrollierte. 

The Who waren immer eine Live-Band. Eine Band, die nicht auf Tour geht, stirbt, fasst es Daltrey zusammen. Und sie spielen immer noch. Inzwischen mit Zak Starkey, Ringo Starrs Sohn, der Keith Moon zum Patenonkel hatte, am Schlagzeug und lange Zeit mit Pino Palladino (gest. 2016) am Bass.

Das Dokument einer Generation kriegstraumatisierter Eltern: Won't get fooled again. The Who waren ihre Stimme. Wer wissen möchte, wie - dank Mr. Kibblewhite - alles begann und sich von einer zur nächsten musikalischen Offenbarung fortschrieb, ist mit Daltreys Erinnerungen bestens bedient, weiß Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats März 2019

Hans Magnus Enzensberger: Überlebenskünstler. 99 literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert. Berlin: Suhrkamp 2018

 

Autofahrer benötigen eine Vignette zur Einreise in die Schweiz. Das Wort stammt indessen aus dem Französischen und diente der Kennzeichnung von Weinen. Später wurden gemalte, ovale Miniaturporträts derart bezeichnet, die mittels einer als Vignette bezeichneten Maske auf dem Objektiv auch photographisch erzeugt werden konnten. Solche Bildchen zieren jedes einzelne der 99 Kurzporträts in der erstaunlichen Sammlung von Hans Magnus Enzensbergers (HME). Er porträtiert Dichter, die durch Anpassung, glückliche Zufälle, Kompromisse und mehrdeutige Entscheidungen das 20. Jahrhundert, von Nadeschda Mandelstam (1899-1980) zum "Jahrhundert der Wölfe" deklariert, als Künstler überlebt haben. Gemäß dieser Kriterien findet der Leser ein äußerst heterogenes Spektrum von Persönlichkeiten wie Nelly Sachs (1891-1970), Michail Bulgakow (1891-1940), Hans Fallada (1893-1947), Ernst Jünger (1895-1998) oder auch unbekannteren wie Alexander Gleichen-Rußwurm (1865-1947).

Trotz einer seitens HME's plausibel geltend gemachten Subjektivität verstört es dennoch, dass ein Nazi-Barde wie Hans Baumann (1914-1988), Schöpfer der berüchtigten Hymne "Es zittern die morschen Knochen", es in diesen Band schaffen konnte. Bereits 1969 verlieh ihm Ernst Loewy in einem Standardwerk (Literatur unterm Hakenkreuz) das Epitheton "Dichter der HJ". Zwar avancierte er in der jungen Bundesrepublik zum gefeierten Kinderbuchautor, aber Werk wie Biografie stellen weder einen Ausweis über Dichtung noch über Künstlertum dar, als vielmehr einen weiteren Beleg für die geräuschlose Integration ehemaliger Nazigrößen in den Betrieb der Adenauer-Republik.

Subjektiv erfrischend ist hingegen die Darstellungsweise HME's, bei der er aus dem unglaublichen Erinnerungsschatz persönlicher Begegnungen schöpft, etwa bei einem mit subtiler Schärfe gezeichneten Trinkgelage mit Jean Paul Sarte (1905-1980) im Moskauer Kreml. Er scheut vor Meinungen nicht zurück und streut seinen biografischen Miniaturen Sympathie wie Antipathie gleichermaßen ein. So heißt es z.B. über Rudolf Borchardt (1877-1945): "Ich gebe zu, dass ich ihn ungern kennengelernt hätte" oder zu Bertolt Brecht (1898-1956): "Er war jemand, der zu bewundern und zu vermeiden war. Ich wußte, daß er immer ein Ausbeuter war und daß er stank."

Die Fülle seiner mitunter anekdotisch abgeschmeckten Porträts verblüfft und regt zum Nachdenken an. Anpassung, glückliche Zufälle, Kompromisse, mehrdeutige Entscheidungen - sind diese Taktiken nicht auch unter den Bedingungen des sog. freien Marktes gefordert? War es nicht Stendhal, der einmal bekannte, er verhandle lieber mt dem Herrn Innenminister als mit dem Krämer an der Ecke? Freilich regierten seine Innenminister im 19. Jahrhundert. Das 20. hievte technokratisch versierte Psychopathen in dieses Amt oder, um auf N. Mandelstam zu rekurrieren, blutrünstige Wölfe.

Alles nur bedauernswerte Reminiszenzen an ein längst vergangenes Zeitalter? HME (geb.1929) stellt dem zurecht ein Zitat aus Ingeborg Bachmanns (1926-1973) Gedicht "Die gestundete Zeit" (1958) gegenüber: "Es kommen härtere Zeiten" und meint, für den Fall - für dessen Aufkommen einiges spricht -, dass sie recht behielte, "könnte ein Training in der Kunst des Überlebens von Nutzen sein."

Welches wiederum mit der Lektüre dieses Buches beginnen könnte, das Ihnen den Genuss eines echten Enzensbergers verschafft: eine sehr konzise, elegant das Lakonische streifende Prosa, gewürzt mit feinster Ironie, verspricht Alfons Huckebrink.    

Die Biografieempfehlung des Monats Februar 2019

Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar. Hamburg: Carlsen 2015

 

Die somalische Leichtathletin Samia Yusuf Omar starb im August 2012 kurz vor der Eröffnung der Olympischen Spiele von London in einem Schlauchboot, das zwischen Libyen und Italien im Mittelmeer versank. Das Ende einer hoffnungsvoll begonnenen Reise, die für sie auch eine Art von Traumreise werden sollte.

Auf eigene Faust wollte die schmächtige Athletin, deren sportlicher Mut vier Jahre zuvor in Peking, als die damals erst 17- Jährige mit einigem Abstand Letzte über 200 Meter wurde, bejubelt worden war, noch einmal an dem Großereignis Olympia teilnehmen. Viele Chancen hat diese Frau in ihrem kurzen Leben nicht bekommen.

Als sie im Mai 1991 geboren wird, hat der Bürgerkrieg, der ihre Heimat verwüstet, schon begonnen. An ein systematisches Training ist niemals zu denken. Das einzige Stadion mit Laufbahn in Mogadischu ist jahrelang von islamistischen Milizen besetzt. Auf Unterstützung im Rahmen einer Sportförderung zu hoffen, bleibt unter solchen Umständen und ohne funktionierende Regierung aussichtslos. Samir Yusuf Omar, hoch motiviert, glaubt indessen an ihren sportlichen Traum und will ihn in Europa verwirklichen. Das reiche Europa mag ihr nicht einmal eine sichere Anreise bezahlen.

Vielleicht wird die Erinnerung an sie länger währen als die damalige, medial inszenierte Bestürzung. Vielleicht wird ihr Name zumindest in Mogadischu nicht vergessen werden, vielleicht sogar dereinst weltweit einen neuen Klang bekommen und die Sportler und Sportlerinnen in ihrer von Krieg und Terror gebeutelten Heimat beflügeln. Anlass zur Hoffnung besteht auch deshalb, weil es das großartige Buch des Zeichners Reinhard Kleist gibt, der die "tragische Wucht" ihrer Geschichte als Comic darstellt. Womöglich stehen Sie der Kunstform Comic ganz allgemein oder im Besonderen angesichts dieses Schicksals - wie Elias Bierdel in seinem Nachwort für sich selbst einräumt - skeptisch gegenüber. Sein Fazit ist allerdings deutlich zu unterstreichen: "Reinhard Kleist ist ein Menschenfreund. Er stellt seine künstlerische Sensibilität und sein enormes Können in den Dienst seiner Figuren. Er rettet Samias Geschichte, ihren Namen und ihr Gesicht vor dem Vergessen." Insofern steht Samias schreckliches Ende für unzählige Flüchtlingsschicksale. Ein wichtiges Buch, gerade in unseren Tagen, da Seenotretter und Helfer von gewissenlosen Politikern angeprangert und von ihren schamlosen Helfershelfern in der Justiz kriminalisiert werden.

Kleists grafisches Meisterwerk hat mittlerweile mehrere Auszeichnungen erhalten, auch stellt der Verlag umfangreiches Unterrichtsmaterial zur Verfügung. Seine größte Auszeichnung bestünde darin, dass es weiterhin zahlreiche Leser und Leserinnen finden würde, hofft Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Januar 2019

Joachim Ringelnatz: Als Mariner im Krieg. Zürich: Diogenes Verlag 2004

Eine große Zeit! dachte ich und bestellte noch eine Flasche ‚Wachenheimer Luginsland‘.

Anfang August 1914 finden wir den Dichter Joachim Ringelnatz im ‚Grünen Haus‘ in Augsburg. Er hat sein Testament hinterlegt und meldet sich am ersten Mobilmachungstag für die Front. Er beobachtet die Kriegsbegeisterung um sich herum und tut das, was stets das Naheliegende in 'großen Zeiten' ist, er betrinkt sich. Obwohl selbst von Begeisterung und Abenteuerlust durchaus erfasst, bleibt er zum tumben Treiben auf den Straßen und in den Lokalen merkwürdig reserviert. Eine Distanziertheit, die sich wohl der nachträglich eingenommenen Schreibperspektive verdankt.

In Wilhelmshaven, Cuxhaven und Kiel lernt er die Ödnis des kaiserlichen Marinedrills kennen sowie Langeweile und damit einhergehende Depressionen. Dagegen helfen kurzfristig heimliche Spritzfahrten ins Hinterland und lustige Zechen mit Kameraden und Mädels.

Ich las Lessings Hamburgische Dramaturgie und verbrühte mir eine Hand mit heißem Kaffee, weil jemand den Untergang der ‚Magdeburg‘ so spannend erzählte. Nach der Ausbildung wird er auf ein zu diesem Zweck umgebautes Minensuchboot abkommandiert, zu einem - in seinen Augen wegen des seelenlosen Wach- und Küstendienstes - Hampelmannsdienst auf einem Filzlausgeschwader. Hin und wieder darf er zu festlichen Gelegenheiten Gedichte verfassen. Mehrmals bittet er um Versetzung zu einer kämpfenden Einheit; immer deutlicher erkennt er auch, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist. Schließlich bringt er genügend Geld für die Anmeldung zu einem Offizierslehrgang auf, obwohl ihn die Borniertheit dieser Kaste abstößt. Was er in diesen Jahren schreibt, muss vor Veröffentlichung die Zensur passieren, und so wird er in abstruse Diskussionen mit literarisch völlig unempfänglichen Vorgesetzten verwickelt.

Im letzten Kriegsjahr grassiert die Spanische Grippe, viele Kameraden sterben daran oder werden in sinnlosen Einsätzen verheizt. Hunger untergräbt zusätzlich die Moral, wenngleich die Offiziere keinen Mangel leiden.

Als Offizier wird Gustav Hester, wie sich Ringelnatz in diesem Buch nennt, von den Mannschaftsdienstgraden geschätzt. Trotzdem kann er verstehen, dass sich auch 'seine' Matrosen aus der Batterie Seeheim im November 1918 den Aufständischen in Cuxhaven anschließen. Als einziger Offizier bietet er dem Roten Rat seine Mitarbeit an, versucht zu vermitteln. Ziemlich desillusioniert kehrt er Ende November nach München zurück: Von den Freunden und Bekannten waren viele tot, im Krieg gefallen, an Grippe gestorben. Die noch lebten, hatten keinen freien, frohen Gedanken mehr. Sein Testament bleibt ungeöffnet.

Kuttel Daddeldu (Ringelnatz' spätere Kunstfigur) im Krieg und in der Novemberrevolution! In der Flut von Neuerscheinungen, die das interessierte Lesepublikum zum 100sten Jahrestag überspült, bleiben Kostbarkeiten mit älterem Erscheinungs-, dafür jedoch garantiert ohne Verfallsdatum, mitunter erstaunlich unbeachtet. Ringelnatz gelingt es in seiner tagebuchartig angelegten Romanbiografie, Einblicke in das Innenleben der Menschen und Material verschlingenden kaiserlichen Kriegsmarine zu geben und die ganze Hybris dieser monströsen Waffengattung zu verdeutlichen. Ein zeitgenössischer Kritiker schrieb bereits 1929: "Aber diese Tagebuchnotizen haben etwas sehr Sachliches, fast Unbestechliches, sind mit Schlauheit und von einem empfindenden Menschen geschrieben, von einem Dichter." (Theodor Maus). Ein anderer schrieb 1928, dieses Tagebuch "ist  ein Keulenhieb gegen den Militarismus, der aus Menschenleibern Brei macht und Raubtiergruben aus tönenden Menschenherzen." (Balder Olden).

Dem ist wenig hinzuzufügen. Erfreulich für den heutigen Leser ist, dass es diesen Roman in einer preiswerten Taschenbuchausgabe des Diogenes Verlags nach wie vor zu erwerben gibt. Wer eine sorgfältig edierte Ausgabe mit Anhängen und Personenregister wünscht, kann auf den Band 7 von 'Das Gesamtwerk in sieben Bänden' zurückgreifen. Diese hat ihren Preis und ist manchmal in gut bestückten Bibliotheken zu entleihen, weiß Alfons Huckebrink.