Autor des eigenen Lebens werden:

Literatur und autobiografische Aufmerksamkeit

Eine Kooperation rund um das Thema autobiografische Aufmerksamkeit und autobiografisches Schreiben

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Knowledge, Wisdom, Truth - Humor:                                      Vom Alltag als Kürzestgeschichte des Monats Oktober 2019

Final Soundtrack

 

Bei der Beerdigung unseres alten Klassenlehrers spielten sie auf ausdrücklichen Wunsch des verblichenen Pädagogen Hound Dog von Elvis Presley ein, was der ganzen Veranstaltung spürbar auf die Sprünge half.

Wir sollten uns auch allmählich Gedanken zur Musik machen, sagte ich beim Kaffee zu Beuting. Die Qual der Wahl. Wenn ich lediglich drei Nummern für meine eigene Trauerfeier bestimmen sollte, entschiede ich mich für Desolation Row von Bob Dylan, Working Class Hero von John Lennon und Degenhardts Kirschenzeit. In genau dieser Reihenfolge.

Wird die Zeremonie nicht zeitlich ausufern?, versetzte er. Denk an die Trauergäste, wie lange kannst, wie lange willst du sie hinhalten?

Hinhalten? Finde ich nicht. Sie sollen ruhig ausharren, an mich denken. Über den Sinn des Lebens nachdenken. Was wäre deine Wahl?, ermunterte ich den Freund.

Ich würde nur ein einziges Stück spielen lassen. Rain and Tears von Aphrodite's Child, überlegte Beuting.

Ich war verblüfft. Bist du sicher?, antwortete ich. Du wirst Sorge tragen müssen, dass flächendeckend Päckchen mit Taschentüchern ausliegen. Bei dem Titel öffnen sich alle Schleusentore.

Das ist beabsichtigt, behauptete er. Sie sollen alle weinen, bittere Tränen vergießen, wenn sie von mir Abschied nehmen müssen.

Auch ein Gesichtspunkt, dachte ich.

 

Von Alfons Huckebrink

Jeden Monat finden Sie hier eine lesenswerte Biografieempfehlung

Die Biografieempfehlung des Monats Oktober 2019

Maria Heiner: Lea Grundig. Kunst für die Menschen. Jüdische Miniaturen 184. Leipzig: Hentrich und Hentrich 2016

 

Lea Grundig: Gesichte und Geschichte. Berlin: Dietz. div. Aufl. 

 

Ein Kunstwerk, das nie ein Mensch gesehen hat, ist wie ein toter Gegenstand. Lea Grundig

 

Bereits im Juli haben wir in dieser Rubrik die Erinnerungen des Künstlers Hans Grundig gewürdigt. Was läge näher, als nun auch einen Blick auf Leben und Werk seiner Frau Lea (1906-1977) zu werfen, zumal auch ihre Lebensgeschichte als Autobiografie (Gesichte und Geschichte) nach wie vor antiquarisch einfach zu beschaffen ist.

Sie wächst als Lea Langer in einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Dresden auf. Schon früh emanzipiert sie sich vom traditionellen Religionsverständnis ihrer Eltern, was zu Konflikten führt, v.a. mit ihrem Vater, der auch den künstlerischen Neigungen seiner Tochter höchst ablehnend gegenübersteht, ebenfalls ihre Verbindung zu dem mittellosen Maler Hans Grundig vehement ablehnt. In den Jahren der faschistischen Diktatur wird sie als Jüdin und Kommunistin verfolgt, dreimal von der Gestapo verhaftet. Es gelingt ihr, auf abenteuerliche Weise nach Palästina zu emigrieren. Dort überlebt sie 1940 den Untergang des Flüchtlingsschiffes 'Patria', erlebt die Gründung des Staates Israel mit und erwirbt Anerkennung als Künstlerin. Auf diese Jahre wirft sie einen besonders intensiven Rückblick. Sie schildert das harte Leben in den Kibbuzim und Elend wie Selbstbehauptung der Überlebenden der Shoah. Sie zeichnet beeindruckende Blattfolgen vom Schicksal der Juden. Darüber hinaus avanciert sie zur ersten wichtigen Illustratorin hebräischer Kinderbücher. 1949 kehrt sie nach Dresden zu ihrem Mann zurück. Von 1964-70 ist sie Präsidentin des Verbands Bildender Künstler der DDR. Sie stirbt während einer Mittelmeerreise an Bord des MS 'Völkerfreundschaft'.

Hinzuweisen ist im Zusammenhang mit ihrer Lebensgeschichte auf eine sehr lesenswerte Veröffentlichung von Maria Heiner (MH). Sie erschien 2016 in der verdienstvollen Reihe Jüdische Miniaturen des Verlags Hentrich und Hentrich. MH's persönliche Freundschaft mit Lea Grundig reicht bis ins Jahr 1963 zurück. Später hat sie die Künstlerin als Ärztin betreut. Sie hat wesentlich an ihrem Werkverzeichnis mitgearbeitet. Ihrer Sammeltätigkeit ist der Überblick über die Arbeit Lea Grundigs als Kinderbuchillustratorin zu verdanken, die sie in ihrem Buch, das auch 44 eindrückliche Grafiken abbildet, dezidiert darstellt. Als Kuratorin mehrerer Ausstellungen mit Werken von Hans und Lea Grundig hat sie dazu beigetragen, dass deren Kunstwerke auch für künftige Generationen zugänglich bleiben. In ihrem Buch mit dem trefflichen Untertitel Kunst für die Menschen verschafft sie dem Leser einen prägnanten Überblick über Lea Grundigs Leben und Werk, ordnet es in die geschichtlichen Zusammenhänge ein und interpretiert es im Hinblick auf seine gegenwärtige und wohl auch zukünftige Aktualität. Eine wertvolle Arbeit, engagiert verfasst, gut lesbar. Von beiden Büchern werden Sie mitgenommen in den Kunstkosmos der Lea Grundig und werden beglückt darin verweilen, verheißt Alfons Huckebrink

Die Biografiempfehlung des Monats September 2019

Jens Rosteck: Joan Baez. Portrait einer Unbeugsamen. Hamburg: Osburg Verlag 2017

Jens Rosteck schenkt uns eine liebevoll geschriebene, einfühlsame und zudem sehr gründlich recherchierte Biografie von Joan Baez, der unbeugsamen politischen Aktivistin und Sängerin. Ihre unauflösliche Verbindung von Musik, Kunst und Politik wollte ihr früher Gefährte und Freund Bob Dylan nicht teilen, er schlug einen persönlicheren, künstlerischen Weg ein. Jens Rosteck begleitet JB auf ihrem Lebensweg, in ihrer künstlerischen Entwicklung und ihrem politischen Werdegang. Er schlüpft beinahe in ihre Haut und kann dennoch in eine kritische Außenperspektive wechseln, die eng verwoben ist mit der Zeitgeschichte, denn die 60ties, 70ties und 80ties des vergangenen Jahrhunderts sind bereits Geschichte, obwohl sie vielen Lesern noch lebhaft in Erinnerung sein dürften.  JB besitzt ein vollkommen unabhängiges, eigenständiges moralisches Urteilsvermögen, was führende Sozialpsychologen nur wenigen Erwachsenen zugestehen und sicherlich ihre Unbeugsamkeit in Sachen Menschenrechte erst ermöglicht hat. Aber sie besitzt nicht nur dieses persönliche Wertesystem, sie handelt auch danach, engagiert sich und hat viel erreicht, obwohl sie neben dem Erfolg auch viel Ablehnung, Missachtung oder gar Hass einstecken musste.

Der Biograf nimmt dabei  Bezug auf sein eigenes Leben  und blickt zurück auf den Moment, als er das erste Baez-Album (Come from the Shadows) in den Händen hielt, das Cover bildet ein Foto aus den letzten Tagen der Vietnam-Gräuel; ein protestierendes Paar mittleren Alters, auf der Rückseite ein Flugblatt ähnlicher Aufruf gegen den Krieg, zum Boykott der Steuerzahler, im Innern eine Studio-Aufnahme mit politischer Lyrik. Die Gestaltung des Covers zeigt, dass ihre Botschaft ihr wichtiger ist als der Kult um ihre Person, einen Starkult lehnte sie konsequent ab.

Der Leser kann die Entstehung jeder einzelnen LP nachvollziehen, insofern bietet der Autor eine prozessorientiert analysierende Diskografie.

Es bleibt nicht bei den Protestsongs, es gibt auch persönlichere Lieder, z.B. „Love to a Stranger“, denn für feste Beziehungen blieb in ihrem Leben lange kein Platz mehr. Aktive politische Demonstrationen in Südamerika werden geschildert oder JB‘s Vietnam-Besuch während des Krieges, als sie sich in Gefahr begibt, selbst Opfer zu werden, Opfer der Kriegsverbrechen, die ihre eigenen Landsleute begehen. Ein künstlerisches Dokument der amerikanischen Verstrickung in den Krieg.

Aber das Blatt wendet sich, viele Weggefährten kritisieren sie, als sie sich wenig später gegen das unmenschliche Pol Pot Regime in Kampuchea stellt, sie engagiert sich jenseits von Ideologien und jeglichem Schwarz-Weiß-Denken für menschliche Grundrechte. In Europa ist sie während der Reagan-Ära beliebter als in ihrem Heimatland. Sie erlebt sich als „nicht mehr zeitgemäß“ und war es vielleicht nie, als „Fremde“ im eigenen Land.

Ein weiteres Markenzeichen ihrer Konzerte, denn mit fast 80 Jahren tourt sie als „Last Leaf of the Tree“ immer noch durch die Welt, ist ihr Charme und die Fähigkeit, ihr Publikum zu begeistern und zum Mitsingen zu animieren, was ein unbeschreibliches Gefühl von Zugehörigkeit und eine mächtige Wirkung erzeugt. Das konnte ich selbst im Juli in Füssen, Bayern, bei einem Open Air Konzert am See erleben und genießen.

Die Biografie und den Konzertbesuch empfiehlt Gudula Ritz.

Die Biografiempfehlung des Monats August 2019

Patti Smith: Hingabe. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2019

 

DEVOUEMENT (Hingabe) so heißt eine Inschrift auf dem Friedhof in Sête, den Patti Smith während einer Lesereise in Frankreich besichtigt. Sie sucht das Grab Paul Valérys auf, erhascht den noch älteren Grabstein mit jener Aufschrift und beschreibt den kreativen Prozess der Entstehung einer fiktiven Geschichte mit gleichnamigem Titel, die eingebettet ist in autobiografische Episoden dieser Reise, welche sie schließlich auch an die Arbeitsstätten und das Grab von Camus führt. Auf der Suche nach etwas Anderem fand ich,… könnte auch das Motto des kreativen Prozesses sein, der traumähnlich und gleichzeitig philosophisch inspiriert Zufälliges aufgreift und mit den verschiedenen Fäden verwebt; das bearbeitete Thema und all das, was unaussprechlich und zufällig erscheint wie auf irrationale Weise fasziniert: die Biografie von Simone Weil als Reiselektüre, die eigenen autobiografischen Erinnerungen an den ersten Paris-Besuch mit der Schwester im jugendlichen Alter, die Kontinuität der Verortung und der eigenen Identität, die Faszination beim Zuschauen einer russischen Eisläuferin, ein Film von Vertreibung aus dem Estland Stalins, und zwischendurch die Termine bei Gallimard, ihrem französischen Verlag, und sicherlich eigene autobiografische Episoden, die unausgesprochen bleiben. Hingabe an das zufällige Entdecken und Staunen bezieht sich vor allem auf die eigene Haltung gegenüber dem unstillbaren Bedürfnis zu schreiben. Dabei ist nach Ansicht Patti Smiths die Frage „Warum“ sie selbst schreibt nicht von der Frage des „Wie“ zu trennen, wobei also die jahrtausendealte Trennung von Geistes- und Naturwissenschaft, Fühlen und Logik einfach so, mit einem Satz, überwunden scheint. Empfohlen zur Lektüre und Inspiration von Gudula Ritz. (Vgl. auch die Besprechung von Patti Smiths ‚M Train‘, unsere Empfehlung vom April 2016.)

Die Biografieempfehlung des Monats Juli 2019

Hans Grundig: Zwischen Karneval und Aschermittwoch. Erinnerungen eines Malers. Berlin: Dietz Verlag 1975

 

Durch reinen Zufall entdeckte ich neulich im Antiquariat die bereits 1955/56 verfassten Erinnerungen des Malers Hans Grundig (1901-1958). Ihren Titel verdanken sie erstens dem Umstand, dass er genau um Mitternacht zwischen Karneval und Aschermittwoch geboren wird, und zweitens, dass sich sein Leben bis 1946 zwischen eben diesen Polen der Lust und Enthaltsamkeit bewegt. Denn bis zu seiner Rückkehr nach Dresden und dem Wiedersehen mit seiner Frau, der Malerin Lea Grundig (1906-77), die in Palästina den Naziterror überlebt hat, spannt der Autor den zeitlichen Rahmen seiner Erinnerungen.

Dass diese Autobiografie von einem der wichtigsten realistischen Künstler des 20. Jahrhunderts auch dem heutigen Leser noch vieles zu bieten hat, erweist sich mit dem Blick auf drei Gebiete. Erstens gewinnt er durch Grundigs sehr ansprechenden Stil interessante Erkenntnisse über die schwierigen Existenzbedingungen bildender Künstler während des 1. Weltkriegs und in der Weimarer Republik. Harte Kämpfe galt es zu bestehen und manche Kompromisse waren einzugehen, um auch nur den schieren Broterwerb bestreiten zu können. Zum Zweiten wird der Leser mitgenommen zu Freunden und Kollegen - unter ihnen Otto Dix und Oskar Kokoschka - des Künstlerpaares, nimmt teil an den Diskussionen und Rivalitäten in der sehr lebendigen Dresdner Kunstszene und darüber hinaus. Er erfährt, wie sie sich angesichts des aufkommenden Faschismus' verhalten, wie mancher die Seite wechselt und als Blut-und-Boden-Maler im Hofstaat von Goebbels oder Göring landet. Hans und Lea Grundig politisieren sich und ihre Arbeit, treten 1926 der KPD bei und engagieren sich in Agitprop-Theatergruppen auf der Straße.

Nach der Machtübertragung an die Nazis sind sie, Lea auch wegen ihrer jüdischen Herkunft, stark gefährdet. Bilder von Hans werden in der NS-Propagandaschau Entartete Kunst gezeigt, andere vernichtet. Anfang 1940 werden sie verhaftet, Hans wird in das KZ Sachsenhausen verschleppt und wird Lea, die später fliehen kann, jahrelang vermissen. Die Schilderungen des trostlosen Lageralltags nun sind der Hauptgrund, warum dieses Werk bis heute unverzichtbare Lektüre darstellt. Hans Grundig zeigt präzise auf und belegt mit Namensnennungen skrupelloser Täter, durch welches ausgeklügelte System von Grausamkeiten und Schikanen der KZ-Betrieb bis zuletzt aufrecht erhalten wird. Seine Schilderungen lassen den Leser frieren und werden nur wenig abgemildert durch die Beispiele praktizierter Solidarität unter den gefangenen Antifaschisten.

Als eine der abscheulichsten Untaten berichtet er vom Eintreffen und von der Ermordung der ersten sowjetischen Kriegsgefangenen im Sommer 1941, die von den übrigen Häftlingen isoliert werden und zunächst durch Aushungerung der Vernichtung preisgegeben sind: Und jeden Morgen lagen ganze Menschenbündel vor den Baracken, Tote und Halbtote, sie starben, sie starben, denn seit Tagen bekamen sie nichts zu essen, und wir konnten ihnen nicht helfen, denn hermetisch war der Ring, der sie abschloß. [...] Das mag wohl an die zehn Tage gedauert haben, in denen sich die SS damit belustigte, hin und wieder Kohlrüben oder ein Brot unter die Verzweifelten zu werfen. Nach dieser grauenhaften Ouvertüre setzt die systematische Vernichtung der Gefangenen ein. Jede Nacht brennen die Krematorien. Tagsüber rollten die Halbtoten, in einen Zweitonner gepreßt, über den Appellplatz dem Industriehof zu, böse bellten die Gewehre, und fünfunddreißig Menschen waren nicht mehr. Fett und faul wurden die Krähen, die schwarzbefrackt in flatternden Bündeln in den verstaubten Kiefern saßen. Es krachten die Gewehre, und fünfunddreißig Menschen waren nicht mehr. Tag für Tag, halbe Stunde für halbe Stunde rollte der Wagen, und stählerne Geschosse warfen die Armen um. Die Rede ist wohlgemerkt von sowjetischen Soldaten, an die 20 000 dieser Kriegsgefangenen werden allein in Sachsenhausen ermordet. Hans Grundig beendet dieses Kapitel mit dem lakonischen Hinweis: Als die deutschen Generale bei Stalingrad in die Gefangenschaft gingen, stellten sie als erstes die Frage, ob sie nach der Genfer Konvention behandelt würden.

Später wird Hans in ein Strafbataillon der Wehrmacht gepresst, das an der Ostfront bei erstbester Gelegenheit komplett überläuft. An der Seite der Roten Armee erlebt er die Befreiung mit und trifft nach langen Jahren der Ungewissheit seine Lea wieder, die aus Palästina zu ihm nach Dresden zurückkehrt. 

Bis heute sind diese einzigartigen Aufzeichnungen, mit etlichen Bildbeilagen von Hans und Lea ausgestattet, im Antiquariat leicht zu beschaffen, zudem zu einem günstigen Preis, weiß Alfons Huckebrink. 

Die Biografieempfehlung des Monats Juni 2019

Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend. München: dtv, 14. Aufl., März 2007

 

Bereits im Monat Februar 2016 dokumentierten wir auf unserer Website in dieser Rubrik jene Rede, welche die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger am 27. Januar anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag hielt.

Gerne informieren wir heute darüber, dass die 87-jährige Überlebende des Naziregimes zuvor bereits zwei äußerst lesenswerte Autobiografien vorgelegt hat: neben der heute vorgestellten auch den Titel unterwegs verloren. Erinnerungen. In weiter leben. Eine Jugend beschreibt die Autorin ihre Kindheit als jüdisches Mädchen in Wien, ihren Weg durch die Lager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Christianstadt mit ihrer Mutter, die gemeinsame Flucht nach Bayern und ihre spätere Übersiedlung nach New York.

Durch einen Regelverstoß überlebt sie die Selektion in Auschwitz-Birkenau. Für einen Arbeitseinsatz ist die Zwölfjährige zu jung und wird zunächst aussortiert für die Gaskammer. Sie stellt sich erneut an, diesmal einer anderen Schlange, und gibt sich als 15-jährig aus. Nackt steht sie vor dem SS-Mann und der Schreibkraft. "Die ist aber noch sehr klein", bemerkte der Herr über Leben und Tod, nicht unfreundlich, eher wie man Kühe und Kälber besichtigt. Und sie, im gleichen Ton die Ware bewertend: "Aber kräftig gebaut ist sie, die hat Muskeln in den Beinen, die kann arbeiten. Schaun Sie nur." Das Überleben in den Vernichtungslagern hing fast immer von einem 'Zufall', von einem besonderen, ganz spezifischen Umstand ab. In ihrem Fall davon, dass ihr die fremde Schreibkraft, ebenfalls ein Häftling, eingeschärft hat, sich älter zu machen.

Eine Sprache der äußersten Ernüchterung, resümierte Peter Hamm im Bayerischen Rundfunk. Ruth Klüger ist eine mitreißende Erzählerin, die sich überzeugend durchaus kritisch zu bestimmten Holocaust-Diskursen äußert, insbesondere auch zu den Besichtigungsreisen in die ehemaligen Lager: Ich meine, verleiten diese renovierten Überbleibsel alter Schrecken nicht zur Sentimentalität, das heißt, führen sie nicht weg von dem Gegenstand, auf den sie die Aufmerksamkeit nur scheinbar gelenkt haben und hin zur Selbstbespiegelung der Gefühle? Sie wählt in ihrer Autobiografie einen anderen Ansatz: Erinnerung ist Beschwörung, und wirksame Beschwörung ist Hexerei. [...] Um mit Gespenstern umzugehen, muß man sie ködern mit Fleisch der Gegenwart. Ein auch in literarischer Hinsicht außerordentliches Buch, das 27 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung im Wallstein Verlag eindrücklich und unverzichtbar bleibt. Feministische Selbstbehauptung eines neuen Typs, schrieb damals eine Kritikerin und dem ist wenig hinzuzufügen, außer die Empfehlung, es nun endlich auch zu lesen, meint Alfons Huckebrink

Die Biografieempfehlung des Monats Mai 2019

 

Silke Henke und Ariane Ludwig: „Damit doch jemand im Hause die Feder führt.“ Charlotte von Schiller, eine Biografie in Büchern, ein Leben in Lektüren... Weimar: Klassik Weimar Stiftung, Weimarer Verlagsgesellschaft, 2015.

 

Diese Biografie in Büchern und Lektüren ist sozusagen ein retrospektiver Spiegel im Spiegel, denn die beiden Biografinnen verfahren ähnlich wie Charlotte von Schiller (CvS) selbst in ihrer eigenen wissenschaftlichen Arbeit.

Geleitet vor allem von wissenschaftlicher Neugier und Bildungshunger erarbeitet sich CvS zahlreiche zeitgenössische naturwissenschaftliche und literaturwissenschaftliche Schriften und exzerpiert diese, z.B. die frisch erschienenen Werke Alexander v. Humboldts. CvS wird als Charlotte von Lengefeld in der Nähe von Rudolfstadt geboren und wächst gemeinsam mit ihrer Schwester Karoline, einer späteren Schiller-Biografin, als Tochter eines verarmten adeligen Oberforstmeisters auf. Sie erhält Unterricht in Französisch, Englisch, Zeichnen und Geografie. Ihr früh gewecktes Interesse an Büchern erhält sie sich zeitlebens, Lesen ist für sie eine „existentielle Tätigkeit“. Sie übersetzte antike Autoren aus dem Französischen: Hesoid, Euripides, Empedokles, Autoren klassischer griechischer Tragödien, aber auch französische und englische Originallektüren, „eine bunt anmutende Kost“, die sie sich selbst mit System auswählt. Dabei tauscht sie sich mit ihren Freunden und Weggefährten intensiv aus: Herder, Knebel, Charlotte von Stein, und vor allem mit Friedrich Schiller, den sie 1790 heiratet. Sie bekommen vier Kinder, zu denen sie, nachdem Schiller nach nur 15jährigem Beisammensein stirbt, eine enge Beziehung pflegt. Sie schreibt Gedichte und Romane, auch in der Familienphase, einer davon wird sogar unter einem Pseudonym veröffentlicht. Neben der poetischen Zusammenarbeit mit Schiller wird das Zeichnen und das weitgehend ungelebte Bedürfnis zu Reisen in eigenen Kapiteln der Biografie dargestellt. Nach dem Tode Schillers engagiert sich CvS für seinen Nachlass. Dabei erweist sie sich als eine vielseitige, intellektuell sowie künstlerisch begabte Frau, die in den Schiller-Biografien, auch in der ihrer Schwester Karoline, nicht entsprechend wertgeschätzt und gewürdigt wird. Die vorliegende Biografie hat dieses Versäumnis aufgewogen und ist allein deshalb sehr empfehlenswert, findet Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats April 2019

Roger Daltrey: My Generation. Die Autobiografie. München: C. Bertelsmann 2019

 

"You don't realize how great a singer Roger Daltrey is until you try it yourself." (Wayne Coyne / Flaming Lips)

Im Oktober 1965 stotterte Roger Daltrey erstmals jene unvergesslichen Verse I wish I'd die before I get old zu einem der größten Hits, dessen Titel zum unverwechselbaren Markenzeichen seiner Gruppe The Who geworden ist und der nun auch der rechtzeitig zum 75. Geburtstag (01.03.44) erschienenen Autobiografie den Rhythmus anzählt: My Generation. Viel Zeit vergeht, bevor man stirbt ...

Im englischen Original trägt das Buch den Titel Thanks a lot, Mr. Kibblewhite: My Life und nimmt Bezug auf jenen Schuldirektor, der den Londoner Jungen an seinem 15. Geburtstag mit dem klassischen Verdikt Du wirst nie was aus deinem Leben machen, Daltrey der Lehranstalt verwies. Noch erstaunter als angesichts der musikalischen Karriere seines Zöglings wäre dieser Schuldirektor wohl ob dessen literarischen Qualitäten gewesen. Denn Daltrey kann nicht nur singen. Er kommt glaubwürdig rüber, pflegt eine gekonnte Selbstironie, ist ausgesprochen witzig (brilliantly witty). Der Leser folgt ihm gerne und wird belohnt durch zahlreiche Einblicke in das Bühnen- und Seelenleben einer der erfolgreichsten Rockbands. So unterschiedlich die Persönlichkeiten dieses außergewöhnlichen Ensembles waren, so gut funktionierten sie als explosive Mischung, die durch den Drummer Keith Moon, der zuletzt zu ihnen stieß, gezündet wurde zur Eroberung des Rock-Kosmos'. Wir waren anders als alle anderen Bands. Und in unserer Band war auch jeder anders. In der Summe waren sie mehr als eine bloße Addition von vier Individuen. Explosiv ging es auch im Innenleben der Band ab, die mit Tommy und Quadrophenia die ersten Rockopern schuf und performte. Daltrey berichtet von zahlreichen Auseinandersetzungen zwischen ihnen. Im September 1965 wurde er sogar für einige Wochen ausgeschlossen, als er einige Beutel mit Purple Hearts nach einem missglückten Gig in der Toilettenspülung des Hotels entleerte. Einmal streckte er Pete Townsend während einer Probe mit einem Kinnhaken zu Boden, nachdem dieser mit einer Les-Paul-Gitarre nach ihm geschlagen hatte. Wahnsinn. Ehrgeiz. Ego. Paranoia.

Um die musikalische Potenz dieser Combo zu veranschaulichen, mag der Blick auf die 100 alltime-greatest-Rankings der Zeitschrift Rolling Stone hilfreich sein. Bei den Gitarristen wird Pete Townsend an 10. Stelle geführt, auf Rang 30 bei den Songwritern; Daltrey selbst als Nummer 61 bei den Sängern. Der mehr als exaltierte Keith Moon, der durch seinen frühen Tod 1978 als erster wieder ausschied, belegt bei den Schlagzeugern die zweite Position. Bezeichnenderweise gibt es eine solche Liste noch nicht für Bassisten. Gäbe es eine, würde sich der stoische John Entwistle (gen. The Ox), gestorben 2002, der den Bass virtuos als Soloinstrument handhabte, mit Jack Bruce (u.a. The Cream) wohl den Spitzenplatz streitig machen.

Einen großen Raum füllen die Beschreibungen des Familienlebens und der langjährigen Beziehung zu seiner Frau Heather. Diese Seiten vermögen zu erklären, warum Daltreys Exzentrik gewisse Grenzen respektierte und er im Gegensatz zum Rest der Band den Drogenkonsum frühzeitig kontrollierte. 

The Who waren immer eine Live-Band. Eine Band, die nicht auf Tour geht, stirbt, fasst es Daltrey zusammen. Und sie spielen immer noch. Inzwischen mit Zak Starkey, Ringo Starrs Sohn, der Keith Moon zum Patenonkel hatte, am Schlagzeug und lange Zeit mit Pino Palladino (gest. 2016) am Bass.

Das Dokument einer Generation kriegstraumatisierter Eltern: Won't get fooled again. The Who waren ihre Stimme. Wer wissen möchte, wie - dank Mr. Kibblewhite - alles begann und sich von einer zur nächsten musikalischen Offenbarung fortschrieb, ist mit Daltreys Erinnerungen bestens bedient, weiß Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats März 2019

Hans Magnus Enzensberger: Überlebenskünstler. 99 literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert. Berlin: Suhrkamp 2018

 

Autofahrer benötigen eine Vignette zur Einreise in die Schweiz. Das Wort stammt indessen aus dem Französischen und diente der Kennzeichnung von Weinen. Später wurden gemalte, ovale Miniaturporträts derart bezeichnet, die mittels einer als Vignette bezeichneten Maske auf dem Objektiv auch photographisch erzeugt werden konnten. Solche Bildchen zieren jedes einzelne der 99 Kurzporträts in der erstaunlichen Sammlung von Hans Magnus Enzensbergers (HME). Er porträtiert Dichter, die durch Anpassung, glückliche Zufälle, Kompromisse und mehrdeutige Entscheidungen das 20. Jahrhundert, von Nadeschda Mandelstam (1899-1980) zum "Jahrhundert der Wölfe" deklariert, als Künstler überlebt haben. Gemäß dieser Kriterien findet der Leser ein äußerst heterogenes Spektrum von Persönlichkeiten wie Nelly Sachs (1891-1970), Michail Bulgakow (1891-1940), Hans Fallada (1893-1947), Ernst Jünger (1895-1998) oder auch unbekannteren wie Alexander Gleichen-Rußwurm (1865-1947).

Trotz einer seitens HME's plausibel geltend gemachten Subjektivität verstört es dennoch, dass ein Nazi-Barde wie Hans Baumann (1914-1988), Schöpfer der berüchtigten Hymne "Es zittern die morschen Knochen", es in diesen Band schaffen konnte. Bereits 1969 verlieh ihm Ernst Loewy in einem Standardwerk (Literatur unterm Hakenkreuz) das Epitheton "Dichter der HJ". Zwar avancierte er in der jungen Bundesrepublik zum gefeierten Kinderbuchautor, aber Werk wie Biografie stellen weder einen Ausweis über Dichtung noch über Künstlertum dar, als vielmehr einen weiteren Beleg für die geräuschlose Integration ehemaliger Nazigrößen in den Betrieb der Adenauer-Republik.

Subjektiv erfrischend ist hingegen die Darstellungsweise HME's, bei der er aus dem unglaublichen Erinnerungsschatz persönlicher Begegnungen schöpft, etwa bei einem mit subtiler Schärfe gezeichneten Trinkgelage mit Jean Paul Sarte (1905-1980) im Moskauer Kreml. Er scheut vor Meinungen nicht zurück und streut seinen biografischen Miniaturen Sympathie wie Antipathie gleichermaßen ein. So heißt es z.B. über Rudolf Borchardt (1877-1945): "Ich gebe zu, dass ich ihn ungern kennengelernt hätte" oder zu Bertolt Brecht (1898-1956): "Er war jemand, der zu bewundern und zu vermeiden war. Ich wußte, daß er immer ein Ausbeuter war und daß er stank."

Die Fülle seiner mitunter anekdotisch abgeschmeckten Porträts verblüfft und regt zum Nachdenken an. Anpassung, glückliche Zufälle, Kompromisse, mehrdeutige Entscheidungen - sind diese Taktiken nicht auch unter den Bedingungen des sog. freien Marktes gefordert? War es nicht Stendhal, der einmal bekannte, er verhandle lieber mt dem Herrn Innenminister als mit dem Krämer an der Ecke? Freilich regierten seine Innenminister im 19. Jahrhundert. Das 20. hievte technokratisch versierte Psychopathen in dieses Amt oder, um auf N. Mandelstam zu rekurrieren, blutrünstige Wölfe.

Alles nur bedauernswerte Reminiszenzen an ein längst vergangenes Zeitalter? HME (geb.1929) stellt dem zurecht ein Zitat aus Ingeborg Bachmanns (1926-1973) Gedicht "Die gestundete Zeit" (1958) gegenüber: "Es kommen härtere Zeiten" und meint, für den Fall - für dessen Aufkommen einiges spricht -, dass sie recht behielte, "könnte ein Training in der Kunst des Überlebens von Nutzen sein."

Welches wiederum mit der Lektüre dieses Buches beginnen könnte, das Ihnen den Genuss eines echten Enzensbergers verschafft: eine sehr konzise, elegant das Lakonische streifende Prosa, gewürzt mit feinster Ironie, verspricht Alfons Huckebrink.    

Die Biografieempfehlung des Monats Februar 2019

Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar. Hamburg: Carlsen 2015

 

Die somalische Leichtathletin Samia Yusuf Omar starb im August 2012 kurz vor der Eröffnung der Olympischen Spiele von London in einem Schlauchboot, das zwischen Libyen und Italien im Mittelmeer versank. Das Ende einer hoffnungsvoll begonnenen Reise, die für sie auch eine Art von Traumreise werden sollte.

Auf eigene Faust wollte die schmächtige Athletin, deren sportlicher Mut vier Jahre zuvor in Peking, als die damals erst 17- Jährige mit einigem Abstand Letzte über 200 Meter wurde, bejubelt worden war, noch einmal an dem Großereignis Olympia teilnehmen. Viele Chancen hat diese Frau in ihrem kurzen Leben nicht bekommen.

Als sie im Mai 1991 geboren wird, hat der Bürgerkrieg, der ihre Heimat verwüstet, schon begonnen. An ein systematisches Training ist niemals zu denken. Das einzige Stadion mit Laufbahn in Mogadischu ist jahrelang von islamistischen Milizen besetzt. Auf Unterstützung im Rahmen einer Sportförderung zu hoffen, bleibt unter solchen Umständen und ohne funktionierende Regierung aussichtslos. Samir Yusuf Omar, hoch motiviert, glaubt indessen an ihren sportlichen Traum und will ihn in Europa verwirklichen. Das reiche Europa mag ihr nicht einmal eine sichere Anreise bezahlen.

Vielleicht wird die Erinnerung an sie länger währen als die damalige, medial inszenierte Bestürzung. Vielleicht wird ihr Name zumindest in Mogadischu nicht vergessen werden, vielleicht sogar dereinst weltweit einen neuen Klang bekommen und die Sportler und Sportlerinnen in ihrer von Krieg und Terror gebeutelten Heimat beflügeln. Anlass zur Hoffnung besteht auch deshalb, weil es das großartige Buch des Zeichners Reinhard Kleist gibt, der die "tragische Wucht" ihrer Geschichte als Comic darstellt. Womöglich stehen Sie der Kunstform Comic ganz allgemein oder im Besonderen angesichts dieses Schicksals - wie Elias Bierdel in seinem Nachwort für sich selbst einräumt - skeptisch gegenüber. Sein Fazit ist allerdings deutlich zu unterstreichen: "Reinhard Kleist ist ein Menschenfreund. Er stellt seine künstlerische Sensibilität und sein enormes Können in den Dienst seiner Figuren. Er rettet Samias Geschichte, ihren Namen und ihr Gesicht vor dem Vergessen." Insofern steht Samias schreckliches Ende für unzählige Flüchtlingsschicksale. Ein wichtiges Buch, gerade in unseren Tagen, da Seenotretter und Helfer von gewissenlosen Politikern angeprangert und von ihren schamlosen Helfershelfern in der Justiz kriminalisiert werden.

Kleists grafisches Meisterwerk hat mittlerweile mehrere Auszeichnungen erhalten, auch stellt der Verlag umfangreiches Unterrichtsmaterial zur Verfügung. Seine größte Auszeichnung bestünde darin, dass es weiterhin zahlreiche Leser und Leserinnen finden würde, hofft Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Januar 2019

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. S. Fischer (2017). Herausgegeben und kommentiert von Oliver Matuschek. Erstausgabe 1942 in Stockholm

 

Bereits der Titel weist auf ein zentrales Lebensthema Stefan Zweigs hin: die geistige Einheit Europas. So ist diese Autobiografie vor allem auch plastisches Zeitgemälde, welches seine persönliche Haltung gegenüber dem Krieg und dem Verfall Europas veranschaulicht, dagegen wenig Privates enthält. In den frühen Lebensjahren bis zum ersten Weltkrieg wächst er sorglos als Sohn jüdischer Textilkaufleute in Wien heran, sich seinen schriftstellerischen Neigungen widmend, einen Krieg trotz aller Frühwarnzeichen nicht für möglich haltend. Die Kriegsjahre verbringt er in der Schweiz als Pazifist in Gesellschaft verschiedener europäischer Freunde. In Österreich hat man sich von ihm distanziert.

Die Nachkriegsjahre in ihrer unglaublichen Not und die nachfolgende Inflation sowie die dem Verfall trotzende Lebensfreude werden eindrücklich beschrieben, ein Zeitzeugnis der Inflation und des Werteverfalls in jeglicher Hinsicht, wobei „vom Standpunkt der Logik aus“ die Rückkehr nach Österreich das „Törichteste“ gewesen sei, was er habe tun können. Er wählt Salzburg als Wohnort und günstigen Ausgangspunkt für mögliche Reisen in die Metropolen Europas, was in den bitterarmen Nachkriegsjahren jedoch unmöglich ist. Erst nach 1921 wagt er sich ins benachbarte Italien und die Zeit, in der er wieder die „Lust der jungen Jahre erprobte“ und in die Ferne fuhr, werden auch die Jahre seines größten beruflichen Erfolgs, den er genießt und doch selbstkritisch betrachtet und dem er sich durch hohe Qualitätsanforderungen verpflichtet fühlt. Die internationale Anerkennung führt zu beruflichen Reisen, nicht nur zu Lesungen, sondern auch zu Vorträgen über seine „Vision Europas“, bis über Nacht „Hitler den Erfolg mit der Peitsche seiner Dekrete“ davonjagt.

In dem Kapitel „Sonnenuntergang“ (Europas?) gibt er Auskunft über seinen individuellen Schreibprozess, der sich vergleichbar mit der Malerei Picassos als eine Kunst des Weglassens und Verdichtens darstellt. Und wieder erlebt er in diesen zehn produktiven Jahren zwischen den Kriegen, in der „ruhigen Zeit von 1924-1933 die Unmöglichkeit des Krieges“ - eine Stimmung, die in gewisser Weise an die aktuelle Zeit denken lässt -, „ehe jener Mensch unsere Welt verstörte“.

Während seiner Vortragsreisen überkommt ihn immer wieder die Sehnsucht nach den Reisen seiner Jugend, wo niemand einen erwartete, so „wollte ich von der alten Art des Wanderns nicht lassen.“ Besonders eindrucksvoll erscheint ihm eine Reise nach Russland als österreichischer Delegierter zu Tolstois 100 Geburtstag, „sonderbar, es wirkte auf mich nicht fremd.“ Ähnlich erging es mir selbst bei einer Reise nach Moskau im Jahr 2009, Moskau erschien mir wie eine ganz normale europäische Stadt.

Und dies konnte Hitler ihm auch im Nachhinein nicht nehmen, „das gute Bewusstsein, doch noch ein Jahrzehnt nach eigenem Willen und mit innerster Freiheit europäisch gelebt zu haben…“.

Er erlebt den gleichen Kriegs-Unglauben in England, wohin er sich schon frühzeitig ins Exil begeben hat, wie vor 1914 in Österreich und beschreibt minutiös den Kriegseintritt Englands und die Wirkung auf die Bevölkerung. Er erwähnt in einem Nebensatz, dass er in den ersten Kriegstagen beabsichtigt, ein zweites Mal zu heiraten, und welche Probleme er als – inzwischen Staatenloser – mit diesem Vorgang hat, da Gefahr droht, nicht als Flüchtling, sondern als feindlicher Ausländer eingestuft zu werden. Schließlich können er und seine Frau Lotte britische Staatsbürger werden, reisen durch die USA, lassen sich in Brasilien nieder und kurz nach der Fertigstellung dieser Autobiografie nehmen sich beide am 23.02.1942 das Leben. Die fast 500 Seiten dieser Autobiografie, die vor allem die Zeitgeschichte des Verfalls beschreibt, der in diesen Tagen erneut aufscheint, liest man voller Anteilnahme und Spannung, findet Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats Dezember 2018

Manfred Sestendrup: PAUL -sprichwörtlich gut-Teil VI der lyrischen Biografie PAUL. Münster: Selbstverlag 2018.

 

Paul lautet der Name verschiedener Protagonisten, jedoch keines Prototypen, einer Kunst- und Kultfigur mit mutipler Persönlichkeit. „Paul, kein bestimmter Mensch, aber bestimmt ein Mensch“, so steht es auf dem Cover in diesem 6.Band der lyrischen Paul-Biografie.

In jeder Version von Paul, die Manfred Sestendrup seit 1997 erfand, so auch in dieser, durchlebt Paul sein menschliches Leben von der Kindheit an als mehr oder weniger tragischer Held und stirbt am Ende eines jeden Bandes. Der neue enthält Gedichte, Aphorismen und Sprichwörter  und eröffnet mit einem Zitat von Alfred Andersch: „Man kann alles richtig machen und das Wichtigste versäumen“. Dieses Zitat drückt eine Haltung und ein Bewusstsein aus, welche die Voraussetzung dafür sind, innere Entfremdung und Zerrissenheit zu integrieren, indem man sich auf das persönlich Bedeutsame im eigenen Leben konzentriert. Dies beinhaltet immer die Möglichkeit des Scheiterns oder Irrens, des „nichts richtig machen“ und ist eine wesentliche Quelle persönlicher Entwicklung: Lernen durch Erfahrung, insbesondere durch Schwierigkeiten und Fehler.

Die Gedichte, Aphorismen und Sprichworte sind anregend, leicht verständlich, humorvoll, manchmal provokativ und generieren häufig neben der ersten auch weitere Bedeutungen und Sinnzusammenhänge. Die Inhalte sind klar strukturiert und werden in folgenden Kapiteln präsentiert, die sich auf Lebensthemen oder Entwicklungsabschnitte beziehen: Kindheit/Liebe/Alltag/Vater Sein/Krieg/Politik und Karriere/Auf`s Ende zu.

Die Gedichte zu den Meilensteinen im Leben Pauls kontrastieren zur Lebensgeschichte der Leser oder lassen diese spiegelnd aufblitzen. Kriegerlebnisse allerdings kennen wahrscheinlich die meisten Leser nicht, denn sei 75 Jahren gibt es glücklicherweise keinen Krieg im deutschsprachigen Raum. Wir wissen nicht, wie lange das so sein wird.

Das Paul-Projekt von Manfred Sestendrup ist der Welthungerhilfe gewidmet, alle Einkünfte aus seinem Werk kommen dieser humanitären Organisation zu Gute. Aus diesem Grund eignet sich dieses Büchlein ganz besonders als Geschenk bzw. Lektüre in der Weihnachtszeit, die traditionell nicht nur von der Geschenkflut und Konsumwut bestimmt ist. Eher erinnert  man sich der hungernden Menschen dieser Welt, die noch nicht einmal ihre elementaren Überlebensbedürfnisse befriedigen können, und zahlreich in jeder Minute sterben müssen. Empfohlen von Gudula Ritz

Die Biografieempfehlung des Monats November 2018

Joachim Ringelnatz: Als Mariner im Krieg. Zürich: Diogenes Verlag 2004

Eine große Zeit! dachte ich und bestellte noch eine Flasche ‚Wachenheimer Luginsland‘.

Anfang August 1914 finden wir den Dichter Joachim Ringelnatz im ‚Grünen Haus‘ in Augsburg. Er hat sein Testament hinterlegt und meldet sich am ersten Mobilmachungstag für die Front. Er beobachtet die Kriegsbegeisterung um sich herum und tut das, was stets das Naheliegende in 'großen Zeiten' ist, er betrinkt sich. Obwohl selbst von Begeisterung und Abenteuerlust durchaus erfasst, bleibt er zum tumben Treiben auf den Straßen und in den Lokalen merkwürdig reserviert. Eine Distanziertheit, die sich wohl der nachträglich eingenommenen Schreibperspektive verdankt.

In Wilhelmshaven, Cuxhaven und Kiel lernt er die Ödnis des kaiserlichen Marinedrills kennen sowie Langeweile und damit einhergehende Depressionen. Dagegen helfen kurzfristig heimliche Spritzfahrten ins Hinterland und lustige Zechen mit Kameraden und Mädels.

Ich las Lessings Hamburgische Dramaturgie und verbrühte mir eine Hand mit heißem Kaffee, weil jemand den Untergang der ‚Magdeburg‘ so spannend erzählte. Nach der Ausbildung wird er auf ein zu diesem Zweck umgebautes Minensuchboot abkommandiert, zu einem - in seinen Augen wegen des seelenlosen Wach- und Küstendienstes - Hampelmannsdienst auf einem Filzlausgeschwader. Hin und wieder darf er zu festlichen Gelegenheiten Gedichte verfassen. Mehrmals bittet er um Versetzung zu einer kämpfenden Einheit; immer deutlicher erkennt er auch, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist. Schließlich bringt er genügend Geld für die Anmeldung zu einem Offizierslehrgang auf, obwohl ihn die Borniertheit dieser Kaste abstößt. Was er in diesen Jahren schreibt, muss vor Veröffentlichung die Zensur passieren, und so wird er in abstruse Diskussionen mit literarisch völlig unempfänglichen Vorgesetzten verwickelt.

Im letzten Kriegsjahr grassiert die Spanische Grippe, viele Kameraden sterben daran oder werden in sinnlosen Einsätzen verheizt. Hunger untergräbt zusätzlich die Moral, wenngleich die Offiziere keinen Mangel leiden.

Als Offizier wird Gustav Hester, wie sich Ringelnatz in diesem Buch nennt, von den Mannschaftsdienstgraden geschätzt. Trotzdem kann er verstehen, dass sich auch 'seine' Matrosen aus der Batterie Seeheim im November 1918 den Aufständischen in Cuxhaven anschließen. Als einziger Offizier bietet er dem Roten Rat seine Mitarbeit an, versucht zu vermitteln. Ziemlich desillusioniert kehrt er Ende November nach München zurück: Von den Freunden und Bekannten waren viele tot, im Krieg gefallen, an Grippe gestorben. Die noch lebten, hatten keinen freien, frohen Gedanken mehr. Sein Testament bleibt ungeöffnet.

Kuttel Daddeldu (Ringelnatz' spätere Kunstfigur) im Krieg und in der Novemberrevolution! In der Flut von Neuerscheinungen, die das interessierte Lesepublikum zum 100sten Jahrestag überspült, bleiben Kostbarkeiten mit älterem Erscheinungs-, dafür jedoch garantiert ohne Verfallsdatum, mitunter erstaunlich unbeachtet. Ringelnatz gelingt es in seiner tagebuchartig angelegten Romanbiografie, Einblicke in das Innenleben der Menschen und Material verschlingenden kaiserlichen Kriegsmarine zu geben und die ganze Hybris dieser monströsen Waffengattung zu verdeutlichen. Ein zeitgenössischer Kritiker schrieb bereits 1929: "Aber diese Tagebuchnotizen haben etwas sehr Sachliches, fast Unbestechliches, sind mit Schlauheit und von einem empfindenden Menschen geschrieben, von einem Dichter." (Theodor Maus). Ein anderer schrieb 1928, dieses Tagebuch "ist  ein Keulenhieb gegen den Militarismus, der aus Menschenleibern Brei macht und Raubtiergruben aus tönenden Menschenherzen." (Balder Olden).

Dem ist wenig hinzuzufügen. Erfreulich für den heutigen Leser ist, dass es diesen Roman in einer preiswerten Taschenbuchausgabe des Diogenes Verlags nach wie vor zu erwerben gibt. Wer eine sorgfältig edierte Ausgabe mit Anhängen und Personenregister wünscht, kann auf den Band 7 von 'Das Gesamtwerk in sieben Bänden' zurückgreifen. Diese hat ihren Preis und ist manchmal in gut bestückten Bibliotheken zu entleihen, weiß Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Oktober 2018

Ingmar Bergmann: Laterna magica. Mein Leben. Aus dem Schwedischen von Hans-Joachim Maas. Alexander Verlag: Berlin (2018, 3. durchgesehene Auflage)

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Bergmann-Filme, die für mich als Jugendliche in den Siebzigern eine faszinierende Entdeckung waren. "Wilde Erdbeeren", "Von Angesicht zu Angesicht", "Szenen einer Ehe", Filme, Bilder, die mehr Fragen aufwarfen als Antworten parat hatten. Ingmar Bergmann beschreibt in „Laterna Magica“ sein Leben auf unvergleichlich aufrichtige und unverstellte Art und Weise, so dass der Leser an seiner schonungslosen Bilanz teilnehmen kann. Der Leser spürt im Erinnernden und Schreibenden den Jungen, einen Pfarrerssohn, der unter der Autorität und Härte, ja seelischen Grausamkeit seines Vaters leidet. Möglicherweise resultiert hieraus seine kritische Haltung, die zur Bürde seines Lebens wird. Als Leser wundert man sich, dass er selbst mit seinem Werk überwiegend wenig wertschätzend zu Gericht geht. Verständnis erfährt I.B. vor allem seitens seiner Großmutter, die ihn als Kind sehr gefördert hat und den Anstoß zu seiner kreativen Entwicklung gab, sowie später in den Beziehungen zu seinen zahlreichen Lebenspartnerinnen und Ehefrauen. Gefühle werden vom Schreibenden wie im Film (oder auch im Lebensalltag?) eher implizit ausgedrückt, was vielleicht die besondere Nähe des Lesers zum Autor erzeugt. So gelingt es, in die Haut des berühmten Regisseurs zu schlüpfen und an den Höhepunkten, aber auch an den Tiefpunkten, z.B. dem Zusammenbruch nach einer unberechtigt durchgeführten Steuerfahndung, teilzunehmen. Das Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber einer vermeintlichen Autorität versteht er erst spät als Resultat seiner schwierigen Vaterbeziehung. Vor allem Ingmar Bergmanns Authentizität und persönliche Präsenz macht diese Autobiografie zu einer spannenden Lektüre, die nicht chronologisch strukturiert wird, sondern durch eine Textur der Bedeutungen persönliche Zusammenhänge generiert, findet Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats September 2018

María Hesse: Frida Kahlo. Eine Biografie. Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Berlin: Insel Verlag 2018

 

"Die wahre Frida lebt in ihren Bildern."

Die Anziehungskraft von Frida Kahlos Leben (1907-1954) und die Strahlkraft ihres Werks sind ungebrochen. Dazu passt es gut, dass die illustrierte Biografie der Spanierin María Hesse (ihr Künstlername nach Hermann H.) nun auch in einem deutschsprachigen Verlag erschienen ist. Lebensgeschichte und künstlerische Hommage: Das Buch bietet beides, beides in Vollendung und öffnet selbst den vielen Kahlo-Kennern und -Bewunderern einen neuen Blickwinkel auf die mexikanische Ikone. Zur Augenweide ein Bilderbuch im besten Sinne. Hesses filigran angelegte und kraftvoll kolorierte Zeichnungen sind voller Anspielungen und treten in zärtlichen Dialog mit den Werken Kahlos. Besonders dort, wo es um die "Unfälle" ihres Lebens geht, oder dann, wenn deren Bilder selbst dargestellt werden. Die trefflichen Texte sind z. T. den Tagebüchern entnommen. Sie versuchen nicht etwa, die Grenze zwischen Fiktion und Faktizität neu zu ziehen, sondern vermischen beide. Dadurch und im Zusammenspiel mit den Zeichnungen versucht Hesse eine Ahnung davon zu vermitteln, wie Frida Kahlo selbst erlebt hat. Ein Leben in Extremen. "Wozu brauche ich Füße, wenn ich Flügel habe zum Fliegen."

Derart beglückt uns Hesse mit ihrem Gesamtkunstwerk und wird auf staunende Leser treffen, prophezeit Alfons Huckebrink

Die Biografieempfehlung des Monats August 2018

Zoni Weisz: Der vergessene Holocaust. Mein Leben als Sinto, Unternehmer und Überlebender. München: dtv 2018

 

"Auf diesem Gleis verlor ich alles, was mir kostbar war /Alles, auch das blaue Mäntelchen meiner kleinen Schwester /Ich habe gefleht, geschrien, ich will bei euch sein /Mit euch zusammen, zusammen sterben, denselben Schmerz fühlen."

Verse aus Zoni Weisz' Gedicht 'Der Bahnsteig'. Es ist der 19. Mai 1944 und auf dem Bahnsteig in Assen wartet der kleine Zoni (geb. 1937) mit seiner Tante Moezla und einigen anderen Kindern auf einen Zug, den sogenannten Zigeunertransport, der 245 Sinti und Roma aus dem Durchgangslager Westerbork in das Vernichtungslager Auschwitz transportiert. Aus einem Luftschlitz weht der blaue Mantel seiner kleinen Schwester. Zoni erspäht seinen Vater, der seinen Namen ruft. Wissen sie, dass die Gruppe um Zoni zusteigen soll? Sie wird aber von einem niederländischen Polizisten gerettet, der mit seiner Dienstmütze ein verabredetes Zeichen gibt, auf das hin Moezla und die Kinder auf einen Personenzug springen, der eben gehalten hat und jetzt wieder anfährt. Zoni hört erschüttert den letzten Schrei seines Vaters: "Moezla, Maoezla, pass gut auf meinen Jungen auf." Er wird seine Familie niemals wiedersehen. Sie wird in Auschwitz ermordet.

Am 16. Mai 1944 erfolgte auf Anordnung der deutschen Besatzer die Durchführung der "Zigeunerrazzia". Niederländische Polizeieinheiten befolgten massenhaft diesen Befehl zur Festnahme von Roma und Sinti. Alle "zigeunerartig aussehenden Menschen" sollten aufgegriffen und deportiert werden. Verhaftet wurde auch Zonis Familie, die seit einiger Zeit in Zutphen lebt. Ausgerechnet am Tag zuvor wurde Zoni von seiner Tante Moezla wegen der guten Luft mit aufs Land genommen.Somit entgeht er zunächst der Ergreifung. Wenige Tage später, auf dem Bahnsteig in Assen, kann er endgültig entkommen.

Er überlebt und braucht lange, bis er über die schrecklichen Erlebnisse reden und sich entschließen kann, dem Schicksal seiner Lieben nachzuspüren. Er findet endlich Kraft, für die Anerkennung des Völkermords und für die Gleichberechtigung der Sinti und Roma zu kämpfen. "Die Geschichte wiederholt sich." Mit dieser bitteren Erkenntnis hat Zoni Weisz im Deutschen Bundestag 2011 am Gedenktag für die Opfer des Faschismus klar zum Ausdruck gebracht, dass Roma und Sinti auch heute nicht vor Vorurteilen, Diskriminierung und Verfolgung sicher sind. Auch nicht in den Ländern der EU.

Endlich liegt Zoni Weisz' fesselnde und berührende Autobiografie auch auf Deutsch vor. Sie bringt uns einen Menschen sehr nahe, der trotz schrecklicher Erfahrungen seinen Glauben an die Humanität nicht verloren hat. Sie gibt auch seinem Aufstieg als Unternehmer breiten Raum. Nach der Befreiung beginnt er eine Ausbildung als Florist, findet Menschen, die ihn fördern. Bald avanciert er zu einem der gefragtesten Dekorateure, dessen kreative Arrangements ihm auch zu Aufträgen der niederländischen Königin verhelfen. Zuletzt zeichnet er 2002 verantwortlich für den Blumenschmuck anlässlich der Hochzeit von Prinz Willem-Alexander und Prinzessin Máxima-Zorreguieta.

Eine beeindruckende Persönlichkeit, deren Lebensbeschreibung jeden Leser bereichern wird, verspricht Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Juli 2018

Emanuelle Loyer: Lévi-Strauss. Eine Biografie. Berlin: Suhrkamp-Verlag 2017 (französische Originalausgabe 2015).

 

Emanuelle Loyer präsentiert mit dieser fundierten, breit recherchierten Biografie sowohl eine künstlerische als auch eine wissenschaftliche Leistung, die allein aufgrund der zeitlichen Ressourcen, die die Recherchen verbraucht haben müssen, auch Teil der Biografie der Autorin sein dürfte (Das Werk hat mehr als 1000 Seiten ohne Anhang). Zum Kunstwerk wird sie allein deshalb, weil sie eine neue und wohl einzigartige Perspektive auf das Leben von Levy-Strauss (1908-2009) eröffnet. Sie versucht weniger die Gefühle und Empfindungen, die persönlichen Bedeutungen des Autors empathisch nachzuzeichnen, denn LS ist sehr zurückhaltend mit persönlichen Äußerungen in der Öffentlichkeit. Sie blickt sozusagen aus einer Meta-Perspektive auf die Geschichte Frankreichs und der Welt, auf die Kriege und Verfolgungen. Gleichzeitig bettet sie das Leben von LS ein in eine fundierte Wissenschaftsgeschichte, in die verschiedenen Stränge der amerikanischen Anthropologie und der französischen Ethnologie, die sich in der Person LS vereinen. Sie erzählt nicht nur private sowie die Wissenschaftler-Biografie von LS sowie die Entwicklung der Ethnologie/Anthropologie, sondern beschreibt die Entstehung des Paradigmas des Strukturalismus und erklärt gleichzeitig, wie wissenschaftlicher Paradigmenwechsel unabhängig von Thomas Kuhn stattfinden kann, womit wir bei der Erkenntnistheorie angelangt sind. Kurz, die Autorin ist dermaßen vielseitig und trotzdem genau und zugleich integrativ, dass es einem fast dem Atem verschlägt. Aus dieser Komplexität ergibt sich, dass die Lektüre der Biografie kein Abendspaziergang ist, sondern eine herausforderungsvolle, spannende Bergwanderung, sehr lehrreich und bereichernd.

Das Leben LS wird eingebettet in die soziopolitische Situation verschiedener Orte und deren Geschichte: Der Geburtsort Paris, Rio, Brasilien, der Urwald, New York und wieder Paris. Sein letztes Arbeitszimmer in Paris bildet die Anfangsszene des Werks. Es folgen an den verschiedenen biografischen Landmarken die Arbeitszimmer oder vielmehr Bibliotheken, bis er, wieder in Paris, in diesem Arbeitszimmer seine dritte Frau kennenlernt, mit der er 50 Jahre verheiratet sein wird. Als er dieses Zimmer einrichtete, hat er sich gerade von seiner zweiten Frau getrennt und steht sowohl beruflich als auch privat und finanziell vor dem Aus. Seine erste Priorität besaß für ihn immer die Arbeit, was zur Belastungsprobe der 2. Ehe wurde, seine lebenslustige Frau fühlte sich „wie in einem Grab“.  LS, der sich als selbst als autodidaktischen Ethnologen bezeichnet hat, versucht die Welt der verschiedenen Kulturen mit allen fünf Sinnen wahrzunehmen, was vor allem für seine Zeit in Brasilien zutrifft, wo er aktiv Feldforschung betrieb, bei Völkern, die einige Jahre später ausgestorben sind. Ironischerweise erhält er im Zuge des französischen Kulturimperialismus das Angebot, in Rio als Professor tätig zu sein. Kaum zurück in Frankreich, muss er vor den Nazis fliehen und erhält mit Unterstützung der Rockefeller – Stiftung eine Professur in New York. Nach dem Krieg kehrt er nach Paris zurück und wird als Kulturattaché nach New York entsandt. Er entstammt einer säkularen jüdischen Familie, der Vater Maler mit nachlassenden Aufträgen, und ist schon früh finanziell für seine Eltern verantwortlich. Erst in „Traurige Tropen“, mit 47 Jahren, ein biografischer Reisebericht über seine Reisen ins Innere Brasiliens, geht LS aus sich heraus und beschreibt sowohl innere als auch die politischen und humanen Krisen während seines Lebens. „Aus heiterem Himmel erzählt und sagt er alles, seine Träume, woran er glaubt.“ (S. 565). Die Biografie enthält eine Auswahl von schwarz-weiß Fotografien, Parallel-Kurzbiografien von Personen der Zeitgeschichte, die LS kannte, und ein Kapitel (S.583) mit dem Titel „Die Wasserscheide zwischen Kunst und Wissenschaft“, und somit beschreibt die Autorin E. Loyer nicht nur die Arbeitsweise von LS, sondern auch von sich selbst. Eine sehr interessante Biografie über eine Person, die Sehnsucht nach Epochen verspürte, die sie nicht selbst gekannt hat, ist sehr empfehlenswert, findet Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats Juni 2018

Werner Tübke: Mein Herz empfindet optisch. Aus den Tagebüchern, Skizzen und Notizen. Herausgegeben und eingeführt von Annika Michalski und Eduard Beaucamp. Göttingen: Wallstein Verlag 2017.

 

"Immer streben wir danach, uns selbst zu finden und merken dabei oftmals nicht, daß es gar nicht sosehr darauf ankommt, das Besondere des Selbst begrifflich - verstandesmäßig - zu erfassen, als vielmehr als Selbst zu handeln und die Instinkte wach zu halten gegen alle Einflüsse geistesfremder Art."

Dieser Eintrag findet sich im März 1956 im Roten Tagebuch, als der Maler Werner Tübke (1929-2004) in Bahrendorf im Krankenhaus liegt und Romain Rollands Roman 'Johann Christof' liest. Er könnte als Aussage über sein bisheriges Leben stehen. Hinter ihm liegen ereignisreiche Jahre voller Misserfolge und Selbstzweifel. Insbesondere der Zeitraum 1954/55, festgehalten im Rotbraunen Tagebuch, sind geprägt von fehlender Anerkennung, permanenter Geldnot und Vorbehalten seitens der staatlichen Auftragskommission und anderer Behörden der jungen DDR. "Die Stimmung im Zimmer war bedrückend; warm, eng, verbaut, Anne krank (Fieber), Claudia quitscht ab und zu aus ihrem Wagen, ruft vergnügt, dämmeriges Licht. Und im Spiegel sieht man sich. Da kann man keinen 'sozialistischen Realismus' machen." Der Eintrag vom 07.04.54 belegt das Ringen des jungen Vaters um seine Existenz als Künstler, um Gestaltungsraum. Noch eineinhalb Jahre später, als er erste Beachtung auf Austellungen erfahren hat und in den Verband der Bildenden Künstler aufgenommen (VBKD) worden ist, hält er unter 'Sonnabend, 19.11.55' fest: "Doch der Traum nach dem 'großen' Bild bleibt immer noch Traum." Zu einem solchen wird endlich - im doppelten Wortsinn - das grandiose Panoramagemälde für die Bauernkriegsgedenkstätte im thüringischen Bad Frankenhausen, für das er bereits 1976 den Vertrag abschließt und das er 1987 (Signierung am 1. Oktober) fertigstellen kann. Nach der Erarbeitung einer 1:10-Fassung beginnt er 1983 mit einem Mitarbeiterstab mit deren Ausführung.

Zum ersten Mal erlaubt die von Annika Michalski und Eduard Beaucamp herausgegebene und hervorragend kommentierte Auswahl aus Tagebüchern und Notizen einen erhellenden Einblick in das Schaffen und den Werdegang dieses Mitbegründers der 'Leipziger Schule'. Ein Label übrigens, das Werner Tübke erstmals in einem Podiumsgespräch am 09.03.73 in der Musikhochschule Leipzig aufgreift und in seiner Schwammigkeit kritisiert: "Jeder Kunstinteressierte in der Republik hat eine ungefähre Vorstellung davon und würde auf Anhieb einige Vokabeln nennen können." Dabei ist es wohl bis heute geblieben, mit dem Unterschied, dass diese Vagheit einer unbegriffenen und unbegrifflichen Gegenständlichkeit sich als die geeignete Voraussetzung erwies, auf dem Marktplatz der Siegerkunst eine strahlende Marke höchster Ergiebigkeit zu etablieren.

Ein sehr lesenswertes Arbeits- und Lebensjournal mit zahlreichen Illustrationen, empfohlen von Alfons Huckebrink.   

Die Biografieempfehlung des Monats Mai 2018

Tom Segev: David Ben Gurion. Ein Staat um jeden Preis. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. München: Siedler 2018.

 

„Ein Staat um jeden Preis“ - Selten war der Untertitel einer Biographie so prägnant formuliert wie der zur monumentalen Arbeit Tom Segevs über den ersten israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion (1886-1973), die nun rechtzeitig zum 70. Jahrestag der Staatsgründung auf Deutsch vorliegt. 700 Seiten, dazu ein respektabler Anhang. Eine glänzend verfasste Fleißarbeit, die der beharrlichen Lektüre lohnt. Tom Segev gelingt es, in der Darstellung dieses langen, von vielen Rückschlägen und Wendungen geprägten Lebens, die Geschichte des Zionismus und des israelischen Staates nachzuzeichnen.

Eine Klammer, die die gewaltige Stofffülle zusammenhält, bilden die Geschichten der drei Freunde David Grün (ab 1906 Ben Gurion), Schmuel Fuchs und Schlomo Zemach, die sich an einem Spätsommertag 1903 an einem kleinen Fluss nordwestlich Warschaus treffen. Aus einer Zeitung erfahren sie von dem „Uganda-Plan“ der Zionistischen Weltorganisation und sind entsetzt, beinhaltet dieser doch den Verzicht auf das Land Israel. Die drei gehen unterschiedliche Wege, gehen sich lange aus dem Weg, bleiben aber in Kontakt und bis zuletzt behält Segev ihre zionistischen Lebensentwürfe im Blickfeld.

Auch Ben Gurions Freundschaften stehen und leiden unter seiner Maxime „Ein Staat um jeden Preis“, der er alles andere nachordnet. Diese Lebensarbeit wirkt sich auch auf seine familiären Beziehungen aus. Seine drei Kinder, vor allem seine Frau Paula, stehen hinter der rastlosen Tätigkeit für den politischen, organisatorischen und militärischen Aufbau von Erez Israel klar zurück und leiden.

„Ein Staat um jeden Preis“ bedeutet aber auch ein Staat, in dem der Jischuw, die jüdische Bevölkerung in Palästina, die Mehrheit stellt. Dieser von den UN legitimierte Teilungsplan verlangt Ben Gurion im entscheidenden Augenblick der Unabhängigkeitserklärung 1948 schmerzhafte Entscheidungen ab, die zu Fluchtbewegungen vor allem der Araber sowie gegenseitigen Gräueltaten führen, welche die Existenz des neu gegründeten Staates auf lange Sicht gefährden. Alternativen wie etwa eine Konföderation mit mehrheitlich von Arabern bewohnten Gebieten werden von Ben Gurion verworfen. Entscheidungen, die mit der schockierenden Einsicht in die Dimensionen des Holocausts eine schreckliche Plausibilität gewinnen. Israels Sicherheit genießt fortan höchste Priorität.

Am Ende seines Lebens verstrickt sich Ben Gurion in Skandale, Affären und unglückliche Entscheidungen. Die politischen und gesellschaftlichen Fäden entgleiten ihm. „Acht Monate, bevor er ging, hatte er keinen Lebenswillen mehr“, erzählte seine Schwiegertochter Mary. Tom Segev konstatiert, „es waren ihm ein paar Jahre zu viel vergönnt.“ Er stirbt, als der Staat, in den er sein Leben eingebracht hat, sich in seiner ernstesten Krise befindet und die Rückschläge und Verluste des Jom-Kippur-Krieges verkraften muss.

Für Juden in aller Welt ist die Existenz dieses jüdischen Staates ein Segen. Ihre Lage wäre unsicherer, würde es ihn nicht geben. Auf die nächsten 70 Jahre, Israel, wünscht Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats April 2018

Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. Aus dem Englischen übertragen von Hainer Kober. Frankfurt: Büchergilde Gutenberg, 2016.

 

Andrea Wulf zeichnet in dieser exzellent recherchierten Biografie ein engagiertes, fundiertes, aber keineswegs idealisierendes Bild von Alexander v. Humboldt (AH). Sie arbeitet sich detailreich seine Lebensgeschichte ein, stiftet aber auch Zusammenhänge, die z.T. über das darüber hinausreichen. Quellennachweise, Literatur und Glossar umfassen gut 120 Seiten. Im Prolog beginnt die Darstellung mit dem Höhepunkt und zugleich Startpunkt der wissenschaftlichen Laufbahn AHs, der Besteigung des Vulkans Chimborazo auf über 5000 m.ü.M., einer gewagten und lebensgefährlichen Expedition, in der bereits erste Erkenntnisse über die Verteilung und Ausbreitung der Pflanzen gewonnen wurden.

Der 100. Geburtstag von AH wurde 1869 weltweit gefeiert. Seine Werke und Ideen waren zu seiner Zeit und lange Zeit danach sehr populär, obwohl sie nicht „Mainstream“ waren und dem Zeitgeist widersprachen. Seine Ideen waren emanzipatorisch, er verurteilte die Sklaverei, die Ausbeutung der Rohstoffe und warnte vor den Folgen einer industriell betriebenen Landwirtschaft. Er betrachtete den Menschen als Teil der Natur, das „Netz des Lebens“. Im Epilog beschreibt die Biografin die Gründe für das weitgehende Vergessen, dem sie durch diese Biografie entgegenwirken will. Ein Wissenschaftler, der neben unermüdlich gesammelten empirischen Daten auch Kunst, Geschichte und Poesie berücksichtige, passe nicht in die zunehmende Spaltung von Natur- und Geisteswissenschaften, deren Spezialisierung und Fragmentisierung.

Bereits vor 200 Jahren war erkennbar, wie durch Umweltzerstörung und Manipulation der Natur der Planet Erde ausgebeutet und die Ökologie aus ihrem Gleichgewicht gebracht wird.

Alexander von Humboldt wurde auf Schloss Tegel bei Berlin geboren, er verlor seinen Vater mit 9 Jahren und wurde von seiner strengen Mutter gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm einem umfangreichen Bildungsangebot ausgesetzt, vor allem auf sprachliche Bildung wurde großer Wert gelegt. Er pflegte enge private Kontakte zu Goethe und Schiller, sein bevorzugter Aufenthaltsort war Paris, wo der Erfahrungsaustausch mit anderen Wissenschaftlern extrem wertvoll für ihn war. Dort freundete er sich mit Simón Bolivar, dem späteren Befreier Südamerikas an. Erst nach dem Tod der Mutter begann er zu reisen, zunächst nach Südamerika. Jahrzehntelang träumte er von einer Reise nach Indien, doch die Erlaubnis, wohl aus Angst vor den Folgen seiner ansteckenden Kritik, wurde ihm vom British Empire versagt. Dennoch konnte er 30 Jahre später im Auftrag des russischen Zaren eine Expedition quer durch Russland bis an das Belukka-Gebirge durchführen und durch vergleichende Beobachtungen viele seiner Hypothesen bestätigen. AH konnte auch scharfzüngig sein und in sozialen Situationen rücksichtslos agieren. Charles Darwin äußerte sich enttäuscht über die erste persönliche Begegnung mit seinem Idol, das ununterbrochen redete und kaum auf ihn einging. Trotzdem waren die Werke AHs der Grundstein für sein Werk „Die Entstehung der Arten“. Zu seinen Bewunderern zählten naturbegeisterte und – verbundene Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler: Thoreau, George Perkins Marsh, Ernst Haeckel, John Muir. Nicht nur zu den preußischen Königen, deren Kammerherr er war, hatte er eine persönliche Beziehung, auch zu den unterschiedlichen amerikanischen Präsidenten, die er zu beeinflussen versuchte. Die Biografie liest sich fesselnd wie ein Roman und der Leser fragt sich ernsthaft, warum man die Erkenntnisse AHs bis heute in Sachen Umweltschutz, Humanismus und globalem Denken so wenig berücksichtigt hat. Unbedingt zu empfehlen, meint Gudula Ritz

Die Biografieempfehlung des Monats März 2018

Deutscher Bundestag: Die Rede von Dr. Anita Lasker Wallfisch MBE zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus (31.01.18)

 

Die Cellistin von Auschwitz

Anita Lasker wurde am 17. Juli 1925 in Breslau als jüngste von drei Töchtern in ein deutsch-jüdisches Elternhaus der bildungsbürgerlichen Klasse geboren. Ihr Vater Alfons Lasker war Rechtsanwalt und Notar, die Mutter Edith Geigerin. Im Jahr 1942 deportierten und ermordeten die Nationalsozialisten Alfons und Edith Lasker.

Anita und ihre Schwester Renate kamen in ein Waisenhaus, wurden später inhaftiert und schließlich in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Weil sie Cello spielen konnte, wurde sie Mitglied im Frauenorchester des Lagers. Ihre Befreiung erlebten Anita und Renate im April 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Im September 1945 sagte Anita Lasker als Zeugin im Bergen-Belsen-Prozess gegen Wachpersonal des Konzentrationslagers aus. 1946 wanderte sie mit einem Umweg über Belgien nach Großbritannien aus. Dort heiratete sie den Pianisten Peter Wallfisch, der ebenfalls aus Breslau stammte. Gemeinsam haben sie zwei Kinder. Anita Lasker-Wallfisch wurde Mitbegründerin des Londoner English Chamber Orchestra und eine erfolgreiche Cellistin.

Fast ein halbes Jahrhundert nach ihrer Befreiung schrieb Anita Lasker-Wallfisch ihre Erfahrungen zunächst für ihre Kinder und Enkel auf. Das Buch »Ihr sollt die Wahrheit erben« erschien im Jahr 1997 erstmals auch auf Deutsch. Bis heute hält sie Vorträge vor allem in Schulen.

Die Rede von Anita Lasker Wallfisch im Bundestag können Sie vollständig nachlesen oder als Video ansehen unter:

Link zur Website des Parlaments

Die Biografieempfehlung des Monats Februar 2018

Juan Martin Guevara / Armelle Vincent: Mein Bruder Che. Stuttgart: Tropen 2017

 

"Ich habe siebenundvierzig Jahre damit gewartet, den Ort aufzusuchen, an dem man meinen Bruder Ernesto Guevara ermordete."

Hätten Sie denn überhaupt gewusst, dass Che Guevara Geschwister gehabt hat, eine Familie?

Leben und Kämpfe des argentinischen Arztes Ernesto Guevara sind spätestens seit seiner Ermordung am 09. Oktober 1967 zu einem Mythos verklärt worden, der den realen Lebensweg überstrahlt und dessen skurrile Auswüchse - das wird sein jüngster Bruder in dieser auf eine überraschende Weise anrührenden Biografie nicht müde zu erklären - der Comandante selbst zutiefst verabscheut hätte.

Nach seinem Tode angebetet wie der gekreuzigte Jesus, sein Konterfei schnöde instrumentalisiert in missglückten PR-Kampagnen (Mercedes Benz 2012) erscheint es als schwieriges Unterfangen, ein Bild zu zeichnen, das dem lebendigen Menschen ähnelt, und sein politisches Vermächtnis, auch das unternimmt dieses Buch, neu zu bestimmen.

Juan Martin Guevara (geb. 1943, JMG) gelingt dies und das ist die bedeutsamste Aussage zu diesem Werk, an dem er gemeinsam mit der französischen Journalistin Armelle Vincent gearbeitet hat. Lange Jahre hat sich JMG gesträubt, über seinen legendären Bruder zu reden, hat Interviews abgelehnt. Zum Teil aus Selbstschutz, denn während der Zeit der brutalen argentinischen Militärdiktatur (1976-83) war es gefährlich, als Ches Bruder in der Öffentlichkeit zu agieren. Mehr als acht Jahre verbrachte JMG in den Gefängnissen der Junta. Auch über diese schrecklichen Zustände berichtet er und eigentlich ist das Buch eine Doppelbiografie.

Eine Bruderliebe, politisch grundiert, die bis heute währt. JMG gewährt Einblicke in die Kindheit des außergewöhnlich begabten, ältesten Bruders, zeichnet nach, wieviel er von diesem gelernt hat, wieviel Zuneigung er selbst und vor allem die Mutter durch ihn empfangen haben. Die legendäre Motorradtour des Studenten durch Amerika, verfilmt als Die Reisen des jungen Che, wird ebenso lebendig wie die Zeit seines Verschwindens, das Zusammentreffen mit Fidel Castros Gruppe in Mexiko, als lediglich Gerüchte, Todesmeldungen, meist vom CIA fingiert, die Familie in Angst und Schrecken versetzen. Schließlich der Triumph der kubanischen Revolution, die Besuche der Familie in Havanna und schließlich das erneute Untertauchen des Bruders in Bolivien.

Diese Erinnerungen beginnen mit dem Besuch des Bruders in La Higuera, einem gottverlassenen Dörfchen im Süden des Landes, wo Che Guevara auf feige Art erschossen wurde. Sie enden mit einer Reflexion darüber, was Ches antidogmatische Philosophie zu der gegenwärtigen Epoche des entfesselten Kapitalismus beizutragen hätte. Sein Bruder konstatiert: "Die Lösung unserer Probleme kann man nicht in der Anarchie finden, die wir derzeit auf dem Feld der Produktion erleben. Das Einzige, was man uns vorschlägt, ist, immer noch mehr zu besitzen. Unsere Religion ist der kannibalistische Konsum geworden. So produzieren wir immer mehr, wofür und zu welchem Ziel?"

All denen, die die Beantwortung dieser Fragen nicht gleichgültig lässt, die sich nicht abfinden wollen, seien die Erinnerungen des Bruders von Che mit Nachdruck zur Lektüre empfohlen, diesmal von Alfons Huckebrink

Die Biografieempfehlung des Monats Januar 2018

Yayoi Kusama: Infinity Net. Meine Autobiografie. Aus dem Japanischen von Nora Bierich. Bern / Wien: Piet Meyer Verlag 2017

 

"Ich streiche den heutigen Tag und bin in der Depersonalisation ..." Yayoi Kusama

Die am 22. März 1929 in der Präfektur Nagano geborene Japanerin Yayoi Kusama zählt zu den bemerkenswerten Künstlerpersönlichkeiten unserer Zeit, dies sowohl im Hinblick auf die Wechselfälle ihrer Lebensgeschichte als auch auf die Entwicklung eines ungewöhnlichen und ungewöhnlich bedeutenden Œuvres. Da beides im deutschsprachigen Raum erstaunlich unbeachtet geblieben ist, kann die bereits 2011 in London erschienene und nun endlich auch auf Deutsch verlegte, üppig illustrierte Autobiografie für manchen zu einer ebenso entdeckungs- wie erkenntnisreichen Lektüre werden.

Die Tochter einer im Pflanzensamenhandel reich gewordenen, angesehenen Familie beginnt bereits im Alter von zehn Jahren mit dem Malen und schöpft aus ihrer Neigung Lebenszuversicht. Erst nach dem Ende des zweiten Weltkriegs darf sie gegen familiäre Widerstände eine Hochschule besuchen, erkennt aber recht bald die bornierte Rückständigkeit des japanischen Kunstbetriebs. Recht früh machen sich bei ihr die Symptome einer psychischen Erkrankung bemerkbar. Sie leidet an nervösen Zuständen und Halluzinationen: Wahnvorstellungen von Blumen und Punkten, die durch Räume wandern. Unter dem Einfluss der Krankheit behauptet sie sich mit ihrer Malweise der Infinity Nets, großformatige „Abstraktionen, die auf der Wiederholung einfacher, kreisförmiger Pinselstriche beruhen“, so einer ihrer ersten amerikanischen Kritiker 1960.

Ermutigt von Georgia O‘Keeffe, wagt sie 1956 den Sprung in die USA. Nach entbehrungsreichen Anfängen entwickelt sie in New York ihre Kunst weiter, avanciert zur Königin der Polka-Dots und mischt die Szene mit spektakulären, damalige sexuelle Grenzen überschreitenden Happenings auf, deren weltweiter Resonanz und kommerzieller Vermarktung sie merkwürdig distanziert gegenüber steht. Immerhin ist sie anerkannt, dreht avantgardistische Kunstfilme (immer noch ein visuelles Erlebnis: „Kusama’s Self-Obliteration“ von 1967 auf youtube) und wird zu bedeutenden Ausstellungen eingeladen. 1993 nimmt sie als Repräsentantin Japans an der 43. Biennale in Venedig teil.

1973 kehrt sie nach Japan zurück, welches sie inzwischen als bedeutende Künstlerin akzeptiert hat. Sie veröffentlicht Gedichte und Romane, empfängt zahlreiche Ehrungen und entscheidet sich 1977 dazu, langfristig in einer psychiatrischen Klinik in Tokyo zu leben. Sie richtet sich gegenüber ein von Assistenten geführtes Atelier ein, wo sie bis heute täglich arbeitet und an ihrem weltweit gespannten Infinity Net webt.

Dieses Buch zu lesen und zu schauen wird zum Erlebnis. Sinnfälliger lässt sich Kunst, lässt sich ein Künstlerinnenleben kaum vermitteln, meint Alfons Huckebrink.