Autor des eigenen Lebens werden:

10 Jahre Autobiografieempfehlungen!!! Seit dem 1. April 2012...Wir freuen uns!

Literatur und autobiografische Aufmerksamkeit

Eine Kooperation rund um das Thema autobiografische Aufmerksamkeit und autobiografisches Schreiben

  • Seminare
  • Schreibwerkstätten
  • Literaturempfehlungen

  

20.000 Besucher seit dem 25.5.2022 und noch mehr Grund zum Feiern!

An sonnigen Sommertagen:

 

Alfons Huckebrink:

 

Wortentbrannt. 100 Kürzestgeschichten.

 

Die Lesung an der Literaturline der Stadt Münster:

 

Zur Lesung

 

 

09/2021 erschienen bei: Elsinor (Edition Longinus), Coesfeld        Zum Buch

Die Biografieempfehlung des Monats Juli 2022

Maria Herreros: Georgia O`Keeffe, Art Masters, eine Grafic Novel. London: selfmadehero 2022

 

Diese Künstlerinnen-Biografie über Georgia O`Keeffe (1887-1986) wurde von der Designerin Maria Herreros als Grafic Novel ausgeführt und stellt selbst ein Kunstwerk dar.

Georgia O`Keeffe (GOK) wuchs als zweites von sieben Kindern auf einer Milchfarm in Wisconsin, USA, auf. Sie wurde sowohl von ihrer Mutter als auch später in der Schule künstlerisch gefördert und ausgebildet. Sie arbeitete als Kunstlehrerin an einem College in Texas. Im Sommer 1915, als GOK die Ferien in ihrem Heimatort verbringt, setzt die Grafic Novel ein. Sie zitiert aus Briefen an Georgias Freundin Anita und verdeutlicht somit schnell den Einstieg in die künstlerische Karriere verdeutlicht. Die Briefe enthüllen vor allem ihr philosophisches Denken, ihre Faszination für Formen und originelle Ideen, die insbesondere von Orten und der Natur inspiriert sind.

Anita Pollitzer, die die Verbindung zu New York und der modernen Kunstszene hält, überbringt schließlich eine Auswahl von Zeichnungen GOKs an den Galeristen Alfred Stieglitz in New York, der von diesen beeindruckt ist, ihre Werke ausstellt. Es entwickelt sich eine zweijährige Brieffreundschaft, später eine Liebesbeziehung und lebenslange Partnerschaft. Nachdem er sie überzeugt hat, nach New York zu kommen, stellt er sie als Modell für seine Foto-Kunst an, so dass sie, finanziell unabhängig, sich ganz ihrer eigenen Kunst (und Alfred) widmen kann.

Der Vorteil einer Grafic Novel ist ihre Kürze; mit wenigen Zitaten und dem Subtext zu den Grafiken wird vieles ausgedrückt, was in einer Beschreibung mehr Raum benötigt hätte. Still Anita, I don`t see why we ever think of what others think of what we do. Die Entwicklung zur inneren Unabhängigkeit von den Bewertungen anderer, verbunden mit dem nachdrücklichen Vertreten eines eigenen Standpunktes – vor allem gegenüber der männlich dominierten Kunst-Welt, macht einen wichtigen Pfeiler ihres künstlerischen Erfolges aus.

Sie widersetzt sich freudianischen, aber auch sexistischen Interpretationen Alfreds.

You write about my flower as if I think and see what you think and see the flower…. and I don`t.

Sie wird rasch erfolgreich und kann von ihrer Kunst leben. Über New York schreibt sie: „They have no time to look at a flower.- But I`ll look more“. Sie reist viel, arbeitet an jedem Ort, an dem sie sich befindet, sehnt sich aber nach Ruhe und einer natürlichen Umgebung. Insbesondere Aufenthalte in New Mexico, wo sie sich auf verlassenen Farmen einmietet, erlebt sie als extrem inspirierend. Persönliche Enttäuschungen durch Alfred führen zu einer zweijährigen persönlichen und künstlerischen Krise.

Sie kauft später die Ghost Ranch, wo sie bis an ihr Lebensende mit 97 Jahren vorwiegend alleine, lebt. It is something in the air, alles sei besonders: das Licht, der Wind, der Himmel, die Sterne, schreibt sie an Alfred, der New York bevorzugt. Sie erwandert ihre Umgebung, campt in freier Natur.

Das Neue, was GOK in die Kunst eingebracht hat, ist die Gleichzeitigkeit von abstrakter und realistischer Darstellung natürlicher Formen und Elemente. Sie will ausdrücken, wie sie selbst ihre Objekte erspürt und wahrnimmt. Die Blüten - Gemälde, für die sie berühmt ist, sind im Detail vereinfacht, aber sehr ausdrucksvoll in der Form, abstrakte Ölbilder mit vegetatiblen organischen Formen. Es sind Bilder, die fast eine suggestive Wirkung haben, mit sehr sinnlichen Formen, die teilweise von Betrachtern als erotische Formen wahrgenommen wurden.

1945 stirbt ihr Partner Alfred, ein schwerer Schlag für sie, anschließend kehrt sie New York für immer den Rücken. Sie bereist die Welt, zeitweise mit einem viel jüngeren Bildhauer, schafft mit seiner Hilfe einige überdimensionale Skulpturen, widersetzt sich prominenten Versuchen, sie zum Katholizismus zu bekehren. Um frei zu sein, war ihr jede Mühsal, jedes Risiko recht. I`ve been absolutely terrified every moment of my life. And I never let it keep me from doing a single thing I wanted to do. GOK ist schon zu ihren Lebzeiten eine bekannte und berühmte Künstlerin vor allem in Amerika gewesen und ist es bis heute. Deshalb sei diese Lebensgeschichte für jede*n, der*die Freiheit, Natur und Kunst liebt, sehr bedeutsam, meint Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats Juni 2022

Irvin D. Yalom: Wie man wird, was man ist. Memoiren eines Psychotherapeuten. Berlin: btb 2017

 

Irvin Yalom, Mediziner, Psychotherapeut und Begründer der Existentiellen Psychotherapie, emeritierter Professor der Stanford Universität, hat nicht nur zahlreiche Bücher für seine Fachkollegen geschrieben, sondern ist zudem begeisterter und begeisternder Schriftsteller für eine breite Leserschaft. Philosophische Themen stehen im Mittelpunkt seines Werkes, das sich an der Schnittstelle von Natur- und Geisteswissenschaft verortet. Insbesondere nimmt es die persönliche und therapeutische Beschäftigung mit Sterben und Tod in den Blick, aus der sich in Anlehnung an Epikur und die Philosophen der Renaissance eine Philosophie der guten Lebensführung ergibt, ferner die Entwicklung der Methode der Gruppen- sowie eine auf einer offenen Beziehung basierenden Einzeltherapie. Aus eigener Erfahrung während seiner psychiatrischen Ausbildung in den 50er Jahren empfand Y. die Psychoanalyse als wenig hilfreich und änderte das Beziehungskonzept für seine eigenen Patienten dahingehend, dass vor allem Qualitätsmerkmale wie Empathie, Wertschätzung, Echtheit und professionelle Selbsteinbringung eine Rolle spielen.

Yalom wuchs als Kind russisch - jüdischer Einwanderer unter zunächst schwierigen Bedingungen in Washington DC auf, wo seine Eltern mit einem Lebensmittelgeschäft ihre neue Existenz aufbauten. Zunächst wohnte die Familie unter prekären Bedingungen direkt über diesem Laden; später kaufte seine Mutter ein Haus in einer ruhigen Gegend. Als Kind und Jugendlicher war Y. aufgrund des ökonomischen Existenzkampfes seiner Eltern zumeist sich selbst überlassen, seine Schwester war sieben Jahre älter als er, er litt unter Einsamkeit und Minderwertigkeitsgefühlen. Er hatte wenige soziale Beziehungen und war von einem extremen Leistungswillen und schulischem Fleiß erfüllt, der schließlich dazu führte, dass er zunächst in Washington, später in Boston die Zulassung zum Medizin-Studium erhielt. Seine Assistenzzeit verbrachte er an der John-Hopkins-Universität. Schon während dieser Zeit heiratete er seine Jugendliebe Marilyn und gründete eine Familie. Nach seiner Wehrdienstzeit auf Hawaii erhielt Y. eine Professur an der Stanford-Universität, wo er bis zu seinem Ruhestand 1994 lehrte. Mit zunächst drei, später vier Kindern unternahm das Ehepaar zahlreiche Reisen, dazu kamen berufliche Auslandsaufenthalte in London, Paris, Athen. Seine Frau, eine frankophile Romanistin und Literaturwissenschaftlerin, teilte seine Leidenschaft zum Schreiben und wurde Professorin im Bereich Kultur- und Geisteswissenschaften. Sie lehrte später ebenfalls an der Standford Universität und profilierte sich als Expertin feministischer Themen und Forschungen.

Es sind überreiche und inspirierende Memoiren, weil die abwechslungsreiche Lebensgeschichte wertvolle Einblicke in die 50er und 60er Jahre bieten und natürlich in die darauffolgenden Jahre, an die die meisten Leser sich bewusst erinnern können. Seine Memoiren zeichnen sich durch seine typische innere Haltung von großer Offenheit aus, er lässt die Leser:innen an der Entwicklung seiner Buch-Ideen teilhaben und widmet den zweiten Teil vor allem seiner beruflichen Veröffentlichungen. Y. ist ein Suchender, agnostischer Jude, areligiös, aber nicht antireligiös, ein wertvoller Zeitzeuge und ein Modell für andere, die sich selbst ein Leben lang auf der Spur bleiben wollen. Deshalb seien die Memoiren von Y. nicht nur dem Fachpublikum empfohlen, meint Gudula Ritz. Y. wird in diesem Monat 91 Jahre alt und ist immer noch psychotherapeutisch tätig. Seine Frau verstarb, wie man bei wiki nachlesen kann, im Jahr 2019.

Die Biografieempfehlung des Monats Mai 2022

Volker Reinhardt: Voltaire. Die Abenteuer der Freiheit. München: C.H. Beck 2022

 

Diese Biografie von Volker Reinhardt bringt uns das Leben, Denken und Schaffen einer Persönlichkeit, die wesentlich zur Entwicklung der Moderne beigetragen hat, auf beeindruckend recherchierte, historisch plausible und stilistisch einzigartige Weise nahe. Dabei bewegt sich der Biograf im Spannungsfeld zwischen wertfreiem Überblick, Herausstellung persönlicher Verdienste und empathischer Übernahme der Perspektive seines Helden, kritischen Hinterfragens desselben bis hin zur gelegentlichen Verwendung historisch überlieferter Sprachmuster aus den arrivierten Kreisen des 18. Jahrhunderts. All dieses macht die Lektüre des über 500 Seiten starken Werkes zu einem bereichernden und lehrreichen Genuss.

Voltaire, wie er sich später selbst genannt hat, wurde als François-Marie Arouet in Paris als Sohn eines Juristen im Jahr 1694 geboren. Nicht nur mit seinem Namen, auch mit seiner Herkunft spielte er, denn er schrieb sich einen anderen als seinen offiziellen Vater zu und änderte sein amtliches Geburtsdatum, indem er es um 9 Monate vorverlegte. Seine Mutter starb, als „Voltaire“ sieben Jahre alt war. Die Wechselfälle der Lebensgeschichte sowie das fast unüberschaubare Werk des Philosophen werden in ihrer historischen, biografischen und aktuellen Bedeutung dem Leser nahegebracht.

Sein Leben lang reizten Voltaire die bestehenden absolutistischen Verhältnisse zum Widerspruch, zur Enttarnung, zum Spott und zur Satire, was ihm als junger Mann 11 Monate Haft in der Bastille, später Verfolgung und Flucht, Camouflage und Verleugnung (viele Werke erschienen unter Pseudonym) einbrachte. Mit zunehmendem Alter wurde sein Handeln zusehends strategischer; so konnte er zeitweise mit gegensätzlichen Positionen spielen, um seine eigentlichen Botschaften, die die Menschenwürde propagierten und der Aufklärung dienten, zu verbreiten. Nach Annäherung an den Hof des jungen Ludwig XV. erlitt er einen gewaltsamen Angriff durch einen adeligen Konkurrenten, der ihn verbal herabsetzte, später verprügeln ließ; schließlich landete er nach einem ungerechten Urteil der Ständejustiz erneut in der Bastille. Nach Entlassung ging er für einige Jahre nach England ins Exil, begeisterte sich für Shakespeare und das aufgeklärte "moderne" Leben in London und schrieb erste politisch-philosophische Essays. Eine zufriedenstellende und produktive Zeit war die mit seiner klugen Lebensgefährtin Emilie du Châtelet, einer bedeutenden Physikerin und Mathematikerin, in ihrem Schloss in Cirey. Nachdem diese verstorben war, ließ er sich von Friedrich II. an den Preußischen Hof locken, der eine jahrelange Korrespondenz mit V. pflegte, als aufgeklärter und kulturell aktiver Monarch gelten wollte, sich später als rücksichtsloser Kriegsherr entpuppte und hierdurch V.`s Kritik erntete.

V. passt als Freigeist nicht nachhaltig in den Hofstaat ebenso handverlesener wie handzahmer Intellektueller und wird während seiner Rückreise aus Potsdam in Frankfurt auf Befehl des Preußenkönigs rechtswidrig kurzfristig festgesetzt. Mit Madame Denis, seiner Nichte, lebt er anschließend im calvinistisch regierten Genf, um vor französischer Verfolgung sicher zu sein. In Genf, der Heimat Rousseaus, seines stärksten Konkurrenten, der ihn offenbar aus Eitelkeit an die Grenze der von ihm geforderten Toleranz bringt, ist man V auch nicht durchweg wohlgesonnen, weshalb er vier Landhäuser nahe des Genfer Sees in drei Ländern, alle eine Tagesreise entfernt, kauft. Diese dienen als mögliche Refugien, aber auch als „Burgen, auf denen er den Kampf für die Aufklärung“ (S. 419) und gegen den vor allem religiösen Fanatismus führen kann. Er ist durch kluge Investitionen und später auch durch seine Veröffentlichungen zu kontinuierlich wachsendem Wohlstand gelangt und unterscheidet sich dadurch wesentlich von Rousseau, der Armut predigt. Nach Genf ist später das französische Ferney sein bevorzugter Arbeitsort.

Einen Überblick über die Fülle von V.‘s einzigartigem Werk bieten zu wollen, wäre hier vermessen. 50 Theaterstücke, ein Wörterbuch, das keines ist, Rührstücke, Auftragsarbeiten, Komödien, die Universalgeschichte, Biografien, investigative Reportagen, v.a. über Justizirrtümer und Justizmorde, u.v.m. Die beliebte Novelle „Candide“ wird in der Bearbeitung von L. Bernstein als Operette bis in die heutige Zeit inszeniert, sein Traktat über die Toleranz erlebte zu V.‘s Lebzeiten bereits erhebliche Verbreitung und wurde zuletzt nach dem islamistischen Anschlag auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" 2015 wieder populär und verbreitet. Er hinterfragt Entwürfe von Ideologien und „besten Staaten“, die immer nur vorläufig sein können und überdacht werden müssen. V. wird trotz kränklicher Gesundheit über 80 Jahre alt und erhält später einen Ehrenplatz im Pariser Pantheon. Es ist erstaunlich, dass diese Fülle und Komplexität einer schillernden Persönlichkeit wie V., ihrer Geschichte und ihrer Gedankenwelt durch den Biografen Volker Reinhardt mit Leichtigkeit und auf für jeden Interessierten spannende und verständliche Weise dargestellt werden, findet Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats April 2022

Alexander Heflik: Erwin Kostedde. Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler. Bielefeld: Verlag Die Werkstatt.2021

 

Einen Nigger haben sie jetzt auch noch, die Deutschen.

 

Der böse Satz eines deutschen Hotelgasts fällt am 12. März 1975 bei der Abfahrt der Fußball-Nationalmannschaft zum Länderspiel gegen England in Wembley. Er ist auf den fassungslosen Erwin Kostedde gemünzt, den ersten schwarzen Spieler im deutschen Team. Es ist sein zweiter von drei Einsätzen im Nationaltrikot und Kostedde wird in der 75. Minute durch Jupp Heynckes ersetzt. Er ist 28 Jahre alt und hat bereits als 14jähriger davon geträumt, das Trikot zu tragen. Wenn er davon erzählt hat, ist er ausgelacht worden.

Wer wissen möchte, wie Rassismus im Alltag und im Alltag des Fußballsports funktioniert - ich entscheide mich bewusst dagegen, hier das Perfekt zu verwenden -, dem sei diese eindrückliche Lebensbeschreibung ans Herz gelegt. Nach seinem Debüt gegen Malta am 22.12.1974 in La Valetta versteigt sich das Hamburger Abendblatt zu folgender Formulierung: Es war einmal ein kleiner Mohr. Zwei Tage vor Heiligabend bereits wurde er beschert und sein Wunschtraum ging in Erfüllung. Der Mohr wurde Nationalspieler. Im Match gegen England vor 100000 Zuschauern kann er seine Qualitäten nicht abrufen. Sein Spiel hängt in der Luft. Er fühlt sich wie ein Versager, dem Druck hat er nicht standhalten können. Nur, wer hätte das an seiner Stelle, mit seiner Hautfarbe gekonnt?, konstatiert Alexander Heflik.

Kostedde wird am 21.Mai 1946 als Sohn eines amerikanischen GI's geboren. Sein Vater wird ihm immer unbekannt bleiben, seine Mutter Maria weigert sich, über ihn zu sprechen. Seine Kindheit in Münster ist geprägt vom allgegenwärtigen Rassismus. In der Margaretenschule wird er gehänselt. Ich habe das mit meiner Hautfarbe einfach nicht verstanden.[...] Die haben mir gesagt, du musst dich mehr waschen, eine Stunde lang mit Kernseife. Aber ich wurde nicht heller. Es folgen Aufenthalte in verschiedenen Heimen, zusammen mit halben Verbrechern. Wenn seine Mutter Besuch bekommt, tun die Gäste überrascht: Wo habt ihr den denn gekauft? Anerkennung findet er auf dem Fußballplatz. Ein Polizist beobachtet ihn beim Straßenkick und schenkt ihm die ersten Fußballschuhe. Beim TuS Saxonia, für den auch der Rezensent vor Jahren einmal seine Stiefel geschnürt hat, wird er für die A-Jugend des SC Preußen Münster entdeckt. Seine besten Jahre erlebt er bei Standard Lüttich und Kickers Offenbach. Mit dem Verein feiert er 1972 den Wiederaufstieg in die erste Liga und erzielt 1974 das "Tor des Jahres". Seine letzten Stationen im Profifußball sind Werder Bremen und VFL Osnabrück. Er hätte mehr erreichen können, wie er selbstkritisch zugibt. Seine Eskapaden, u.a. tagelanges Fernbleiben vom Training und Alkoholexzesse, sind berüchtigt. In Bremen sagt Manager Rudi Assauer über ihn: Bei uns braucht der Kostedde nicht mehr zu laufen, es genügt, wenn er im gegnerischen Strafraum steht und mit seinem Hintern noch Tore macht. Nach seiner Karriere erfolgt der Absturz. Das Geld ist weg, schließlich wohnt er mit Frau Monique und Sohn in einem Trailerpark bei Billerbeck. Der Tiefpunkt am 23. August 1990: Auf dem Weg von Havixbeck nach Münster wird Kostedde von der Polizei angehalten und verhaftet. Vor den Augen seiner Familie. Er wird beschuldigt, in Coesfeld eine Spielothek überfallen und ganze 160 Mark erbeutet zu haben. Er muss sofort in U-Haft. Nach drei Monaten wird Haftverschonung abgelehnt, Kostedde unternimmt einen Suizidversuch und wird ins LKH Münster eingewiesen. Der spektakuläre Prozess beginnt am 24.04.91 und offenbart gravierende, womöglich rassistisch motivierte Ermittlungspannen. Die Kassiererin hat ihn bei der Gegenüberstellung wiedererkannt. Vor Gericht ist sie sich nicht einmal sicher, ob dies der Mann ist, den sie bei der Polizei wiedererkannt hat. Zudem ist Kostedde bei der Gegenüberstellung der einzige Anwesende, vorgeschrieben sind sieben Personen. Die Polizei wird später erklären, sie habe nicht so viele schwarze Menschen dafür auftreiben können ... Kostedde wird freigesprochen.

Der Rassismus ist nach wie vor da, sagt er heute. Er ist ganz nah. Und in einem Interview mit der Fachzeitschrift 11 Freunde bewertet er Clemens Tönnies' rassistische Aussagen über Afrikaner ganz eindeutig: Wer so etwas sagt, dem ist das nicht einfach passiert. ... Um es deutlicher zu sagen: Clemens Tönnies ist ein Rassist. 

Der versierte Fußballkenner Alexander Heflik, Sportchef der Westfälischen Nachrichten, verhilft mit dieser Biografie dem Menschen und deutschen Fußballprofi Erwin Kostedde zu etwas, was ihm wohl zeitlebens - mit Ausnahme vielleicht in den Offenbacher Jahren - versagt geblieben ist: Respekt. Mit viel Empathie und beeindruckendem Sachverstand zeichnet er einen Lebensweg nach, dessen Verlauf jedem Leser / jeder Leserin zu denken geben wird. Erhellend sind auch die dort eingebrachten Stimmen und Meinungen von Zeitgenossen, insbesondere die Erinnerungen des Fußballprofis Jimmy Hartwig, der mit vergleichbaren Diskriminierungen ganz anders umgegangen ist. Ein Buch nicht nur für Fußballinteressierte. Und wer ihn bisher noch nicht gesehen hat, sollte sich ebenfalls den 2021 erschienenen Dokumentarfilm Schwarze Adler, der sich mit den Erfahrungen und Erlebnissen schwarzer deutscher Nationalspieler:innen auseinandersetzt, auf die To-do-Liste setzen, empfiehlt Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats März 2022

Brandi Carlile: Broken Horses. A Memoir. New York: Crown. 2021

 

All these lines across my face / Tell you the story of who I am / So many Stories of where I've been / And how I got to where I am / But these stories don't mean anything / When you've got no one to tell them to / It's true ... I was made for you

 

Beim Verfassen dieser Zeilen zu Brandi Carliles Erinnerungen lausche ich der Musik von The Story (1. Strophe oben im Zitat), einem ihrer ausgesprochen emblematischen Songs, erschienen 2007 auf dem gleichnamigen Album. The Story ist ihr zweites Album und das erste mit einem größeren Erfolg. Produziert wurde es von der legendären US-Musikikone T-Bone Burnett. In ihrem mit vielen Fotos ausgestatteten Buch spürt sie erschöpfend der Genese dieses Songs nach. Überhaupt besteht darin eine seiner großen Stärken. In The Joke, einem weiteren fulminanten Song aus dem Album By the way, I forgive you (2017), reflektiert sie u.a. ihre Eindrücke von Chris jr., dem 12jährigen Sohn ihres Schlagzeugers, der wegen seines linkischen Wesens in der Schule gemobbt wird: The kids at school were calling him a fag. Im Liedtext zu The Joke gelingen ihr die großartigen Verse: They can kick dirt in your face / dress you down and tell you that / your place is in the middle / When they hate the way you shine / I see you tugging on your shirt / Trying to hide inside of it / And hide how much it hurts

Inzwischen hat Brandi Carlile ihren Weg zur international erfolgreichen Singer/Songwriterin zurückgelegt, der für ihre Arbeiten bereits sechs Grammys verliehen wurden. In ihrem Memoir, das bislang leider nur auf Englisch vorliegt, blickt sie darauf zurück. Sie wird 1981 in eine musikalische Familie hineingeboren und steht mit acht Jahren erstmals gemeinsam mit ihrer Country begeisterten Mutter auf der Bühne. Mit 17 Jahren verlässt sie ihre ländliche Heimat und geht nach Seattle. Entscheidend für ihren weiteren Weg ist die Begegnung mit den Zwillingen Phil und Tim Hanseroth, der im Memoir das Kapitel Irish Twins gewidmet ist. We were completely inappropriate. We wrote terrible joke songs, we were wild and we liked kid booze - Jägermeister, Goldschläger, and Rumple Minze. Trotz dieser heftigen Begleiterscheinungen sind die beiden bis heute ihre kongenialen Begleitmusiker und an der Entstehung ihrer meisten Songs beteiligt. 

2002 outet sich Brandi Carlile als lesbisch. Eine der eindrücklichsten Passagen in Broken Horses schildert ihre brüske Zurückweisung von der Taufe (im Kapitel Baptists are mean). Pastor Steve nimmt sie beiseite und examiniert sie: Do you practise homosexuality? Ihre bemerkenswerte Antwort: I don't care for that word. I'm only being who I was born to be. Die Antwort des Gottesmannes ist unmissverständlich: If you can't repent, I can't baptize you. Brandi Carlile heiratet 2012 die Engländerin Catherine Shepherd. Sie haben zwei Töchter. 2021 erscheint Carliles aktuelles Album In these silent days, in dem ihre Erfahrungen mit der Pandemie einen musikalischen Ausdruck finden.

Die Lektüre der Broken Horses Memoiren lohnt auch die Mühen der Fremdsprache. Ansonsten bleibt Ihnen selbstverständlich Brandi Carliles Musik, die immer berührend ist. Ich kenne keinen Song von ihr, der enttäuscht, bekennt Alfons Huckebrink.  

Die Biografieempfehlung des Monats Februar 2022

Deutscher Bundestag: Rede am Gedenktag für die Opfer des Holocausts

 

Leider ist dieser Krebs wieder erwacht und Judenhass ist in vielen Ländern der Welt, auch in Deutschland, wieder alltäglich. Diese Krankheit muss so schnell wie möglich geheilt werden.

Inge Auerbacher am 27. Januar 2022 im Deutschen Bundestag.

 

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Seit 1996 führt der Deutsche Bundestag zu diesem Datum eine Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus durch.

 

In einer ergreifenden Rede hat in diesem Jahr die Holocaust-Überlebende Dr. h. c. Inge Auerbacher die schrecklichen Ereignisse ihrer Kindheitsjahre im faschistischen Deutschland geschildert. Die 87-jährige heutige US-Staatsbürgerin sprach in der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages.

 

Inge Auerbacher war als Siebenjährige von Stuttgart aus in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden. Soviel ich weiß, bin ich das einzige Kind, das unter allen Deportierten nach Stuttgart zurückkehrte. 20 Personen von unserer Familie sind von den Nazis ermordet worden. Nach der Befreiung des KZ's durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 folgte im Mai 1946 die Emigration nach New York. 

 

Zur Rede Inge Auerbachers im Deutschen Bundestag

Die Biografieempfehlung des Monats Januar 2022

Alicia Keys & Michelle Burford: More Myself – Mehr ich selbst. München: Knaur. 2020

 

Das Buch startet mit einer autobiografischen Erinnerung. Alicia Keys‘ Mutter, eine alleinerziehende Teilzeitschauspielerin, sitzt in einem Taxi, AK ist sieben Jahre alt, das muss 1988 gewesen sein. Sie fragt ihre Mutter, warum die Frauen, die sie aus dem Taxifenster sehen kann, so wenig angezogen haben, obwohl es sehr kalt ist. Die Erklärung ihrer Mutter: Diese Frauen versuchen zu überleben. Die Szene greift einen roten Faden dieser Autobiografie auf: AK möchte niemals Opfer der Umstände sein, abhängig von anderen, bloßgestellt, halbnackt. Der Weg aus Armut und Unsicherheit ist eine Motivationsquelle, aber nicht die wichtigste. Als Künstlerin hat für sie nicht der materielle Erfolg Priorität, sondern die Arbeit selbst ist ihr zentraler innerer Antrieb. Trotz ihres permanenten Ringens um Authentizität und der Entwicklung zur erfolgreichen Musikerin, Frau und Mutter sowie zur selbstständigen Singer/Songwriterin-Persönlichkeit ist sie vielfältigen Diskriminierungen und Manipulationen ausgesetzt, denen sie sich mit ihrem ihr eigenen Selbstbewusstsein entgegensetzt. Ihr Vater ist farbig, deshalb gilt sie als farbig, und sie ist eine Frau. Sie ist stolz auf ihre afrikanischen Wurzeln, die ihre Identität ausmachen. Während einer Reise nach Ägypten wird ihr klar, dass die Wiege der Kultur in Afrika liegt. Frauen haben es als Songwriterinnen und Musikerinnen schwerer als Männer, bekannt und anerkannt zu werden. Ein weiterer autobiografischer Flashback: Sie ist neunzehn und wird für ein frühes Plattencover fotografiert. Dabei wird mehr von ihrem Körper gezeigt, als sie es selbst will. Nacktheit verkauft sich zwar besser, zu dieser Zeit ihres Lebens verhüllt sie sich jedoch lieber oder trägt jungenhafte Kleidung, auch, um sich zu schützen. Die kleine Familie erhält ein gebrauchtes, altes Klavier, AK darf Ballettunterricht nehmen. Sie wird von der Großmutter väterlicherseits liebevoll unterstützt. Das College wird gegen den Willen der Mutter abgebrochen, die nächtlichen Jams mit ihrem Freund Kerry nehmen dafür einfach zu viel Energie und Zeit ein. Sie baut sich eine Karriere als Musikerin auf, dabei entwickelt sie ihren ganz eigenen Stil, der ein enger Ausdruck ihrer biografischen Entwicklung ist. Schritt für Schritt emanzipiert sich AK aus alten Einschränkungen und Abwertungen, auch aus der Bescheidenheit ihrer Herkunft und den existenziellen Ängsten. Schon die Ballettlehrerin verlangt von ihr, dass sie ihren Hintern einziehen soll, da sie ihn für zu dick befindet. Ihre Reaktion ist Widerstand und Wut. Das Thema Schönheitslüge, mit der die Frauen unterdrückt werden, indem sie einer unerreichbaren Norm unterworfen werden, egal ob schwarz oder weiß, ist ein weiterer roter Faden der Autobiografie, allerdings ist hier schon früh ihr natürliches Selbstbewusstsein festzustellen: Sie lehnt die sogenannten Schönheitsnormen für Frauen ab. Möglichst weiß und möglichst dünn auszusehen. Vor jedem Foto-Termin und vor jeder Show eine dicke Schicht Makeup zu tragen, Tag für Tag, damit ist bald Schluss. Nach einer Geburt möglichst wieder schnell so wie vorher auszusehen, nur ja kein bisschen Cellulite zu zeigen (Darauf warten die Paparazzi, um es der Klatschpresse zu präsentieren). „Wer hat das Recht, ein Foto von meinem Hintern zu schießen und es nachher überall zu verbreiten?“… Eine berechtigte Frage.

Auch mit vierzig ärgert es sie noch, dass ihr Körper, der eben der ihre ist und den sie als vollkommen natürlich erlebt, mit dem sie selbst zufrieden ist, für ein Plattencover per Fotoshop verändert wird, damit sich ihre Musik nach Ansicht ihres Produzenten besser verkauft.

Schritt für Schritt wehrt sie sich und löst sich aus geschäftlichen Bindungen, von Produzenten, Managern und wird mehr und mehr sie selbst. Es fällt ihr schwer, sich etwas zu gönnen, sie, die in Manhattan in einem Stadtteil namens „Hells Kittchen“ unter eher bescheidenen Bedingungen aufgewachsen ist. So ist die Biografie zum Teil vielleicht auch etwas geglättet, wohl, weil die Künstlerin immer noch veröffentlicht und um ihre Privatsphäre zu schützen. Dadurch entsteht ein paradoxer Effekt zum Titel des autobiografischen Buches. Trotzdem: Ein beachtenswerter Lebensweg mit wichtigen Erkenntnissen, nicht nur für Frauen, findet Gudula Ritz

Die Biografieempfehlung des Monats Dezember 2021

Paul McCartney: Lyrics. Herausgegeben und mit einer Einleitung von Paul Muldoon. Aus dem Englischen übersetzt von Conny Lösch. München: C.H.Beck. 2021

 

Eine Autobiografie in Songtexten? Im Falle Paul McCartneys die naheliegende und einzig mögliche Form, sein Leben zu erzählen:

 

Unzählige Male wurde ich schon gebeten, eine Autobiografie zu schreiben, aber nie war die richtige Zeit dafür. Meist zog ich Kinder groß oder war auf Tournee - beides ist nicht ideal, wenn man sich über lange Strecken konzentrieren möchte. Das Einzige, was immer ging, egal ob zu Hause oder unterwegs, war Songs zu schreiben. Wenn Leute erst mal ein gewisses Alter erreicht haben, greifen sie gerne auf Tagebücher oder Terminkalender zurück, erinnern sich Tag für Tag an vergangene Ereignisse, aber solche Aufzeichnungen habe ich nicht. Was ich habe, sind meine Songs - hunderte - und eigentlich erfüllen sie denselben Zweck. Sie umspannen mein gesamtes Leben, weil ich schon mit vierzehn Jahren zuhause in Liverpool, als ich meine erste Gitarre bekam, instinktiv anfing, Songs zu schreiben. Seither habe ich nicht mehr aufgehört. Paul McCartney

 

In diesem außergewöhnlichen Buch betrachtet Paul McCartney sein Leben und sein Werk im Prisma von 154 eigenen Songtexten, entstanden zwischen 1956 und 2020. In alphabetischer Reihenfolge angeordnet, bilden diese Songs von den frühesten musikalischen Gehversuchen über Klassiker der Beatles wie Hey Jude, Yesterday oder Let it be ein autobiografisches Kaleidoskop, in dem McCartney die Entstehungsgeschichten seiner Songs schildert, Menschen und Orten gedenkt, die ihn beeinfusst haben, und uns mitteilt, was er heute über seine Lieder denkt. An deren Auswahl beteiligt ist der renommierte nordirische Lyriker Paul Muldoon, der auch mit McCartney über die Texte gesprochen und diese Gespräche abschließend zu Kurzerzählungen umgeformt hat. Auf diese Arbeitsweise ist ein einzigartiges Musiker-Memoir entstanden, das McCartneys Stimme und Persönlichkeit auf jeder Seite spürbar werden lässt. Nicht nur für Menschen, denen die Musik der Beatles zum Soundtrack ihrer eigenen Jugend geworden ist, ein unvergleichliches Weihnachtsgeschenk, versichert Alfons Huckebrink.

 

© Foto Paul McCartney (oben): Mary McCartney 

Die Biografieempfehlung des Monats November 2021

Labatut, Benjamin: Das blinde Licht. Irrfahrten der Wissenschaft. Berlin: Suhrkamp. 2021

 

Gott würfelt nicht. Albert Einstein

 

Sie sind Pioniere und Verdammte. Eroberer von Raum und Zeit. Träumer des Absoluten. Sie verändern den Lauf der Geschichte und verzweifeln an sich selbst: Werner Heisenberg (1901-1976) - Gegenspieler Erwin Schrödingers (1887-1961) -, dessen Gleichungen - im Wahn auf der Insel Helgoland entstanden - zum Bau der Atombombe führen. Der Mathematiker Alexander Grothendieck (1928-2014), der es vorzieht, seine Formeln zu verbrennen, um die Menschheit vor ihrem zerstörerischen Potenzial zu schützen. Oder Fritz Haber (1868-1934), dessen physikalische Verfahren, die synthetische Gewinnung von Ammoniak, eine Hungerkrise vermeiden und mit Zyklon B zugleich das diabolischste Werkzeug der Nationalsozialisten hervorbringen werden. Er gilt auch als Vater des Gaskriegs, also der erstmaligen massenhaften Verwendung von Giftgas im 1. Weltkrieg, dessen Einsätze er persönlich durchführt, überwacht und auswertet.

In vier meisterhaften Geschichten nähert sich Benjamin Labatut, geb. 1980, in Santiago de Chile lebend, der Frage, bis wohin unser Verstand reichen kann und was passiert, wenn diese Grenze überschritten wird. Ein überaus spannend geschriebenes fiktionales Werk, das auf Fakten beruht. Der fiktionale Anteil, erläutert Labatut, nimmt im Laufe der Erzählung zu. Im ersten Teil sei lediglich ein Absatz erfunden, in den weiteren Kapiteln habe er sich immer größere Freiheiten genommen. Als Laie auf diesen Gebieten schlägt man da schnell mal bei Wikipedia nach und erfährt dabei viel Neues. Bei mir etwa regte sich durch die Lektüre ein Interesse an der Quantenmechanik. Ein abschließender Hinweis zu Fritz Haber: Seine erste Ehefrau, Clara Immerwahr (1870-1915), Chemikerin und überzeugte Pazifistin, nahm sich am 2. Mai das Leben. Weil sie mit der führenden Rolle ihres Mannes im Gaskrieg nicht einverstanden war, darunter litt. Eine Annahme, die auch Labatut in seinem Buch vertritt. Bereits früher (siehe: Januar 2016) stellten wir auf dieser Website die Biografie Der Fall Clara Immerwahr von Gerit von Leitner vor.

Empfohlen von Alfons Huckebrink

Die Biografieempfehlung des Monats Oktober 2021

Bohlund, Kjell: Die unbekannte Astrid Lindgren. Ihre Zeit als Verlegerin. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger. 2021

 

Zu Leben und Werk so mancher bekannten Persönlichkeit scheint alles gesagt und fast alles bekannt geworden zu sein, ihr Bild präsentiert sich der Nachwelt als abgerundet. Zu ihnen zählt Astrid Lindgren (AL), Schwedens erfolgreichste und weltweit bekannte Kinderbuchautorin. Umso mehr ist man überrascht, wenn jemand ein weiteres, bisher gänzlich unbeachtet gebliebenes Kapitel ihrer Lebensgeschichte aufschlägt und ebenso materialreich wie facettenreich dokumentiert: AL als erfolgreiche Verlegerin. Kjell Bohlund ist dies gelungen mit seiner überaus spannenden Erzählung, die bereits 2018 in Schweden erschienen ist und nun endlich, erweitert um ein Kapitel über AL's Arbeits- und Freundschaftsbeziehung zu ihrem Hamburger Verleger Friedrich Oetinger, auf Deutsch vorliegt. Übersetzt von Nora Pröfrock.

24 Jahre arbeitet AL bei dem schwedischen Verlag Rabén & Sjögren. Offiziell als Lektorin, in Wahrheit entwickelt und betreibt sie das Kinder- und Jugendbuchprogramm in eigener Verantwortung. Sie übernimmt "ein sinkendes Schiff" - so der Wortlaut einer Kapitelüberschrift - und rettet es vor dem Untergang. Jeden Morgen sitzt sie zuhause an ihren eigenen Werken; nachmittags arbeitet sie von 13 - 17 Uhr im Verlag. Ein enormes Pensum, das Disziplin voraussetzt und ihr Effektivität abverlangt. Bei all dem bleibt sie, wie die Äußerungen zahlreicher Zeitgenossen bezeugen, stets freundlich und bis in den Tenor der eigenhändig verfassten Absagen mitfühlend und aufmunternd ihren Autoren:innen gegenüber. Margareta Strömstedt, selbst Autorin und gute Freundin von AL urteilt in ihrer Biografie: Sie war unermüdlich, wenn es darum ging, jemanden, der festgefahren war oder das Gleichgewicht verloren hatte, zu ermuntern und zu stützen. Sie war zartfühlend, aber streng.

Unter ihrer Leitung erhebt sich die Kinderbuchabteilung des prekären Verlags, der ihr erstes Manuskript 1944 und zu Weihnachten 1945 ihren zweiten Titel Pippi Langstrumpf veröffentlichte, nachdem sie von Bonnier, Schwedens größtem Verlag, eine schnöde Absage erhalten hatte, auf eine qualitativ völlig neue Höhe. Dabei arbeitet sie bis 1970 eng mit Dr. Rabén, zunächst Miteigentümer, später Geschaftsführer des Unternehmens, zusammen. Ihre Doppelrolle als bekannte Autorin, deren Verkaufszahlen dem Verlag die weitaus größten Einnahmen verschaffen, und Lektorin meistert sie trotz mancher Anfeindungen mir der ihr eigenen Unbefangenheit glänzend. Sie erweist sich zudem als kluge Geschäftsfrau, die sich zur Sicherung der finanziellen Grundlagen nicht scheut, auch seichtere, leichter verkäufliche Titel ins Programm aufzunehmen. So sichert sie dem Verlag die Rechte an der gesamten "5 Freunde"-Produktion der englischen Autorin Enid Blyton und muss sich darob manche Kritik gefallen lassen. Von Autoren:innen, denen sie entgegnet, dass sie mit den "5 Freunde"-Überschüssen die Publikation anspruchsvoller Manuskripte finanzieren kann. 

Kjell Bohlund stellt überzeugend dar, wie sie sich auf allen Gebieten der Verlegertätigkeit bewährt: wie sie die Stellung der Illustratoren:innen aufwertet, den Verkauf der Rechte ins europäische Ausland ankurbelt, sich um soziale Probleme ihrer Autoren:innen kümmert und so maßgeblich zum "goldenen Zeitalter" der schwedischen Kinderbuchliteratur beiträgt. 

Natürlich geht es auch bei ihr nicht ohne Konflikte ab. Und diese, etwa die Auseinandersetzungen mit dem bekannten Zeichner Björn Berg, u.a. ihr "Michel"-Zeichner", der bei Rabén & Sjöberg erstmals für Illustratoren:innen eine prozentuale Beteiligung am Umsatz durchsetzt, werden anhand passend gewählter Briefzitate plausibel dargestellt. Ihm erteilt sie mitunter Ratschläge zur Optimierung der Cover-Gestaltung: Lieber Björn, sei jetzt bitte nicht geknickt! Eine Frau und ein roter Ballon - das ist doch schnell gemacht, oder? 

Kjell Bohlund hat der großen Astrid Lindgren-Gemeinde ein reich illustriertes Buch voller Überraschungen geschenkt, das  Einblicke in einen Arbeits- und Lebensbereich gewährt, der bisher im Verborgenen blieb. Als kurzweilige Lektüre mit beträchtlichem Informationswert wird es auch Sie erfreuen, meint Alfons Huckebrink.  

Die Biografieempfehlung des Monats September 2021

Jamal Mahjoub: A Line in the River. Karthoum. City of Memory. London: Bloomsbury. 2018

 

Der in London geborene britische Schriftsteller Mahjoub, Sohn eines Sudanesen und einer Engländerin, fliegt im Jahr 2008 nach Khartoum, um den Ursachen der Katastrophe von Darfur auf den Grund zu gehen. Er hat dort bis 1990 seine Kindheit verbracht, bis seine Eltern wie viele andere auch nach dem Putsch des späteren Präsidenten und Diktators Al-Baschir nach Kairo flohen. Seine Kinderjahre verbrachte er in Kairo, und bei seinem Besuch in Khartoum im Jahr 2008 kommen viele seine Kindheitserinnerungen an die Oberfläche seines Bewusstseins. Er ist durch das Khartoum vor 1990 entscheidend geprägt.

Schreiben hat nach seinen Angaben eine heilende Wirkung, denn der Genozid in einem seiner Herkunftsländer macht ihn persönlich sehr betroffen. Auf der ganzen Welt herrschte Fassungslosigkeit, als sich die Katastrophe von Darfur ereignete. Dabei zeichnet er ein zeitliches und räumliches Assoziationsnetzwerk, verbindet London mit dem Sudan und greift weit zurück sowohl in die britische als auch in die sudanesische Geschichte, beginnend mit dem Sklavenhandel während der arabischen und türkischen Herrschaft. Während seines Besuchs in seiner Heimat blickt er zurück in seine Kindheit und die Vertrautheit der Stadt, an der der weiße und der blaue Nil zusammenfließen. Seine Mutter, eine Britin, und sein Vater, ein Sudanese, der in London arbeitete, waren nach seinen Angaben ein ungleiches Paar, welches nie ein Thema um seine multiethnische Ehe machte. Er fragt sich, was die Eltern verband, und meint, vielleicht ihr Außenseitertum, denn seine Mutter hatte einen deutschen Vater, der noch vor der Nazi-Herrschaft aus Deutschland emigriert war. Trotzdem hatte seine Mutter unter ihrer deutschen Herkunft in England zu leiden.

Das Buch beginnt mit einer Szene auf dem schottischen Schloss, wo Trophäen der Kreuzfahrer ausgestellt sind, und stellt Parallelen her zu einem Museum in Khartoum, wo die entsprechenden Gegenstücke zu finden sind, und taucht ein in die Geschichte des britischen Imperialismus, der der arabischen/islamischen Herrschaft folgte. Als er das historische Museum in Khartoum besichtigt, beobachtet er eine Klasse, deren Schüler wie fast überall auf der Welt mit Desinteresse reagieren, als hätte die Geschichte nichts mit ihnen zu tun. Geschichte verstehen wollen heißt auch, die Fehler zu verstehen und nicht zu wiederholen. Will er diese Stadt verstehen und dabei auch sich selbst?, fragt er sich im 3. Kapitel des Buches. Wie sollte er sie beschreiben? Die unvollständige Stadt? Die unfertige (unvollendete Stadt)? Die gebrochene Stadt? Die geteilte, ja fragmentierte Stadt? Ist sie durch die Dynamik der Flüsse bestimmt, die durch sie fließen? Diese Stadt bietet dem Autor eine Metapher, einen Spiegel zur Selbstreflexion. Eine Stadt ohne Narrativ mit chaotischer Geschichte. Die Akribie, mit der die Fragmentierung der verschiedenen islamischen Bewegungen nachgezeichnet wird, ist für einen sachfremden Leser vielleicht ein wenig verwirrend. Mahjoub zeigt damit aber auch seine Beharrlichkeit, die Entwicklungslinien, die zur Katastrophe führten, verstehen zu wollen. Er verfolgt seine Wurzeln bis hin zur nubischen Herkunft seines Vaters.

Das Buch ist somit ein Reiselogbuch, ein autobiografisches Werk, ebenso ein Fachbuch, welches sich mit der Kolonial- und Herrschaftsgeschichte der letzten 500 Jahre befasst. Die kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Herkunftsländern des Autors werden dem Leser sehr lebendig vor Augen geführt, z.B. wenn er die Begegnung mit seinem weit verzweigten Verwandten-Netzwerk beschreibt. Somit ist das Werk auch durch jeweils unterschiedliche und einmalige Perspektiven geprägt, die eine Bereicherung dessen darstellen, was man über den Sudan und seine Völker weiß oder eben nicht weiß. Das Buch ist für jeden interessant, der sich für Gewalt zwischen Menschen, Ethnien und die Ignoranz gegenüber Gewalt interessiert, die ja auch in Europa Thema ist.

Die Nuer, ein nubisches Volk aus dem Südsudan, habe ich während meines Ethnologie-Studiums in den siebziger Jahren genauer studiert, und hier genau ist der Berührungspunkt, wo sich die Geschichte des Autors mit meiner Erfahrungswelt verbindet. Schade, dass dieses Werk noch nicht in deutscher Sprache erhältlich ist, findet Gudula Ritz. (Seine Romane, z.B. "Der Sternenseher" oder die unter dem Pseudonym Jalil Parker veröffentlichten Kriminalromane, sind ins Deutsche übersetzt worden, z.B. "London Burning".

Die Biografieempfehlung des Monats August 2021

Lotte Laserstein: Von Angesicht zu Angesicht. München: Prestel 2018

herausgegeben für eine Ausstellung im Städel Museum, Frankfurt/Main

 

Lotte Laserstein (1898-1993) gilt als eine der großen Wiederentdeckungen der letzten Jahre (Eiling, S. 18). Ihr Vater stirbt früh, sie fasst schon als junges Mädchen den Entschluss, nicht zu heiraten und ihr Leben der Kunst zu widmen. Bereits mit 10 Jahren wird ihr zeichnerisches Talent in der Malschule ihrer Tante Elsa Birnbaum in Danzig gefördert. Drei Jahre später zieht die Familie nach Berlin, wo Lotte mit 21 Jahren in die Hochschule für bildende Künste aufgenommen wird, die sich kurz zuvor auch den Frauen geöffnet hat. Dort wird sie von Erich Wolfsfeld, in dessen Klasse sie eintritt, stilistisch beeinflusst. Sie malt vorzugsweise Portraits sowie „obsessiv“ (ebd. S. 19) Selbstportraits, womit sie ihren Stolz als selbstständige Künstlerin zum Ausdruck bringt und wohl auch zur Selbstvergewisserung beiträgt. Dabei kultiviert sie eine akademische, realistische Malweise und eröffnet sich zugleich einen individuellen, persönlichen und intuitiven Zugang zu den Motiven und ihren Modellen. Ihre Ambitionen und Fähigkeiten sind herausragend und werden zunehmend gewürdigt.

Während der Weimarer Republik war sie erfolgreich, sie wurde in dem Wettbewerb „Das schönste Frauenportrait Deutschlands“ mit dem Bild „Russisches Mädchen mit Puderdose“ (1928, Städel Museum, Frankfurt a. M.) nominiert und konnte in bekannten Berliner Galerien ausstellen. Sie gründete eine Malschule, um ihre Existenz zu sichern. Ihr Lieblingsmodell und zugleich ihre enge Freundin Traute Rose, die ganz dem Typus der „modernen“ selbstständigen Frau entsprach, wurde vielfach portraitiert. Doch die Ambitionen der Künstlerin wurden durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten abrupt gestoppt; sie war zwar christlich getauft, hatte aber jüdische Wurzeln, später galt ihre Kunst als „entartet“. Während einer Einladung der Stockholmer Galerie Moderne gelang ihr 1937 die Flucht aus Deutschland, sie blieb bis zu ihrem Lebensende in Schweden und baute sich dort eine neue Existenz auf. Ihre Familie und Freunde musste sie in Deutschland lassen, ihre Mutter starb im KZ Ravensbrück. Als deutsche Künstlerin im Exil wurde sie auch nach der Befreiung in Deutschland lange Zeit vergessen und übersehen, evtl. missachtet, möglicherweise weil ihre Kunst sich nicht den gängigen Kategorien zuordnen ließ, weil sie sich in der Weimarer Zeit noch nicht vollständig etabliert hatte und nach dem Krieg vornehmlich auf eine männlich dominierte Avantgarde abgesehen wurde.

Wohl deshalb wurde sie von der Autorin Elena Schroll (S.30ff) als Malerin der verschollenen Generation bezeichnet und wurde 2003 vom „verborgenen Museum“ in Berlin sowie durch die Dissertation von Anna Carola Krause wiederentdeckt, 10 Jahre nach ihrem Tod 1993. Viele ihrer Werke – sie konnte nur wenige selbst nach Schweden retten - sind verschollen, in Privatbesitz oder durch die Nazis zerstört worden. In den 55 Jahren, die sie in Schweden lebte und sich mühsam eine neue Existenz aufbaute, kann sie 43 dokumentierte Einzel- und 33 Gruppenausstellungen vorweisen. Dass man sie in Deutschland so wenig beachtete, ist traurig und im Grunde unverzeihlich.

Ihr Hauptwerk, welches rückblickend den Niedergang der Weimarer Zivilgesellschaft vorhersagt, ist „Abend über Potsdam“ (1930, Nationalgalerie, Berlin), ein an das „Abendmahl“ erinnerndes Arrangement: „Junge Menschen sitzen über den Dächern von Potsdam an einem weiß gedeckten Tisch.“ Keiner spricht, die Menschen blicken ins Leere oder in sich hinein, sinnieren vor sich hin, eine ernste, fast gedrückte Atmosphäre. Ebenso für die Malerin als Subjekt ungewöhnlich und politisch aussagekräftig ist das Gemälde "Mackie Messer und ich" (1932, Privatbesitz). Lotte Laserstein ist auf der schwedischen Ostseeinsel Öland auf dem Friedhof von Räpplinge begraben. Sowohl die biografischen als auch die kunsthistorischen Essays sowie der Katalog sind aus biografischer und künstlerischer Sicht besonders empfehlenswert. Zudem Pflicht für alle, die sich dem Vergessen der Nazi-Gräueltaten widersetzen wollen, meint Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats Juli 2021

Howard Eiland, Michael W. Jennings: Walter Benjamin. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Ulrich Fries und Irmgard Müller. Berlin: Suhrkamp 2020

 

Fortschritt ist nicht in der Kontinuität des Zeitverlaufs sondern in seinen Interferenzen zu Hause: dort wo ein wahrhaft Neues zum ersten Mal mit der Nüchternheit der Frühe sich fühlbar macht.

                     (aus einem Brief an Gershom Scholem)

 

Bereits mit dem ersten Satz ihrer Einführung weisen die Autoren der neuen Biografie ihrem Objekt seinen herausragenden Rang als „einem der wichtigsten Zeugen der europäischen Moderne“ zu. Im Unterschied zu anderen Geistesgrößen des vergangenen Jahrhunderts scheint über die persönlichen Gegebenheiten im Leben Walter Benjamins (1892 - 1940) nur wenig allgemein bekannt geworden zu sein.

Die Geschichte seines Lebens verschwand unter einem Gespinst von Mythen, heißt es im Epilog. Theodor W. Adorno befindet einmal, dass sein Freund kaum je mit aufgedeckten Karten spielte. Und sein vielleicht wichtigster Gefährte, Leser und Archivar, Gershom Scholem, der in ihm früh einen Mann von absoluter und herrlicher Größe erblickt, konzediert ihm bald moralische Schwächen und ein Leben, das doch in furchtbarem Maße die Elemente der Dekadenz in sich trägt. Das Recht auf Widersprüchlichkeit indessen, das beide proklamieren, verleiht ihrer Freundschaft auch angesichts solcher Animositäten dauerhaft Bestand. Ihr grundlegender Dissenz entzündet sich an Benjamins ablehnender Haltung zum Zionismus und später einer möglichen Emigration nach Palästina.

Da eine Berücksichtigung biografischer Dimensionen stets verwoben ist mit dem daraus hervorgegangenen Werk finden Leser: innen dieser mit vielen Porträtfotos ausgestatteten Lebensbeschreibung dem entsprechend profunde Würdigungen Benjaminscher Schriften, darunter auch solcher, denen eine Vollendung nicht vergönnt ist. Denn zum Schaffensprozess des vielleicht wichtigen Theoretikers einer kulturellen Moderne, dem niemals eine akademische Position gewährt wird, gehört das Scheitern, das auch seiner empfindlichen Komplexität geschuldet ist und sich etwa in den Ambitionen, eine Zeitschrift zu begründen, erweist. Im Frühjahr 1921 besucht Benjamin eine Paul Klee – Ausstellung, erwirbt kurz darauf in München für 1000 Mark das Aquarell Angelus Novus, das der Künstler 1920 gemalt hat. Es wird zu seinem wertvollsten Besitz wird und inspiriert in seinem letzten Werk Über den Begriff der Geschichte die großartige Meditation über den Engel der Geschichte. Bereits 1921 gibt es den Titel ab für sein erstes Zeitschriftenprojekt, für dessen Startausgabe er seinem Verleger Richard Weissbach im Januar 1922 nach zähen Auseinandersetzungen mit Beiträgern endlich sämtliche Manuskripte, darunter seinen Essay Aufgabe des Übersetzers, abliefert. Konsequent hat er bei der Zusammenstellung eine Maxime hermetischer Autonomie vertreten, um eine Zeitschrift zu begründen, die auf das zahlungsfähige Publikum nicht die mindeste Rücksicht nimmt. Deutlich wird bei diesem Projekt jedenfalls Benjamins Problem, mit anderen Intellektuellen auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten. Kaum verwundert es, dass der Verleger sich vor dem Erscheinen des Angelus Novus erfolgreich herumdrückt.

Zeitlebens sucht Benjamin den Kontakt zu gleichgesinnten Künstlern und Denkern, übernimmt in solchen Kontexten zumeist die Position der führenden Persönlichkeit. Einzig zu Bertolt Brecht entwickelt sich eine gleichberechtigte Arbeitsbeziehung in den dreißiger Jahren, obwohl auch das von beiden verfolgte Zeitschriftenprojekt Krise und Kritik nicht realisiert wird. Die Machtübertragung an Hitler im Januar 1933 zwingt Benjamin ins Exil. Nach und nach reißen seine Verbindungen nach Deutschland ab, verringern sich seine Publikationsmöglichkeiten. Für ihn beginnt der Überlebenskampf, verbunden mit schweren Depressionen. Aufenthalte auf Ibiza, in San Remo in der Pension seiner geschiedenen Frau Dora, mehrere Sommer mit Brecht in dessen Haus bei Svendborg und vor allem Paris. Die Bibliothèque Nationale wird zu seinem Zufluchtsort, in dem er sein Magnum Opus, das Passagen-Werk, revidiert und vollendet, zuletzt mit einer monatlichen Unterstützung durch das nach New York emigrierte Institut für Sozialforschung. Eine Zuwendung, die andererseits eine zunehmende Abhängigkeit konstituiert und ihn etwa in seinen Arbeiten über Baudelaire zensurierende Eingriffe seitens Adornos und Horkheimers hinnehmen lässt.

Nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich flieht Benjamin. Wie viele andere Emigranten will er über Spanien und Portugal in die Vereinigsten Staaten gelangen. Nach einem qualvollen Marsch über die Pyrenäen wird ihnen im spanischen Grenzort Port Bou eröffnet, dass sie zurückgeschafft werden sollen. In tiefster Verzweifelung nimmt sich Benjamin in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940 das Leben.  

Alle Lebensstationen und sämtliche Hervorbringungen Benjamins werden in den 1021 Seiten des Buchs sachkundig eingeordnet. Diese Kritik soll zum Lesen nicht nur der Biografie, sondern auch der Primärschriften ermuntern.

Eingehendere Einlassungen von Alfons Huckebrink zu den Qualitäten der ersteren werden Sie in der neuen Herbstausgabe der Zeitschrift Am Erker (81) finden können. 

Die Biografieempfehlung des Monats Juni 2021

Annet Mooij: Das Jahrhundert der Gisèle. Mythos und Wirklichkeit einer Künstlerin. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Frankfurt a. M.: Wallstein 2020.

mit zahlreichen Abbildungen.

 

Diese Biografie versucht das Leben einer widersprüchlichen Frau und Künstlerin zu ergründen, die einerseits aufgrund ihrer adligen Abstammung ausgesprochen selbstbewusst war, andererseits Ausbeutung in einer sektenähnlichen Gemeinschaft durch einen Guru duldete und sich selbst ausbeuten ließ. Dieses Unterfangen erscheint hier gelungen, weil die Biografie nicht heroisierend oder interpretativ umgesetzt wurde, sondern auf Grund intensiver Recherchen diesem "Jahrhundert"- Leben, - Gisèle wurde über hundert Jahre alt-, nahekommt. Hypothesen werden als solche deutlich und so bleiben trotz des umfangreichen Archivs der Künstlerin auch manche Motive ihres widersprüchlich erscheinenden Lebens offen oder werden lediglich als Möglichkeiten skizziert. Das Ziel der Biografin ist es nicht, zu entlarven oder zu bewerten, sondern besteht darin, aus einer komplexen und bei Weitem nicht immer heilen Wirklichkeit eine sinnstiftende und anregende Geschichte zu konstruieren.

Ähnlich wie bei Warhol (Biografieempfehlung Januar 2021) ist Gisèles Leben selbst ein von ihr geschaffenes Gesamtkunstwerk. Eine Autobiografie würde wohl deutliche autofiktionale, ja, vermutlich märchenhafte Züge aufweisen. Aufgrund einer aufgedeckten Affaire mit Gisèles Onkel bringt die besorgte Mutter Josephine ihre siebzehnjährige Tochter Gisèle auf eine Kunstschule in Paris. An der konservativen "Ecole des Beaux-Arts" wird sie nicht aufgenommen, aber sie nimmt Privatunterricht und wählt eine freie Kunstakademie, an der auch Giacometti ausgebildet wird. Über angewandte Kunst, Gravur und Glasmalerei bis hin zur Malerei entwickelt sich die Künstlerin kontinuierlich weiter, vor allem über persönliche Mentoren, wie Joep Nicolas, von dem das Titelbild, ein Protrait Gisèles, dieser Buchveröffentlichung stammt. Bei diesem wie auch bei einem "Poeten" in der Nachfolge des umstrittenen Dichters Stefan George" bleibt es nicht ohne Affaire. Die emotionale Abhängigkeit von Frommel scheint das größte und ungelöste Rätsel im Leben der Gisèle, wie sie sich selbst später nennt, zu sein. Ihr ursprünglicher Name ist Gisèle van Waterschoot van der Gracht, eine österreichische Baronesse, die in ihren frühen Lebensjahren auf Schloss Hainsfeld in der Steiermark aufwächst, eine Enkeltochter von Arthur Freiherr von Hammer-Purgstall und Gisela Gräfin Vetter von der Lilie, beide Angehörige der erlauchten Kreise am Habsburger Hof. Bei einem Besuch der Familie lernt ihre Mutter Josephine ihren späteren Gatten Willem Waterschoot van der Gracht kennen, den Vater von Gisèle. Der arbeitet als Geologe für verschiedene private und staatliche Rohstoff- und Ölunternehmen. Sie ist sehr religiös, katholisch und lebt gleichzeitig angesichts zahlreicher Affairen im Widerspruch zur kirchlichen Lehre. Für Frommel, ihren Guru, kauft sie schließlich eine Wohnung in der Amsterdamer Heerengracht, wo dieser jüdische Jungen vor den Nazis versteckt. Die offene Frage, die sich die Biografin stellt, ist, wie es die Künstlerin schafft, es in dieser frauenfeindlichen und auch missbräuchlichen Umgebung auszuhalten, diese zu unterstützen und ihr loyal zu bleiben.

Mir fiel die niederländische Originalausgabe bei einem Besuch in Gent anlässlich der Jan van Eyck-Ausstellung 2020 auf, worauf ich umgehend die deutsche Fassung bestellte und nicht enttäuscht wurde. Die Kunst der Gisèle ist so vielseitig, einzigartig wie ihr Leben selbst. Sie wuchs in verschiedenen Ländern auf, lebte zwischen Indianern im Wilden Westen Amerikas, lebte in Saint Sanary sur Mer während der Nazi-Zeit, wo sich verfolgte Intellektuelle versteckten, und begegnete dort Sybille Bedford. Sie lebte in Paris und spielte unabhängig von Frommel eine mutige Rolle bei der Rettung einiger vom Nazi-Regime verfolgter Personen. Ihre letzten dreißig Jahre verbrachte sie in einem schönen Atelier in der Heerengracht in einem Gebäude, welches sie für dieses Versteck zur Verfügung gestellt hatte. Neben der einzigartigen und eigenwilligen künstlerischen Entwicklung der Gisèle fand ich die Frage, wie Gurutum funktioniert, sehr erhellend. Diese Biografie wird empfohlen von Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats Mai 2021

Hilary Spurling: Anthony Powell. Tanzen zur Musik der Zeit. Aus dem Englischen übersetzt von Heinz Feldmann. Berlin: Elfenbein 2019

 

Ich habe absolut kein Bild von mir selbst, hatte ich nie.

 

Sollte man, bevor man sich an die Lektüre der Anthony Powell (AP)-Biografie von Hilary Spurling begibt, bereits dessen Hauptwerk, das episch angelegte, 12 bändige Erzählwerk Ein Tanz zur Musik der Zeit (Tanz, ebenfalls bei Elfenbein verlegt) gelesen haben? Eine nicht ganz unerhebliche Fragestellung, die sich zudem nicht eindeutig beantworten lässt. Wer dieses herausragende Monument britischer Romanliteratur des 20. Jahrhunderts gelesen und genossen hat, wird in der biografischen Darstellung vielfach Erhellendes zu den Bedingungen und Imponderabilien eines beinahe ein Vierteljahrhundert (1951-1975) währenden Schaffensprozesses finden. Wer (noch) nicht, wird zweifellos bei der Lektüre der hier vorgestellten Biografie, das wachsende Bedürfnis verspüren, dieses nachzuholen, wird damit für mehrere Jahre der Sorge enthoben sein, sich um neuen Lesestoff kümmern zu müssen.

Hilary Spurling steht in der soliden Tradition angelsächsischer Lebensbeschreibungen und hat das Genre durch mehrere Werke (u.a.: Matisse the Master) bereichert. Sie war gut bekannt mit AP, verkehrte in The Chantry, dem Domizil der Familie in Somerset, und empfing von ihm selbst den biografischen Auftrag, allerdings stellte sich schnell heraus, dass es ihr zu dessen Lebzeiten (1905-2000) nicht möglich sein würde, diesem nachzukommen. Wir waren übereingekommen, dass ich eines Tages seine Biografie schreiben würde. Aber als Tony vorschlug, wir sollten einen Anfang damit machen, bevor es zu spät wäre, erwies sich das Experiment als böser Fehlschlag. Ich musste ihm hinterher schreiben und erklären, dass es mir unmöglich sei, über ihn in dem kalten, ja klinischen Licht nachzudenken, das wesentlich für jeden biografischen Anlauf sei ...

AP wird als Sohn eines Offiziers geboren und besucht das Eton College in Oxford. An der dortigen Universität studiert er von 1923-1926 Geschichte. Zu seinen Bekanntschaften aus jener Zeit zählen Evelyn Waugh, Graham Greene und George Orwell. Er tritt in ein im Niedergang befindliches Londoner Verlagshaus (Duckworth & Co) ein und arbeitet dort in verschiedenen Funktionen, u.a. betreut er das Werk der exzentrischen Sitwell-Geschwister. Ständig in Geldsorgen arbeitet er als Rezensent für verschiedene Zeitschriften. 1934 heiratet er Lady Violet Pakenham. 1936 arbeitet er ein halbes Jahr als Texter bei Warner Brothers in Hollywood und lernt in dieser Zeit F. Scott Fitzgerald kennen. Nach seiner Rückkehr veröffentlicht er seine ersten Romane, im 2. Weltkrieg dient er in einem walisischen Bataillon, später beim Geheimdienst als Verbindungsoffizier zu den Alliierten. 1952 wird mit dem Titel Eine Frage der Erziehung, in welchem der Ich-Erzähler Nicolas Jenkins auf seine Zeit am College zurückblickt, der erste Schritt in den Tanz getan, sein Hauptwerk, mit dem er den Grundstein legt zu bleibendem Ruhm.

Häufig wird dieses Werk verglichen mit M. Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, ein Vergleich, den nicht zuletzt E. Waugh zugunsten seines lebenslangen Freundes relativiert: Das Werk ist wie trockener Sekt, kühl, humorvoll, durchdacht, und genau gebaut. Es ist realistischer als das Werk von Proust, mit dem es so oft verglichen wird - und viel vergnüglicher.

Bereits bei Erscheinen der einzelnen Bände beginnt unter Freunden und Bekannten, aber ebenso in der weiteren Öffentlichkeit eine amüsante Erörterung darüber, wer von ihnen nun jeweils wie vorteilhaft dargestellt worden ist. Oft überträgt AP Persönlichkeiten seiner Umgebung ziemlich unverstellt in die Fiktion. So schrieb ihm Adrian Daintrey, der sich in der Gestalt des Malers Ralph Barnby aus den frühen Bänden wiederzuerkennen glaubt: Mein Stolz darüber (außer ich irre mich), in einem der Charaktere eine gewisse Ähnlichkeit mit mir zu entdecken, wird noch vergrößert durch die erleichterung, in einem vergleichsweise schmeichelhaften Licht zu erscheinen.

Fälschlicherweise wird das Werk oft als Porträt der englischen Oberschicht des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Dem trat V.S. Pritchett bereits 1955 nach dem Erscheinen des Bands Die Welt im Wechsel im Observer entgegen mit dessen  Chrakterisierung als nüchtern-realistische englische Komödie: Das Thema ist die Gesellschaft im Zustand der Auflösung, eine Gesellschaft, die finanziell und moralisch von ihren Diskontwechseln lebt und überall den Zahn der Zeit spürt.

Diese thematische Zuschreibung erweist sich als signifikant für den gesamten Tanz, sie ist überdies wohl zeitlos gültig für jedes bedeutende Erzählwerk. 

H. Spurling beklagt am Schluss den modernen Mythos, Powell sei ein Erzkonservativer und der snobistische aller Snobs. Als ich Anfang der sechziger Jahre nach London kam, wurde es in literarischen Kreisen schon fast zu einem Beweis politischer Korrektheit, den Tanz zu diskreditieren. Nun, wenn man AP's politische und kulturelle Stellungnahmen, aus denen Spurling ausgiebig zitiert, zur Kenntnis nimmt, mag das Etikett Erzkonservativer nicht gänzlich unangebracht sein. Indessen beeinträchtigt es nicht seine außerordentliche erzählerische Raffinesse und schon gar nicht den Genuss, den diese Ihnen als Leser verschaffen kann. Selbiges gilt in gleichem Maße für diese Biografie von Hilary Spurling, die dieses schaffensreiche Leben in ein facettenreiches Bild setzt, das seinem Untertitel Tanzen zur Musik der Zeit auch stilistisch gerecht wird und weiteichende Einblicke in die Zusammenhänge und Entwicklungen einer Literaturtradition gewährt, die hierzulande nicht unbedingt die ihr gebührende Aufmerksamkeit erfährt. Unbedingt empfohlen von Alfons Huckebrink.  

Die Biografieempfehlung des Monats April 2021

Ulrich Weber: Friedrich Dürrenmatt. Eine Biographie. Zürich: Diogenes Verlag 2020

 

Meine Biographie will das Porträt eines Autors, Denkers und Künstlers zeichnen, wie es sich aus den überlieferten Zeugnissen ergibt.

 

Als langjähriger Kurator des Dürrenmatt-Nachlasses im Schweizer Literaturarchiv in Bern ist Ulrich Weber ein ausgewiesener Experte; als Biograph wiederum der erste, der dem Autor (1921-1990) niemals persönlich begegnet ist und also angewiesen bleibt auf Zeugnisse und Hinterlassenschaften jeder Art sowie auf Gespräche mit Zeitgenossen. Natürlich gäbe es auch Dürrenmatts (FD) gewaltiges, autobiografisch angelegtes Stoffe - Projekt zur gefälligen Entnahme, das jedoch gemäß des Meisters kritischem Diktum zu autobiografischer Literatur für kostbare statt für bare Münze genommen werden sollte. 

Gerade angesichts dieser Ausgangsposition eröffnet Webers Darstellung vom Lebenswerk dieses neben Max Frisch herausragenden Schweizer Schriftstellers des 20. Jahrhunderts eine neue Sicht, vermittelt einen kompletten Überblick und setzt so den Maßstab für alle künftigen Betrachtungsweisen.

FD war eine Doppelbegabung. Er entschied sich früh für das Schreiben als Existenzgrundlage, arbeitete aber stets auch als Zeichner und Maler. In seinem voluminösen, delikat illustrierten Werk lotet Weber alle erdenklichen Aspekte dieses überaus produktiven, lebenssatten Künstlerdaseins aus:

- seine Kindheit als Pfarrerssohn im Emmental und seine Jugend in Bern.

- den Abbruch des Studiums (Exmatrikulation in Bern) und seine Selbstfindung als Schriftsteller.

- die Erfolge als Dramatiker, auch international und insbesondere mit The Visit (Der Besuch der alten Dame) am Broadway.

- seine erste Ehe (1946 - 1983) mit der Schauspielerin Lotti Geissler und der Erwerb eines Hauses in Neuchâtel (1952), wo FD bis zu seinem Lebensende wohnt.

- seine zweite Ehe (1984) mit der Münchener Schauspielerin Charlotte Kerr, einem breiten Publikum bekannt durch ihre Rolle als General Lydia van Dyke in der Fernsehserie Raumpatrouille Orion. Die Auf-und-Abs dieser turbulenten Verbindung protokolliert sie in dem Buch Die Frau im roten Mantel.

- seine Beziehungen zu Freunden und Kollegen, insbesondere sein ambivalentes, zwischen Freund- und Feindschaft oszillierendes Verhältnis zu Max Frisch.

- seine dezidiert politischen Ambitionen und mitunter provozierenden Verlautbarungen. So bezeichnet er in seinem letzten öffentlichen Auftritt am 22.11.90 in seiner Rede auf Václav Havel anlässlich einer Preisverleihung Die Schweiz - ein Gefängnis, was bei anwesenden Regierungsmitgliedern Aufsehen und Anstoß erregt.

- die Geschichte seines weithin gepriesenen, mit exorbitanter Qualität gefüllten Weinkellers, den er bis zu seinem Tod weitgehend ausgetrunken hat.

Trotz der sage und schreibe 713 Seiten, die durch einen erstklassig sortierten Anhang abgerundet werden, bleibt die Darstellung gut lesbar und für FD-Kenner ohnehin Pflichtlektüre. Auch LesernInnen, die mit dem Namen FD vielleicht lediglich Der Besuch der alten Dame aus längst vergangenen Schulzeiten oder bestenfalls den Kriminalroman Der Richter und sein Henker verbinden, bietet dieses Werk die Vergegenwärtigung einer bereits als historisch zu bezeichnenden Epoche mit ihren spezifischen, inzwischen weitgehend unbekannten Lebensumständen:

Die humanistische Bildung eines Pfarrerssohnes, der als Kind Bildbände über Renaissance- und Barockmalerei durchblätterte, von den Eltern die biblischen Geschichten und griechischen Mythen erzählt bekam, im Gymnasium selbstverständlich Griechisch und Latein lernte, ist heute weit weg.

Ran ans Werk also, empfiehlt Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats März 2021

Urs Strähl, Tarcisius Schelbert (Hg.): Jörg Binz. Zeichner, Maler. Zürich: Edition Frey 2020

 

Und so kam es, dass ich, noch bevor ich sprechen konnte, zeichnen lernte.

 

Im ersten Frühlingsmonat präsentieren wir einen Band, der einen Lebensweg in Bildern und durch Bilder erzählt. Eine Ikonografie.

Nicht jedem Künstler widerfährt heutzutage noch das Glück, dass seine Bilder Anstoß erregen und aus einer Ausstellung entfernt werden wie die des Malers Jörg Binz (*1943) Ende November 2018 aus dem Kantonsspital in Olten.

Über ihn, sein Leben, sein Werk, gibt dieses Buch Auskunft, das sich mit dem simplen Titel Jörg Binz an eine Reduktion wagt, eine Reduktion allerdings auf das Maximum. 114 Farbabbildungen umspannen sechs Jahrzehnte eines bewegten Schaffens. Sich darauf einzulassen, heißt in diesem Fall, sich darin zu verlieren, und wird belohnt mit einem ungewöhnlich berührenden Einblick in eine künstlerische Entwicklung und ihre Werke.

Der frontale Zusammenstoß mit Binz ereignet sich bereits mit dem Selbstporträt von 1963, das auf dem Buchdeckel abgebildet ist und eine deutliche Nähe zu den deutschen Expressionisten (Otto Dix) erkennen lässt. Doch jedem Anfang wohnt Entwicklung inne. Binz sei ein Realist, Surrealist, Naturalist, ein wahrer Vulkan der Stile, konstatiert das "Grechener Tageblatt" und der Maler bestätigt: Ich konnte mich nie über eine längere Zeit an eine bestimmte Richtung binden, suchte immer das andere. Eine kreative Position, die weit entfernt ist von jeglichem Ekklektizismus, vielmehr eine lebenslange Suche beschreibt, die auf eine hier eigentümlich erscheinende Art den künstlerischen Kosmos bestirnt und transzendiert. Wer Jörg Binz nicht kennt, würde in ihm vielleicht einen argentinischen Tangotänzer vermuten. Oder einen irischen Lyriker aus der Zwischenkriegszeit. Oder vielleicht doch einen Kunstmaler aus Olten, mutmaßt sein Freund Alex Capus.

Dem Betrachter dieser fulminanten Zusammenstellung ist es vergönnt, einen Werdegang mitzuerleben. Die ganzseitig dargestellten Bilder sprechen für sich, ihnen sind keine Titel, keine erklärenden Angaben beigegeben, die zu erfahren, er sich in den Anhang vorblättern muss. Eine Anordnung, mit der eine glückliche Idee der Designerin Patrina Strähl realisiert wird, die sämtliche Aufmerksamkeit auf die Bilder lenken möchte, diese armen Kinder der Kunst.

Zu den Bildern in Konjunktion treten Texte von Dichtern wie Paul Claudel, Alfred Andersch oder Anton Tschechow, aber auch Zustimmungen der Freunde, die die Magie ihres Kreises und ihre eigenen Zugehörigkeit dazu feiern, noch einmal Alex Capus: Jörgs Salon ist eine Insel in Raum und Zeit. 

Prägend für den Band, der vier Jahre der Vorarbeit beanspruchte, sind indessen wohl die zahlreichen Selbstbildnisse, das späteste hier von 2013, welche die Gestalt des Künstlers und insbesondere seine Gesichter aus den unterschiedlichen Phasen dieses Lebenswerks heraustreten lassen. Beeindruckend desgleichen die Darstellungen von Mutter und Vater, der seinem Bub einmal den Beruf des Schriftsetzers nahelegte, etwa die berührende Bleistiftzeichnung Mein Vater, schlafend (1961). Dann auch neben gegenständlichen Motiven (Kaffeekanne, Aquarell 1998) und Blumen (Mohnblumen, Aquarell 2002) immer wieder Gestalten und Gesichter. Die von Freunden wie Alex Capus, Pedro Lenz, Walter Motschi, aber auch das karge wie erstarrt wirkende Porträt einer Brasilianerin (Kohle 2002) oder die erschreckend anonymen Aquarelle Gesicht I / Gesicht II (1986). Klaffende Münder, weiblich oder männlich. Momente einer quälenden Unentschiedenheit. Noch ist nicht raus, ob er/sie lachen oder weinen muss oder - schlimmer - sich beides verbeißen will.

Nicht zu vergessen die Akte. Waren es doch gerade diese, die bei vielen Besuchern und beim Personal des Kantonsspital Olten nach Aussagen seines Sprechers auf so großes Unbehagen gestoßen sind, dass in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nicht nur fünf Aktzeichnungen und ein Ölbild mit einem nackten Frauenunterleib, sondern mit ihnen gleich alle anderen 80 Bilder durch die "Imagegruppe Kultur" abgehängt wurden; ein barbarischer Akt, der einiges an Aufsehen erregte. Ein späteres Angebot der Klinikverwaltung, die Bilder wieder aufhängen zu lassen, lehnte Binz ab. Wer will es ihm verdenken? Meine Eingangsbemerkung mit dem Glück, in unseren Zeiten noch Anstoß zu erregen, muss ich dahingehend revidieren, dass dem Maler, der um den Verkauf seiner Werke gebracht worden ist, natürlich ein finanzieller Schaden entstanden ist.

Lassen Sie sich belohnen. Machen Sie sich mit Jörg Binz und seiner Kunst bekannt. Der Band aus der noblen Edition Frey ist seinen Preis allemal wert, verspricht Ihnen Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Februar 2021

Deutscher Bundestag: Reden am Gedenktag für die Opfer des Holocausts.

 

Sie werden weiter für Ihr Deutschland kämpfen. Und wir werden weiter für unser Deutschland kämpfen. Ich sage Ihnen: Sie haben Ihren Kampf vor 76 Jahren verloren. (Charlotte Knobloch in Richtung AFD-Fraktion)

 

Am Mittwoch, 27. Januar 2021, sprachen im Bundestag Charlotte Knobloch und Marina Weisbrand - mutige jüdische Frauen aus zwei Generationen.

 

Unsere Rubrik 'Biografie des Monats' schaltet im Februar die Links zu den Videos der beiden beeindruckenden Redebeiträge:

 

Dr. h.c. Charlotte Knobloch, geb. 1932, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Zur Rede von Frau Dr. Knobloch

 

Marina Weisband, geb. 1987, Publizistin

Zur Rede von Frau Weisband

 

(Der von vielen erwartete Beitrag zum Schweizer Maler Jörg Binz wird auf den März verschoben.)

Die Biografieempfehlung des Monats Januar 2021

Blake Gopnik: Warhol. Ein Leben als Kunst. Die Biografie. München: C. Bertelsmann 2020

Diese außerordentlich genau recherchierte Biografie fesselt von der ersten bis zur 1183. Seite, da sie anschaulich den Lebensweg Andy Warhols (AW) und seine Entwicklung zum Jahrhundertkünstler beschreibt und stets unterhaltsam bleibt. Dabei wird die zeitliche Auflösung in der Mitte größer, jedem Lebensjahr steht hier ein Kapitel zur Verfügung.

„Ein Leben als Kunst“, diesen Untertitel habe ich erst nach der Lektüre der ersten einhundert Seiten verstanden, erschien mir doch diese Aussage zunächst widersprüchlich. Wie kann Leben Kunst sein, wie kann man ein Leben als Kunst verstehen? AW verkörperte als Person durch und durch das, was Kunst ausmacht, was doch niemals künstlich erscheint: Authentizität, Offenheit für Neues, für Inspirationen aller Art. Er war als Person undogmatisch, eigenwillig, sanft, provokativ und eben auch widersprüchlich. Er konnte zurückhaltend, schüchtern, einsam und im nächsten Moment gesellig sein, er blieb immer neugierig und war auf eine Weise intellektuell, wie es nur ein freier und unverbildeter Verstand vermag.

Diese ungewöhnliche Biografie beginnt mit dem ersten Tod AWs, dem er 1968 mit viel Glück knapp entrann, nachdem eine Verrückte ein Attentat auf ihn verübt hatte. Sein Glück hieß Guiseppe Rossi, ein begabter und beherzter Chirurg, der sich zu diesem Zeitpunkt in der Klinik aufhielt. Seine Operationsnähte waren wohl angesichts der pessimistischen Prognose entsprechend grob gearbeitet, und gelegentlich zeigte AW seine „Wundmale“ mit Stolz.

Seine Eltern, ruthenische Einwanderer der ersten Generation, boten AW von Anfang an ein Leben als Außenseiter, in tiefster Armut, die seinen starken Durchhaltewillen formte. Vorwiegend seiner Mutter ist es zu verdanken, dass er trotz oder gerade wegen scharlachbedingter Krankheitsfolgen während der Kindheit ganz den eigenen Weg verfolgen konnte. Er wurde als Andrey Warhola 1928 in Pittsburgh, einer prototypischen Stahlarbeiterstadt geboren. AW versuchte niemals, diese markanten Wurzeln zu erforschen oder künstlerisch zu nutzen, sondern trachtete eher, sie loszuwerden oder zu verschleiern. Sein Vater verstarb früh an den Folgen einer Operation, und dank seines Nachlasses konnte AW die High School und später das Carnegie Tech besuchen, wo er sich für Kunst einschrieb. Dort wurden seine Leistungen zunächst nicht anerkannt, und aus verschiedenen Gründen stand der Abschluss mehrmals auf dem Spiel, sein Studium in D&P (Design und Painting) schloss er jedoch ab. Nach seinem Abschluss ging er mit sehr wenig geliehenem Startkapital gegen den Willen seiner Mutter nach New York. Tagsüber akquirierte er Aufträge, z.B. als Werbezeichner, nachts arbeitete er an seinen Aufträgen. In New York schaffte er es zunächst, sich mit Illustrations- und Auftragsarbeiten über Wasser zu halten, er lebte in verschiedenen Künstler-WGs und schaffte nach und nach den Durchbruch. So zeichnete er Modelle für einen bekannten Schuhproduzenten, gestaltete LP-Cover und später Schaufenster von Kaufhäusern auf originelle Weise.

Diese Biografie legt ein besonderes Augenmerk auf die Homosexualität AWs, die er mit vielen Künstlern der damaligen Zeit im übertragenen wie wörtlichen Sinne teilt und lässt intime Details, sofern sie belegt sind, nicht aus. Die Mutter kommt eines Tages nach New York zu Besuch und bleibt dort 20 Jahre, sie unterstützt ihn, indem sie eine Art Haushälterin und Mitunternehmerin seiner inzwischen gegründeten Firma wird. Er kauft sein eigenes Haus, unternimmt eine längere Weltreise mit einem Freund, lässt sich inspirieren und wird immer erfolgreicher.

Als Künstler ist er jedoch trotz steigender Auftragszahlen noch nicht anerkannt. Das Neuartige seiner Kunst ist hoch umstritten. Er arbeitet im Spannungsfeld bzw. integriert „Kunst und Konsum“ und hält so seiner vom Kommerz besessenen Zeit einen Spiegel vor, ist aber zugleich Teil von ihr.

Die ersten Pop-Art Bilder waren Schaufenster-Kunst, die später direkt in die Galerien oder Museen wanderten. Später gestaltete er Schaufenster in Galerien.

1964 erkannte er in einer heruntergekommenen, säulengestützten Halle, die ein grandioses Ausmaß an freiem Raum gewährte, den zukünftigen Wert als Atelier, Galerie, Wohnort, Filmstudio und Künstlertreff, in der später die Bohème ein und aus ging. Konsequent nannte er diese Räumlichkeit „The Factory“.

AW starb im Februar 1987, mit neunundfünfzig Jahren, an den Folgen der gleichen Operation, an der sein ungeliebter Vater gestorben war, nach einer Gallenblasen-OP. Vielmehr starb er zum zweiten Mal und eher daran, dass er sich zu spät zu einer Operation entschloss, denn AW hatte die Symptome ignoriert und sich einem Eingriff zu lange verweigert. Sein Glück hatte sich verbraucht, sein Eigensinn wurde ihm diesmal zum Verhängnis.

Der Duktus der Biografie ist sehr wertschätzend und um Wahrhaftigkeit bemüht, nicht heroisierend, durchaus hinterfragend, beschreibt den Protagonisten aber immer als liebenswerte Person, gleich wie exzentrisch, durchschaubar oder widersprüchlich sein Verhalten in den jeweiligen Phasen ist. An der Seite des Protagonisten erlebt der Leser eine Revolution der Kunst, ein Stück Kunstgeschichte, welches sich zur Lebenszeit AWs noch nicht als solche offenbart hat. Sehr lesenswert, findet Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats September 2020

Karl Ove Knausgård: Im Sommer. München: Luchterhand 2018.

In dieser autobiografischen Essay-Sammlung (für jede Jahreszeit gibt es inzwischen ein Werk) schildert der Autor einen Sommer seines Lebens, den Sommer 2016. Im Verlauf des Lesens bemerkt ein aufmerksamer Leser vielleicht, dass das Werk seine Form ändert, genau wie jeder Sommer denjenigen verändert, der ihn erlebt, und ihn am Ende auf den Herbst verweist. Während der Monate Juni und Juli gibt es Tagebuchnotizen, streng von den thematischen Essays getrennt, im Monat August verschmilzt beides, der Leser erfährt in jedem Essay, welcher Tag im Monat August es ist. Die Themen sind alltäglicher Art und geben den Schreibanlass für Selbstreflektionen und allgemein philosophische sowie rein subjektiv phänomenale Assoziationsketten des Autors, die den künstlerischen Wert ausmachen. Sie reichen vom Rasensprenger über Tränen bis hin zu Marienkäfern, Schnecken, Sommerregen oder zur Intelligenz. Interessant sind beispielsweise die evolutionsgeschichtlichen Gedanken, die sich der Autor zum Thema „Rasen“ macht, die Bedeutung von Gräsern für die Menschheit seit ihrer Sesshaftigkeit. Der Leser erfährt viel über die persönliche Bedeutung von Themen, Gegenständen und Erinnerungen des Autors und wird so zu eigenen persönlichen Deutungen inspiriert. Die inneren Monologe sind zu Beginn des Werks innere bzw. fiktive Ansprachen an seine jüngste Tochter, einem seiner vier Kinder, die die meiste Zeit ihres ca. zweijährigen Lebens auf der Rückbank des Wagens in ihrem Kindersitz sitzt, so auch am schönsten Tag des Sommers, wie der Autor bedauernd feststellt. Im August verwendet er überwiegend die Ich-Perspektive, die Essays sind eher auktorial gestaltet. Seine autobiografischen Beiträge lassen den Leser bis zu einem gewissen Grad an seinem Innenleben in jenem Sommer teilnehmen, auch an der fiktiven Ausgestaltung einer real sich zugetragenen tragischen Beziehungsgeschichte eines Paares, die sich während des 2. Weltkriegs abgespielt hat und ihn sehr beschäftigt. Eingestreut sind selbstkritische Reflexionen, Selbstwertprobleme, wo er mit sich selbst als „schwierige“ und/oder narzisstische Persönlichkeit ringt und darum kämpft, sich stetig weiter zu entwickeln.  I.U. zu Joyce geht es nicht um den Bewusstseinsstrom, sondern um ein Ringen um Entwicklung und Form, sowohl persönlich als auch künstlerisch. Ich habe das Buch im Sommer 2020 gelesen, in dem aufgrund einer Virus-Pandemie vieles anders war als in den Sommern davor, auch anders als im Sommer 2016. Auch zu den Jahreszeiten sehr lesenswert, in denen man sich nach dem Sommer sehnt, empfohlen von Gudula Ritz

 

Die Biografieempfehlung des Monats August 2020

Heinz Schilling: Karl V. Der Kaiser, dem die Welt zerbrach. München: C.H.Beck 2020

 

Bella gerant alii, / tu felix Austria nube. / Nam quae Mars aliis, / dat tibi diva Venus.

 

Jede biografische Annäherung scheitert im Grunde genommen an der nicht fassbaren Komplexität realen menschlichen Lebens, auf das sie stets nur einen schwachen Verweis abgibt. Einzig ausgenommen davon die Hagiografie, die dieses verklärt, erhöht und - indem sie es zur Anschauung freigibt - denunziert. Jeder Biograf wird sich im Wissen um die Beschränkung seines Tuns um jeweils eigene Zugänge zu Leben und Wirken der portaitierten Person bemühen und seine Entscheidungen begründen müssen. Indessen bietet die Biografie, falls gelungen, dem Leser, indem sie die tausendfach gesponnene Verwobenheit eines individuellen Lebens in die gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Gegebenheiten einer Zeitspanne aufzeigt, einen faszinierenden Einblick in ein historisches Dispositiv.

Wie sehr gilt all dies bei einer Gestalt wie die Karls V., auch durch eine geschickte Heiratspolitik Begründer der weltumspannenden Macht der Casa de Austria, dem, wie H. Schilling im Untertitel seiner Lebensbeschreibung zurecht annotiert, "die Welt zerbrach". Eine Welt, aber längst nicht mehr die eine universale mittelalterliche Welt. Denn obwohl der 1500 im burgundischen Gent geborene Herrscher mit Recht propagieren kann, in seinem Reich gehe die Sonne nicht unter, etablieren sich unabhängige und ihm in vielerlei Hinsicht ebenbürtige, wenn nicht überlegene Gegenkräfte wie das aufstrebende osmanische Reich oder der machtbewusste französische König Franz I. Das Erstarken der Reformationsbewegung in Deutschland, dem der Augsburger Religionsfrieden von 1555 eine erste staatsrechtliche Absicherung verleiht; das Wüten der Konquistadoren bei der Unterwerfung und Ausbeutung der amerikanischen Völker, von deren Goldlieferungen der Kaiser abhängig ist, und nicht zuletzt das zunehmende Selbstbewusstsein der bürgerlichen Schichten in den Städten kündigen ein neues Zeitalter an. Die sprunghafte Ausweitung des Handels und die Entstehung eines Finanzkapitals nimmt auf feudale Bindungen keine Rücksicht mehr und schafft neue Abhängigkeiten, denen sich niemand entziehen kann. Alles wird nun zum Geschäft. Wer Krieg führen will, muss Söldner anwerben und diese bezahlen. Hat er kein Geld, muss er Kredite aufnehmen und die Lieferungen aus dem amerikanischen "Goldkastilien" verpfänden. Zeitweilige Erfolge, wie etwa die Gefangennahme Franz I. 1525 oder der militärische Triumph über das Reformationsheer bei Mühlberg 1547 zerrinnen dem Kaiser zwischen den Fingern. Verstrickt in den Widersprüchen von Politik und Zeitgeschichte dankt er 1555 zugunsten seines Sohnes Philipps II. ab. Seine Nachfolge als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches tritt sein Bruder Ferdinand I. an. Seinen Lebensabend verbringt der Kaiser, der sich stets als "Miles Christianus" verstand, im Kloster Yuste in der Einsamkeit der Estramadura, wo er 1558 stirbt.

Heinz Schilling gelingt es, und damit sind wir wieder bei den Vorbemerkungen dieser Buchvorstellung, gerade diese zutiefst religiöse Seite des Herrschers, der zeitlebens um die Einheit der Christenheit bemüht ist und daran scheitern muss, darzustellen. Unter seinem Sohn beginnt der Terror der Inquisition in Spanien, bereiten sich der Aufstand der niederländischen Provinzen und ihre teilweise Ablösung vor. Weniger erfährt der Leser von der rasanten Entwicklung des Finanzkapitals, dem Aufstieg der Fugger und anderer Bankhäuser und deren Einflussnahme auf die Politik. Trotzdem eine lesenswerte, im besten Sinne fesselnde Lektüre, die eindrucksvoll die Macht und Ohnmacht dieses Herrschers zeigt. Eine persönliche Tragik wohl, die indessen den Biografien aller weltgeschichtlich bedeutenden Herrscher anhaftet, vermutet Alfons Huckebrink

Unsere 100. Biografieempfehlung im Juli 2020

Thomas Käsbohrer: Auf dem Meer zu Hause. Was mir mein Segeltörn entlang Europas Küsten über das Leben erzählte. München: Penguin 2020

 

Jemand, der beim Reisen nicht nur die eigene, sondern auch die Menschheitsgeschichte in den Blick nimmt, verwurzelt seine Biografie in besonderer Weise in den Kategorien von Raum und Zeit. So jemand ist Thomas Käsbohrer, segelnder Journalist und Historiker, der auf der Suche ist und als Alleinsegler sich selbst und sein Leben besser verstehen will. Er ist von den Lagunen Venedigs gestartet und zu seinem vier Monate dauernden Sommertörn von Sciacca in Sizilien aufgebrochen, um bis an die Südküste Englands zu gelangen. Er ankert bevorzugt in Lagunen und Flussmündungen. Auf seinem Weg in den Norden fragt er sich, was ihn trotz aller Widernisse und Strapazen so glücklich macht, wenn er beispielsweise am Unterlauf des Flusses Aveiro in ein alte Sardinen-Industrie und ein Salinenabbau-Gebiet segelt und übernachtet. Er beschreibt die wechselnde Geschichte des Städtchens, die der ihm glücklich erscheinenden Bewohner. Dabei erinnert er sich an glückliche Tage seiner Kindheit, die er bei seinen Großeltern auf dem Land verbracht hat, an das gleiche Glücksgefühl des Entdeckens und freien Selbstseins. Alles wird mit allem verwoben, es entsteht ein Text, der nicht beliebig ist, sondern ein Gewebe, das zusammengehalten wird durch die persönlichen Bedeutungen. Und so geht es Ort um Ort, Hafen für Hafen auf dem Weg in Richtung Norden. Der gegrillte Aal in Aveiro erinnert an den in Venedig, die Austern Galiziens und Frankreichs zeigen dem Erzähler und den Lesern, dass Gerichte nicht nur gut munden, sondern auch die Erinnerung an Menschen wachhalten können. In Frankreich fragt er sich, wie es eine Gesellschaft schafft, dass ihre Mitglieder sich nicht vor allem mürrisch und skeptisch begegnen, sondern ausgesprochen höflich miteinander sind. Der Untertitel könnte auch heißen: Was ich beim Segeln und Reisen über mich selbst lernte. Und hier knüpft unsere 100ste (Auto)-Biografieempfehlung an unser neues Projekt und unsere neue Veröffentlichung "Unterwegs zum Selbstsein. Beweggründe des Reisens" an, indem sie viele Parallelen aufweist. Unsere Leser können sich auf regelmäßige Essays in unseren Reiseblogs auf der Website www.unterwegs-zum-selbstsein.de freuen, die bald online gehen wird. Beides empfohlen von Gudula Ritz

Die Biografieempfehlung des Monats Juni 2020

Henry Beston: Das Haus am Rande der Welt. Frankfurt / M.: Büchergilde Gutenberg 2019. Original engl: The Outermost House: A Year on the Great Beach of Cape Cod. New York: Holt & Co 1928.

 

Dieser autobiografische Text beschreibt, was freies Selbstsein ist und schon vor fast 100 Jahren sein konnte: Das Sich-Aufgehoben-Fühlen in der Natur und Welt, die Wirkung eines besonderen Ortes auf das subjektive Erleben und die damit verbundene persönliche Entwicklung. Der Autor, ein junger Schriftsteller, bezieht 1926 am äußersten Ende der Halbinsel Cape Cod eine Hütte, ein kleines Haus aus Holz und will dort zwei Wochen verbringen, um zu schreiben. Er bleibt ein ganzes Jahr und notiert, wie er seine Umwelt und die Natur an diesem Ort erlebt. Er trägt fast täglich seine Beobachtungen und Gedanken in ein Notizbuch ein, ... welche wenig später in sein Buch eingehen. Mit diesem Erstlingswerk schafft Beston einen Klassiker des "Nature Writing", ein besonders in der Literatur der angelsächsischen Länder verbreitetes Genre, das 1854 mit dem Erscheinen von Henry D. Thoreaus Werk "Walden oder Leben in den Wäldern" begründet wurde. 

Am Anfang des "Nature Writing" steht nicht die Natur, sondern das Schreiben, das der Beobachtung entspringt und sich in einfacher Sprache, präzis formulierten Sätzen mitteilt. Es hat nichts mit einer romantisierenden Sicht zu tun, sondern basiert auf Wissen und dessen Aneignung für den bewusst gestalteten Einblick: "Was man benennen kann, sollte man beim Namen nennen und sprachliche Ornamente Ornamente sein lassen." (Thoreau). Einfach gesagt, schwierig umgesetzt.

Über seine Einsamkeit auf Cape Cod schreibt Beston:

"Es ist nicht gut, zu viel allein zu sein, so wie es unklug ist, sich stets in Gesellschaft und unter Leuten zu befinden, doch auch wenn ich allein war, hatte ich kaum Gelegenheit, Stimmungen nachzuhängen, ... Von dem Moment an, an dem ich morgens aufstand, die Tür öffnete und aufs Meer hinausschaute, bis zu jenem, an dem das Aufflammen eines Streichholzes in der abendlichen Stille meines Hauses erklang, gab es immer etwas zu tun, etwas zu beobachten, etwas zu notieren, etwas zu untersuchen, etwas in Erinnerung zu behalten."

Durch die Kunst einer detaillierten Beschreibung, die damals bereits einen frühen Blick auf die Probleme der Umweltverschmutzung einschließt, nimmt der Leser Anteil daran, wie die Natur ein Staunen ermöglicht, eine Erfahrung, die im Alltag der modernen Zeit selten geworden ist. Auch Vogelliebhaber kommen auf Ihre Kosten, denn die Artenvielfalt der Küsten-und Zugvögel nimmt eine besondere Stellung in den lehrreichen Beschreibungen ein. Als Anregung für alle, die auf der Suche nach genau diesen Erfahrungen sind, ist dieses Werk von Gudula Ritz empfohlen.

Die Biografieempfehlung des Monats Mai 2020

Desmond Morris: Das Leben der Surrealisten. Zürich: Unionsverlag 2020

 

Das Leben der Surrealisten ist nicht immer surreal. Bestes Beispiel für diese nicht wirklich überraschende Erkenntnis ist die Biografie des Katalanen Joan Miró (geb. 1893), dessen Privatleben ohne größere Sensationen verlief. Er hatte, anders als viele der übrigen Surrealisten, keinerlei Interesse an Trinkgelagen, sexuellen Ausschweifungen oder anderen Lebensformen surrealistisch gemeinter Dekadenz. Als er 1964 den Autor dieses außergewöhnlichen Buches und beider Kollegen Roland Penrose (1900-1984) in London besucht, tritt er im eleganten Anzug auf. Schon früh genießt Miró den Rang eines Über-Surrealisten und wird heute wie kaum ein anderer mit dieser spektakulären Revolte in der Kunstgeschichte identifiziert, obwohl er eine tiefsitzende Abneigung gegen jede Art intellektueller Kunstdeutung hat und kein einziges Manifest der Gruppe um André Breton (1896-1966) unterschreibt. "Seine rebellischen Aktionen waren allein der Leinwand vorbehalten, ansonsten war er höflich und zurückhaltend." Im Alter von 90 Jahren stirbt er in Palma de Mallorca an einer Herzkrankheit. Ganz anders viele seiner Kollegen, deren exzentrische Lebensführung ihre künstlerischen Ambitionen geradezu zu unterstreichen scheint. So stirbt Yves Tanguy (1900-1955) nach langjährigem Alkoholabusus viel zu früh an einem Schlaganfall; schießt sich Wolfgang Paalen (1905-1959), zeitlebens an Depressionsschüben leidend, in Mexiko eine Kugel durch den Kopf, seine Leiche wird erst gefunden, als Wildschweine bereits an ihnen zu nagen begonnen haben; reüssiert Marcel Duchamp (1887-1968), den seine readymades berühmt machen sollen, aufgrund seines "ziemlich skrupellosen Charakters".

Desmond Morris (geb. 1928) hat als Künstler mit Joan Miró selbst ausgestellt und liefert mit den Lebensbeschreibungen des Bands 32 kurzweilige Synopsen zu den Protagonisten der surrealistischen Szenerie. Er kennt sie ziemlich gut und glänzt mit ebenso verblüffenden wie pikanten Details sowie prägnanten Einordnungen. Mit jederzeit amüsanten Einblicken in eine schillernde Bewegung, die als Anti-establishment Aktion beginnt, bald vom Markt absorbiert und in ein profitables Geschäft verwandelt wird, von dem weitaus nicht alle hier vorgestellten Künstler profitieren. Und Künstlerinnen, denn Morris würdigt ebenfalls das Lebenswerk der großen surrealistischen Frauen wie Meret Oppenheim. Leonora Carrington, Dorothea Tanning, Eileen Agar. Einige, wie Salvador Dalí (1904-1989), der sich im spanischen Bürgerkrieg auf die Seite Francos schlägt und wegen "Glorifizierung von Hitlers Faschismus" von Breton aus dem Kreis der Surrealisten ausgeschlossen werden soll, machen schließlich ein Geschäft daraus und landen bei der Produktion von Kitsch. Morris zeigt indessen nicht nur das Wirken der "offiziellen" surrealistischen Vertreter, sondern stellt auch unabhängige, zeitweilige, ausgeschiedene, ausgetretene, abgelehnte und natürliche Surrealisten vor. Er widmet sich berühmten Namen wie Pablo Picasso, Max Ernst oder René Margritte ebenso wie den eher unbekannt gebliebenen Victor Brauner, Wilhelm Freddie oder dem unglücklichen Arshile Gorky in gleicher liebevoller Sorgfalt. Zu jedem gibt es eine geraffte Lebensgeschichte, eine Betrachtung der Persönlichkeit, garniert mit jeweils einem Porträtfoto und einem für das Gesamtwerk charakteristischem Bild. Das Buch ist exzellent ausgestattet und wirkt, zusammen mit einem Glas Sekt im Garten genossen, als veritable Vitalkur nach der Corona-Tristesse, versichert Alfons Huckebrink. 

Die Biografieempfehlung des Monats April 2020

Steffano Zuffi: Raffael. Meisterwerke im Detail. Köln: Verlag Bernd Detsch 2020

 

Die Natur selbst, die zu Lebzeiten des Künstlers fürchten musste, von diesem übertroffen zu werden, fürchtet vor Trauer nun selbst nicht mehr leben zu können.

 

(Inschrift am Grabe Raffael Santis im Pantheon)

 

Wir bewundern Künstler - so Picasso im 20. Jhdt. -, die in erster Linie mit ihrem Nachnamen benannt werden. Ebenso gibt es herausragende Maler, die fast ausschließlich unter ihrem Vornamen berühmt geworden sind wie Raffael, der vor 500 Jahren am 6. April (Karfreitag) an einem Fieberanfall infolge einer Malariainfektion in Rom stirbt. Aufgebahrt wird der Leichnam unter seinem letzten Gemälde, an dem er kurz vor seinem Tod noch gearbeitet hat, der Verklärung Christi. Auf einen Karfreitag fällt auch der Tag seiner Geburt am 28. März 1483 in Urbino. Sein Vater ist der Maler Giovanni Santi, seine Mutter, Magia Carla, stirbt bereits 1491.

Die Jahre um 1500 sind eine Zeit im tiefgreifenden Umbruch. Mit der Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Indien erschließen sich neue Handelsrouten. In Florenz wird der Bußprediger Savonarola zum Tode verurteilt und verbrannt. Die Franzosen erobern Mailand, Italien wird von zahlreichen blutigen Konflikten erschüttert. Bald wird die Reformation an Einfluss gewinnen, Karl V. wird Kaiser werden. Ein neues Zeitalter zieht herauf. 

In seinem kurzen 37jährigen Leben schafft Raffael unvergängliche Kunstwerke, in denen sich die Ideale der italienischen Hochrenaissance spiegeln. Sein Lehrer wird Pietro Perugino. An mehreren Aufträgen in Umbrien und in den Marken ist Raffael beteiligt, eignet sich dessen Stärken in harmonischer Farbgebung, Konturierung, Figurenzeichnung und Ausdruck an, um sie weiterzuentwickeln. In Florenz studiert er die Arbeiten Michelangelos, zu dem er zeitlebens ein getrübtes Verhältnis hat, und Leonardos. Im Sommer 1508 siedelt Raffael nach Rom über und wird dort neben vielen anderen Künstlern beim Neubau von St. Peter eingesetzt. Bereits 1509 vertraut Papst Julius II. ihm die Leitung bei der Ausmalung der päpstlichen Gemächer, der Stanzen, mit Fresken an. Bei dieser Jahrzehnte andauernden Tätigkeit vervollkommnet sich Raffaels Technik, wird selber stilbildend. Er arbeitet nach dem lebenden Modell, ist zur Meisterschaft gelangt und lässt viele Arbeiten von seinen Schülern ausführen. Die Idee eines Kunstwerks steht von nun an über seiner handwerklichen Ausführung; eine Konzeption, die überraschend postmodern klingt. Raffael gehört zu einem der ersten, die einen neuen sozialen und kulturellen Status des Künstlers für sich reklamieren. Er wird wohlhabend, engagiert sich für die Erhaltung der römischen Altertümer, nimmt Fechtstunden, kauft und bewohnt eine Villa auf dem Land. Seine Geliebte, Margherita Luti, avanciert zu seinem wichtigsten Modell.

Nach seinem Tod arbeiten seine Schüler in seinem Sinne weiter. 1527, nach der Katastrophe des Sacco di Roma, der Eroberung und Plünderung Roms durch deutsche und italienische Söldner, flüchten diese, werden in ganz Europa verstreut und vermehren die Bekanntheit Raffaels, begründen seinen Ruhm. Sein Stil der 'anatomischen Genauigkeit' und die Ausstattung seiner Bildräume mit perspektivisch-atmosphärischer Tiefenwirkung lassen ihn über die Jahrhunderte hinweg zum Klassiker werden, dessen Kunst bis heute tief berührt. 

Aus der Unmenge von Buchtiteln, die sich anlässlich dieses besonderen Jubiläums mit seinem Leben und Werk befassen, empfehlen wir aus gutem Grund die exzellente Arbeit von Steffano Zuffi. Soeben erschienen in der klug angelegten Reihe Meisterwerke im Detail des Verlags Bernd Detsch. Der opulent ausgestattete, gleichwohl preiswerte Band enthält eine luzide kunsthistorische Einordnung sowie eine prägnante Biografie. Er besticht neben der makellosen Qualität der Reproduktionen durch einen weiteren, nicht gering zu veranschlagenden Vorzug. Er zieht den Betrachter in Raffaels staunenswerte Werke hinein, indem er sich jeweils ein Detail herausgreift und diesem bestimmte Hinweise auf die jeweilige Entstehung entlockt. So verweist er etwa im Ausschnitt des betörenden Portraits von La Fornarina auf den Armreif an ihrem Oberarm mit der lateinischen Aufschrift "RAPHAEL URBINAS". Eine Art Signatur, die erst durch eine vor kurzer Zeit vorgenommene Restaurierung freigelegt wurde und einer Liebeserkärung an Raffaels Modell Margherita Luti gleichkommt. Vor dieser Klärung war durchaus strittig, ob man die superbe Ausführung nun dem Meister selbst oder seinem Schüler Giulio Romano zurechnen konnte.

Raffaels fünfhundertster Todestag kann als willkommene Aufforderung begriffen werden, sich mit Leben und Werk dieses früh vollendeten Genies zu beschäftigen. Das Buch von Steffano Zuffi bietet Ihnen atemberaubende Einblicke und schärft durch seine plausiblen Erläuterungen das Verständnis für die Zusammenhänge zwischen der Kunst, der Welt des Künstlers und ihren vielfältigen Erscheinungen sowie zeitbedingten Aporien, resümiert Alfons Huckebrink. 

Die Biografieempfehlung des Monats März 2020

Bernhard Moitessier: TAMATA. Erinnerungen eines Seglers. München: Aequator-Verlag 2015

 

Diese Autobiografie erschien zuerst 1993 in Paris in französischer Sprache, ein Jahr, bevor der Autor nach schwerer Krankheit mit 69 Jahren verstarb.

 

Bernhard Moitessier wurde 1925 in Hanoi geboren und wuchs in Saigon, dem heutigen Ho-Chi-Minh-Stadt, auf. Seine Eltern hatten Frankreich als frisch verheiratetes Paar aus lauter Fernweh verlassen. Sein Vater als diplomierter Ökonom, seine Mutter als Künstlerin mit Tusche und Pinsel. "Ich unternahm die Reise als Embryo im Bauch meiner Mutter. Die Schiffsreise ging zunächst nach Madagaskar, dann weiter nach Indochina, das damals zum französischen Kolonialreich gehörte." Dieses Land hat BM mit allen Sinnen in sich aufgesogen. Seine Kindheitserinnerungen sind voller atmosphärischer Dichte und vielleicht der schönste und faszinierendste Teil der Autobiografie, beschreiben sie doch eine untergegangene Welt mit den Augen eines Jungen, dem Hügel und Berge dieses Landes vertraut werden, der riesige Wälder durchstreift, Saigon als grüne Stadt erlebt und beschreibt. Seine chinesische Amme prägt ihn mit ihrer Liebe, ihren chinesischen Wiegenliedern, mit ihren Geschichten von Feen und Drachen, die auch in der französischen Kultur zu finden sind. Sie bleibt 27 Jahre in der Familie. Seine Mutter zeichnet mit Tusche und Pinsel die Umgebung, einige dieser sehenswerten Artefakte sind im Buch abgebildet. Nach und nach wächst die Familie, BM erhält noch 3 Brüder und eine Schwester. Am schönsten sind die langen Schulferien, die er in nahezu unbegrenzter Freiheit in einem kleinen Dorf an der Küste von Siam verbringt, wo sich feste und tiefe Freundschaften mit Gleichaltrigen und deren Familien bilden. Schule findet nicht sein Interesse, lieber streunt er über den Markt in Saigon. Sein Vater betreibt ein gut laufendes Ex- und Importgeschäft, welches der Familie wachsenden Wohlstand garantiert. Trotz der Gefahr "einer ordentlichen Tracht Prügel" treibt er sich während der Unterrichtszeit am Fluss herum, um die Dschunken zu betrachten. Und Prügel erhalten er und seine Geschwister reichlich, "da meine Eltern in diesem Klima scheinbarer Mühelosigkeit eine Verweichlichung ihrer Kinder befürchten." Trotzdem durchstreifen er und seine Brüder das nächtliche Saigon. Pluspunkte dieser Autobiografie sind die Offenheit und auch die Schonungslosigkeit, mit der BM die Zeit beim Militärdienst und den Indochina-Krieg beschreibt, in dem er beispielsweise auch Verrat an seinen einheimischen Freunden begeht. Er erleidet mehrfach Schiffbruch mit selbstgebauten Schiffen und bricht doch immer wieder auf, später arbeitet er als Segellehrer, schreibt sein erstes Buch, kehrt nach Europa zurück. Berühmt unter Seglern wird BM durch seinen "verschenkten Sieg", als er 1969 als Einhandsegler von Plymouth aus zu einer Regatta startet und dann trotz beruhigender Führung nicht zurückkehrt, sondern weitersegelt bis Tahiti. In der Südsee lebt er viele Jahre, auch später mit seiner zweiten Frau und seinem Sohn. 1983 baut er die TAMATA, die Yacht, der seine Autobiografie ihren Namen verdankt. Er engagiert sich erfolgreich und mit bewundernswerter Energie gegen die französischen Atomversuche in der Südsee, neben den seglerischen Leistungen ein wichtiger politischer Beitrag. Auf dem "magischen Suwarow Atoll" findet er immer wieder Ruhe und Zeit zum Nachdenken und später die Zeit, das Aufwachsen seines kleinen Sohnes zu erleben. Von weitem begrüßen ihn die in der Südsee heimischen Feenseeschwalben, die Matisse auf seinen Wandtteppichen als Scherenschnitt dargestellt hat. Hier trifft er auch den legendären Aussteiger Tom Neale. Seine Vortragsreisen in den USA führen später nicht zum gewünschten Erfolg, jedoch zur Trennung von seiner Frau Ileana. Später lernt er Veronique kennen, mit der er sowohl in der Südsee, als auch in Paris und in der Südbetragne lebt, während er an seiner Autobiografie schreibt. Dort wurde er auch begraben. Seine Autobiografie ist vor allem ehrlich; er ist schonungslos gegenüber sich selbst und ein außergewöhnlicher Mensch und Segler. Als Philosophen unter den Seglern, wie er in Seglerkreisen oft genannt wird, würde ich ihn nicht bezeichnen, aber durchaus als eindrucksvollen Erzähler. Zum Schluss hat die 450 Seiten lange Autobiografie einige Längen, die ich, Gudula Ritz, verzeihlich finde und die ich deshalb trotzdem zur Lektüre empfehle. 

Die Biografieempfehlung des Monats Februar 2020

Hannes Wader: Trotz alledem. Mein Leben. München: Penguin 2019

 

Die Unruhe in mir, das nagende Gefühl, dass sich in meinem Leben etwas ändern muss ...

 

Hannes Wader (geb. 1942) geht nicht mehr auf Tournee. Soweit die schlechte Nachricht. Nun die gute: Die neu gewonnene Freizeit hat er dazu genutzt, endlich seine Autobiographie zu Papier zu bringen und unter dem für ihn so typischen Titel Trotz alledem zu publizieren. Knapp 600 prall gefüllte Seiten dokumentieren nun ein bewegtes Leben, hübsch illustriert durch prägnantes Fotomaterial.

Für den HW-Anhänger wird Erwerb und Lektüre dieser spektakulären Erinnerungen, die der Barde anhand ausgewählter Liedtexte strukturiert, selbstverständlich sein und die ideale Abrundung seiner Platten- respektive CD-Sammlung darstellen. (Übrigens können Waders Lieder mittlerweile auch gestreamt werden.)

Für solche, die sich (noch) nicht dazu zählen wollen, seien hier einige Inhalte aufgelistet, deretwegen es sich lohnen könnte, das Buch aufzuschlagen. Den Leser erwarten Schilderungen

- seiner beschwerlichen Kindheit in den letzten Kriegsjahren und der Nachkriegszeit in einem ostwestfälischen Dorf

- seiner Ausbildung zum Schaufensterdekorateur in Bielefeld und erster musikalischer Ambitionen

- seiner Flucht nach Westberlin, des Eintauchens in die sich dort formierende Liedermacherszene sowie der niemals langweiligen Freundschaften zu Kollegen, insbesondere der andauernden Beziehung zu Reinhard Mey

- seiner Auftritte auf Burg Waldeck und der Atmosphäre der legendären Festivals

- seiner Politisierung und des Eintritts in die DKP

- seiner engen Freundschaft zu Karratsch (Franz Josef Degenhardt) und seines Mitwirkens in der Friedensbewegung der 80er Jahre

- seiner langjährigen Drangsalierung durch die Staatsorgane, nachdem er seine Hamburger Wohnung einer Frau zur Verfügung gestellt hat, die sich später als Gudrun Ensslin entpuppt

- der Renovierung einer alten Mühle in einem nordfriesischen Dorf und sein Umzug dorthin

- sein später Ruhm, gipfelnd in der Verleihung des Echo für sein Lebenswerk 2013

- seines Privat- und Familienlebens, insbesondere der Aufs und Abs seiner beiden Ehen.

Einen breiten Raum gewährt er der Entwicklung seiner musikalischen Fähigkeiten und den alltäglichen Belastungen des Tourneelebens sowie seiner vielen Reisen, z.B. nach Frankreich, Italien, Irland, Kuba und der Sowjetunion.

HW vergegenwärtigt in seinen Erinnerungen ein aufregendes Stück Zeitgeschichte mit dem kritischen und widerständigen Impetus, der auch seine Lieder auszeichnet. Wer sich darauf einlässt, wird auf manches stoßen, was ihn selbst einmal beschäftigt hat und vielleicht immer noch umtreibt, verspricht Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Januar 2020

Jane Birkin: Munkey Diaries. Die privaten Tagebücher. München: Penguin 2019

 

Wir horchen ins Jahr 1969: Dem Pubertierenden in der westdeutschen Provinz eröffnet das lustvolle Gestöhne in Je t’aime, moi non plus die erotische Dimension der Sexualität, die von sozialliberaler Aufklärungsdidaktik im zeitgleich erscheinenden Sexualkundeatlas Käthe Strobels oder in den von ihrem Ministerium finanzierten Helga-Filmen betulich negiert wird. Das blasse Gesicht von Jane Birkin, das nun auch für das Cover ihrer Tagebücher taugt, illustriert den musikalischen Beischlaf und bietet geheimsten Begierden ein Objekt. Ihm nahezukommen muss der Heranwachsende indessen die Skala rauf und runter rutschen, bis sich vielleicht ein Piratensender einstellen lässt, der den Boykott der Anstalten ignoriert, es wagt, die „beschämende Obszönität“ (Osservatore Romano) zu transmittieren. Wenn er Pech hat, gerät er lediglich an eine Orchesterversion, welche die tugendhafte BBC eingespielt hat, als sie das Phänomen nicht länger ignorieren kann.

Birkins damaliger Partner – nicht nur musikalisch – ist Serge Gainsbourg, mit dem sie zwölf turbulente Jahre zusammenlebt. Von dieser intensiven Zeit kündet ein wesentlicher Teil ihrer Munkey Diaries (1957-1982), benannt nach dem Plüschaffen, dem sie seit ihrer Kindheit Briefe schreibt. Ein Glücksbringer, der auch ihren Vater David zu einer Krebsoperation ins Krankenhaus begleitet. Als Serge stirbt, legt sie ihm das Stofftier in den Sarg. Soll die Veröffentlichung autobiografischer Notate gewöhnlich eine plausible Persönlichkeitsentwicklung nachweisen, so stellt Birkin (*1946) – ganz ohne zu erbleichen - heraus, dass sie sich kaum verändert hat: Die ich mit zwölf war, die bin ich noch heute. Ihre damaligen Aufzeichnungen garniert sie mit aktuellen Ergänzungen und Kommentaren. Ein reizvoller Ansatz, dem der Leser ein Bouquet duftender Anekdoten und freimütiger Reflexionen verdankt.

Die Tochter einer Schauspielerin und eines hochdekorierten britischen Offiziers mit besten Verbindungen zur Résistance wird in Frankreich heimisch, wo sie frühe Anerkennung genießt. Amerika macht mir Angst, England war mir zu eisig, ich wollte Frankreich, weil Frankreich mich wollte. Beim Erfolg von Je t’aime ist sie bereits mit einer Rolle in Michelangelo Antonionis Film Blow up in Erscheinung getreten, der 1967 in Cannes den Grand Prix gewinnt. Nun trifft sie Gainsbourg und ist ihm gleich verfallen: … ziemlich verlebt, aber voller Lauterkeit. Ihre exzentrischen Eskapaden liefern Stoff für den Boulevard; der Tagebuchleser goutiert ihren Rauswurf aus dem schmutzigsten Bordell von Paris wegen zu lauten Stöhnens oder Janes Besuch im Erotikshop, von dem sie Serge eine aufblasbare Puppe mitbringt. Wenn es drauf ankommt, beweisen beide politisches Standing. Als Serge, der als jüdisches Kind die Okkupation überlebt hat, gegen die Drohkulisse französischer Fallschirmjäger 1980 in Straßburg mit geballter Faust seine Reggae-Version der Marseillaise (Aux armes et caetera) singt, erhalten sie Glückwünsche von Georges Brassens und viele Morddrohungen, es gibt Bombenalarm. Birkins Kommentar, gerade heute beachtenswert: Man kuscht nicht vor Drohungen, vor allem nicht vor denen rechtsextremer Rassisten.

Bei aller Liebe, am Ende hält sie es nicht mehr aus mit ihm. Ich hasse diesen Film … Sie zieht mit den Töchtern Charlotte und Kate ins Hilton, wird von Schuldgefühlen gequält, wünscht sich zu wissen, wie das Leben ganz allein mit mir ist. Ein unerfüllbarer Wunsch. Nicht nur für diese Schauspielerin und Sängerin, deren zärtlichste Kreationen die Vergänglichkeit der Liebe zelebrieren.

Mittlerweile empfinde ich eine andere Produktion des Paars, La décadanse, in jeder Hinsicht eindrucksvoller, ja reifer im erotischen Sinne als Je t’aime. Ich freute mich, diese Einschätzung in den Tagebüchern bestätigt zu bekommen. Mon amour / de toujours / patience. Dank Youtube können Sie sich Ihr eigenes Urteil dazu bilden. Die Lektüre der Tagebücher Jane Birkins indessen erleuchtet nicht nur zum Jahresbeginn die Erinnerung an eine mehr denn je bemerkenswerte Epoche, konstatiert Alfons Huckebrink

....siehe in der Chronik 2020!!