Autor des eigenen Lebens werden:

Literatur und autobiografische Aufmerksamkeit

Eine Kooperation rund um das Thema autobiografische Aufmerksamkeit und autobiografisches Schreiben

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  • Schreibwerkstätten
  • Literaturempfehlungen

  

Wir wünschen unseren Lesern einen erlesenen Sommer!

Ausblick

Autobiografisches Schreiben TTT 2015 in der Schweiz

Autobiografisches Schreiben TTT

Train the Trainer

in Kooperation mit www.wilob.ch

Kreatives und autobiografisches Schreiben 2016
Auch in diesem Jahr gibt es einige Seminarangebote für kreatives und autobiografisches Schreiben von Alfons Huckebrink.
am 01.-02.12.2016 bei IMPART in Osnabrück
am 23.-24.11. 2016 bei der WILOB AG in Lenzburg, Schweiz
32B'15'Schreiben-Ritz - 32B'15'Schreiben[...]
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Jeden Monat finden Sie hier eine lesenswerte Biografieempfehlung

Die Biografieempfehlung des Monats September 2016

Lily Brett. Lola Bensky. Suhrkamp 2012

Lola Bensky ist das Alter Ego von Lily Brett, einer australischen Autorin, die inzwischen in New York lebt. Es handelt sich um einen autofiktionalen Roman, der in personaler Perspektive und nicht in Ich-Form geschrieben ist, aber wesentliche autobiografische Anteile enthält.

LB ist in einem Lager in Deutschland 1946 geboren, nachdem ihre Eltern, die im Ghetto in Lodz geheiratet hatten, in Auschwitz getrennt und später wiedervereint wurden. Danach wandert die nicht-religiöse jüdische Familie nach Melbourne/Australien aus. LB wird nicht, wie die Eltern erhofft haben, Juristin, sondern Journalistin für ein australisches Rock-Journal. Auch in anderer Hinsicht enttäuscht sie ihre Eltern, vor allem die Mutter, denn LB ist mollig, für das Kind einer Auschwitz – Überlebenden eine Ungehörigkeit. Sie selbst hat ein ambivalentes Verhältnis zu ihrem Körper, denn ihre Generation orientierte sich an Twiggy, dem damaligen Schönheitsideal, die sie ebenfalls interviewt.

Die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung ist ein zentraler Erzählfaden, wobei die fehlende Präsenz der Mutter, die, so nahm LB an, ihre Zeit mit den Toten verbrachte, den unzähligen Verlusten in ihrer Familie durch den Holocaust. Mit dem Vater unternimmt sie schöne Ausflüge in Zirkusse und Tivoli-Bars. Sowohl das genussvolle Essen als auch die Welt der Shows und der Glamour der Künstler bilden einen Kontrast zu den düsteren Ahnungen, die einzelne Äußerungen der Mutter hervorrufen. Möglicherweise fühlt sich LB gerade deshalb zur Welt der Stars und Künstlern hingezogen, die im Zentrum ihrer späteren Berufstätigkeit stehen. Hin und wieder werden die Auschwitz-Erzählungen der Mutter in die inneren Monologe eingestreut, die LB als junges Mädchen angehört hat und die sie überfordert haben.

Im Mittelpunkt des Romans stehen jedoch nicht die Auschwitz-Erlebnisse und die Konsequenzen transgenerationaler Traumatisierung, sondern die schwierige Selbstentwicklung der 19jährigen LB, die als Musikjournalistin um die Welt reist und die Stars der 60er und 70er Jahre interviewt. Die Entwicklung kann als Weigerung verstanden werden, sich durch die Gewalterfahrungen und Traumatisierungen beherrschen zu lassen und sich stattdessen den schönen Seiten des Lebens zuzuwenden. LB setzt in ihrem Roman Stars wie Jimmy Hendrix, Cher, Janis Joplin und vielen anderen ein literarisches und authentisches Denkmal, indem sie die Dialoge und Begegnungen mit ihnen erinnert und beschreibt. Auch war sie bei wichtigen Festivals und Clubauftritten der Stars zugegen und hat diese festgehalten.

Janis Joplin, die selbst eine komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter hatte, meinte, LB müsse mollig bleiben, damit sie sich das Interesse ihrer Mutter erhalte.

Erst nach dem Tod ihrer Mutter nimmt sie diese nicht nur als Abwesende und Kontrollierende wahr, sondern kann um sie in einem unendlich schmerzlichen Prozess trauern. Dieser Prozess wird getragen von dem lebenslangen, über den Tod hinaus anhaltenden Bestreben der Tochter, die Mutter zu erlösen und von ihren Erlebnissen zu heilen, was sich als unmöglich erweist.

Das Buch liest sich spannend, da die Zeitebenen und Erzählfäden geschickt miteinander verknüpft werden und wechseln, bis zum Schluss bleiben immer noch offene Fragen.

Lily Brett wird im März 2017 auf dem Salon du Livre in Paris lesen und einen Preis entgegennehmen.

Sehr lesenswert, meint Gudula Ritz.

 

Die Biografieempfehlung des Monats August 2016

Frances Spalding: Virginia Woolf. Leben, Kunst & Visionen. München / Berlin: Sieveking 2016

Im Allgemeinen lege ich bei der Lektüre von Biographien wenig Wert auf illustratives Beiwerk. Hinsichtlich der vorliegenden Darstellung zu Leben und Werk Virginia Woolfs erkenne ich gerne die bezwingende Ausnahme an. Mehr als das muss diesem opulent ausgestatteten Buch attestiert werden, dass es informative Qualität wie ästhetischen Reiz erst aus den Abbildungen und der Reproduktion von Fotos, Kunstwerken, Erstausgaben und Schriftproben bezieht. Was nicht verwunderlich ist, geht das sehr stimmige Ensemble von Text und Bild doch zurück auf die Ausstellung Virginia Woolf: Art, Life and Vision (2014) in der National Portrait Gallery.

Das von der ausgewiesenen Expertin Frances Spalding glänzend verfasste Werk liegt nun - und damit rechtzeitig zum 75. Todestag Virginia Woolfs - dank der adäquaten Übertragung durch Ursula Wulfekamp und Matthias Wolf auch auf Deutsch vor.

Der Leser taucht ein in die Kunst- und Literaturszene des frühen 20. Jahrhunderts, einer Zeit der kulturellen Neuerfindung Großbritanniens im Geist einer Avantgarde, die auf ewig mit dem Wirken der in der Bloomsbury Group versammelten Künstler und Intellektuellen verbunden sein wird. Er erlebt Virginia Woolf nicht nur in ihrer Entwicklung als Schriftstellerin und Essayistin, als Mitbegründerin und Betreiberin der Hogarth Press, sondern auch im immerwährenden Auf und Ab ihrer künstlerischen und persönlichen Beziehungen und dem daraus resultierenden geistigen Austausch. Ihr Freundeskreis umspannt ein breites Spektrum und reicht von bekannten Malern wie Duncan Grant über aufstrebende Schriftsteller wie T.S. Eliot bis zu renommierten Wissenschaftlern wie dem Nationalökonomen John Maynard Keynes.

Ihr Vater Leslie Stephen, ein Gelehrter von Rang und bekannter Schriftsteller, ist fest verwurzelt in der Kultur der viktorianischen Zeit. 1912 heiratet Virginia Stephen den Journalisten und Romanautor Leonard Woolf. Den Implikationen dieser Ehe spürt das Buch ebenso nach wie Virginias Beziehung zu der Schriftstellerin und Gartengestalterin Vita Sackville-West, der sie in der Romanbiographie Orlando ein unvergängliches Andenken schafft. Ihre letzten Lebensjahre sind überschattet von der nationalsozialistischen Bedrohung. Sie verliert einen Neffen im Spanischen Bürgerkrieg. Ihr langjähriges Haus am Tavistock Square wird im Oktober 1940 von einer Bombe getroffen und schwer beschädigt.

Virginia Woolf leidet zeitlebens unter schweren Depressionen, verbringt etwa 1915 mehrere Monate in einem Pflegeheim, schluckt eine Überdosis Barbiturate. Am 28. März 1941 bricht sie nachmittags zu einer Wanderung auf, hinterlässt auf dem Wohnzimmertisch drei Abschiedsbriefe, zwei für Leonard, einen für die ältere Schwester Vanessa. Ihre Leiche wird erst einen Monat später aus dem Fluss Ouse geborgen, die Manteltasche beschwert mit einem Stein. Bereits am Tag ihres Verschwindens findet Leonard ihren Spazierstock am Flussufer. Ihr letzter Roman Between the acts wird posthum veröffentlicht.

"Ich verbinde Struktur mit Handlungsverlauf & sagte deshalb 'Textur' ", vermerkt sie in ihrem Tagebuch über die Ästhetik des Romans. Ihre Werke erleben auch nach ihrem Tod zunächst nur kleine Auflagen. Erst allmählich setzt sich - zunächst in den USA, dann auch auf der Insel - die Erkenntnis durch, dass der moderne Roman ohne Virginia Woolf nicht denkbar ist. Zu Recht wird sie deshalb mit Brecht, Thomas Mann, Proust und Joyce auf einer Stufe gesehen und heute zu den entscheidenden Autoren des 20. Jahrhunderts gerechnet.

"Denken ist meine Art zu kämpfen." Es gibt zur Zeit kaum einen attraktiveren Weg, sich mit der Welt Virginia Woolfs vertraut zu machen, als durch die Lektüre dieses Buches. Lesen und genießen, meint Alfons Huckebrink.   

Die Biografieempfehlung des Monats Juli 2016

Beate und Serge Klarsfeld: Erinnerungen. München: Piper 2015

"Wir werden sie aufspüren, wo immer sie auch sind." (Beate und Serge K.)

Von der spektakulären Ohrfeige auf den Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, mit der Beate K. 1968 dessen Nazivergangenheit ins öffentliche Bewusstsein rückt, bis zur Verleihung des Bndesverdienstkreuzes 1. Klasse am 20. Juli 2015 in der deutschen Botschaft in Paris - auch mit diesen bekannten Wegemarken wird die Fülle gemeinsamen Lebens des deutsch-französischen Ehepaars Beate und Serge Klarsfeld lediglich angededeutet. Gut und hilfreich, dass jetzt ihre gemeinsamen Erinnerungen auch auf Deutsch vorliegen. Liebesgeschichte, Zeitgeschichte, Justizgeschichte - all das und noch viel mehr steckt in den mit zahlreichen Fotos versehenen, ebenso informativen wie bestürzenden 610 Buchseiten. Verständlich wird dem Leser das gut abgestimmte und von einer lebenslang andauernden Grundhaltung getragene, gemeinsame Handeln, das den Opfern des Holocausts und ihren Hinterbliebenen verpflichtete Agieren zur Bestrafung der Schlächter und Schreibtischtäter. Eine Gemeinsamkeit, deren Intensität Serge K. in diese Worte fasst: "Zusammen sind wir stark und glücklich. Ohne den anderen sind wir nichts."

In der Öffentlichkeit werden sie schnell unter dem plakativen Begriff 'Nazijäger' bekannt, eine flache Metapher, in gewisser Hinsicht jedoch zutreffend, da sie etliche der untergetauchten Täter in ihren Verstecken in nah und fern aufspüren und aufscheuchen. Aus den zahlreichen, im Buch erzählten Fällen, seien hier zwei hervorgehoben. Zunächst der Kölner Prozess gegen die SS-Offiziere Herbert Hagen, Kurt Lischka und Ernst Heinrichsohn, alle drei in Paris verantwortlich für die Deportation Tausender französischer Juden in die Vernichtungslager Osteuropas, Letzterer bis zu seiner Entdeckung angesehener Anwalt in und Bürgermeister von Miltenberg. Am 11. Februar 1980 werden sie zu Gefängnisstrafen verurteilt und müssen ihre Haft sofort antreten.

Zweitens der nach langen Verzögerungen in Bordeaux stattfindende, aufsehenerregende Prozess gegen Maurice Papon, der am 2. April 1998, mehr als 60 Jahre nach Verübung seiner Untaten zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt wird und diese Strafe, obwohl er sich ihr zunächst durch eine Flucht in die Schweiz zu entziehen sucht, auch antreten muss. Papon, ein hoher Beamter des Vichy-Regimes, nach dem Krieg u.a. Finanzminister und Polizeipräfekt von Paris, war in Bordeaux verantwortlich für die Deportation der jüdischen Bevölkerung in das Sammellager Drancy. 

Wieviel Energie, Mut, Kraft, Lebenszeit und Geld mögen Beate und Serge K. in die Aufspürung und Verurteilung untergetauchter Naziverbrecher gesteckt haben! Einges davon wird in ihren Memoiren greifbar. Der Leser ist dankbar, dass nun alles nachzulesen ist und bewahrt worden ist in diesem einzigartigen Zeugnis ihrer Erinnerungen. Ans Herz gelegt von Alfons Huckebrink 

Die Biografieempfehlung des Monats Juni 2016

Sigrid Damm, Christiane und Goethe. Eine Recherche. Frankfurt a. M.: Insel 2005

"Ich gng im Walde / So für mich hin, / Und nichts zu suchen, / Das war mein Sinn." lautet die erste Strophe des Gedichts 'Gefunden', das Johann Wolfgang von Goethe 1813 seiner Frau Christiane schrieb, der er 25 Jahre vorher im Park an der Ilm in Weimar erstmals begegnet war. Am 6. Juni jährte sich ihr Todestag zum 200. Mal.

Seit 1806 ist Johanna Christiana Sophia Vulpius die Ehefrau des Dichters. Sie heiraten am 19. Oktober in der Sakristei der Jakobskirche, nachdem sie bereits 18 Jahre in freier Liebe zusammengelebt haben. Christiane hat fünf außereheliche Knder geboren, von denen lediglich der erstgeborene August noch lebt. Nach ihrem frühen Tod schweigt sich Goethe über ihre 28 Jahre währende Beziehung weitgehend aus. Von zeitgenössischen und nachgeborenen Goethe-Verehrern wird ihr Lebensbild durch permanentes Bashing, wie man heute wohl sagen würde, herabgesetzt. Thomas Mann wird sie später 'un bel pezzo di carne' nennen, ein schönes Stück Fleisch, 'gründlich ungebildet'.

Erst Sigrid Damm, versierte Kennerin der Goethe-Zeit und exzellente Erzählerin, hat mit ihren 2005 als Buch erschienenen Recherchen eine Umbewertung von Christianes Lebensleistung bewirkt. Sie fragt in diesem Werk danach, wer Christiane Vulpius, Goethes Ehefrau, wirklich war und was sie ihm als Partnerin hat bedeuten können. Wo immer es möglich ist, lässt sie Christiane selbst sprechen - eine Frau mit einer erstaunlich direkten Sprache für ihren Körper, ihre Sexualität; eine Frau, die unablässig tätig ist und Goethe den Rücken freihält. "Sie kann einen Schlitten kutschieren. Geht allein auf Reisen, trägt zwei Pistolen bei sich. Sie ißt gern, trinkt gern, am liebsten Champagner. Sie tanzt ausgezeichnet, als Fünfundvierzigjährige nimmt sie noch bei einem Tanzmeister Unterricht. Sie liebt die Komödie, weniger das Lesen. Heiter ist sie, witzig, stets gutgelaunt." Andererseits leidet sie unter dem Tod ihrer Kinder, sie wird lebenslang gequält von Krankheiten wie Bluthochdruck und Nierenproblemen. In der feinen Gesellschaft von Weimar rümpft man über sie die Nase. Sie ist ständig überfordert, weil sie eine Rolle spielen muss, für die sie nicht geschaffen ist.

Die Beisetzung, der Goethe fernbleibt, findet auf dem Jakobsfriedhof statt. Auf ihrer Grabplatte finden sich seine Verse: „Du versuchst, o Sonne, vergebens, / Durch die düstren Wolken zu scheinen! / Der ganze Gewinn meines Lebens / Ist, ihren Verlust zu beweinen.“ Mit ihrer präzis recherchierten und akkurat fabulierten Darstellung versteht es Sigrid Damm, dem Leser das Leben der Christiane Vulpius nahezubringen und in dessen Beziehung zu Goethe gleichzeitig ein tieferes Verständnis für Leben und Werk des Dichters zu wecken. Das opulent angerichtete Werk wird von zahlreichen Antiquariaten zu einem günstigen Preis angeboten und ist zu jedem allemal der Lektüre wert, meint Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Mai 2016

Jens Andersen, Astrid Lindgren. Ihr Leben. München: DVA 2015.

Diese 2015 erschienene Biografie wirft einen sehr differenzierten Blick auf Person und Persönlichkeit Astrid Lindgrens. Nach umfangreichen jahrelangen Quellenstudien und zahlreichen Interviews zeichnet Jens Andersen ein spannendes PORTRAIT der Kinderbuchautorin und lässt doch Rätsel offen, gibt Widersprüchlichkeiten Raum. Trotz differenzierter Beschreibung und empathischer Analyse gerät es so wie im realen Leben: Nicht jeder Anteil einer Persönlichkeit kann erklärt und bis in die letzte Facette verstanden werden. Die Leser lernen Astrid Lindgren hier in einer Vielschichtigkeit und Vielseitigkeit kennen, die sie selten in einer Biografie antreffen. 

Andersen beginnt mit der Fanpost, die A.L. bis ans Ende ihres Lebens engagiert und, soweit es ihr möglich war, bearbeitet hat. Das zeigt, dass sie Leser ernst nahm und sich wirklich für sie interessierte. Dann wird zurückgeblendet auf die Jugendzeit, in der AL mit 17 ein lustiges Leben führt, als “neugierige, eifrig lesende junge Frau“, die gerne tanzen geht und sich eines Tages die Haare kurz schneiden lässt (à la garçonne), was in der Kleinstadt einen regelrechten Skandal auslöst. Wenig später beginnt sie bei einer Lokalzeitung, der Vimmerby Tidning als Voluntärin zu arbeiten. Nur kurz wird auf die glückliche und naturverbundene Kindheit in einem Dorf auf Småland eingegangen, die offenbar eine Vorlage für Kontexte späterer Werke ist. Es wird Bekanntes aus dem Leben der Schriftstellerin beschrieben:  Die Liebesaffäre mit ihrem 50jährigen Vorgesetzten, der zu dieser Zeit in Scheidung lebt, die ungewollte Schwangerschaft, die Geburt ihres ersten Sohnes in Kopenhagen, wo sie den Namen des Vaters nicht angeben muss, Entbehrungen, Schuldgefühle und die Sehnsucht nach ihrem Sohn, der mehrere Jahre bei einer Pflegemutter aufwächst. Sie heiratet später Sture Lindgren, ihren Vorgesetzten beim schwedischen Automobilclub, bei dem sie in Stockholm als Sekretärin arbeitet. Endlich kann sie ihren Sohn Lasse zu sich nehmen und bekommt noch eine Tochter. Der Durchbruch als Schriftstellerin, die Erfolge, die Filme, eine Ehekrise und Tod des Ehemanns - diese bekannten biografischen Milestones werden bei Andersen durch eine völlig neue historische und gesellschaftspolitische Perspektive zusammengeführt, der ein differenziertes Quellenstudium vorausgegangen ist. Von Anfang an ist das literarische Werk von AL emanzipatorisch, antiautoritär (Pippi Langstrumpf) und erhebt die Kinderliteratur zu einem neuen Genre. Zunächst apolitisch und überzeugte Sozialdemokratin wirkt sie später eher in der Rolle einer politischen Journalistin am Sturz des sozialdemokratischen Regimes mit, das ihr zunehmend sozialbürokratisch erscheint. Diese Wendung steigert sich bis zum Wirken einer politischen und umweltbewussten Aktivistin, um in späteren Werken (Ronja Räubertochter) eher philosophische Gedanken einfließen zu lassen. Obwohl sie selbst verschiedene gesellschaftspolitische, entwicklungspsychologische und philosophische Sichtweisen in die verschiedenen Phasen ihrer künstlerischen Tätigkeit einfließen lässt, vertritt sie einen zutiefst undogmatischen Standpunkt. Eine gezielt pädagogische Absicht in ihren Büchern lehnt sie ab und wendet sich gegen zeitgenössische sozialistische Kinderliteratur, die unbedingt politisch sein solle. Alle Formen der Literatur haben ihre Berechtigung, die künstlerische Freiheit besitzt die höchste Priorität, vegetative Ruhe, Konzentration und Naturverbundenheit sind zentrale Voraussetzungen. Im Oktober 1978 wird AL der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen. Die klare Botschaft „Niemals Gewalt“ findet großen öffentlichen Zuspruch. Die Veranstalter, denen die Rede vorab zugesandt worden ist, bitten sie, den Preis entgegenzunehmen, und sich „kurz und gut“ zu bedanken und auf die Rede zu verzichten. Man erwarte einige politische Würdenträger bei der Verleihung des prestigeträchtigen Preises. Daraufhin kündigt sie an, den Preis unter solchen Umständen nicht persönlich entgegenzunehmen, und stattdessen den schwedischen Botschafter als Stellvertreter für den kurzen Dank zu schicken, und darf dann doch schließlich ihre „Friedensrede“ ungekürzt halten. Die Biografie wird abgerundet durch ein bebildertes Werkverzeichnis mit den ursprünglichen Titelbildern, deren Grafiken einen besonderen Reiz ausmachen. Empfohlen von Gudula Ritz

 

Die Biografieempfehlung des Monats April 2016

Patti Smith: M Train. Erinnerungen. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2016

Von allen lebenden Musikern ist die am 30. Dezember 1946 in Chicago geborene Patti Smith vielleicht die beste Schriftstellerin. Lesen, Lesen, Lesen! In ihrem Werk beweist die These, wonach der Weg zu einem guten Schreiber über intensive Lektüre führt, wieder einmal zeitlose Evidenz. Dazu: Kaffee, Kaffee, Kaffee! Ebenso maßlos wie der Lesehunger gestaltet sich ihr Kaffeekonsum. Beides passt wohl nicht schlecht zusammen und bereits Ende der 60er Jahre veröffentlicht die heute gern etwas plakativ als 'Godmother of Punk' apostrophierte Patti ihre ersten Gedichte in Zeitschriften wie 'Rock and Cream', noch vor dem Erscheinen ihrer ersten Single 'Hey Joe' (1974).

Der soeben auf Deutsch erschienene zweite Teil ihrer Autobiographie - 2010 bereits ihr Buch 'Just Kids' - nimmt den Leser mit in die 1980er Jahre und spannt den zeitlichen Bogen bis in die Gegenwart. Sie lernt ihren Mann Fred "Sonic" Smith, Gitarrist bei der Gruppe MC 5, kennen, heiratet ihn 1980 und lebt mit ihm in Detroit. Sie haben zwei Kinder und 1994 stirbt Fred überraschend an Herzversagen. Auf der Trauerfeier singt sie 'What a wonderful world' von Louis Armstrong und kehrt zurück nach New York. Die Erinnerungen an Fred und an ihre gemeinamen Reisen prägen dieses Buch. Seine eindrucksvollen Bilder, welche die Autorin auch aus ihren Träumen bezieht, fügen sich assoziativ zu einem schillernden Zeitensemble, das den Leser in mehrfacher Hinsicht berührt. Zum Einen erschließt er sich die Dimension ihrer Trauer um den gestorbenen Mann und die nicht mehr realisierbaren gemeinsamen Pläne, zum Anderen genießt er Patti Smiths jeder Einzelzeile angemessene Eigentümlichkeit des Stils - gewiss auch ein Verdienst der Übersetzerin Brigitte Jakobeit -; und zuetzt eröffnen sich ihm Zugänge zum Schaffen bedeutsamer Schriftsteller. Sie besucht das Grab Jean Genets in Larache (Marokko), Paul Bowles oder William S. Burroughs hat sie persönlich gekannt. Zu den Gräbern anderer Größen pilgert sie unverdrossen, wie zu dem Bert Brechts in Berlin, Sylvia Plaths in Heptonstall oder Akutagawa Ryunusokes in Japan. Von überall her bringt sie ihre Polaroid-Aufnahmen mit, mit denen die Autobiographie reichlich ausgestattet ist. Ihre Lieblingsräume indessen befinden sich in Cafés, die sie in der ganzen Welt aufsucht und hier vorstellt. Im kleinen Café 'Ino im Greenwich Village nimmt sie ständigen Aufenthalt. Es entwickelt sich zu ihrem zweiten Wohn-, besser Arbeitszimmer. Als es überraschend schließt, schenkt ihr der Besitzer den unscheinbaren Tisch mitsamt dazugehörigem Stuhl, an dem sie immer gesessen, gelesen und ihre diversen Listen aufgeschrieben hat.

Lesen, lesen, Lesen!, vielleicht bei einer Tasse Kaffee, lautet abschließend auch die Empfehlung an den geneigten Besucher dieser Rubrik. Besteigen Sie den Mental Train. Von Alfons Huckebrink

 

Die Biografieempfehlung des Monats März 2016

Alex Capus (2015). Reisen im Licht der Sterne. München: Hanser Verlag.

„Reisen im Licht der Sterne“, diesen inspirierenden Titel wählte der Autor für eine Biografie, die das Leben des Schriftstellers Robert Louis Stevensons nicht nur beschreibt und empathisch nachzuvollziehen versucht, sondern vollkommen neu interpretiert. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Zeit, während der RLS, Sohn eines wohlhabenden schottischen Ingenieurs und Leuchtturmbauers, die Beziehung zu Fanny, einer verheirateten Frau und Mutter, anknüpft, und der gemeinsamen Jahre auf Samoa, wo sich RLS unvermittelt niederlässt und bis zum Ende seines nur 44jährigen Lebens bleibt. Während er in San Francisco auf die Scheidung Fannys von deren Mann wartet, erfährt er zufällig von einer Schatzinsel, Cocos Island, auf der der geraubte Kirchenschatz von Lima versteckt sein soll. Cocos Island ist eine nahe Costa Rica gelegene Insel, die zahlreiche Schatzsucher anlockt, ein Schatz wird doch dort jedoch niemals gefunden. Diese Geschichte inspiriert den an Tuberkulose erkrankten RLS zu seinem weltberühmten Bestseller „Die Schatzinsel“.

Die Lebenserzählung beginnt auf einer Südseereise des inzwischen verheirateten Paares, mit der Überfahrt und dem Anlanden in Samoa, und wird eingebettet in die rezente Geschichte der Insel, sichtbar durch zahlreiche Wracks der in einem Hurrikan gestrandeten Kriegsschiffe der deutschen, amerikanischen und französischen Kolonialmächte, welche durch dieses Ereignis an einem kriegerischen Konflikt gehindert wurden.

Nachdem er anfangs nur mäßig von Samoa begeistert ist, kommt es innerhalb kürzester Zeit zu einem rätselhaften Meinungsumschwung. RLS kauft ein Grundstück und wird den Rest seines Lebens auf Samoa verbringen. Noch viel mehr Rätselhaftes bringt die gründliche Recherche von A. Capus zutage, und es ergeben sich offene Fragen und Hypothesen, die mit detektivischer Sachlichkeit und zugleich spannend vorgetragen werden. Die Insel Tafahi, nur einen Segeltag von Samoa entfernt, hieß in früheren Zeiten Cocos Island und käme als möglicher Ort der realen Schatzinsel in Frage. Warum leben RLS und seine Familie das Leben reicher Müßiggänger? Ist es möglich, dass RLS nicht nur die Geschichte der Schatzinsel niederschrieb, sondern die reale Schatzinsel in der Nähe von Samoa gefunden hat? Hat er den sagenhaften Schatz entdeckt? Eine Biografie, die viel Spannung verspricht und trotz aller Geheimnisse eine persönliche Nähe zu RLS vermittelt.Empfohlen von Gudula Ritz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Biografieempfehlung des Monats Februar 2016

Ruth Klüger: Rede zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus vor dem Deutschen Bundestag

„Im Steinbruch frieren Kinder in der rostigen Luft“ lautet eine Zeile aus dem „Landschaftsgedicht“, das die damals 13-jährige Zwangsarbeiterin Ruth Klüger über ihre Zeit 1944/45 im Arbeitslager Christianstadt schrieb. Sie wollte damit „diese traumhafte und gestaltlose Öde“, Eindrücke eines Zustands, den „Inbegriff des Arbeitslagers, wie ich es erlebte“, beschreiben. Als Gastrednerin in der Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus schilderte die heute 84-jährige US-amerikanische Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Ruth Klüger am Mittwoch, 27. Januar 2016, ihre Erlebnisse in dem Frauenlager.

Bereits im Februar 2014 dokumentierten wir in dieser Rubrik die Rede von Daniil Granin zum Gedenktag. Auch das Zeugnis von Ruth Klüger stellt eine eindrückliche Lektüreerfahrung dar und sollte weite Verbreitung finden. Alfons Huckebrink

kw04_gedenkstunde_protokoll-data.pdf
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Die Biografieempfehlung des Monats Januar 2016

Der Fall Clara Immerwahr. Leben für eine humane Wissenschaft. Gerit von Leitner. München: Beck 1993

Immerwahr. Sabine Friederich. München: DTV 2004

 

Das Leben der Clara Immerwahr ist aus heutiger Sicht überaus interessant: aus wissenschaftstheoretischer Perspektive, aus der Gender-Perspektive und nicht zuletzt aus subjektiv-menschlicher Sicht. Sie wurde 1870 als Tochter eines Gutsbesitzers in der Nähe von Breslau geboren. Ihr Vater war promovierter Chemiker, lebte jedoch von der Landwirtschaft. Clara Immerwahr ist in ihrem Leben mehrfach gegen den Strom  geschwommen. Sie promovierte als erste Frau an der Universität Breslau in physikalischer Chemie, und das zu einer Zeit, in der Frauen weder zur höheren Schulbildung noch zur Universität zugelassen waren. Sie konnte sich der Unterstützung ihres Vaters sicher sein, unbeirrt ihren Weg zu gehen und ihrem „inneren Wesen“ zu folgen. Sie heiratete einen Kollegen, Fritz Haber, und wurde gleich nach der Hochzeit schwanger. Von diesem Zeitpunkt an versuchte sie, die Rolle als Ehefrau und Mutter mit ihren beruflichen Neigungen zu vereinbaren. In diesem Bestreben wurde sie von ihrem Ehemann zunächst nur halbherzig, wenn überhaupt, unterstützt, später jedoch kontinuierlich abgewertet und ausgegrenzt. Fritz Haber war von extremer Gleichgültigkeit seiner Familie gegenüber und von brennendem Ehrgeiz beseelt. Schließlich arbeitete er maßgeblich an der Erfindung der ersten chemischen Waffen, die im 1. Weltkrieg viele Opfer durch einen grausamen Gastod forderten. Obwohl durch permanente Missachtung und Herabwürdigung geschwächt, ließ Clara Immerwahr nicht nach, diese Art der Anwendung der Wissenschaft in Frage zu stellen. Schließlich wird sie von ihrem Mann als Vaterlandsverräterin bezeichnet. Das letzte Mal schwimmt sie gegen den Strom, als sie sich 1915 mit der Dienstwaffe ihres Mannes erschießt und somit, da sie für sich keine Lebensperspektive mehr erkennt, ein Zeichen setzen will. Ihr Mann fährt dessen unbeirrt am folgenden Tag an die Ostfront. Claras Abschiedsbriefe wurden nicht gefunden und offenbar vernichtet. Die Hausangestellten haben die Briefe gelesen. Ihr Tod wurde als Tod einer psychisch beeinträchtigten Frau dargestellt. Leider zeichnet der Unterhaltungsroman von Sabine Friederich, überwiegend im Inneren Monolog geschrieben, genau dieses Bild einer schwer depressiven Frau, die sich nur mühsam zum letzten Ausweg aufraffen kann. Die Biografie von Gerit von Leitner ist viel detaillierter und wird Clara als eigenständiger Persönlichkeit eher gerecht, jedoch in seiner Genauigkeit eher in Berichtform verfasst und z.T. mühsam zu lesen. Da das Leben Clara Immerwahrs unabhängig von dessen Darstellung auf jeden Fall inspirierend und bedenkenswert ist, sollte man diese Mühen auf sich nehmen. Trotz genannter Einschränkungen empfohlen von Gudula Ritz.

 

Die Biografieempfehlung des Monats Dezember 2015

Emil Nolde: Mein Leben. Köln:DuMont-Verlag, 2013, 3. Auflage.

Diese Autobiografie enthält vier verschiedene Werke, die ab dem sechsten Lebensjahrzehnt des Künstlers verfasst wurden und von den frühesten Erinnerungen bis zum Tod seiner ersten Frau Ada im Jahre 1946 reichen. "Mein Leben" ist entsprechend dieser verschiedenen Bände gegliedert: "Das eigene Leben" handelt von Noldes Kindheit und Jugend sowie seiner Entwicklung als Künstler mit seiner eigenen Art zu sehen und zu malen. In  "Jahre der Kämpfe" beschreibt er, wie er als Maler zunächst verkannt wurde und welche Sorgen und materielle Schwierigkeiten er zusammen mit seiner häufig kranken Frau Ada zu bestehen hatte. Trotzdem ließ er sich nicht von seinem Weg abbringen und war selbst von seiner Kunst überzeugt, ferner ermutigt und unterstützt von seiner ihn liebenden Frau. Dem Schreiben folgte er als einem inneren Bedürfnis, welches dem Malen eindeutig nachrangig war. Er versteht sich ganz und gar als Maler, sein Motto lautete häufig: "Maler male!" oder einschränkend "Ich schreibe dies als Maler nur", heißt es im Vorwort zum zweiten Band seiner Selbstbiografie und er wundert sich am Ende, dass ein richtiges Buch daraus geworden ist. Nolde schreibt in einer ungewöhnlichen, etwas schwer zugänglichen Sprache, der Sprache des Nordschleswigers, der zu Hause plattdänisch, in der Schule hochdeutsch und im Religionsunterricht hochdänisch gesprochen haben muss. Die Reflexionen seiner selbst und seiner Zeit erscheinen vielleicht aus heutiger Sicht begrenzt, jedoch muss man bedenken, dass Nolde als Sohn eines einfachen Bauern schon früh seine innersten Ziele in sich getragen und trotz widriger schulischer und sonstiger materieller Bedingungen auch erfolgreich umgesetzt hat. Seine Stärke ist sein differenziertes Wahrnehmungsvermögen, und so malt er sich und seine Lebenswelt und seine Zeit aus einer ungewöhnlich differenzierten subjektiven Ästhetik, die ihresgleichen sucht. Dieses findet sich auch in seinen Beschreibungen. Wenn er zum Beispiel in Berlin "Menschensklaven" beschreibt, so könnte das fast auf heutige, von ihrem eigenen Kalender gehetzte Großstadtmenschen zutreffen. Deshalb sind seine biografischen Ezählungen ein Spiegel der Zeit, wie man sie aus dem Auge eines Zeitgenossen wahrnehmen konnte, und da geben sie uns heutigen Lebenden Fremdes und Erstaunliches, aber auch Verbindendes zu entdecken. Besonders gelungen scheint mir die Beschreibung der Südseereise  (dritter Band), wo er und seine Frau an einer Expedition teilnehmen, um die Einwohner der deutschen Kolonien zu beschreiben. Er steht der Kolonialisierung trotz seines Auftrags äußerst kritisch gegenüber, sieht, dass alte Werte und Kulturen unwiderruflich zerstört werden und beschreibt innerhalb seiner Möglichkeiten die Menschen, denen er begegnet, mit großer Neugier, aber auch viel Empathie und Wertschätzung. Alles Fremde und Neue saugt er in sich auf und wird offenbar stark von dieser Reise inspiriert. Der vierte Band handelt vom Reisen, aber auch vom Seßhaftwerden, von Verblendung und Verfemung während der Nazi-Zeit. 1928 wurde mit dem fast zehn Jahre dauernden Bau des Hauses in Seebüll begonnen, welches heute die Emil Nolde Stiftung mit Museum beherbergt. Sowohl die Lektüre der Autobiografien als auch der Besuch des Künstlerhauses wird empfohlen von Gudula Ritz.

 

Die Biografieempfehlung des Monats November 2015

James Boswell, Dr. Samuel Johnson. Leben und Meinungen. Zürich: Diogenes 1981

Nach dreieinhalb Jahren sollte in dieser bunten Galerie der Bio- und Autobiografien wohl endlich auch der Klassiker dieses Genres präsentiert werden, die Mutter aller Biografien, wie die Lebensbeschreibung des englischen Literaturpapstes Samuel Johnson (1709-1785), verfasst von seinem Freund James Boswell (1740-1795), von Enthusiasten auch bezeichnet wird. Längst ein Klassiker der Weltliteratur, wenngleich Johnson selbst nach seinem Tod weitgehend in Vergessenheit geriet. Seinem Lebenswerk indessen wird durch seinen Biografen ein bleibendes und kraftvolles Denkmal gesetzt. Dessen überwiegender Anteil besteht aus Zitaten festgehaltener Gespräche, denn bereits für die Zeitgenossen bestand Johnsons Hauptleistung im geselligen Gespräch, das er mit Scharfsinn und Witz beherrschte wie kaum ein anderer zuvor. Er avancierte zur legendären Figur, ein literarischer Tyrannosaurus, der mit seiner geistigen Überlegenheit in den Londoner Kneipen, aber auch in den literarischen Clubs seiner Zeit reüssierte. In Boswell fand er einen ebenso treuen wie fleißigen Protokollanten, der einerseits den Verlauf thematisch geschickt beeinflusste, andererseits die Äußerungen des zur Schwermut neigenden Sonderlings akribisch notierte. Johnsons Urteile zu den Grundwahrheiten des menschlichen Lebens gelten Engländern bis heute als Ausfluss gesunden Menschenverstandes und erhoben den Literaten zu einem veritablen Nationalheiligtum.

In einem Diskurs etwa über die Bedeutung der Liebe bei der Wahl des Ehepartners äußert sich Johnson wie folgt: "Ich glaube, die Ehen würden im allgemeinen ebenso glücklich - ja oft glücklicher -, wenn sie allesamt vom Lordkanzler angeordnet würden, unter gebührender Berücksichtigung der persönlichen Verhältnisse, aber ohne daß die Beteiligten irgend etwas dazu zu sagen haben."

Boswell hat nicht zuviel gesagt, als er sich rühmte, das ganze Land verjohnsont zu haben. Übrigens fand auch sein eigener Name als Verb Eingang in den englischen Sprachschatz: to boswellize heißt "die geringste Äußerung seines Abgottes eilfertig aufschreiben." Ein exorbitantes Lesevergnügen. Ein Buch, das man irgendwann einmal gelesen haben sollte, ist Alfons Huckebrink überzeugt.

Die Biografieempfehlung des Monats Oktober 2015

Rajs, Dina: Ein Riss war im Netz... da kam ich durch. Erinnerungen. Berlin: Edition Rugerup, 2015

 

"Zum Glück gab's den Wald.

Zum Glück keine Bäume."

(W. Szymborska)

 

Unter den vielen, mittlerweile und zum Glück vorliegenden Erinnerungen von Überlebenden der Shoah ist die Autobiographie der schwedischen Architektin Dina Rajs in zweifacher Hinsicht bemerkenswert. Zum Einen erlebte sie die Verfolgungen als Kind, gibt dessen unauslöschliche Eindrücke indessen wieder aus der Perspektive einer 65jährigen Frau, die sich lange dagegen gesträubt hat, mittlerweile aber einsieht, dass "diese Kindheitserinnerungen mich immer begleiteten und mein Denken und Handeln beeinflussten." Zweitens wird überdeutlich, von wie vielen Zufällen, glücklichen Fügungen, Augenblickslaunen und rettenden Eingebungen es abhing, ob jemand überleben konnte oder ermordet wurde. Überleben ist kein Verdienst. Bezeichnenderweise hat sie ihren Erinnerungen das ergreifende Gedicht "Alle Fälle" der polnischen Literaturnobelpreisträgerin W. Szymborska vorangestellt, aus dem oben zwei Verse zitiert sind.

Dina Rajs wuchs in einer glücklichen wohlhabenden Familie in Ruma auf, einem kleinen Ort, der nach der Niederlage Jugoslawiens gegen die deutsche Wehrmacht dem von der faschistischen Ustascha beherrschten Kroatien zufällt. Der Vater, den sie erst nach der Befreiung wiedersieht, gerät in deutsche Kriegsgefangenschaft. Um dem Wüten der Ustascha gegen Serben und Juden zu entkommen, flieht sie mit der Mutter nach Novi Sad zu deren Schwester und ihrem Mann. Die Hauptstadt der Vojvodina ist indessen dem mit Hitler verbündeten Ungarn zugeschlagen worden. Knapp entgehen sie den mörderischen Razzien vom 21. bis 23. Januar 1942, bei denen 3500 Personen ermordet werden; von Polizisten erschossen oder unter dem Eis der Donau ertränkt, darunter viele Kleinkinder. Ihre Mutter und sie schaffen es bis Budapest, geben sich als Christen aus, überleben die Pogrome der Pfeilkreuzler und der deutschen Besatzung. Sie erhalten Hilfe vom schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg. Nach der Befreiung Budapests durch die Rote Armee kehren sie nach Novi Sad zurück. Sie ist erst sieben Jahre alt. 

1968 reist Dina mit ihrem Mann Jovan nach Schweden aus. Als kleines Mädchen hat sie Schlimmes gesehen und erinnert sich daran. Eine Folge von Bildern bleibt in ihrem Innern lebendig. Einzelne Gräueltaten, die sich in ihr Gedächtnis eingebrannt haben, erfährt sie von anderen Personen, etwa von ihrer Tante Mila, die ihnen nach Budapest folgt und traumatisiert ist von den Eindrücken der Razzia. Zusammengetrieben kann sie mit ihrem Mann, einem Internisten, nur knapp entkommen. Aber  "da stand auch eine Nachbarsfrau mit ihrem Baby auf dem Arm. Eine unbekannte ältere Ungarin ging geade vorbei und die Nachbarin legte ihr schnell das Baby in den Arm." Bevor sie auf den Lastwagen steigen musste und an der Donau getötet wurde.

In einem aufschlussreichen Nachwort berichtet Dina Rajs über ihr Leben in Schweden. Sie wird Architektin und ist oft eingeladen, um an Schulen über ihre Erlebnisse zu berichten. Sie spricht auch vor Jugendlichen, die Identitätsprobleme haben und in ständigem Konflikt mit der Gesellschaft leben, vor traumatisierten Flüchtlingskindern oder Kindern, die mit psychisch gestörten Eltern aufwachsen. "Für uns gilt es, unsere Erfahrungen zu teilen. Das kann ein Blick sowohl auf die Vergangenheit als auch in die Zukunft vermitteln." Ihre Erinnerungen erscheinen 2007 in Schweden und sind jetzt endlich auf 151 Seiten und übersetzt von Gaby Müller-Oelrichs auch auf Deutsch zu haben. Ein wichtiger Lebensbericht, geschrieben von einer starken warmherzigen Frau und als solcher allen Lesern dieser Seite ans Herz gelegt. Alfons Huckebrink

Die Biografieempfehlung des Monats September 2015

Hiltrud Herbst, Anton G. Leitner (Hrsg.): Weltpost ins Nichtall. Poeten erinnern an August Stramm. Münster: Daedalus, 2015

Weltkrieg Eins: Am 1. September 1915 fällt der expressionistische Dichter August Stramm bei einem Angriff auf die Stellung Dnjepr-Bug-Kanal. Er wurde gerade 41 Jahre alt. Das Leben des Hauptmanns Stramm wird durch einen Kopfschuss beendet. Ein vergleichsweise leichter Tod, ist man schnell zu sagen versucht, die grauenhaften Berichte im Kopf, die das Verrecken nach einem Bauchschuss oder das qualvolle Verröcheln nach einem Gasangriff beschreiben. Einen Tag später wird er auf dem jüdischen Friedhof zu Horodec beigesetzt. 1916, als im Westen Hunderttausende junger Deutscher und Franzosen vor Verdun verbluten, findet in Berlin eine August-Stramm-Gedächtnisfeier statt, bei der Rudolf Blümner, Walter Mehring und Herwarth Walden aus seinen Texten vortragen. 1919 erscheint die Sammlung 'Tropfblut. Gedichte aus dem Krieg' in Waldens Verlag 'Der Sturm'.

August Stramm wird 1874 in Münster geboren. Sein Vater drängt ihn dazu, eine Ausbildung als Postsekretär zu absolvieren. Ab 1897 fährt er im Seepostdienst auf den Linien Hamburg-New York und Bremen-New York. An der Universität Halle-Wittenberg promoviert er 1909 mit einer Dissertation über das Thema 'Welteinheitsporto' und wird - Höhepunkt dieser postalischen Laufbahn - zum Inspektor befördert. Jedoch wird er bereits vor 1914 literarisch tätig und schreibt Lyrik und Dramen, die kaum Beachtung finden. Während des Krieges verfasst Stramm Gedichte, die er an den Freund und Verleger Herwarth Walden schickt, dem er am 23. März 1914 erstmals begegnet ist. Dieses Datum markiert den Beginn einer kurzen, äußerst fruchtbaren Schaffensperiode (Gedichte, Prosastücke, Dramen). Der Einfluss August Stramms auf die Poetologie nachgeborener Dichter (Ernst Jandl, Gerhard Rühm) ist evident. Seine radikalen Eingriffe in die syntaktische Statik und eine scharf ausleuchtende Tropik eröffnen den Weg in eine neue Dimension lyrischen Schreibens, das einerseits vor den Atrozitäten und verheerenden Peripetien des 20. Jahrhunderts nicht verstummen muss und andererseits von diesen geprägt wird. Eine Dimension lyrischen Schreibens also, in der die Sprache selbst entsetzt und zum Experimentierfeld wird.

Der Daedalus-Verlag legt zum 100. Todestag August Stramms eine bemerkens- wie lesenswerte Anthologie vor, in der über 60 zeitgenössische Autoren - etwa Brigritte Kronauer, Nora Gomringer, Friedrich Ani, Ulla Hahn - poetische Schlaglichter auf Leben und Werk des Sprachentsetzers werfen. Zudem enthält der Band zahlreiche Gedichte Stramms und stellt in eben dieser Konstellation eine komfortable Gelegenheit dar, sich mit dem Dichter, seiner Zeit und seinen Nachwirkungen vertraut zu machen. Eine anregende Lektüre, die in jedem Fall der Mühe wert ist, meint Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats August 2015

Sybille Bedford: Treibsand. Erinnerungen einer Europäerin. (München: Schirmer-Graf-Verlag, 2006)

Sybille Bedford wird zu Anfang des 20 Jahrhunderts als Tochter des Barons von Schoenbeck und einer Engländerin geboren. Als sie mit dem Schreiben dieser Autobiografie beginnt, ist sie bereits 91 Jahre alt. Der zeitliche Abstand gewährt ihr auch eine innere Distanz zum Erlebten, die man als Leser durchaus bemerkt, und zwar keineswegs im Hinblick auf emotionale Bedeutungen und Lebendigkeit des Beschriebenen, sondern im Hinblick auf ihre eigene Person, die sie reflektieren und hinterfragen kann, sowie im Hinblick auf einen empathischen Blick auf jene Personen, mit denen sie es schwer hatte. Beispielsweise gilt das für ihre Mutter, die wegen zahlreicher Affären häufig unterwegs war und die Familie schließlich verließ, als S.B. 3 Jahre alt war. „Als meine Mutter heiratete (1910), war noch genug vorhanden, daß sie ihrem Mann einen Landsitz kaufen konnte. Ein Schloß im Großherzogtum Baden. Ein ansehnliches Herrenhaus mit Park. Ein Familiensitz war es trotzdem nicht.“ (S. 63) Anfang der zwanziger Jahre lebte sie zunächst mit ihrem sehr zurückgezogenen und stillen Vater hinter den Schlossmauern, um welche die Inflation wütete. Mit ca. 9 Jahren riss sie dort aus und fuhr auf eigene Faust nach Frankfurt zu ihrer Halbschwester. Eine reguläre Schule besuchte sie nur kurz, immerhin lernte sie dort schreiben und ihr Berufswunsch war immer Schriftstellerin zu werden. Der Erfolg ließ lange auf sich warten, nicht, weil ihre Manuskripte nicht verlegt wurden, sondern weil sie zu wenig schrieb oder gar fertigstellte. Sie lebte recht lange vom Erbe ihres Vaters, bis die Nazis, nachdem sie aus dem französischen Exil einen kritischen Artikel veröffentlicht hatte, ihr Vermögen einfroren. Der plötzliche Tod des Vaters traf sie als Jugendliche und führte dazu, dass sie wie Treibsand mit ihrer Mutter oder durch sie veranlasst hin und her geweht wurde, von Rom nach Südfrankreich und nach London. Hier werden die Zeitgeschichte, zwei Kriege sowie der Wert tiefer und verlässlicher Freundschaften, beispielsweise zu Aldous Huxely und seiner Frau, und einer inneren und äußeren Unabhängigkeit verdeutlicht wie in keiner anderen Biografie. Aus der Not des frühen Verlassen – Werdens und der unvorhergesehenen Verluste entwickelte sich eine Existenz in innerer und äußerer Freiheit, wie man sie kaum in einer Biografie findet. Die Heirat mit dem schwulen Engländer Terry Bedford und damit verbundene Namensänderung sowie Änderung der Staatsbürgerschaft dienten dazu, dem Vichy-Regime zu entkommen. Einzigartig sind die Beschreibungen vieler interessanter persönlicher Kontakte zu zeitgenössischen Künstlern, einige davon im Exil, und eine menschliche, sehr persönliche Sicht einer Zeitzeugin. Auf dem Umschlagfoto ist sie in der Mitte mit Aldous Huxley, mit dem sie eine langjährige Freundschaft und Mentorschaft verband, zu sehen. Deshalb wird diese Autobiografie als einzigartiger Spiegel einer vergangenen Zeit und eines Lebens (S.B. starb 2006 in London) empfohlen von Gudula Ritz.

 

 

Die Biografieempfehlung des Monats Juli 2015

LOVE AND MERCY. Kinofilm

Biopic über den legendären Beach Boys-Musiker Brian Wilson.

Mit dieser Empfehlung einer Biografie-Verfilmung knüpfen wir an unseren Beitrag vom Monat Mai 2012 an, in dem wir auf das  Lebenswerk des Beach Boys Masterminds Brian Wilson (geb. 20.06.1942) hinwiesen.  Der Film „love & mercy“ greift nun authentische Ereignisse aus dem Leben B.W.s auf, der von seinem Vater genau wie die beiden Brüder  Dennis und Carl geschlagen und mit seelischer Grausamkeit in Form von Missachtung und Abwertung bedacht wurde. Ein Hieb des Vaters verursachte die Taubheit auf Brians rechtem Ohr. Der Film, seit Juni 2015 in den Kinos, zeigt neben der privaten Verstrickung mit dem skrupellosen Psychotherapeuten Dr. Eugene Landy, der B.W. finanziell ausbeutet und systematisch erniedrigt, um ihn zu kontrollieren, die Befreiung durch die couragierte Autoverkäuferin und spätere Ehefrau Melinda, also neben der privaten Lebens- und Liebesgeschichte mit diversen Rückblenden in die 60er und 70er Jahre ein Kapitel Musikgeschichte, das B.W. geschrieben hat. Weg vom Pop und hin zu einer Art einzigartiger Programmmusik, die nicht nur traditionelle Harmonien und Besetzungen kennt, sondern Musik als Tonmusik, als künstlerischer Ausdruck und Mischung von Geräuschen, Lauten und ungewöhnlichen Klangkombinationen, für die Wilson 2008 den Kennedy Award für sein Lebenswerk erhielt. Im Film wird er von zwei Schauspielern verkörpert, Paul Dano für die 1960er und John Cusack für die 1980er Jahre. Im musikalischen Mittelpunkt steht die Produktion des Beach Boys - Albums „Pet Sounds“, von dem Paul McCartney einmal völlig zu Recht meinte, ohne dieses wäre das Beatles-Meisterwerk „Sergeant Pepper’s“ nicht möglich gewesen. „Pet Sounds“ (1966), ein beharrlich verfolgter und akribisch umgesetzter Geniestreich, markiert die Abkehr Brian Wilsons vom leichten und beschwingten Surf-Sound der frühen 60er Jahre zu einer komplexen künstlerischen Positionsbeschreibung, durchgesetzt gegen viele Widerstände, vor allem auch seitens des Vaters. Keiner von ihnen konnte surfen, das verriet Brian Wilson kürzlich im Interview. Ihren Höhepunkt erreicht seine Kreativität mit dem Album „Smile“, das erst 2011, nach seiner Gesundung, komplettiert und veröffentlicht werden konnte.

Trailer

 

Empfohlen von Gudula Ritz und Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Juni 2015

Ali Mitgutsch: Herzanzünder. Mein Leben als Kind. München: dtv, 2015

Eigentlich heißt er Alfons. Aber wenn er verdreckt und verschwitzt vom Spielen nachhause kommt, empfängt ihn seine Mutter mit den Worten "Oh Gott, wie schaust du denn aus! Wie der Ali Baba und die vierzig Räuber! Ja furchtbar, wasch dich sofort." Der Name bleibt im Gegensatz zum Schmutz an ihm hängen und so wurde aus Alfons der Ali Mitgutsch und unter diesem Namen kennen ihn Generationen von Kindern (und Eltern) als Schöpfer der beliebten Wimmelbilder. Geboren wurde er am 21. August 1935 in München-Schwabing und pünktlich zu seinem 80. Geburtstag hat er mit Unterstüzung seines Freundes Ingmar Gregorzewski nun die Autobiografie seiner Kindheit vorgelegt.

Faschismus, Luftangriffe, Nachkrieg prägen die Kindheitsmuster seiner Generation. Mitgutsch gelingt es vortrefflich, die angstbesetzte und von Entbehrungen gezeichnete Atmosphäre jener Jahre auferstehen zu lassen. Weil er einerseits nichts beschönigt, andererseits imstande ist, seine Erinnerungen historisch zu grundieren, gelingen ihm eindrucksvolle Schilderungen. Zwar gibt es idyllische Szenen wie das abendliche Bierholen für den Vater oder den "Familienpfiff" der Eltern, der die Kinder abends ins Haus ruft. Dennoch wird auch an dieser Autobiografie deutlich, dass das Konzept der Kindheit im Krieg suspendiert wird. Die Militarisierung der Gesellschaft. Die Denunziationen Andersdenkender. Der Vater, wenngleich nicht Parteimitglied, ist glühender Nazi, der ältere Bruder Wiggerl stirbt im Krieg durch einen russischen Scharfschützen. Die Angst im Luftschutzkeller, die Evakuierung auf einen Einödhof. Hunger, Kälte und hartherzige Bauern. Die körperliche Not und seelische Verwahrlosung dieser Generation von Kndern. Nach dem Krieg das Spielen in den Trümmern, die Invaliden auf den Straßen, die Tauschgeschäfte. In Alis Klasse etliche Jungen, die ihren Lebensunterhalt dadurch sichern, dass sie ihre Mütter an amerikanische GIs verkuppeln. Zwölfjährige Zuhälter, die sich auch selbst im Isarbad verkaufen.

Die Phantasie hilft ihm dabei, den Schrecknissen zu entkommen. Die Begegnungen mit der Kunst und der Liebe markieren den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenwerden. In der Spitze eines Riesenrads auf der Auer Dult eröffnet sich ihm eine neue Sicht der Dinge. Gegen den erbitterten Widerstand der Mutter setzt er den Besuch der Graphischen Akademie durch. "Die 'entartete' Kunst war noch in aller Munde, war in den Köpfen vieler Menschen brandaktuell. Der Geist der Nationalsozialisten lebte auch bei diesem Thema nach der Befreiung ungeniert weiter." Schließlich entdeckt er bei Ria seine Fähigkeiten als 'Herzanzünder'; die Liebe zu den Frauen, die ihm sein verloren geglaubtes Selbstvertrauen zurückgeben, wird ihm unverzichtbar. "Ich staunte über diese Wandlungen. Ich traute mich. Ich bin ein Produkt weiblicher Zuneigung." Ausgesprochen lesenswert. Von Alfons Huckebrink

Die Biografieempfehlung des Monats Mai 2015

Julia Blackburn: Billie Holiday.

 

(04.1915-17.07.1959)

 

Diese Biographie unterscheidet sich sehr von anderen Biografien durch verschiedenste Merkmale. Sie ist vor allem nichts für allzu sensible Gemüter, denn Billie Holiday war zwar eine herausragende und einzigartige Künstlerin des Blues und Jazz, hatte in ihrem Leben jedoch viel Schweres und Leidvolles durchgemacht. Vieles von dem, was von ihrem Leben bekannt ist, geht auf eine „Autobiographie“ zurück, die der Ghostwriter William Dufty (Lady sings the Blues) im gerade aufkommenden Boulevard-Stil schrieb, der Verkaufszahlen wegen und vieles auf Veranlassung von Louis McKay, dem letzten Ehemann von B.H., auch um Kapital aus dieser Lebensgeschichte zu schlagen und um selbst als heroischer und treusorgender Ehemann dazustehen. Julia Blackburn versucht gar nicht erst, die widersprüchlichen Berichte zu einem einheitlichen Bild zu formen, sondern stellt B.H. aus der Perspektive ihrer Freunde, Kollegen, der New Yorker Polizei und sonstiger Zeitgenossen dar. Julia Blackburn tritt dabei in die Fußstapfen einer anderen, Linda Kuehl, die in den siebziger Jahren mit der Biografie begann, bei ihren mühevollen und langwierigen Recherchen u.a. Tonbandinterviews mit zahlreichen Zeitgenossen geführt hat und ihr Projekt wegen ihres Suizids nicht beendete. Abgesehen von den zahlreichen Ebenen und Perspektiven fließt zu Beginn auch die Perspektive der Autobiografin Julia Blackburn ein (wann und unter welchen Umständen hat sie B.H. zum ersten Mal singen gehört), die zumindest, was die Beziehung zu ihrer Mutter betrifft, einige Parallelen zu B.H. aufweist. Deren Mutter Sadie verlässt B.H. mehrfach, auch ganz zu Beginn, sie arbeitet gelegentlich als Prostituierte, hat wechselnde Partnerschaften, ist viel unterwegs, die frühe Kindheit verbringt B.H. bei der Mutter einer Schwägerin, die sie als Großmutter bezeichnet. Nach einer Vergewaltigung durch einen Nachbarn wird B.H. als 11jährige in eine von Nonnen geleitete „Besserungsanstalt“ eingewiesen, wo sie einige Zeit lebt. Sie erlebt Polizeiwillkür und Rassendiskriminierung in Harlem, NY, und der Leser kann die Entstehung der Jazzmusik als eigenständige und revolutionäre Musikrichtung mitverfolgen. Ihre späteren Männerbeziehungen sind immer ausbeuterisch bis gewalttätig, wobei sie das Opfer ist. Über ihren Drogenkonsum gibt es unterschiedliche Informationen. Sie konsumiert wie viele andere Musiker Drogen, ist aber später gerade wegen ihres beliebtesten Songs „Strange Fruits“, der die Lynchjustiz der weißen Bevölkerung im Süden anprangert, auf der schwarzen Liste der ehrgeizigen Ermittler und ist offenbar häufig Opfer von Verfolgung und Verleumdung. Ihr Gesang ist allen Widrigkeiten zum Trotz einzigartig und sehr beeindruckend, so dass das Zitat von Shakespeare aus „Ein Sommernachtstraum“ äußerst zutreffend ist „…ich will singen, damit sie sehen, dass ich mich nicht fürchte.“ Es könnte auch heißen…. „damit ich nicht so tieftraurig bin“. Mit fortschreitender Lektüre hat man als Leser immer mehr Facetten der Biografie kennen gelernt und kommt somit B.H. als Person zunehmend näher. Sehr beeindruckend ist der Filmclip aus dem Film "The Sound of Jazz", der B.H. in der seltenen großen Runde zeitgenössischer Jazz – Musiker zeigt, 4 Monate vor ihrem Tod, mit dem Song "Fine and Mellow". Auf diesen "Abschied" geht Julia Blackburn in ihrem letzten Kapitel ausführlich ein. Billie Holiday wäre im April diesen Jahres 100 Jahre alt geworden. Empfohlen von Gudula Ritz.

 

 

http://youtu.be/hhdYoWhBKhM

 

 

Die Biografieempfehlung des Monats April 2015

Fürstin Maria Wolkonskaja: Erinnerungen. Berlin 1979

Mit den Erinnerunen der Fürstin Maria Wolkonskaja (Bild von Nikolai A. Bestuschew) wartet diese Rubrik im April mit einer veritablen Trouvaille auf.

"An einem Dezemberabend des Jahres 1826 verlässt eine junge russische Frau ihr Heim, ihre Eltern und den kleinen Sohn, den sie ein Jahr zuvor geboren hat. Mascha oder Maschenka wird sie von ihren Angehörigen zärtlich genannt, ihr offizieller Name lautet Maria - Fürstin Maria Nikolajewna Wolkonskaja. Sie zählt zu diesem Zeitpunkt einundzwanzig Jahre." So beginnt das informative Nachwort zu den Erinnerungen der Fürstin, welche sie für ihre in Sibirien geborenen Kinder Michail und Elena verfasst hat. Sie ist eine gebildete Frau, auf deren Schönheit der mit den Dekabristen sympathisierende Dichter Alexander S. Puschkin jauchzende Verse verfasst hat. Jetzt folgt sie ihrem Mann in die Verbannung, den sie erst vor gut einem Jahr geheiratet hat und der soeben als einer der Anführer des Dekabristenaufstands zu 20 Jahren Zwangsarbeit und anschließender Strafansiedlung verurteilt worden ist. Die Dekabristen (von russ. dekabr=Dezember) sind hochrangige adlige Offiziere, die im Dezember 1825 auf dem Senatsplatz in St. Petersburg den Eid auf den neuen Zaren Nikolai I. verweigerten. Unnachsichtig werden die Verschwörer verfolgt. Fünf ihrer Anführer werden öffentlich gehängt, weitere 120 werden nach Sibirien verbannt. Ihren Männern auf dem bitteren Weg folgen 13 Frauen und Geliebte, die auf sämtliche Titel und ihr Vermögen verzichten müssen. In Sibirien wirken diese tapferen Frauen in vielfacher Hinsicht auf ihre Umgebung ein. Sie setzen sich ein für die ortsansässige Bevölkerung und deren Kinder; vor allem tragen sie dazu bei, dass die Dekabristen zu einer geschlossenen Gemeinschaft zusammenwachsen. Sie sichern den Briefwechsel mit den Angehörigen in Russland und erreichen es, dass die Dekabristen nicht, wie es im Kalkül des Zaren liegt, in Vergessenheit geraten, sondern auf Mitleid und zunehmende Sympathie zählen können. Letzteres regt sich nicht bei den Aufsehern und Beamten des Blagodotsker Silberbergwerks und später des Gefängnisses in Tschita, die ihre Instruktionen für die grausame Behandlung der Gefangenen von Nikolai I. höchstselbst erhalten. Dem ist der Schrecken in die Glieder gefahren und während seiner gesamten 30jährigen Regierungszeit wird ihn die nachhaltige Erinnerung an den Aufstand unruhig schlafen lassen. Denn wie die kluge Fürstin Wolkonskaja präzise konstatiert, muss dieser als erste "Aufwallung eines reinen, uneigennützigen Patriotismus" gewertet werden. "Bis zu diesem Zeitpunkt kannte die russische Geschichte nur Beispiele für höfische Verschwörungen, deren Teilnehmer rein persönliche Vorteile suchten."

Die Erinnerungen der Fürstin zeichnen ein lebendiges anschauliches Bild von den Lebensbedingungen im kalten fernen Osten des Zarenreichs. Ihr Stärke liegt in der dokumentarischen Genauigkeit der Schilderungen. Ihre Sprache ist geprägt von Anteilnahme und jener uneigennützigen Solidarität, die sich unter den Dekabristen und ihren Angehörigen entwickelte. Wir werden bekannt gemacht mit den persönlichen Schicksalen der Verschwörer gegen ein autokratisches Zarenregime, gegen Leibeigenschaft, Polizeiwillkür und Zensur. Angerührt verfolgen wir, wie die Ankunft der Frauen in Sibirien den in Ketten geschlagenen Zwangsarbeitern neuen Mut und Zuversicht verleiht. Viele von ihnen sterben in Sibirien, so auch 1855 der Marineoffizier und Maler Nikolai A. Bestuschew, von dem einige schöne Portraits und Ansichten stammen, die meiner Ausgabe (Buchverlag Der Morgen, Ostberlin) beigefügt sind.

Wollen Sie ebenfalls zu diesen Erinnerungen greifen, so sollten Sie in eine überschaubare antiquarische Recherche eintreten. Dort sind sie aber immer noch leicht zu bekommen. Eine geringe Mühe, die sich für Sie auszahlen wird.

Versichert Sie Alfons Huckebrink

Die Biografieempfehlung des Monats März 2015

Ulrike Müller: Bauhaus-Frauen. Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design. Berlin: Insel TB, 2014.

Diese Empfehlung unterscheidet sich von den bisherigen Empfehlungen unserer Sammlung, da nicht eine einzelne Person im Mittelpunkt einer biografischen Betrachtung steht. Dieses Buch enthält eine Sammlung von Biografien unterschiedlicher Personen, die jedoch zwei Merkmale gemeinsam haben: Sie sind Frauen. Sie lernten und lehrten an den berühmten Bauhaus-Schulen in Berlin, Weimar und Dessau, bevor diese von den Nationalsozialisten 1933 geschlossen wurden. Und so vermittelt dieses Buch ganz nebenbei ein Stück Kunst-, Kultur- und Zeitgeschichte, die an den Biografien der einzelnen Frauen sichtbar wird. Außerdem erhält man einen interessanten Einblick in die verschiedenen Künste. Die Abschnitte sind nach künstlerischen Bereichen von den eher traditionellen Frauenkünsten Weberei über die Keramik bis hin zum Metalldesign unterteilt. Hierbei leisteten die Bauhaus- Schulen den Betrag von der rein gestaltenden Kunst zum "neuen Sehen", zum modernen Industriedesign. Die Bauhaus-Frauen standen dabei im Schatten der Bauhaus-Gründer und -Leiter wie Gropius, Itten, van der Rohe usw. Die Eigenständigkeit ihrer künstlerischen Leistung wurde in vielen Fällen nicht entsprechend geachtet. Obwohl sich das Bauhaus einem modernen Menschenbild verschrieben hatte, benötigten die zahlenmäßig unterlegenen Frauen viel Talent und Durchsetzungskraft, um in die entsprechenden Abteilungen als Schülerinnen aufgenommen zu werden oder gar eine Leitungsfunktion zu ergattern, denn es klaffte überwiegend eine große Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, was die Anerkennung von Frauen als künstlerische Expertinnen betraf. Hier seien nur einige Biografien skizziert: Gertrud Grunow (1870-1940) nahm mit ihren rhythmisch-musikalischen und muldomodalen Übungen moderne Kunsterziehung und -philosphie vorweg. In ihrer Arbeit ging es um Persönlichkeitsbildung, sie trat nicht mit eigenen Kunstwerken an die Öffentlichkeit. Obwohl sie als Vorläuferin moderner Musik- und Kunsterziehung gelten kann, begann schon während ihrer Arbeit am Bauhaus der zunehmde Bedeutungsverlust, der durch die leidvollen Kriegsjahre noch verstärkt wurde. Gunta Stölzl (1897-1983) war eine der erfolgreichsten Bauhaus-Frauen, sie leitete über viele Jahre die Weberei und vollzog die Entwicklung zum modernen Industriedesign. Ihre 2. Ehe mit dem Architekten Arieh Sharon führte zu Anfeindungen seitens nationalsozialistisch gesinnter Schüler und schließlich zu ihrer Emigration in die Schweiz, wo sie verblieb und 1983 in Küsnacht starb. Auch Anni Albers, aus einer jüdischen Familie stammend, emigrierte und hatte in den USA große Erfolge als international anerkannte Künsterlin, sie brachte das Bauhaus-Design in die USA und starb dort 1994 mit 94 Jahren. Otti Berger, ungefähr gleichalt, die ein unglaublich plastisches Verständnis für Texturen besaß, wurden 1944 in Auschwitz ermordet. Alle Frauen des Bauhauses sind auf ihre eigene Art herausragend als eigenständige Künstlerinnen, weshalb der Autorin großer Dank und Anerkennung gebührt, dass sie ihnen in dieser Sammlung von Biografien zu etwas größerer Bekanntheit verholfen hat. Empfohlen von Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats Februar 2015

Johannes Willms: Bismarck. Dämon der Deutschen. Anmerkungen zu einer Legende. München: dtv, 2015

 

Am 1. April jährt sich der Geburtstag des 'Eisernen Kanzlers' zum zweihundertsten Mal, ein Jubiläum, das auch publizistisch überschwänglich gewürdigt werden wird. Über Bismarck sind bereits unüberschaubar viele Biografien erschienen, nicht wenige davon stehen in meiner privaten Sammlung. Wirkten sie fast alle an der Kontur eines Bismarckbildes mit - sind damit so oder so ihrer Entstehungszeit verhaftet - so befasst sich die 1994 erstmals erschienene und nun mit einem neuen Vorwort wieder vorgelegte Darstellung von Johannes Willms, der bereits mit luziden Betrachtungen zur Französischen Revolution oder Napoleon auf St. Helena überzeugen konnte, explizit mit Entmystifizierung und der Dekonstruktion jener Legende, an der Bismarck selbst gehörig mitschrieb und zu der auch bereits das eingangs zitierte Epitheton gehört. Vielleicht ist diese Lebensbeschreibung deshalb so überaus spannend zu lesen. Zudem erweist sich Willms wieder als feiner Stilist und erfreut durch pointierte Darstellung der Stofffülle. Gut ausgesuchte Zitate vermitteln einen schönen Eindruck von der tropisch aufgeladenen und mit zahlreichen Invektiven gespickten Sprache des 'Reichsgründers'. Willms stutzt den viel gepriesenen Staatsmann Bismarck auf sein Format als intelligenten Hasardeur und bornierten Interessenvertreter des junkerlichen Preußens zurecht, dessen autokratisch angelegtes Herrschaftssystem früher oder später an den ihm innewohnenden Widersprüchen zerbrechen musste, und belegt nachdrücklich die 'machthungrige Skrupellosigkeit' des Politikers Bismarck. Als dessen größte Fehler mit weitreichenden, am Ende katastrophalen Folgen stellt er die Annexion Elsaß-Lothringens (1871) und die obrigkeitsstaatliche Ausfertigung des wilhelminischen Kaiserreiches dar. Nicht Preußen musste dazu in Deutschland aufgehen, variiert er ein Diktum des ersten Reichskanzlers, sondern Deutschland in Preußen. Und genau hier wird Bismarck zum Dämon der Deutschen, genau hier ist der Beginn einer Traditionslinie angelegt, die von Bismarck über Wilhelm II bis zu Hitler reicht. Was oft übersehen wird: Zwischen der Kaiserkrönung Wilhelms I (1871) in Versailles und der Machtübertragung an Hitler liegen gerade mal 62 Jahre. Ein gewisser Hindenburg kämpfte als junger Leutnant bei Königgrätz (1866) und verlieh als seniler Reichspräsident Hitler am Tag von Potsdam (21.03.1933) die preußischen Weihen.  Ein sehr lesenswertes Buch, empfohlen von Alfons Huckebrink 

Die Biografieempfehlung des Monats Januar 2015

Jean-Claude Ellena: Der geträumte Duft. Berlin: Insel-Verlag, 2012

Jean-Claude Ellena, der Chefparfümeur von Hermes, führt ein Jahr lang Tagebuch und beschreibt darin seine Arbeit als Parfumeur, skizziert den kreativen Prozess, seine Arbeitsweise, seine Vorlieben und seinen Alltag. Er versenkt sich so in die Suche nach dem neuen, von ihm visionierten "geträumten" Duft. Dabei versucht er sich von den Gesetzen des Marktes freizumachen, die ein geringes Spektrum bereits erfolgreicher Parfüms vorgeben. Er geht nicht nach Listen oder Formeln vor, sondern assoziativ. Der olfaktorische Sinn ist der früheste Sinn unseres Erfahrungsgedächtnisses, er kann wie in einer Zeitreise Erinnerungen aus lange zurückliegender Zeit hervorbringen und ganze Bilder und Geschmacksrichtungen hervorrufen. Ellena versteht sich hier als Schriftsteller der Düfte, und sein Notizbuch, an dessen Extrakten er seinen Leser teilhaben lässt, ist produktiver Teil seiner kreativen Arbeit. Wer einen Einblick in diese ungewöhnlich anregende Arbeitswelt gewinnen möchte und etwas über die Düfte lernen möchte, dem sei dieses Buch empfohlen, von Gudula Ritz.