Empfehlungen aus 2019

Die Biografieempfehlung des Monats Januar 2019

Joachim Ringelnatz: Als Mariner im Krieg. Zürich: Diogenes Verlag 2004

Eine große Zeit! dachte ich und bestellte noch eine Flasche ‚Wachenheimer Luginsland‘.

Anfang August 1914 finden wir den Dichter Joachim Ringelnatz im ‚Grünen Haus‘ in Augsburg. Er hat sein Testament hinterlegt und meldet sich am ersten Mobilmachungstag für die Front. Er beobachtet die Kriegsbegeisterung um sich herum und tut das, was stets das Naheliegende in 'großen Zeiten' ist, er betrinkt sich. Obwohl selbst von Begeisterung und Abenteuerlust durchaus erfasst, bleibt er zum tumben Treiben auf den Straßen und in den Lokalen merkwürdig reserviert. Eine Distanziertheit, die sich wohl der nachträglich eingenommenen Schreibperspektive verdankt.

In Wilhelmshaven, Cuxhaven und Kiel lernt er die Ödnis des kaiserlichen Marinedrills kennen sowie Langeweile und damit einhergehende Depressionen. Dagegen helfen kurzfristig heimliche Spritzfahrten ins Hinterland und lustige Zechen mit Kameraden und Mädels.

Ich las Lessings Hamburgische Dramaturgie und verbrühte mir eine Hand mit heißem Kaffee, weil jemand den Untergang der ‚Magdeburg‘ so spannend erzählte. Nach der Ausbildung wird er auf ein zu diesem Zweck umgebautes Minensuchboot abkommandiert, zu einem - in seinen Augen wegen des seelenlosen Wach- und Küstendienstes - Hampelmannsdienst auf einem Filzlausgeschwader. Hin und wieder darf er zu festlichen Gelegenheiten Gedichte verfassen. Mehrmals bittet er um Versetzung zu einer kämpfenden Einheit; immer deutlicher erkennt er auch, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist. Schließlich bringt er genügend Geld für die Anmeldung zu einem Offizierslehrgang auf, obwohl ihn die Borniertheit dieser Kaste abstößt. Was er in diesen Jahren schreibt, muss vor Veröffentlichung die Zensur passieren, und so wird er in abstruse Diskussionen mit literarisch völlig unempfänglichen Vorgesetzten verwickelt.

Im letzten Kriegsjahr grassiert die Spanische Grippe, viele Kameraden sterben daran oder werden in sinnlosen Einsätzen verheizt. Hunger untergräbt zusätzlich die Moral, wenngleich die Offiziere keinen Mangel leiden.

Als Offizier wird Gustav Hester, wie sich Ringelnatz in diesem Buch nennt, von den Mannschaftsdienstgraden geschätzt. Trotzdem kann er verstehen, dass sich auch 'seine' Matrosen aus der Batterie Seeheim im November 1918 den Aufständischen in Cuxhaven anschließen. Als einziger Offizier bietet er dem Roten Rat seine Mitarbeit an, versucht zu vermitteln. Ziemlich desillusioniert kehrt er Ende November nach München zurück: Von den Freunden und Bekannten waren viele tot, im Krieg gefallen, an Grippe gestorben. Die noch lebten, hatten keinen freien, frohen Gedanken mehr. Sein Testament bleibt ungeöffnet.

Kuttel Daddeldu (Ringelnatz' spätere Kunstfigur) im Krieg und in der Novemberrevolution! In der Flut von Neuerscheinungen, die das interessierte Lesepublikum zum 100sten Jahrestag überspült, bleiben Kostbarkeiten mit älterem Erscheinungs-, dafür jedoch garantiert ohne Verfallsdatum, mitunter erstaunlich unbeachtet. Ringelnatz gelingt es in seiner tagebuchartig angelegten Romanbiografie, Einblicke in das Innenleben der Menschen und Material verschlingenden kaiserlichen Kriegsmarine zu geben und die ganze Hybris dieser monströsen Waffengattung zu verdeutlichen. Ein zeitgenössischer Kritiker schrieb bereits 1929: "Aber diese Tagebuchnotizen haben etwas sehr Sachliches, fast Unbestechliches, sind mit Schlauheit und von einem empfindenden Menschen geschrieben, von einem Dichter." (Theodor Maus). Ein anderer schrieb 1928, dieses Tagebuch "ist  ein Keulenhieb gegen den Militarismus, der aus Menschenleibern Brei macht und Raubtiergruben aus tönenden Menschenherzen." (Balder Olden).

Dem ist wenig hinzuzufügen. Erfreulich für den heutigen Leser ist, dass es diesen Roman in einer preiswerten Taschenbuchausgabe des Diogenes Verlags nach wie vor zu erwerben gibt. Wer eine sorgfältig edierte Ausgabe mit Anhängen und Personenregister wünscht, kann auf den Band 7 von 'Das Gesamtwerk in sieben Bänden' zurückgreifen. Diese hat ihren Preis und ist manchmal in gut bestückten Bibliotheken zu entleihen, weiß Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Februar 2019

Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar. Hamburg: Carlsen 2015

 

Die somalische Leichtathletin Samia Yusuf Omar starb im August 2012 kurz vor der Eröffnung der Olympischen Spiele von London in einem Schlauchboot, das zwischen Libyen und Italien im Mittelmeer versank. Das Ende einer hoffnungsvoll begonnenen Reise, die für sie auch eine Art von Traumreise werden sollte.

Auf eigene Faust wollte die schmächtige Athletin, deren sportlicher Mut vier Jahre zuvor in Peking, als die damals erst 17- Jährige mit einigem Abstand Letzte über 200 Meter wurde, bejubelt worden war, noch einmal an dem Großereignis Olympia teilnehmen. Viele Chancen hat diese Frau in ihrem kurzen Leben nicht bekommen.

Als sie im Mai 1991 geboren wird, hat der Bürgerkrieg, der ihre Heimat verwüstet, schon begonnen. An ein systematisches Training ist niemals zu denken. Das einzige Stadion mit Laufbahn in Mogadischu ist jahrelang von islamistischen Milizen besetzt. Auf Unterstützung im Rahmen einer Sportförderung zu hoffen, bleibt unter solchen Umständen und ohne funktionierende Regierung aussichtslos. Samir Yusuf Omar, hoch motiviert, glaubt indessen an ihren sportlichen Traum und will ihn in Europa verwirklichen. Das reiche Europa mag ihr nicht einmal eine sichere Anreise bezahlen.

Vielleicht wird die Erinnerung an sie länger währen als die damalige, medial inszenierte Bestürzung. Vielleicht wird ihr Name zumindest in Mogadischu nicht vergessen werden, vielleicht sogar dereinst weltweit einen neuen Klang bekommen und die Sportler und Sportlerinnen in ihrer von Krieg und Terror gebeutelten Heimat beflügeln. Anlass zur Hoffnung besteht auch deshalb, weil es das großartige Buch des Zeichners Reinhard Kleist gibt, der die "tragische Wucht" ihrer Geschichte als Comic darstellt. Womöglich stehen Sie der Kunstform Comic ganz allgemein oder im Besonderen angesichts dieses Schicksals - wie Elias Bierdel in seinem Nachwort für sich selbst einräumt - skeptisch gegenüber. Sein Fazit ist allerdings deutlich zu unterstreichen: "Reinhard Kleist ist ein Menschenfreund. Er stellt seine künstlerische Sensibilität und sein enormes Können in den Dienst seiner Figuren. Er rettet Samias Geschichte, ihren Namen und ihr Gesicht vor dem Vergessen." Insofern steht Samias schreckliches Ende für unzählige Flüchtlingsschicksale. Ein wichtiges Buch, gerade in unseren Tagen, da Seenotretter und Helfer von gewissenlosen Politikern angeprangert und von ihren schamlosen Helfershelfern in der Justiz kriminalisiert werden.

Kleists grafisches Meisterwerk hat mittlerweile mehrere Auszeichnungen erhalten, auch stellt der Verlag umfangreiches Unterrichtsmaterial zur Verfügung. Seine größte Auszeichnung bestünde darin, dass es weiterhin zahlreiche Leser und Leserinnen finden würde, hofft Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats März 2019

Hans Magnus Enzensberger: Überlebenskünstler. 99 literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert. Berlin: Suhrkamp 2018

 

Autofahrer benötigen eine Vignette zur Einreise in die Schweiz. Das Wort stammt indessen aus dem Französischen und diente der Kennzeichnung von Weinen. Später wurden gemalte, ovale Miniaturporträts derart bezeichnet, die mittels einer als Vignette bezeichneten Maske auf dem Objektiv auch photographisch erzeugt werden konnten. Solche Bildchen zieren jedes einzelne der 99 Kurzporträts in der erstaunlichen Sammlung von Hans Magnus Enzensbergers (HME). Er porträtiert Dichter, die durch Anpassung, glückliche Zufälle, Kompromisse und mehrdeutige Entscheidungen das 20. Jahrhundert, von Nadeschda Mandelstam (1899-1980) zum "Jahrhundert der Wölfe" deklariert, als Künstler überlebt haben. Gemäß dieser Kriterien findet der Leser ein äußerst heterogenes Spektrum von Persönlichkeiten wie Nelly Sachs (1891-1970), Michail Bulgakow (1891-1940), Hans Fallada (1893-1947), Ernst Jünger (1895-1998) oder auch unbekannteren wie Alexander Gleichen-Rußwurm (1865-1947).

Trotz einer seitens HME's plausibel geltend gemachten Subjektivität verstört es dennoch, dass ein Nazi-Barde wie Hans Baumann (1914-1988), Schöpfer der berüchtigten Hymne "Es zittern die morschen Knochen", es in diesen Band schaffen konnte. Bereits 1969 verlieh ihm Ernst Loewy in einem Standardwerk (Literatur unterm Hakenkreuz) das Epitheton "Dichter der HJ". Zwar avancierte er in der jungen Bundesrepublik zum gefeierten Kinderbuchautor, aber Werk wie Biografie stellen weder einen Ausweis über Dichtung noch über Künstlertum dar, als vielmehr einen weiteren Beleg für die geräuschlose Integration ehemaliger Nazigrößen in den Betrieb der Adenauer-Republik.

Subjektiv erfrischend ist hingegen die Darstellungsweise HME's, bei der er aus dem unglaublichen Erinnerungsschatz persönlicher Begegnungen schöpft, etwa bei einem mit subtiler Schärfe gezeichneten Trinkgelage mit Jean Paul Sarte (1905-1980) im Moskauer Kreml. Er scheut vor Meinungen nicht zurück und streut seinen biografischen Miniaturen Sympathie wie Antipathie gleichermaßen ein. So heißt es z.B. über Rudolf Borchardt (1877-1945): "Ich gebe zu, dass ich ihn ungern kennengelernt hätte" oder zu Bertolt Brecht (1898-1956): "Er war jemand, der zu bewundern und zu vermeiden war. Ich wußte, daß er immer ein Ausbeuter war und daß er stank."

Die Fülle seiner mitunter anekdotisch abgeschmeckten Porträts verblüfft und regt zum Nachdenken an. Anpassung, glückliche Zufälle, Kompromisse, mehrdeutige Entscheidungen - sind diese Taktiken nicht auch unter den Bedingungen des sog. freien Marktes gefordert? War es nicht Stendhal, der einmal bekannte, er verhandle lieber mt dem Herrn Innenminister als mit dem Krämer an der Ecke? Freilich regierten seine Innenminister im 19. Jahrhundert. Das 20. hievte technokratisch versierte Psychopathen in dieses Amt oder, um auf N. Mandelstam zu rekurrieren, blutrünstige Wölfe.

Alles nur bedauernswerte Reminiszenzen an ein längst vergangenes Zeitalter? HME (geb.1929) stellt dem zurecht ein Zitat aus Ingeborg Bachmanns (1926-1973) Gedicht "Die gestundete Zeit" (1958) gegenüber: "Es kommen härtere Zeiten" und meint, für den Fall - für dessen Aufkommen einiges spricht -, dass sie recht behielte, "könnte ein Training in der Kunst des Überlebens von Nutzen sein."

Welches wiederum mit der Lektüre dieses Buches beginnen könnte, das Ihnen den Genuss eines echten Enzensbergers verschafft: eine sehr konzise, elegant das Lakonische streifende Prosa, gewürzt mit feinster Ironie, verspricht Alfons Huckebrink.    

Die Biografieempfehlung des Monats April 2019

Roger Daltrey: My Generation. Die Autobiografie. München: C. Bertelsmann 2019

 

"You don't realize how great a singer Roger Daltrey is until you try it yourself." (Wayne Coyne / Flaming Lips)

Im Oktober 1965 stotterte Roger Daltrey erstmals jene unvergesslichen Verse I wish I'd die before I get old zu einem der größten Hits, dessen Titel zum unverwechselbaren Markenzeichen seiner Gruppe The Who geworden ist und der nun auch der rechtzeitig zum 75. Geburtstag (01.03.44) erschienenen Autobiografie den Rhythmus anzählt: My Generation. Viel Zeit vergeht, bevor man stirbt ...

Im englischen Original trägt das Buch den Titel Thanks a lot, Mr. Kibblewhite: My Life und nimmt Bezug auf jenen Schuldirektor, der den Londoner Jungen an seinem 15. Geburtstag mit dem klassischen Verdikt Du wirst nie was aus deinem Leben machen, Daltrey der Lehranstalt verwies. Noch erstaunter als angesichts der musikalischen Karriere seines Zöglings wäre dieser Schuldirektor wohl ob dessen literarischen Qualitäten gewesen. Denn Daltrey kann nicht nur singen. Er kommt glaubwürdig rüber, pflegt eine gekonnte Selbstironie, ist ausgesprochen witzig (brilliantly witty). Der Leser folgt ihm gerne und wird belohnt durch zahlreiche Einblicke in das Bühnen- und Seelenleben einer der erfolgreichsten Rockbands. So unterschiedlich die Persönlichkeiten dieses außergewöhnlichen Ensembles waren, so gut funktionierten sie als explosive Mischung, die durch den Drummer Keith Moon, der zuletzt zu ihnen stieß, gezündet wurde zur Eroberung des Rock-Kosmos'. Wir waren anders als alle anderen Bands. Und in unserer Band war auch jeder anders. In der Summe waren sie mehr als eine bloße Addition von vier Individuen. Explosiv ging es auch im Innenleben der Band ab, die mit Tommy und Quadrophenia die ersten Rockopern schuf und performte. Daltrey berichtet von zahlreichen Auseinandersetzungen zwischen ihnen. Im September 1965 wurde er sogar für einige Wochen ausgeschlossen, als er einige Beutel mit Purple Hearts nach einem missglückten Gig in der Toilettenspülung des Hotels entleerte. Einmal streckte er Pete Townsend während einer Probe mit einem Kinnhaken zu Boden, nachdem dieser mit einer Les-Paul-Gitarre nach ihm geschlagen hatte. Wahnsinn. Ehrgeiz. Ego. Paranoia.

Um die musikalische Potenz dieser Combo zu veranschaulichen, mag der Blick auf die 100 alltime-greatest-Rankings der Zeitschrift Rolling Stone hilfreich sein. Bei den Gitarristen wird Pete Townsend an 10. Stelle geführt, auf Rang 30 bei den Songwritern; Daltrey selbst als Nummer 61 bei den Sängern. Der mehr als exaltierte Keith Moon, der durch seinen frühen Tod 1978 als erster wieder ausschied, belegt bei den Schlagzeugern die zweite Position. Bezeichnenderweise gibt es eine solche Liste noch nicht für Bassisten. Gäbe es eine, würde sich der stoische John Entwistle (gen. The Ox), gestorben 2002, der den Bass virtuos als Soloinstrument handhabte, mit Jack Bruce (u.a. The Cream) wohl den Spitzenplatz streitig machen.

Einen großen Raum füllen die Beschreibungen des Familienlebens und der langjährigen Beziehung zu seiner Frau Heather. Diese Seiten vermögen zu erklären, warum Daltreys Exzentrik gewisse Grenzen respektierte und er im Gegensatz zum Rest der Band den Drogenkonsum frühzeitig kontrollierte. 

The Who waren immer eine Live-Band. Eine Band, die nicht auf Tour geht, stirbt, fasst es Daltrey zusammen. Und sie spielen immer noch. Inzwischen mit Zak Starkey, Ringo Starrs Sohn, der Keith Moon zum Patenonkel hatte, am Schlagzeug und lange Zeit mit Pino Palladino (gest. 2016) am Bass.

Das Dokument einer Generation kriegstraumatisierter Eltern: Won't get fooled again. The Who waren ihre Stimme. Wer wissen möchte, wie - dank Mr. Kibblewhite - alles begann und sich von einer zur nächsten musikalischen Offenbarung fortschrieb, ist mit Daltreys Erinnerungen bestens bedient, weiß Alfons Huckebrink.

Die Biografieempfehlung des Monats Mai 2019

 

Silke Henke und Ariane Ludwig: „Damit doch jemand im Hause die Feder führt.“ Charlotte von Schiller, eine Biografie in Büchern, ein Leben in Lektüren... Weimar: Klassik Weimar Stiftung, Weimarer Verlagsgesellschaft, 2015.

 

Diese Biografie in Büchern und Lektüren ist sozusagen ein retrospektiver Spiegel im Spiegel, denn die beiden Biografinnen verfahren ähnlich wie Charlotte von Schiller (CvS) selbst in ihrer eigenen wissenschaftlichen Arbeit.

Geleitet vor allem von wissenschaftlicher Neugier und Bildungshunger erarbeitet sich CvS zahlreiche zeitgenössische naturwissenschaftliche und literaturwissenschaftliche Schriften und exzerpiert diese, z.B. die frisch erschienenen Werke Alexander v. Humboldts. CvS wird als Charlotte von Lengefeld in der Nähe von Rudolfstadt geboren und wächst gemeinsam mit ihrer Schwester Karoline, einer späteren Schiller-Biografin, als Tochter eines verarmten adeligen Oberforstmeisters auf. Sie erhält Unterricht in Französisch, Englisch, Zeichnen und Geografie. Ihr früh gewecktes Interesse an Büchern erhält sie sich zeitlebens, Lesen ist für sie eine „existentielle Tätigkeit“. Sie übersetzte antike Autoren aus dem Französischen: Hesoid, Euripides, Empedokles, Autoren klassischer griechischer Tragödien, aber auch französische und englische Originallektüren, „eine bunt anmutende Kost“, die sie sich selbst mit System auswählt. Dabei tauscht sie sich mit ihren Freunden und Weggefährten intensiv aus: Herder, Knebel, Charlotte von Stein, und vor allem mit Friedrich Schiller, den sie 1790 heiratet. Sie bekommen vier Kinder, zu denen sie, nachdem Schiller nach nur 15jährigem Beisammensein stirbt, eine enge Beziehung pflegt. Sie schreibt Gedichte und Romane, auch in der Familienphase, einer davon wird sogar unter einem Pseudonym veröffentlicht. Neben der poetischen Zusammenarbeit mit Schiller wird das Zeichnen und das weitgehend ungelebte Bedürfnis zu Reisen in eigenen Kapiteln der Biografie dargestellt. Nach dem Tode Schillers engagiert sich CvS für seinen Nachlass. Dabei erweist sie sich als eine vielseitige, intellektuell sowie künstlerisch begabte Frau, die in den Schiller-Biografien, auch in der ihrer Schwester Karoline, nicht entsprechend wertgeschätzt und gewürdigt wird. Die vorliegende Biografie hat dieses Versäumnis aufgewogen und ist allein deshalb sehr empfehlenswert, findet Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats Juni 2019

Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend. München: dtv, 14. Aufl., März 2007

 

Bereits im Monat Februar 2016 dokumentierten wir auf unserer Website in dieser Rubrik jene Rede, welche die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger am 27. Januar anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag hielt.

Gerne informieren wir heute darüber, dass die 87-jährige Überlebende des Naziregimes zuvor bereits zwei äußerst lesenswerte Autobiografien vorgelegt hat: neben der heute vorgestellten auch den Titel unterwegs verloren. Erinnerungen. In weiter leben. Eine Jugend beschreibt die Autorin ihre Kindheit als jüdisches Mädchen in Wien, ihren Weg durch die Lager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Christianstadt mit ihrer Mutter, die gemeinsame Flucht nach Bayern und ihre spätere Übersiedlung nach New York.

Durch einen Regelverstoß überlebt sie die Selektion in Auschwitz-Birkenau. Für einen Arbeitseinsatz ist die Zwölfjährige zu jung und wird zunächst aussortiert für die Gaskammer. Sie stellt sich erneut an, diesmal einer anderen Schlange, und gibt sich als 15-jährig aus. Nackt steht sie vor dem SS-Mann und der Schreibkraft. "Die ist aber noch sehr klein", bemerkte der Herr über Leben und Tod, nicht unfreundlich, eher wie man Kühe und Kälber besichtigt. Und sie, im gleichen Ton die Ware bewertend: "Aber kräftig gebaut ist sie, die hat Muskeln in den Beinen, die kann arbeiten. Schaun Sie nur." Das Überleben in den Vernichtungslagern hing fast immer von einem 'Zufall', von einem besonderen, ganz spezifischen Umstand ab. In ihrem Fall davon, dass ihr die fremde Schreibkraft, ebenfalls ein Häftling, eingeschärft hat, sich älter zu machen.

Eine Sprache der äußersten Ernüchterung, resümierte Peter Hamm im Bayerischen Rundfunk. Ruth Klüger ist eine mitreißende Erzählerin, die sich überzeugend durchaus kritisch zu bestimmten Holocaust-Diskursen äußert, insbesondere auch zu den Besichtigungsreisen in die ehemaligen Lager: Ich meine, verleiten diese renovierten Überbleibsel alter Schrecken nicht zur Sentimentalität, das heißt, führen sie nicht weg von dem Gegenstand, auf den sie die Aufmerksamkeit nur scheinbar gelenkt haben und hin zur Selbstbespiegelung der Gefühle? Sie wählt in ihrer Autobiografie einen anderen Ansatz: Erinnerung ist Beschwörung, und wirksame Beschwörung ist Hexerei. [...] Um mit Gespenstern umzugehen, muß man sie ködern mit Fleisch der Gegenwart. Ein auch in literarischer Hinsicht außerordentliches Buch, das 27 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung im Wallstein Verlag eindrücklich und unverzichtbar bleibt. Feministische Selbstbehauptung eines neuen Typs, schrieb damals eine Kritikerin und dem ist wenig hinzuzufügen, außer die Empfehlung, es nun endlich auch zu lesen, meint Alfons Huckebrink