Empfehlungen aus 2018 

Die Biografieempfehlung des Monats Oktober 2018

Ingmar Bergmann: Laterna magica. Mein Leben. Aus dem Schwedischen von Hans-Joachim Maas. Alexander Verlag: Berlin (2018, 3. durchgesehene Auflage)

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Bergmann-Filme, die für mich als Jugendliche in den Siebzigern eine faszinierende Entdeckung waren. "Wilde Erdbeeren", "Von Angesicht zu Angesicht", "Szenen einer Ehe", Filme, Bilder, die mehr Fragen aufwarfen als Antworten parat hatten. Ingmar Bergmann beschreibt in „Laterna Magica“ sein Leben auf unvergleichlich aufrichtige und unverstellte Art und Weise, so dass der Leser an seiner schonungslosen Bilanz teilnehmen kann. Der Leser spürt im Erinnernden und Schreibenden den Jungen, einen Pfarrerssohn, der unter der Autorität und Härte, ja seelischen Grausamkeit seines Vaters leidet. Möglicherweise resultiert hieraus seine kritische Haltung, die zur Bürde seines Lebens wird. Als Leser wundert man sich, dass er selbst mit seinem Werk überwiegend wenig wertschätzend zu Gericht geht. Verständnis erfährt I.B. vor allem seitens seiner Großmutter, die ihn als Kind sehr gefördert hat und den Anstoß zu seiner kreativen Entwicklung gab, sowie später in den Beziehungen zu seinen zahlreichen Lebenspartnerinnen und Ehefrauen. Gefühle werden vom Schreibenden wie im Film (oder auch im Lebensalltag?) eher implizit ausgedrückt, was vielleicht die besondere Nähe des Lesers zum Autor erzeugt. So gelingt es, in die Haut des berühmten Regisseurs zu schlüpfen und an den Höhepunkten, aber auch an den Tiefpunkten, z.B. dem Zusammenbruch nach einer unberechtigt durchgeführten Steuerfahndung, teilzunehmen. Das Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber einer vermeintlichen Autorität versteht er erst spät als Resultat seiner schwierigen Vaterbeziehung. Vor allem Ingmar Bergmanns Authentizität und persönliche Präsenz macht diese Autobiografie zu einer spannenden Lektüre, die nicht chronologisch strukturiert wird, sondern durch eine Textur der Bedeutungen persönliche Zusammenhänge generiert, findet Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats November 2018

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. S. Fischer (2017). Herausgegeben und kommentiert von Oliver Matuschek. Erstausgabe 1942 in Stockholm

 

Bereits der Titel weist auf ein zentrales Lebensthema Stefan Zweigs hin: die geistige Einheit Europas. So ist diese Autobiografie vor allem auch plastisches Zeitgemälde, welches seine persönliche Haltung gegenüber dem Krieg und dem Verfall Europas veranschaulicht, dagegen wenig Privates enthält. In den frühen Lebensjahren bis zum ersten Weltkrieg wächst er sorglos als Sohn jüdischer Textilkaufleute in Wien heran, sich seinen schriftstellerischen Neigungen widmend, einen Krieg trotz aller Frühwarnzeichen nicht für möglich haltend. Die Kriegsjahre verbringt er in der Schweiz als Pazifist in Gesellschaft verschiedener europäischer Freunde. In Österreich hat man sich von ihm distanziert.

Die Nachkriegsjahre in ihrer unglaublichen Not und die nachfolgende Inflation sowie die dem Verfall trotzende Lebensfreude werden eindrücklich beschrieben, ein Zeitzeugnis der Inflation und des Werteverfalls in jeglicher Hinsicht, wobei „vom Standpunkt der Logik aus“ die Rückkehr nach Österreich das „Törichteste“ gewesen sei, was er habe tun können. Er wählt Salzburg als Wohnort und günstigen Ausgangspunkt für mögliche Reisen in die Metropolen Europas, was in den bitterarmen Nachkriegsjahren jedoch unmöglich ist. Erst nach 1921 wagt er sich ins benachbarte Italien und die Zeit, in der er wieder die „Lust der jungen Jahre erprobte“ und in die Ferne fuhr, werden auch die Jahre seines größten beruflichen Erfolgs, den er genießt und doch selbstkritisch betrachtet und dem er sich durch hohe Qualitätsanforderungen verpflichtet fühlt. Die internationale Anerkennung führt zu beruflichen Reisen, nicht nur zu Lesungen, sondern auch zu Vorträgen über seine „Vision Europas“, bis über Nacht „Hitler den Erfolg mit der Peitsche seiner Dekrete“ davonjagt.

In dem Kapitel „Sonnenuntergang“ (Europas?) gibt er Auskunft über seinen individuellen Schreibprozess, der sich vergleichbar mit der Malerei Picassos als eine Kunst des Weglassens und Verdichtens darstellt. Und wieder erlebt er in diesen zehn produktiven Jahren zwischen den Kriegen, in der „ruhigen Zeit von 1924-1933 die Unmöglichkeit des Krieges“ - eine Stimmung, die in gewisser Weise an die aktuelle Zeit denken lässt -, „ehe jener Mensch unsere Welt verstörte“.

Während seiner Vortragsreisen überkommt ihn immer wieder die Sehnsucht nach den Reisen seiner Jugend, wo niemand einen erwartete, so „wollte ich von der alten Art des Wanderns nicht lassen.“ Besonders eindrucksvoll erscheint ihm eine Reise nach Russland als österreichischer Delegierter zu Tolstois 100 Geburtstag, „sonderbar, es wirkte auf mich nicht fremd.“ Ähnlich erging es mir selbst bei einer Reise nach Moskau im Jahr 2009, Moskau erschien mir wie eine ganz normale europäische Stadt.

Und dies konnte Hitler ihm auch im Nachhinein nicht nehmen, „das gute Bewusstsein, doch noch ein Jahrzehnt nach eigenem Willen und mit innerster Freiheit europäisch gelebt zu haben…“.

Er erlebt den gleichen Kriegs-Unglauben in England, wohin er sich schon frühzeitig ins Exil begeben hat, wie vor 1914 in Österreich und beschreibt minutiös den Kriegseintritt Englands und die Wirkung auf die Bevölkerung. Er erwähnt in einem Nebensatz, dass er in den ersten Kriegstagen beabsichtigt, ein zweites Mal zu heiraten, und welche Probleme er als – inzwischen Staatenloser – mit diesem Vorgang hat, da Gefahr droht, nicht als Flüchtling, sondern als feindlicher Ausländer eingestuft zu werden. Schließlich können er und seine Frau Lotte britische Staatsbürger werden, reisen durch die USA, lassen sich in Brasilien nieder und kurz nach der Fertigstellung dieser Autobiografie nehmen sich beide am 23.02.1942 das Leben. Die fast 500 Seiten dieser Autobiografie, die vor allem die Zeitgeschichte des Verfalls beschreibt, der in diesen Tagen erneut aufscheint, liest man voller Anteilnahme und Spannung, findet Gudula Ritz.

Die Biografieempfehlung des Monats Dezember 2018

Manfred Sestendrup: PAUL -sprichwörtlich gut-Teil VI der lyrischen Biografie PAUL. Münster: Selbstverlag 2018.

 

Paul lautet der Name verschiedener Protagonisten, jedoch keines Prototypen, einer Kunst- und Kultfigur mit mutipler Persönlichkeit. „Paul, kein bestimmter Mensch, aber bestimmt ein Mensch“, so steht es auf dem Cover in diesem 6.Band der lyrischen Paul-Biografie.

In jeder Version von Paul, die Manfred Sestendrup seit 1997 erfand, so auch in dieser, durchlebt Paul sein menschliches Leben von der Kindheit an als mehr oder weniger tragischer Held und stirbt am Ende eines jeden Bandes. Der neue enthält Gedichte, Aphorismen und Sprichwörter  und eröffnet mit einem Zitat von Alfred Andersch: „Man kann alles richtig machen und das Wichtigste versäumen“. Dieses Zitat drückt eine Haltung und ein Bewusstsein aus, welche die Voraussetzung dafür sind, innere Entfremdung und Zerrissenheit zu integrieren, indem man sich auf das persönlich Bedeutsame im eigenen Leben konzentriert. Dies beinhaltet immer die Möglichkeit des Scheiterns oder Irrens, des „nichts richtig machen“ und ist eine wesentliche Quelle persönlicher Entwicklung: Lernen durch Erfahrung, insbesondere durch Schwierigkeiten und Fehler.

Die Gedichte, Aphorismen und Sprichworte sind anregend, leicht verständlich, humorvoll, manchmal provokativ und generieren häufig neben der ersten auch weitere Bedeutungen und Sinnzusammenhänge. Die Inhalte sind klar strukturiert und werden in folgenden Kapiteln präsentiert, die sich auf Lebensthemen oder Entwicklungsabschnitte beziehen: Kindheit/Liebe/Alltag/Vater Sein/Krieg/Politik und Karriere/Auf`s Ende zu.

Die Gedichte zu den Meilensteinen im Leben Pauls kontrastieren zur Lebensgeschichte der Leser oder lassen diese spiegelnd aufblitzen. Kriegerlebnisse allerdings kennen wahrscheinlich die meisten Leser nicht, denn sei 75 Jahren gibt es glücklicherweise keinen Krieg im deutschsprachigen Raum. Wir wissen nicht, wie lange das so sein wird.

Das Paul-Projekt von Manfred Sestendrup ist der Welthungerhilfe gewidmet, alle Einkünfte aus seinem Werk kommen dieser humanitären Organisation zu Gute. Aus diesem Grund eignet sich dieses Büchlein ganz besonders als Geschenk bzw. Lektüre in der Weihnachtszeit, die traditionell nicht nur von der Geschenkflut und Konsumwut bestimmt ist. Eher erinnert  man sich der hungernden Menschen dieser Welt, die noch nicht einmal ihre elementaren Überlebensbedürfnisse befriedigen können, und zahlreich in jeder Minute sterben müssen. Empfohlen von Gudula Ritz

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